Flexibel und effizient

Analyse. Zum Umgang mit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise in der Volksrepublik China

Von Cheng Enfu und Hu Leming *

Während die Versuche der Krisenbewältigung in den entwickelten kapitalistischen Ländern zuweilen einen äußert chaotischen Eindruck erwecken, versucht die VR China den ökonomischen Verwerfungen planmäßig und auf Grundlage eines auf dem Vorrang von Gemeineigentum basierenden Gesellschaftssystems entgegenzuwirken. Wir dokumentieren Auszüge aus einen Aufsatz zweier chinesischer Gesellschaftswissenschaftler, Prof. Cheng Enfu und Prof. Hu Leming, zu den Erfolgen Pekings im Umgang mit der Krise und den Aufgaben, vor denen die Volksrepublik aktuell steht. Die vollständige Fassung des Textes ist in der World Review of Political Economy (Nr. 3, Herbst 2010) nachzulesen.

Die Weltgeschichte hat gezeigt, daß kein Entwicklungsland das westliche Modell kopieren kann und dabei modern und stark wird; ebensowenig kann ein einziges Entwicklungsmodell allen Nationen genügen. In der Folge des letzten Ausbruchs der Finanz- und Wirtschaftskrise suchen die Entwicklungsländer, das westliche Entwicklungsmodell hinterfragend, aktiv nach Wegen, die auf ihre eigene Situation passen. Wie groß auch der Einschlag der Krise ist, China ist nicht in dieses Loch gefallen, und die grundsätzliche Richtung seiner langfristigen Entwicklung hat sich nicht geändert. Chinas Erfahrung, erfolgreich auf die Finanz- und Wirtschaftskrise im Westen zu reagieren, wird zweifelsohne ein wichtiges Zeichen für andere Entwicklungsländer setzen.

In einer Zeit wirtschaftlicher Globalisierung kann kein Land vollständig immun gegen eine globale Krise sein. Die westliche Finanz- und Wirtschaftskrise hat eine große Auswirkung auf die chinesische Wirtschaft gehabt. Jedoch haben die Überlegenheit des sozialistischen Systems und die Wirksamkeit der Gegenmaßnahmen China geholfen, gesund zu bleiben. Erstere ist der Hauptgrund dafür, daß China die Krise vermeiden konnte.

Sozialismus und Stabilität

Zuallererst haben die sozialistischen Produk­tionsverhältnisse die Produktivität stark erhöht und damit ein solides materielles Fundament für China gelegt, um sich gegen die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise im Westen zu verteidigen. Die Volksrepublik wurde aus einer halbfeudalen und halbkolonialen Gesellschaft entwickelt, und die lange Geschichte imperialistischer Ausplünderung und Kriege hatte in China zu extremer Armut und Schwäche geführt. Nach der Gründung des neuen China haben die fortschrittlichen Produktionsverhältnisse die Produktivkräfte gewaltig befreit und entwickelt und zu enormen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen geführt. Die Sozialleistungen wurden erheblich erhöht und die gesamte Produktion qualitativ verbessert, speziell seit der Reform und Öffnung nach außen im Jahre 1978. Heute ist das chinesische BIP weltweit auf Rang drei (mittlerweile auf Rang zwei – d. Übers.) und die Fremdwährungsreserven bleiben weltweit die größten. All das sind solide materielle Bedingungen, die China helfen, sich gegen mannigfaltige wirtschaftliche Risiken zu verteidigen sowie auf die derzeitige Krise zu reagieren.

Zweitens kann das sozialistische System mit dem Gemeineigentum als Grundlage in großem Umfang die Blindheit und die mangelnde Kontrolle der Produktion einschränken und wirkungsvoll allen Formen externer Krisen widerstehen. Das Gemeineigentum als Basis des sozialistischen Systems ist eine wichtige Garantie für eine stabile und gesunde ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung und für den Erhalt der nationalen wirtschaftlichen Sicherheit. Der öffentliche Sektor hat bei der Bekämpfung der derzeitigen Finanz- und Wirtschaftskrise eine signifikant positive Rolle gespielt. Mit seinen hauptsächlich im Staatseigentum befindlichen Finanzinstitutionen hat das chinesische Finanzsystem effektiv eine Kreditkrise vermieden. Dominierende Staatsbetriebe in den Schlüsselindustrien und in den Wirtschaftssektoren haben wirksam die Stabilität der Gesamtwirtschaft aufrechterhalten.

