Auf großem Sprung in den Stillen Ozean

China greift die Vorherrschaft der USA an, nicht nur im Pazifik

Von Wolfgang Kötter *

Auf den jüngsten Gipfeltreffen südostasiatischer Staaten haben US-Präsident Barack Obama und Chinas Spitzenpolitiker vor den Kameras Freundlichkeiten ausgetauscht, aber diese können die Interessenkonflikte beider Staaten nicht verdecken. In der Fachzeitschrift Foreign Policy erklärt US-Außenministerin Hillary Clinton das 21. Jahrhundert zum "pazifischen Jahrhundert der Vereinigten Staaten" und kündigt an, künftig diplomatisch, wirtschaftlich und strategisch wesentlich mehr in den asiatisch-pazifischen Raum zu investieren. Das Pentagon hat laut der Tageszeitung The Washington Times eine gegen China gerichtete Militärkonzeption entwickelt, die laut Verteidigungsminister Leon Panetta auf eine „Steigerung der Militärmacht“ in der Region abzielt. Die militärische US-Präsenz im Pazifik aber trifft auf den energischen Widerstand Chinas.

Temporeich auf dem langen Aufholmarsch

Zwar sind die USA technologisch nach wie vor haushoch überlegen, aber mit einem umfassenden Modernisierungsprogramm und zweistelligen Zuwächsen bei den Militärausgaben eilt China rasant hinterher. Gegenwärtig entwickelt Peking hochmoderne Waffen, die vor allem Washingtons Dominanz im Pazifik brechen sollen.

Anfang des Jahres tauchten im chinesischen Internet plötzlich Berichte und Fotos von einem neuentwickelten Tarnkappen-Bomber auf, der für gegnerische Radars nur schwer zu erfassen ist. Zu sehen war der Hightech-Jet mit der Bezeichnung J-20 wie er zu Flugtests auf ein Rollfeld des Instituts für Flugzeug-Design in Chengdu rollt. Die Publizität steht im Gegensatz zur üblichen Geheimhaltung Pekings in Rüstungsfragen. Bei einem weiteren Projekt, das für Beunruhigung im Pentagon sorgt, handelt es sich um den Prototyp einer neuen Anti-Schiffsrakete. Die auf Land stationierte ballistische Mittelstreckenrakete vom Typ Dongfeng (Ostwind) 21-D, kann von Satelliten aus gesteuert werden und gegebenenfalls amerikanische Flugzeugträger und andere Marineverbände auf hoher See angreifen.

Ein erster chinesischer Flugzeugträger kehrte laut amtlicher Nachrichtenagentur Xinhua kürzlich von einer Testfahrt im Pazifik in seinen Heimathafen Dalian im Nordosten des Landes zurück. Zwar wiegelt Peking ab, er diene lediglich wissenschaftlichen Zwecken und der Schulung von Piloten, aber natürlich muss das nicht für immer und ewig so bleiben. Die ursprünglich aus der Sowjetunion stammende „Warjag“ ist über 300 Meter lang, 60 Meter breit und war vor 13 Jahren auf vielen Umwegen nach China gelangt. Auf der Werft von Dalian wurde sie umfassend restauriert und mit neuen Navigationssystemen ausgestattet. Medienberichten zufolge soll langfristig eine vollständige Flotte von neuen Flugzeugträgern geschaffen werden. Dann ständen maritime Trägermittel mit globalem Aktionsradius zur Verfügung.

Dominanz in grenznahen Meeren

Zunächst aber zielen derartige Projekte darauf ab, die Bewegungsfreiheit der US-amerikanischen Navy im westlichen Pazifik einzuschränken und ihr den Zugang zu den an China angrenzenden Gewässern - dem Gelben Meer, dem Ostchinesischen und dem Südchinesischen Meer - zu erschweren. Bates Gill, Direktor des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI stellt für die letzten Jahren eine deutliche Verschiebung der Orientierung fest: „Wir sehen eine Abkehr von landgestützten Bedrohungsszenarien - etwa durch die frühere Sowjetunion, Indien oder Vietnam - hin zu Sorgen über Bedrohungen aus der Luft oder vor den Küsten in Chinas Osten."

