Hochspannung auf dem Dach der Welt

Chinas Führung will Wiederholung der Märzunruhen verhindern

Von Anna Guhl *

China hat seine Truppen entlang der Südgrenze des Autonomen Gebiets Tibet verstärkt, in Lhasa patrouillieren bewaffnete Polizisten. »Wir werden alles tun, um Sicherheit und Stabilität aufrechtzuerhalten«, erklärte Fu Hongyu vom Ministerium für öffentliche Sicherheit. Die Sorge vor einer »Gewaltexplosion« 50 Jahre nach der Flucht des Dalai Lamas aus Tibet ist nicht nur in Peking groß.

Am Vorabend des 10. März 1959 hatte in Lhasa das Gerücht von einer bevorstehenden Entführung des religiösen Oberhaupts der buddhistischen Tibeter, des Dalai Lamas, die Runde gemacht. Ein Aufstand brach daraufhin aus, den Chinas Volksbefreiungsarmee niederschlug. Am 17. März 1959 floh der Dalai Lama nach Indien. Seither zieht er als Fürsprecher aller Tibeter durch die Lande, setzt sich für eine »gehaltvolle« Autonomie seiner Landsleute ein und erregt, sobald er sich mit den politischen Eliten dieser Welt trifft, Unmut im politischen Peking.

Dort wiederum wird man nicht müde, die Übernahme der vollen Macht über Tibet vor 50 Jahren als Erfolgsgeschichte zu propagieren. Gerade in diesen Tagen verweist Chinas Führung gern auf die guten Taten, die Tibet und seine Bewohner aus dem fernen Peking erfahren haben. Ein »Weißbuch«, am Vorabend des brisanten Jahrestages erschienen, listet detailliert Investitionen und Anstrengungen der Zentralregierung auf.

Gleichzeitig verstärkt Peking die Kontrollen in den von der tibetischen Minderheit bewohnten Gebieten. Ausländern wird die Einreise verwehrt, Tibetern wiederum die Beantragung von Reisepässen erschwert. Eine Neuauflage der blutigen Unruhen vom vergangenen Jahr, als sich am 14. März in Lhasa plötzlich der brutale Hass tibetischer Einwohner gegen ihre chinesischen Mitbewohner entlud, will Chinas Führung unbedingt verhindern. Deshalb wurde in diesem Jahr neben dem chinesischen auch das tibetische Neujahrsfest Ende Februar in großem Stil gefeiert. Am 19. Januar verabschiedete die Volksversammlung des Autonomen Gebiets Tibet ein Gesetz, demzufolge fortan der 28. März als Tag der Befreiung von der Leibeigenschaft begangen wird. Am 28. März 1959 hatte Chinas Ministerpräsident Zhou Enlai die damalige tibetische Regierung aufgelöst. Dem waren Jahre zähen Ringens um die Gestaltung der Verwaltung in Tibet vorausgegangen.

Im Oktober 1950, gut ein Jahr nach Gründung der Volksrepublik China, waren Truppen der Volksbefreiungsarmee in Tibet einmarschiert und hatten -- nach chinesischem Verständnis -- dessen traditionelle Zugehörigkeit zum Reich der Mitte wiederhergestellt. Ein halbes Jahr später unterzeichneten Tibets Gouverneur Ngabo Ngawang Jigme und Vertreter der Zentralregierung eine 17-Punkte-Vereinbarung über die friedliche Befreiung der Region. Damit verzichtete Tibet auf die nach dem Ende des chinesischen Kaiserreichs faktisch bestehende, aber international nicht anerkannte Unabhängigkeit und unterstellte sich politisch der »geeinten Führung der Zentralen Volksregierung«. Zugleich sicherte das Abkommen der Region weit reichende Autonomie zu. Punkt 4 des Abkommens gestand dem damals noch minderjährigen Dalai Lama den Status des religiösen Oberhaupts sowie alle damit verbundenen Befugnisse zu. Unter Punkt 7 wurde allen Tibetern die Respektierung ihrer Religion und ihrer Sitten wie auch die Unantastbarkeit der Klöster zugesichert.