Drittens, mit der demokratischen Diktatur des Volkes, dem Volkskongreß, der Zusammenarbeit und der politischen Beratung im Mehrparteiensystem, der regionalen nationalen Autonomie, der eigenständigen Regierungen auf lokaler Ebene, besitzt das sozialistische politische System einen flexiblen und effizienten Modus des Politikvollzugs, der es ermöglicht, die Ressourcen effi­zient zu verteilen und die wesentlichen Probleme kollektiv zu lösen. Ohne die fundamentale Garantie des sozialistischen Systems würde es für China unmöglich sein, den Fall in den Sumpf der westlichen Finanz- und Wirtschaftskrise zu vermeiden.

Vorrang des Gemeineigentums

Die erste Maßnahme ist die Umsetzung einer vorausschauenden Steuerpolitik und einer moderaten Geldpolitik. Das massive Anwachsen der Staatsausgaben hat schnell und wirksam die Konsum- und andere inländische Nachfrage anwachsen lassen. Ein zweijähriger Investitionsplan (umgerechnet zirka 360 Milliarden Euro) hat die Nachfrage nach Investitionen erhöht und den gesellschaftlichen und privaten Kapitalfluß angeregt. Zweitens hat eine weitere Öffnung nach außen die externe Nachfrage und den Außenhandel schnell stabilisiert. Während der westlichen Finanz- und Wirtschaftskrise ist China aktiv dabei, für technische Innovationen Grundlagen zu legen, um den Export von Eigenmarken und geistigem Eigentum zu unterstützen. Drittens: Um die Qualität der nationalen Wirtschaft und seine zukünftige Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, hat China ein Programm zur Regulierung und Erneuerung im großen Maßstab eingeführt, das sich besonders mit der Restrukturierung der Industrie befaßt. Schließlich hat China eine aktivere Beschäftigungspolitik umgesetzt und die soziale Sicherheit mit mehr Mitteln aus dem Staatssektor angehoben sowie die Deckung der Grundrente und der Krankenversicherung ausgedehnt. Solche Maßnahmen, zielen darauf ab, den Lebensstandard des Volkes zu heben. Offensichtlich haben die oben angeführten Maßnahmen unverwechselbar sozialistischen Charakter.

Der Umgang mit der Finanz- und Wirtschaftskrise erfordert eine Konsolidierung und Verbesserung der sozialistischen Basis des Wirtschaftssystems. Dreißig Jahre Reformen und Öffnung nach außen haben bewiesen, daß die Basis des Wirtschaftssystems mit dem Gemeineigentum als Hauptform und anderen Eigentumsformen als Ergänzung den Bedürfnissen der gegenwärtigen Stufe der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung Chinas entsprechen und wesentlich für die gesunde Entwicklung der Wirtschaft und die gesellschaftliche Stabilität sind.

Der Vorrang des Gemeineigentums muß ständig konsolidiert und entwickelt werden. Das Gemeineigentum an den Produktionsmitteln ist die Grundlage des sozialistischen Wirtschaftssystems und das wesentliche Merkmal, das den Sozialismus vom Kapitalismus unterscheidet. Es ist auch die wirtschaftliche Grundlage, die den Werktätigen garantiert, daß sie ihre eigenen Herren sind. Die sozialistische Marktwirtschaft überwindet das spontane und anarchistische Stadium der Produktion, welches dem Marktmechanismus innewohnt, und beseitigt damit die Bedingungen für zyklische ökonomische Krisen. Um eine wirksame Vorbeugung und Reaktion auf die verschiedenen Typen finanzieller und wirtschaftlicher Krisen zu gewährleisten, müssen wir ständig die führende Rolle des Gemeineigentums festigen und stärken.

Wir brauchen eine Festigung und Stärkung der staatseigenen Unternehmen. Die Dominanz dieser Unternehmen muß in den Schlüsselindustrien und entscheidenden Bereichen, die die nationale Sicherheit und wirtschaftliche Dynamik betreffen, behauptet werden.

