Nicht vergessen

2008 ermordeten kolumbianische Truppen in Ecuador 25 Menschen. Angehörige fordern Gerechtigkeit

Von André Scheer, Mexiko-Stadt *

Seit drei Jahren kann Lucia Morett kein normales Leben mehr führen. Sie lebt versteckt irgendwo in Mexiko, ständig in Angst davor, verhaftet und an Kolumbien ausgeliefert zu werden. Die junge Frau gehörte zu einer Gruppe mexikanischer Studenten, die 2008 an einer internationalen Konferenz linker Organisationen in Ecuador teilgenommen hatten. In deren Rahmen machten sie einen Abstecher nach Santa Rosa de Sucumbíos an der Grenze zu Kolumbien. In einem dort errichteten Camp der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) wollten sie sich über den Kampf dieser ältesten und stärksten Guerilla Lateinamerikas informieren.

Am 1. März 2008 jedoch bombardierte die kolumbianische Armee das Lager. Soldaten drangen dabei auch auf das Staatsgebiet Ecuadors vor und richteten unter den schlafenden Guerilleros und ihren Gästen ein Massaker an. Dabei starben 25 Menschen, unter ihnen der internationale FARC-Sprecher Raúl Reyes, der Ecuadorianer Franklin Aisalla und vier der mexikanischen Studenten: Fernando Franco Delgado, Verónica Velázquez, Soren Avilés und Juan González. Lucia Morett überlebte das Blutbad schwer verletzt. Während Bogotá ihr vorwarf, Kontaktperson der FARC in Mexiko gewesen zu sein, bot ihr Nicaraguas Präsident Daniel Ortega politisches Asyl an. Nach mehreren Monaten in dem zentralamerikanischen Land kehrte sie jedoch im Dezember 2008 in ihr Heimatland zurück. Seither lebt sie zurückgezogen an einem unbekannten Ort, um ihrer Auslieferung nach Bogotá zu entgehen.

»Der mexikanischen Regierung ist ihre Freundschaft mit dem Regime in Kolumbien wichtiger als das Wohlergehen ihrer eigenen Bürger«, kritisierte deshalb Lucias Vater Jorge Luis Morett am vergangenen Mittwoch in Mexiko-Stadt die Administration seines Landes. Im Gegensatz zu Ecuador, das Kolumbien wegen der Ermordung Aisallas vor dem Internationalen Strafgerichtshof angezeigt habe, seien von Mexikos Staatschef Felipe Calderón wegen der ermordeten mexikanischen Staatsbürger bis heute keine Schritte gegen den damaligen kolumbianischen Staatschef Álvaro Uribe oder dessen Verteidigungsminister und heutigen Präsidenten Juan Manuel Santos unternommen worden.

Im Che-Guevara-Hörsaal, einem von Studenten selbstverwalteten Bereich der riesigen Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM), hatten sich Angehörige der Opfer des Massakers und etwa 100 Interessierte versammelt, um mit einer Podiumsdiskussion erneut die Forderung nach Gerechtigkeit für die vier ermordeten Jugendlichen aus Mexiko zu fordern. Dabei wiesen Francisco Cerezo, der selbst sechs Jahre wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer mexikanischen Guerillagruppe im Gefängnis gesessen hatte, und der Publizist Carlos Fazio darauf hin, daß sich die Realität Mexikos zunehmend dem bürgerkriegsgeschüttelten Staat in Südamerika annähere. Auch in ihrem Land gäbe es mittlerweile paramilitärische Gruppen. In verschiedenen Regionen des Landes seien Massengräber entdeckt worden, in denen die Opfer von Massakern verscharrt worden seien. Besonders im Norden tobe ein regelrechter Bürgerkrieg zwischen paramilitärisch organisierten Drogenbanden und dem Militär, und auch politische Gefangene gäbe es in Mexiko. Deshalb sei der Kampf gegen das Vergessen des Massakers von Sucumbíos nicht nur ein Kampf um Gerechtigkeit für die Opfer, sondern auch ein Kampf für die Zukunft Mexikos.

Am heutigen 1. März wollen sich die Angehörigen der mexikanischen Opfer erneut vor der kolumbianischen Botschaft in Mexiko-Stadt versammeln, um dort an ihre ermordeten Kinder zu erinnern. Dabei fühlen sie sich durch jüngste Enthüllungen des Internetportals Wikileaks bestärkt. In einem auf den 28. März 2008 datierten und am 14. Februar in der mexikanischen Tageszeitung La Jornada veröffentlichten Dokument der US-Botschaft in Mexiko-Stadt werden die Erklärungen der Angehörigen bestätigt, daß die Studenten sich aus akademischem Interesse in dem Lager der FARC aufgehalten hätten. Keiner von ihnen sei von der Guerilla ausgebildet worden. Auch die Behauptung, Morett sei die wichtigste Verbindungsperson der FARC in Mexiko gewesen, wird von den US-Diplomaten als »haltlos« bezeichnet.

Für wenig glaubwürdig halten die Nordamerikaner demnach auch die Enthüllungen, die sich auf angeblich in dem bombardierten Camp gefundene Computer von FARC-Comandante Raúl Reyes stützten. Insbesondere damals von der mexikanischen Presse aufgegriffene Behauptungen, die FARC habe Beziehungen mit einem mexikanischen Drogenkartell unterhalten, werden von der US-Botschaft zurückgewiesen. Die berühmten »Laptops von Raúl Reyes« hatten der kolumbianischen Regierung monatelang als Wundertüte gedient, um auf der Grundlage von dort angeblich entdeckten Daten Vorwürfe gegen kolumbianische Oppositionspolitiker, ausländische Repräsentanten und Medien zu erheben. Später stellte sich jedoch heraus, daß die Rechner von den kolumbianischen Behörden manipuliert wurden und deshalb keinen juristischen Wert haben.

* Aus: junge Welt, 1. März 2011


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