Chinas Präsident erfährt "schmerzhafte Lektion"

Milchskandal verunsichert Millionen Eltern – die Volksseele brodelt

Von Anna Guhl, Peking *

Der Erfolg der Olympischen Spiele und der Paralympics ist noch nicht ausgekostet, da beherrschen plötzlich mit Melamin verseuchte Milchprodukte die Schlagzeilen der chinesischen Presse. Fast 53 000 Kleinkinder mussten nach dem Verzehr solcher Produkte ärztlich behandelt werden, vier sind bereits gestorben.

Melamin, eine Chemikalie, die eigentlich in der Industrie als Bindemittel verwendet wird, versetzt vor allem junge Eltern in Aufregung. Denn Melamin greift bei Säuglingen und Kleinstkindern die reproduktiven Organe an und verursacht Steinbildungen in Blase und Nieren. Chinas Führung ist inzwischen alarmiert. Pressekonferenzen werden abgehalten, Untersuchungen angeordnet, Verantwortlichkeiten geprüft, Leitungskräfte abgesetzt. Doch was Tag für Tag enthüllt wird, zeigt vor allem eins: Die Regierung läuft den Ereignissen hinterher.

Erst als der Ruf der chinesischen Lebensmittelindustrie auf dem Spiel stand, reagierte Peking. Da waren bereits vier Kinder gestorben und Millionen besorgter Eltern waren verunsichert. Inzwischen wurden nach offiziellen Angaben fast 53 000 Krankheitsfälle registriert. 12 892 Kinder lagen am Sonntagabend noch in Krankenhäusern, 104 sollen schwer wiegende Symptome aufweisen.

Im Februar hatte der Vater eines siebenjährigen Mädchens beobachtet, dass seine Tochter nach dem Verzehr von Milch aus dem Pulver der bekannten Firma Sanlu stets Beschwerden beim Urinieren hatte. Der Vater, nennen wir ihn Herrn Lin, wendet sich an das Unternehmen mit der Bitte um einen Qualitätstest. Er erhält auch eine Antwort, aber die Testergebnisse verweigert man ihm. Derweil stellt er fest, dass alle Kindereinrichtungen in der Nachbarschaft Sanlu-Milch ausgeben. Herr Lin schaltet den örtlichen Verbraucherschutz ein. Doch auch der versichert, dass die Milch in Ordnung sei. Ende Mai stellt er seine Erkenntnisse ins Netz. Der zuständige Verkaufsleiter von Sanlu wird darauf aufmerksam und bietet ihm Milchpulver im Wert von umgerechnet 250 Euro an. Dafür soll Herr Lin seine Beschwerden im Internet löschen. Er lässt sich auf das Geschäft ein, leider, wie er heute bekennt.

Doch nicht nur Lin fiel auf, dass mit dem Sanlu-Milchpulver etwas nicht stimmt. Bereits im Januar hatte sich ein Nierenarzt mit der Bitte um Überprüfung der Sanlu-Produkte an die Lebensmittelkontrollbehörde in Peking gewandt. Die aber hatte das Unternehmen gerade wieder von unabhängigen Qualitätskontrollen befreit – weil es seit Jahren einen guten Ruf hat. Heute will das Gesundheitsministerium wissen, dass die Firma allen Hinweisen aus der Bevölkerung nachgegangen sei und Produkte vom Markt genommen oder gar nicht erst ausgeliefert habe. Allerdings hätte die Regierung erst jetzt davon erfahren. Es werde nun geprüft, ob wirklich Informationen zurückgehalten wurden.