Weiterhin müssen wir fortfahren, die kollektive Wirtschaft vor allem in den ländlichen Gebieten zu festigen und zu entwickeln. Die Praktiken beim Transfer von vertraglich geregelten Nutzungsrechten von Land sollten nicht durch die Privatisierung von Bauernland ersetzt werden, was nur die Funktion hätte, die Bedingungen der kollektiven Wirtschaft auf dem Land zu untergraben. Wir müssen die verschiedenen Formen der wirksamen Realisierung von Gemeineigentum erforschen. Die Entwicklung der nicht-volkseigenen Formen der Wirtschaft sollte aktiv unterstützt und gelenkt werden. Das Vorhandensein und die Entwicklung der verschiedenen Formen der nicht-gemeineigenen Wirtschaft ist eine objektive Notwendigkeit der vielschichtigen und ungleichen Produktivität im frühen Stadium des Sozialismus.

Potential mobilisieren

Auf dieser Stufe spielen die selbständigen, in Privatbesitz befindlichen und die ausländischen Unternehmen eine positive Rolle bei der Mobilisierung aller gesellschaftlichen Reserven und positiven Kräfte, erhöhen die Zahl der Arbeitsplätze, erfüllen die Bedürfnisse der Menschen, erhalten die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung und schaffen die materiellen Bedingungen, um mit den Auswirkungen externer Krisen umzugehen. Da China für eine geraume Zeit auf der frühen Stufe des Sozialismus verbleiben wird, ist es ebenso notwendig, die nicht volkseigene Wirtschaft aktiv zu ermutigen.

Die Beziehung zwischen dem Primat der gemeineigenen Wirtschaft und der gleichzeitigen Entwicklung der vielfältigen Eigentumsformen sollte dialektisch begriffen werden. Das grundsätzliche Wirtschaftssystem im frühen Stadium des Sozialismus in China beruht auf den fundamentalen Prinzipien des wissenschaftlichen Sozialismus, während es gleichzeitig unverwechselbare chinesische Züge trägt, die der gesellschaftlichen Wirklichkeit der heutigen Zeit Rechnung tragen. Zuerst müssen wir die Beziehung zwischen Sozialismus und Kapitalismus richtig behandeln. Auf keinen Fall sollten wir den Kapitalismus als total entgegengesetzt zum Sozialismus behandeln und auf dieser Basis ein »rein« sozialistisches Wirtschaftssystem anstreben. Wir sollten die historische Rolle der verschiedenen Formen der nicht-gemeineigenen Wirtschaft erkennen und sie danach beurteilen, in welchem Ausmaß sie unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung nützen. Auf der frühen Stufe des Sozialismus sind beide, der gemeineigene Sektor und die verschiedenen nichtgemeineigenen Eigentumsformen, wichtige Teile der sozialistischen Marktwirtschaft. Es ist irrational, die beiden einfach als in Gegensatz zueinander stehend (und nicht als einen sich entwickelnden Widerspruch, d.Ü.) anzusehen.

Zweitens ist es nicht das Gleiche, wenn man die nicht-gemeineigene Wirtschaft ermutigt, unterstützt und begleitet, als wenn das kapitalistische Privateigentum vorherrschte. Das Gemeineigentum an den Produktionsmitteln ist die prinzipielle Grundlage des Sozialismus. Ohne die Machtposition des Gemeineigentums gäbe es keine materielle Bedingung für die Herrschaft der kommunistischen Partei und den sozialistischen Überbau noch wäre es uns möglich, gesellschaftliche Polarisierung zu verhindern, gemeinsamen Wohlstand zu erreichen und den verschiedenartigen Finanz- und Wirtschaftskrisen vorzubeugen oder auf sie zu reagieren. Im frühen Stadium des Sozialismus muß die Entwicklung der nicht-gemeineigenen Wirtschaft dem Ziel der Verbesserung der sozialistischen Marktwirtschaft dienen und nicht der Ersetzung des sozialistischen Wirtschaftsystems durch das kapitalistisches Privateigentum. Die beharrliche Ermunterung und Unterstützung der nicht-gemeineigenen Wirtschaft setzt die Dominanz des Gemeineigentums voraus.

Drittens bedeutet die Konsolidierung und Entwicklung des Gemeineigentums nicht eine Wirtschaft mit alleinigem Gemeineigentum. In der frühen Stufe des Sozialismus müssen wir den volkseigenen Sektor konsolidieren und entwickeln, ohne die nicht-gemeineigene Wirtschaft auszuschließen, und so das Potential der verschiedenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ressourcen voll mobilisieren. Diese Kombina­tion ist eine notwendige Bedingung für die weitere Entwicklung und Konsolidierung der volkseigenen Wirtschaft. In einem Land, in dem die Produktivkräfte relativ unterentwickelt sind, ist es eine natürliche Anforderung an das sozialistische System, die nicht-volkseigene Wirtschaft in ihrer Entwicklung zu ermutigen und zu begleiten. Es gilt, den Kapitalismus richtig zu behandeln und zu nutzen, um den Sozialismus aufzubauen und, dem damit verbundenen Widerspruch Rechnung tragend, Privateigentum zuzulassen.

