Milliarden für den Megastaudamm

Chinesische Investoren verdrängen europäische Geschäftspartner in Lateinamerika

Von Benjamin Beutler *

Es ist längst ein offenes Geheimnis – Chinas wirtschaftlicher Einfluss in Lateinamerika nimmt ungebremst zu. Das wachsende Interesse der expandierenden Asiaten am amerikanischen Subkontinent trat zuletzt in Ecuador klar zutage.

Vergangene Woche unterzeichneten Peking und Quito einen Kreditvertrag über 1,7 Milliarden US-Dollar. Mit dem geliehenen Geld will die Linksregierung unter Präsident Rafael Correa einen Mega-Staudamm bauen, dessen Gesamtkosten sich auf zwei Millarden US-Dollar belaufen. Der nach Fertigstellung größte Stromlieferant des Andenlandes, 75 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, soll mit einer Leistungskraft von 1500 Megawatt helfen, die chronischen Energieengpässe zu beheben.

Der Kredit, so Ecuadors Finanzminister Patricio Rivera, habe eine Laufzeit von15 Jahren bei einem Zinssatz von 7,4 Prozent. Die Regierung ist optimistisch. Demzufolge soll das Wasserkraftwerk 3000 direkte und landesweit 30 000 indirekte Arbeitsplätze schaffen. Auch nach Bolivien soll in Zukunft mehr chinesisches Geld fließen. Der Handels-, Infrastruktur- und Elektrogigant CEIEC meldete vor wenigen Tagen sein Interesse an »El Mutún« an. Die Ausbeutung der größten Eisenerzmine der Welt soll mit Geldern der chinesischen Entwicklungsbank vorangetrieben werden. In drei Jahren will man über 100 Millionen Tonnen Eisen fördern.

Während chinesisches Kapital bei Lateinamerikas Regierungen gern gesehen ist, machen sich die alten Partner der einstigen Kolonien Sorgen um einen Rückgang ihrer Marktmacht. So berechnete die französische Bank Natixis einen dramatischen Rückgang europäischer Direktinvestitionen in Übersee. Lag die Quote 1997 noch bei 15 Prozent des Gesamtvolumens, so sank sie 2007 auf fünf Prozent. Vor diesem Hintergrund ist das starke Werben um einen Freihandelsvertrag mit den Mercosur-Staaten zu verstehen. Zuletzt auf dem im Mai in Madrid stattgefundenen Lateinamerika-EU-Gipfel versuchten die angeschlagenen Europäer, verlorenes Terrain wieder gut zu machen. Weder Deutschland noch Spanien und Frankreich seien gewillt, »die Geschäfte bei öffentlichen Bauvorhaben, Erdöl oder Autobau zu verlieren«, so der französische Wirtschaftsexperte für Lateinamerika, Carlos Quenan von der Pariser Sorbonne-Universität, gegenüber der argentinischen Tageszeitung »El Clarín«.

Félix Peña, Direktor des Instituts für internationalen Handel der Standard-Bank-Stiftung, verweist auf die direkte Konkurrenz zwischen China und Europa. »Vor allem der Automobilsektor ist umkämpft«, so Peña. Zwecks bilateraler Handelsabkommen stünde China in Verhandlungen mit Ländern aus Mittelamerika, Peru, Kolumbien und den Mercosur-Staaten. Massive Direktinvestitionen in ganz Lateinamerika würden zu einem schnellen Abschluss vielleicht schon im Dezember dieses Jahres beitragen, vermutet der Analyst. Prognosen sagen, dass China schon 2015 Lateinamerikas zweitwichtigster Handelspartner ist und bis 2020 an Nummer eins steht.

Doch ist die neue Rolle Chinas mit Vorsicht zu genießen. »Lateinamerika darf nicht von einer Abhängigkeit in die nächste fallen«, warnt Alicia Barcena von der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL). Die CEPAL-Chefin wies darauf hin, dass die starke Konzentration auf einen Handelspartner für die lateinamerikanischen Ökonomien historisch nie von Vorteil war. Das Beispiel Mexiko mit seiner einseitigen Ausrichtung auf den US-Markt zeige die Gefahr exemplarisch. Denn noch immer ist Lateinamerikas wichtigste Einnahmequelle der Rohstoffexport. Agrarprodukte wie Fleisch, Soja und Ethanol sowie Bodenschätze wie Öl, Gas und Mineralien sind trotz staatlicher Bemühungen nach Industrialisierung, Diversifizierung der Wirtschaft, Importsubstitution und Stärkung des Binnenmarktes die tragenden Stützen. Gerade commodities aber sind anfällig für Weltmarktspreisschwankungen.

* Aus: Neues Deutschland, 15. Juni 2010


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