Gefährliche Eile

China will seine Atomstromproduktion gewaltig ausbauen. Kritiker warnen vor möglichen Sicherheitsproblemen durch ineffiziente Behörden und gefährdete Standorte

Von Wolfgang Pomrehn *

Chinas 1,3 Milliarden Köpfe zählende Bevölkerung hat im Vergleich zum Niveau der Industriestaaten noch immer einen relativ geringen Energiebedarf, aber das beginnt sich zu ändern. Entsprechend werden nicht nur die Windenergienutzung im Rekordtempo ausgebaut und neue Kohlekraftwerke errichtet. Auch die bisher noch eher bescheidene Nuklearbranche soll erheblich expandieren. Derzeit befinden sich in China 13 Reaktoren im Betrieb. Zusammen bringen sie es auf eine Nettoleistung von elf Gigawatt (GW), 26 weitere sind in Bau. Am Mittwoch hat die Regierung jedoch beschlossen angesichts der Katastrophe im japanischen AKW Fukushima die Zulassung neuer Meiler auszusetzen und alle Planungsarbeiten einzufrieren. Zunächst soll die Sicherheit der Konzepte überprüft werden.

Die englischsprachige KP-Zeitung Global Times zitiert mit Wang Zuoyuan einen Strahlenschutzforscher, der die Vielzahl von Zuständigkeiten für die Überwachung des AKW-Betriebs kritisiert. Die Überarbeitung der Sicherheitsbestimmung sei unbedingt notwenig, auch wenn die meisten chinesischen AKW für Beben der Stärke acht ausgelegt seien. Das japanische Beben vom Freitag letzter Woche erreichte die Stärke neun auf der international gebräuchlichen Erdbebenskala. Damit war es unter den fünf stärksten weltweit je registrierten Erdbeben.

Erschütterungen in dieser Größenordnung sind in China extrem unwahrscheinlich, dennoch stellt sich die Frage, ob ein Risiko mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit, aber gewaltigen Konsequenzen eingegangen werden darf, unter denen gegebenenfalls viele Millionen Menschen zu leiden hätten. Immerhin ist ein Beben der Stärke acht erst 2008 in der südwestchinesischen Provinz Sichuan aufgetreten, durch das seinerzeit über 80000 Menschen starben. Zudem befinden sich die meisten Atomkraftwerke direkt an der Küste, wo sie mit Meerwasser gekühlt werden können. Dort sind sie aber zusätzlich von schweren Sturmfluten in Folge von Taifunen und eventuell auch von Tsunamis bedroht.

Akut betroffen von dem verordneten Planungsstopp sind nach Angaben der Global Times fünf Vorhaben. Darüber hinaus sollen die laufenden und die im Bau befindlichen Anlagen unter die Lupe genommen werden. Nach unterschiedlichen Angaben sind in der Volksrepublik 21 bis 26 Reaktoren mit einer Gesamtleistung von rund 27 GW im Bau. Die unterschiedliche Zählung mag daher rühren, daß einige Anlagen bereits fertiggestellt sein könnten, da China in den letzten Jahren den AKW-Bau stark forciert hat. Nirgendwo sonst auf der Welt werden derzeit so viele neue AKW errichtet.

Bis Mitte 2015 sollen nach der bisherigen Planung Chinas nukleare Kapazitäten auf etwa 40 Gigawatt anwachsen. Da die meisten Reaktoren bereits im Betrieb oder in Bau sind, ist das ein realistisches Ziel, sofern die öffentliche Meinung nach der Reaktorkatastrophe im benachbarten Japan nicht kippt. Ob eine weitere Verdoppelung der Kapazitäten bis zum Ende des Jahrzehnts, wie bisher geplant, umgesetzt werden wird, ist da schon fraglicher. Ein Kommentator der Global Times verweist darauf, daß es in der Volksrepublik bisher keine öffentliche Debatte über das Atomprogramm gebe und mahnt die Regierenden, die Öffentlichkeit einzubeziehen. Zwar hat es in China bisher keine Reaktorunfälle gegeben, aber das ist auch nicht verwunderlich, denn die Meiler sind alle sehr jungen Datums. Die ersten zunächst noch sehr kleinen kommerziellen Reaktoren wurden erst zu Beginn der 1990er Jahre in Betrieb genommen.

Entsprechend zählt der Mangel an Erfahrungen auch zu einem der Schwachpunkte des chinesischen Atomprogramms. 26 Reaktoren werden gerade gleichzeitig gebaut, überwiegend von Ingenieuren und Arbeitern, die zum ersten Mal an einem solchen Projekt wirken. Zudem wird in China mit grundverschiedenen Konzepten gearbeitet. Die im Bau befindlichen Reaktoren sind meist Weiterentwicklungen französischer, kanadisches, russischer oder US-amerikanischer Anlagen.

Auch die Behörden haben bisher kaum Erfahrung mit der Überwachung der Sicherheit und werden derzeit erst mit neuem Personal aufgebaut. Noch hat das Land nicht einmal ein Atomgesetz, das einen einheitlichen Rahmen schaffen würde, und die Zuständigkeiten sind verworren: Das Gesundheitsministerium ist für die Arbeitssicherheit des Personals verantwortlich, das Umweltministerium für Umweltgesichtspunkte und das Nationale Büro für Nukleare Sicherheit entscheidet über den Standort.

»Für die Notfallpläne brauchen wir eine bessere Abschätzung der Folgen von Naturkatastrophen, « zitiert die Nachrichtenagentur AFP den Leiter des Atominstituts der Provinz Sichuan, die 2008 von dem erwähnten schweren Beben heimgesucht wurde. »Was die Geschwindigkeit angeht, mit der China derzeit die Nutzung des Atomenergie entwickelt, sollten wir meiner Meinung nach vorsichtiger sein. Ob es die Auswahl der Standorte oder den Bau der Kraftwerke angeht, wir müssen auf allen Gebieten vorsichtiger sein.«

* Aus: junge Welt, 18. März 2011


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