Chinas Wirtschaft auf der Überholspur

Das "Reich der Mitte" sieht sich als Entwicklungsland – trotz enormen Wachstums

Von Anna Guhl, Peking *

Die chinesische Wirtschaft wächst beeindruckend – zumindest in einigen Bereichen. Noch sind soziale Fragen und der Umweltschutz hinten angestellt.

Es ist sicher kein Zufall, dass sich die Vertreter der Weltwirtschaft regelmäßig in China treffen. In dem Land boomt es seit Jahren, es werden Zuwachsraten verbucht, von denen andere Volkswirtschaften nur träumen können, seit langem wird für die globale Wirtschaft montiert und gefertigt. China ist auf dem besten Weg an die Spitze der führenden Exportnationen und kann in wenigen Jahren sogar die USA als wichtigste Wirtschaftsmacht einholen. Dann, so befürchten Experten im Westen, brauche sich der »Rest der Welt« keine Gedanken mehr über die Einbindung von Chinas Ökonomie in die internationalen Wirtschaftsabläufe machen. Denn dann diktiere Peking diese Prozesse selbst. Vielen meinen, dass es bereits heute so wäre, und es sei höchste Zeit, sich endlich an den Ort des Geschehens zu begeben.

In diesem Jahr lud die nordchinesische Stadt Dalian zum Managertreffen ein. Dort hatte der heutige Handelsminister Bo Xilai in den 90-er Jahren für frischen Wind gesorgt und binnen kurzer Zeit die graue und gesichtslose Hafenstadt in eine glitzernde und moderne Handelsmetropole mit internationalem Flair verwandelt. Dalian steht wie viele andere chinesische Städte für die rasanten Veränderungen im Land seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik Ende der 70er Jahre. Ungebremst rast Chinas Wirtschaft seither mit Wachstumsraten von über neun, in den letzten Jahren sogar durchweg über zehn Prozent von einem Superlativ zum nächsten. Inzwischen gehört sie zu den vitalsten und dynamischsten Ökonomien in der Welt. Chinas Führung will das Land aus der starren Planwirtschaft hin in eine moderne und lebendige Marktwirtschaft führen, um allen Bürgern einen »bescheidenen materiellen Wohlstand« zu garantieren. Und um in wenigen Jahrzehnten wieder eine Großmacht zu sein, wie einst in der Blüte chinesischer Dynastien.

Dafür gibt es aus Sicht Pekings noch sehr viel zu tun. Die hohen Zuwachsraten im Bruttosozialprodukt haben das Land zwar auf Platz vier der führendenden Industrienationen katapultiert, doch beim Pro-Kopf-Einkommen liegt China immer noch weit abgeschlagen auf Rang 126, und die Entwicklung geht hier mit gut sechs Prozent Zuwachs auch bei weitem nicht so schnell voran. Neben viel Glas und Beton, moderner Raumfahrt und schicken Autos gibt es in China immer noch unvorstellbare Armut und Rückständigkeit.

Als vor gut 30 Jahren der Reform- und Modernisierungsprozess eingeleitet wurde, waren dafür mindestens zwei Gründe entscheidend: Nach den Jahren ständigen Experimentierens in Gesellschaft und Ökonomie mussten die Volkswirtschaft schnellstens wieder in Gang gebracht und nach dem Scheitern zahlreicher Sozialkonzepte das Leben der Menschen in kurzer Zeit verbessert werden. Bei den meisten Parametern lag man weit hinten im Weltmaßstab. Ganze 24 Millionen Tonnen Stahl wurden im Land hergestellt. Heute ist China mit einer Jahresproduktion von 300 Millionen Tonnen der größte Stahlproduzent weltweit. Damals wurden im Land weder Waschmaschinen oder Kühlschränke, noch Autos oder technische Anlagen gefertigt.

Chinas Wirtschaft konnte die Bevölkerung gerade einmal mit dem Nötigsten für das tägliche Leben versorgen. Die Mehrheit des chinesischen Volkes lebte am Rande des Existenzminimums. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen lag bei umgerechnet weniger als 200 Dollar, und lediglich ein Fünftel aller Menschen lebte in der Stadt. Nach den jüngsten Angaben des Staatlichen Statistikbüros beträgt der durchschnittliche Jahresverdienst heute 2100 US-Dollar.

Den von Deng Xiaoping Ende der 70-er Jahre eingeleiteten Modernisierungskurs konnten die Menschen nur als Befreiungsschlag empfinden. Der Pragmatismus, mit dem die Reform- und Öffnungspolitik dann durchgesetzt wurde, schuf den Rahmen für einen in der chinesischen Geschichte nie gekannten wirtschaftlichen und sozialen Aufbruch. Dass die Chinesen seit jeher wenig auf überirdische Mächte gegeben haben, mehr den eigenen Fähigkeiten und der Familie vertrauten, war dabei auch für die chinesischen Führer der Gegenwart von Nutzen.

China hat in den letzten Jahren ganze Industriezweige neu aus dem Boden gestampft und neben den staatlichen Unternehmen eine boomende Privatwirtschaft geschaffen, die jährlich mit 20 Prozent wächst und inzwischen zu gut 60 Prozent zum Bruttosozialprodukt beiträgt. Aus kleinen unbedeutenden Marktflecken sind moderne Industrie- und Handelsmetropolen gewachsen. Millionen Bauern vom Land wurden in die Städte geholt, über 400 Millionen Menschen aus der absoluten Armut geführt.

Und trotzdem ist Chinas Wirtschaft bei weitem nicht so aufgestellt, wie es im Westen oft den Anschein hat. China selbst sieht sich immer noch als Entwicklungsland: Gut zwei Drittel der Menschen leben weiterhin auf dem Land, und für die weitere Modernisierung und Urbanisierung der Gesellschaft braucht China viele Investitionen. Doch die gehen immer noch vielfach unkontrolliert in den Anlagenbau und das Bauwesen und weniger in die unbedingt zu modernisierende Infrastruktur und den Transportsektor. Damit wird gerade in den Industriebereichen Zement-, Stahl- und Baustoffproduktion durchgestartet, die fast 70 Prozent des gesamten industriellen Energieverbrauchs in China verantworten und weiter massiv zur Verschmutzung der Umwelt beitragen.

Die meisten Projekte werden ohne ausreichende Prüfung von regionalen oder lokalen Behörden genehmigt, wenn sie nur schnellen Gewinn versprechen. Und die Banken vergeben gern Geld, viel zu viel Geld. Die meisten Chinesen legen ihr Erspartes mangels ausreichender Kranken-, Alters- und Arbeitslosigkeitsvorsorge lieber auf die hohe Kante, als zu konsumieren, und sorgen somit für hohe, aber wenig produktive Sparraten. Auf der Strecke bleiben insgesamt Effektivität, Innovation und der Schutz der Umwelt. Der Energie- und Rohstoffverbrauch der chinesischen Wirtschaft liegt so weiterhin um ein Vielfaches über dem internationalen Standard.

* Aus: Neues Deutschland, 20. Oktober 2007


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