Mit seiner mehr als 14.000 km langen Küstenlinie misst China verständlicherweise dem Ausbau der Marine besondere Bedeutung bei. Peking konzentrierte seine maritimen Aktivitäten bisher vornehmlich auf die eigene Küste bzw. die Region des Südchinesischen Meeres. Dort streitet es mit einem halben Dutzend weiteren Ländern unter anderem um die Spratly- und die Paracel-Inseln, einer kleinen Kette von Korallenriffen und Sandbänken, die nahe an wichtigen Schifffahrtslinien liegen. Außerdem werden in der Umgebung Öl und Erdgas vermutet. Die chinesischen Seestreitkräfte bestehen aus der Überseeflotte, Kampfflugzeugen, sowie Unterseebooten und ihren Raketenbewaffnungen. Nachdem in den vergangenen Jahren neue nukleargetriebene U-Boote vom Typ der mit Marschflugkörpern ausgerüsteten Shang- und der strategischen Jin-Klasse in Dienst gestellt wurden, umfasst die Flotte schätzungsweise etwa zehn Atom-U-Boote, weitere befinden sich im Bau. Darüber hinaus gibt es aber auch noch ältere dieselgetriebene U-Boote, die aus eigener, sowjetischer und russischer Produktion stammen.

Die rüstungskritische Federation of American Scientists beziffert das chinesische Kernwaffenarsenal auf etwa 240 nukleare Sprengköpfe. Das Rückrat der strategischen Atomstreitmacht bilden die ballistischen Raketen. Schätzungen zufolge können 20 von ihnen das Territorium der USA auf Alaska oder Hawaii erreichen und ca. 300 sind auf Ziele in Japan, Indien oder Russland gerichtet. Bis zum Jahre 2015, so rechnen Experten, werden die meisten der strategischen Raketen mobil sein. Darüber hinaus hat China nach Angaben des Londoner Instituts für Strategische Studien IISS in eigener Produktion mehr als 400 ballistische Kurzstreckenraketen, die sich mit taktischer Atomsprengköpfen bestücken lassen.

Rüstungswettlauf auch im All

Die chinesischen Rüstungsanstrengungen beschränken sich aber nicht nur auf den Erdball, sondern reichen sogar bis in den Weltraum. Im Januar 2007 schoss eine bodengestützte Mittelstreckenrakete vom südwestchinesischen Raumfahrtbahnhof Xichang aus den eigenen veralteten Wetter-Satelliten "Feng Yun-1C" in rund 850 km Höhe ab. Ein solcher Test einer Anti-Satellitenwaffe, über die bisher nur die USA und Russland verfügen, erregte weltweit Besorgnis, denn er gefährdete nicht nur die friedliche Nutzung des Weltraums, sondern bezeugt auch die bereits begonnene Militarisierung des Kosmos. Von der Entwicklung eines Weltraum-Jagdflugzeugs berichtet Distrikt-Gouverneur Zhao Zhengyong aus Hongkong nach einem Besuch beim Flugzeughersteller Aircraft Industrial Corporation im zentralchinesischen Xi'an: „China hat ein Flugzeug getestet, das über die irdische Atmosphäre hinaus steigen kann“, bekundet der Politiker nach Angaben der in Hongkong ansässigen Zeitung Ming Pao Daily. Äußerlich gleiche der Weltraumjäger dem US-amerikanischen Raumgleiter X-37B, einer potentiellen Anti-Satellitenwaffe, von der aus Killer-Satelliten starten können, die eigenständig andere Flugkörper zerstören, manipulieren oder blenden.

Langfristig plant Peking, auch mit einer eigenen Orbitalstation im Weltraum präsent zu sein. Als ein wichtiger Test dafür war erst Anfang des Monats die unbemannte Raumkapsel „Shenzhou 8“ vom Weltraumbahnhof Jiuquan gestartet und hat innerhalb weniger Tage zweimal erfolgreich an das Kosmosmodul „Tiangong 1“ („Himmelspalast 1“) angedockt, das seit September im All ist. Damit ist China nach Russland und den USA das dritte Land, dem ein solches Manöver gelungen ist. Der Rüstungswettlauf geht also weiter, und wenn Peking von der Spitze auch noch weit entfernt ist, es hat das Rennen mit den militärischen Großmächten aufgenommen. Und holt auf.

Atomwaffenarsenale weltweit (2011)

LandAnzahl
Russlandca. 11.000
USA ca. 8.500
Frankreich 300
China 240
Großbritannien 225
Pakistan 90 - 110
Indien 80 - 100
Israel 80
KDVR 6 - 12
gesamt ca. 20.530

Quellen: SIPRI 2011, Bulletin of the Atomic Scientists


Die 10 Länder mit den höchsten Militärausgaben 2010

RangLand(Mrd. US-Dollar)
1 USA 698
2 China 119*
3 Frankreich 63.9
4 Großbritannien 59.6
5 Russland 53.3*
6 Japan 51.0
7 Saudi-Arabien 45.2
8 Deutschland 45.2
9 Indien 36.3
10 Italien 35.8

* SIPRI-Schätzungen. Quelle: SIPRI-Jahrbuch 2011


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