Chinas J-20: Von jedem etwas – doch sie fliegt

Spionagegerüchte – und eine neue Deutung der Bombardierung von Pekings Botschaft in Belgrad

Von René Heilig *

China ist technologisch Entwicklungsland, beim Spionieren jedoch Spitzenreiter. Das westlich geprägte Vorurteil setzt gerade zu seltsamen Höhenflügen an. Es heißt, der von China vor knapp zwei Wochen erstmals präsentierte Tarnkappenflieger J-20 basiert auf US-Technologie. Die dafür präsentierten Indizien führen zurück in den Jugoslawienkrieg der NATO.

Am 27. März 1999 war erstmalig ein US-Tarnkappenbomber F-117 »Nighthawk« abgeschossen worden. Die jugoslawische Flugabwehr hatte erreicht, was man keiner Macht der Welt, geschweige der Belgrads, zugetraut hat. Der Pilot konnte sich mit dem Schleudersitz retten, die Wrackteile lagen in Serbien zur Abholung bereit.

Keine Frage, dass sowohl russische wie chinesische Rüstungsexperten an der US-Stealth-Technologie, die Flugzeuge für Radar nahezu unsichtbar machte, interessierte waren. Auch Irak und Iran bewarben sich um Trümmer. Sicher ist nur, dass die linke Tragfläche, der Schleudersitz und der Helm des Piloten im Belgrader Luftfahrtmuseum ausgestellt sind.

Wo ist der Rest vom damaligen Wunderflugzeug? Kroatische Geheimdienste berichteten damals angeblich von chinesischen Agenten, »die die Region des Absturzes durchkämmten und Teile des Flugzeugs einheimischen Bauern abkauften«, sagt der einstige Zagreber Oberbefehlshaber, Admiral Davor Domazet Loso.

Einige Wochen nach dem Abschuss wurde in Belgrad übrigens die chinesische Botschaft von der NATO bombardiert – »aus Versehen«, wie US-Militärs bis heute versichern. Wirklich aus Versehen? Die USA jedenfalls ertrugen spöttische Hinweise, dass man sich doch vor Beginn eines Krieges zumindest Landkarten und Stadtpläne vom Gegner besorgen sollte.

Es ist durchaus logisch, dass man sich auch in chinesischen Konstruktionsbüros mit den Resten des abgeschossenen »Nachtfalken« beschäftigt hat. Insbesondere die Oberfläche der Flugzeugzelle war lange Zeit ein gut gehütetes Geheimnis der US-Militärs. Doch um einen Jet wie die J-20 zu bauen, braucht man mehr. Zumal die J-20 der bereits 2008 stillgelegten F-117 mindestens eine Generation voraus ist. Der chinesische Stealth-Flieger will sich eher mit den neuesten Mustern der US-Luftwaffe F-22 und F-35 messen. So wie die russische T-50 von Suchoi.

Bis zur Einsatzreife der J-20 wird vermutlich noch ein Jahrzehnt ins Land gehen. Derzeit beherrschen die chinesischen Ingenieure die Triebwerkstechnologie nicht so perfekt und auch bei der Elektronik gibt es mit Sicherheit erhebliche Wünsche.

Folgt man der Theorie vom einfachen Nachbau, dann sagen Experten: Die J-20 hat die Nase von der amerikanischen F-22, das Heck erinnert an das gescheiterte Projekt 1.44 von MiG und die Triebwerksdüsen sehen aus, als wären sie von Suchoi geschneidert. Wie auch immer, das Ding fliegt und zerstört Legenden einer technischen Überlegenheit »Made in USA«.

* Aus: Neues Deutschland, 25. Januar 2011


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