Im April 1956 begannen in Lhasa Gespräche über die Gründung eines Autonomen Gebiets Tibet. Dem Vorbereitungskomitee stand der junge Dalai Lama vor. Doch Mao Zedongs ultralinke Politik Ende der 50er Jahre machte vor Tibet nicht halt. Zwangsverstaatlichungen und antireligiöse Propaganda gehörten auch dort zum Alltag. Weder Kultur und Bräuche der Tibeter noch die Autorität des Dalai Lamas wurden respektiert.

Nach dessen Flucht und der Niederschlagung des Aufstands gegen die chinesische Vorherrschaft im März 1959 übernahm Peking vollends die Macht über Tibet. Als am 9. September 1965 offiziell die Gründung des Autonomen Gebiets Tibet verkündet wurde, erhielt die Region zwar weit gehende Kompetenzen in Kultur und Religion zugesichert, sofern die politische und militärische Herrschaft Chinas nicht gefährdet würde, doch die Roten Garden der bald darauf einsetzenden »Kulturrevolution« verschonten Tibets Klöster und Kulturdenkmäler nicht. Nach Maos Tod wurde vieles wieder aufgebaut, aber bis heute entsendet Peking in Funktion des Parteisekretärs der Region seinen Statthalter nach Lhasa.

Das ist der Hintergrund der immer wieder aufflammenden Konflikte zwischen Tibetern und Chinesen. Während Peking Tibet wie jede andere Region Chinas als unabtrennbares Staatsgebiet betrachtet und mit allen Investitionen versorgt, die ihr im Zuge des landesweiten Modernisierungskurses zustehen, fühlen sich viele Tibeter gegängelt. Peking überweist jährlich mehrere Hundert Millionen Yuan nach Tibet, modernisiert die Infrastruktur -- im Juli 2006 wurde die Eisenbahnstrecke Peking nach Lhasa in Betrieb genommen --, schult tibetische Fachkräfte, leistet Aufbauhilfe. So liegt das Wirtschaftswachstum in der Region mit mehr als 12 Prozent seit Jahren weit über dem Landesdurchschnitt. Und doch fühlt sich so mancher Tibeter schlecht behandelt, vor allem wenn -- wie im vergangenen Jahr -- Preissteigerungen und Versorgungsengpässe auch im tibetischen Alltag ankommen.

Geschürt werden die Konflikte gern von den Exiltibetern, denen angesichts des Alters des Dalai Lamas die Zeit davonzurennen scheint. Im Falle seines Todes fehlte die Integrations- und Leitfigur der tibetischen Exilbewegung für Forderungen nach Veränderung des gegenwärtigen Status. Chinas Führung dagegen spielt auf Zeit. Zwar werden die Vertreter des Dalai Lamas in Peking immer freundlich empfangen, doch die Tibet-Politik wird ohne Wenn und Aber fortgesetzt. Vor wenigen Tagen erst soll sich ein tibetischer Mönch in Sichuan in Brand gesetzt haben, in seinen Händen habe er die tibetische Flagge und ein Konterfei des Dalai Lamas getragen. Es muss damit gerechnet werden, dass er nicht das letzte Opfer des chinesisch-tibetischen Konflikts war.