Inzwischen musste Peking zugeben, dass Sanlu nicht das einzige Unternehmen ist, das mit Melamin verseuchtes Milchpulver ausgeliefert hat. Die Nachrichtenagentur Xinhua, die auf Beschluss der Propagandaabteilung beim ZK der KP Chinas allein autorisiert ist, über den Fall zu berichten, gab bekannt, dass Melamin-Spuren in fast 70 Produkten von 22 Unternehmen gefunden wurden. Auch Frischmilch soll betroffen sein. Melamin erhöht den Proteingehalt in reichlich mit Wasser gepanschter Milch. Und hoher Eiweißgehalt wird von den Abnehmern gut bezahlt. Deshalb hätten immer mehr Unternehmen mitgemacht, heißt es in einem Xinhua-Kommentar. Nur die seit dem 14. September abgefüllte Milch könne »ohne Angst genossen« werden, meldete die Agentur und zählte die »sauberen« Molkerei-Unternehmen namentlich auf. Doch sicher ist niemand mehr. Die Kaffeehauskette Starbucks schenkt Café Latte nur noch mit Sojabohnenmilch aus.

Als im Frühjahr 2003 der Ausbruch der Lungenkrankheit SARS die soziale Stabilität zu zerstören drohte und sich einfach nichts mehr zudecken ließ, reagierte die damals neue Führung unter Hu Jintao und Wen Jiabao ungewöhnlich offen und effektiv: Erstmals mussten Verantwortliche sofort ihren Hut nehmen, Transparenz in Fakten und Vorgängen war angesagt. Auch im Ausland wurde dies wohlwollend aufgenommen. Die Entwicklung seither hat allerdings gezeigt, dass sich in den Strukturen nichts geändert hat: Die Anstrengungen des Staates, so sehr er den politischen Einsatz für das Wohl des einzelnen Bürgers auch propagiert, bleiben immer wieder im bestehenden System stecken. Präsident Hu sprach von einer »schmerzhaften Lektion«. Einige Funktionäre hätten den Sinn für »Prinzipien, Allgemeinwohl und Verantwortung« verloren. Und Ministerpräsident Wen warf Milchproduzenten einen Mangel an »professioneller, sozialer und öffentlicher Moral« vor. Er versprach bessere Lebensmittelkontrollen.

Aber gerade in Bereichen, wo es um die Interessen der Schwächsten und deren Schutz in der Gesellschaft geht, wo weder großes Geld noch viel Karriere zu machen ist, wird man wohl in China künftig ohne zivilgesellschaftliche Einmischung und Kontrolle nicht mehr auskommen. Im Internet zeigt sich deutlich, wie die Volksseele brodelt, und sie wird sich so schnell nicht mehr den Mund verbieten lassen.

* Aus: Neues Deutschland, 23. September 2008

Verantwortliche des Milchskandals verlieren Ämter

Nach Ermittlungen einer Sondereinsatzgruppe der chinesischen Regierung zur Behandlung des Milchskandals sind die damit verbundenen Vorfälle als große Katastrophe im Bereich Lebensmittelsicherheit bezeichnet worden. Am 23. September haben das Zentralkomitee der KP Chinas und der Staatsrat mit personellen Konsequenzen reagiert.

Demnach wurde das ständige Mitglied des Parteikomitees der Provinz Hebei und Sekretär des Parteikomitees der Stadt Shijiazhuang, Wu Xianguo, als Hauptverantwortlicher ermittelt und beider Ämter enthoben.

Wegen fahrlässigem Vorgehen der Hauptbehörde für Qualitätskontrolle und Quarantäne wurde zudem das Rücktrittsgesuch des Behördenleiters Li Changjiang, Mitglied des chinesischen Zentralkomitees, angenommen.

Bis zum 23. September starben landesweit in China schon 4 Säuglinge an den mit Chemikalie Melamin verpanschte Milchprodukten. Wie erst nach und nach bekannt wurde, haben Betrüger systematisch die Chemikalie Melamin in Babynahrung, Frischmilch oder Joghurt gemischt, um einen höheren Proteinwert vorzutäuschen. Die drei größten Milchunternehmen des Landes Sanlu, Mengniu und Yili sind darin ebenso verstrickt.

Quelle: Beijing Rundschau, 23. September 2008




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