Unruhiges Tibet

  • 1913: Nach dem Sturz der Qing-Dynastie in Peking (1911) ruft der aus indischem Exil zurückgekehrte 13. Dalai Lama die Unabhängigkeit aus, Tibet bleibt aber international isoliert. China gibt seinen Anspruch auf Tibet nie auf, leidet jedoch unter Bürgerkriegswirren und japanischer Invasion.
  • 1949: Gründung der Volksrepublik China
  • 1950: Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee in Osttibet
  • 1951: Am 23. Mai unterzeichnen die Zentrale Volksregierung Chinas und die Regierung Tibets ein 17-Punkte-Abkommen, in dem Tibet zum Teil der Volksrepublik mit autonomen Rechten erklärt wird.
  • 1951: Im September trifft die Volksbefreiungsarmee in Lhasa ein.
  • 1954: Der 14. Dalai Lama besucht Peking.
  • 1959: Am 10. März bricht in Lhasa ein Aufstand gegen die Chinesen aus, am 17. März flieht der Dalai Lama nach Indien und bildet eine Exilregierung.
  • 1965: China gründet die Autonome Region Tibet. In Nachbarprovinzen mit tibetischer Minderheit werden autonome Bezirke und Kreise gebildet.
  • 1966: Beginn der »Kulturrevolution«, überall im Lande werden Tempel und Klöster zerstört.
  • 1976: Mao Zedong stirbt, die »Kulturrevolution« endet.
  • 1979: Langsame Liberalisierung und Öffnung Tibets, mit der ökonomischen Entwlicklung strömen immer mehr Han-Chinesen in die Region.
  • 1985: Öffnung Tibets für den Massentourismus.
  • 1989: Im März brechen abermals Unruhen in Tibet aus, über Lhasa wird für 14 Monate das Kriegsrecht verhängt.
  • 2002: Aufnahme eines Dialogs zwischen Chinas Regierung und Vertretern des Dalai Lamas. Ergebnisse gibt es bis heute nicht.
  • 2008: Nach gewaltsamen Übergriffen auf Chinesen am 14. März in Lhasa breiten sich Proteste in den tibetischen Regionen aus. Chinas Regierung meldet 19 Tote, Exilti-beter zählen 200 Opfer.
ND



* Aus: Neues Deutschland, 10. März 2009


»Große Mauer gegen Separatismus«

Chinas Staatschef äußert sich zum 50. Jahrestag des Dalai-Lama-Aufstands in Tibet **

Chinas Staatschef Hu Jintao hat angesichts des bevorstehenden 50. Jahrestages des gescheiterten Aufstands des tibetischen Mönchsadels um den Dalai Lama gegen die chinesischen Befreiungstruppen zur Einheit der Volksrepublik aufgerufen. »Wir müssen eine Große Mauer in unserem Kampf gegen den Separatismus errichten und die Einheit des Mutterlandes beschützen«, sagte Hu nach Angaben des Staatsfernsehens am Montag (9. März) bei einem Treffen in Peking mit tibetischen Abgeordneten. Tibet müsse die »wichtigen Aufgaben der Entwicklung und Stabilität« angehen und eine schnelle Entwicklung der Wirtschaft sicherstellen.

»Um Tibets Stabilität zu erhalten«, seien zusätzliche Soldaten stationiert worden, teilte der für die Grenzsicherung zuständige Mitarbeiter des Ministeriums für öffentliche Sicherheit der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua zufolge am Montag mit. Mit Hilfe der Soldaten würden die Kontrollen an den Grenzübergängen und auf den Hauptstraßen entlang der Grenze verstärkt, sagte Fu Hongyu. »Wir werden alles tun, um die Sicherheit und die Stabilität aufrechtzuerhalten«, fügte Fu hinzu. Die chinesischen Behörden fürchten, daß Exiltibeter aus Indien und Nepal in die autonome Region Tibet gelangen und dort Provokationen starten könnten. Bei antichinesischen Pogromen im vergangenen Jahr waren Behördenangaben zufolge 22 Menschen getötet worden.

Bewohner der tibetischen Hauptstadt Lhasa berichteten AFP von einem erhöhten Sicherheitsaufgebot. »Bewaffnete Polizisten patrouillieren rund um die Uhr«, sagte ein Hotelangestellter in einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur. Die Einwohner müßten ihre Ausweispapiere bereithalten, wenn sie auf die Straße gingen.

Bei einer Bombenexplosion in der auch von Tibetern bewohnten Provinz Qinghai wurden Montagmorgen zwei Polizeifahrzeuge beschädigt, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua meldete. Zuvor war es demnach in derselben Gegend zu Zusammenstößen gekommen, als Polizisten eine Holzladung kontrollieren wollten. Berichte über etwaige Opfer lagen nicht vor.

Für den heutigen Dienstag (10. März) rufen Dalai-Lama-Anhänger weltweit zu Protesten gegen die Volksrepublik China auf. In Deutschland sind von sogenannten Tibetgruppen Demonstrationen, Mahnwachen und Kundgebungen in 24 Städten geplant.

(AP/AFP/jW)

** Aus: junge Welt, 10. März 2009


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