Führende Rolle des Marxismus

In Chinas sozialistischer Marktwirtschaft spielt der Markt die Hauptrolle bei der Verteilung der Ressourcen unter der Voraussetzung einer gesamtstaatlichen Regulierung. Die regulierte Marktwirtschaft, basierend auf der dominierenden Rolle des Gemeineigentums, ist genau das, worin der wesentliche Vorteil von Chinas sozialistischer Marktwirtschaft liegt. Um eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung zu erreichen und um der westlichen Finanz- und Wirtschaftskrise vorzubeugen und darauf wissenschaftlich zu antworten, müssen sozialistische Entwicklungsländer ihre makroökonomischen Steuerungsinstrumente ständig verstärken und verbessern, die profitorientierte Natur des Privatkapitals und des Finanzkapitals regulieren und die Stabilität, Balance und nachhaltige Entwicklung der Gesamtwirtschaft erhalten.

Wir müssen die regulierende und steuernde Funktion von beiden, Markt und Regierung, verbessern und die langfristige Planung und die kontrollierte Anpassung verstärken. Wichtig ist, die langfristige behördliche Planung durch die Regierung zu verbessern. Die Wurzel der häufigen Finanz- und Wirtschaftskrisen der westlichen kapitalistischen Länder liegt in den grundlegenden und sich unkontrolliert entwickelnden Widersprüchen des Kapitalismus. Die spontane, kurzfristige und blinde Entwicklung des Marktes und die zyklische und begrenzte makroökonomische Strategie der rotierenden politischen Parteien an der Macht tragen zum Ausbruch solcher Krisen bei. Im Kontrast dazu beruht die ökonomische Regulierung der sozialistischen Marktwirtschaft auf dem enormen Vorteil des sozialistischen politischen Systems. Dieses fokussiert darauf, die Rolle der Regierung bezüglich der langfristig programmierten und kontrollierten Planung, der wissenschaftlichen Planung der langfristigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung und der Stabilität und Kontinuität jeder dieser politischen Strategien zu stärken.

Wir müssen das Gesellschaftsrecht und andere Gesetze und politische Grundsätze verbessern und ein modernes Unternehmenssystem für den Sozialismus chinesischer Prägung aufbauen. Um das zu machen, müssen wir die Demokratie im Management der Unternehmen auf der Grundlage von Belegschaftsversammlungen verbessern, dem Volk das Recht geben, den Produktionsprozeß zu managen und über die Verwendung des Mehrprodukts zu entscheiden und genauso die am Profit orientierten Tendenzen des Kapitals und die Ausbeutung beschränken. Auch müssen wir das Bewußtsein der Arbeiterklasse verbessern, ihr eigener Herr zu sein, von dem alles abhängt. Die Entfaltungsmöglichkeiten kapitalistischer Elemente werden in China durch Entwicklungsprogramme, durch die Umsetzung von politischen Grundsätzen und durch ökonomische Regeln eingeschränkt. Die Beschränkung der kapitalistischen Einflußfaktoren auf ein überschaubares Maß wird die »totale Kapitalisierung« unseres gesellschaftlichen Lebens verhindern. Währenddessen müssen wir es der Regierung des Proletariats erleichtern, die Möglichkeiten der verschiedenen Formen der nicht-gemeineigenen Wirtschaft auszunutzen; darin liegt der Schlüssel, um abzusichern, daß die nicht-gemeineigene Wirtschaft durch den Sozialismus beschränkt wird und ihm dient. Schließlich müssen wir koordinieren zwischen der Staatsmacht sozialistischer Natur und der Verschiedenheit der ökonomischen Basis, um so die Diktatur des Proletariats und seine Führungsrolle in den sozialökonomischen Beziehungen zu festigen und die sozialistische Richtung der Entwicklung zu garantieren. Zudem müssen wir sicherstellen, daß die Führung der Kommunistischen Partei den Interessen des Volkes entspricht. Wir sollten an der führenden Rolle des Marxismus festhalten, jeder Form der bürgerlichen Liberalisierung entgegentreten, extensive Expansion von Kapital verhindern und immer wachsam gegen die »korrupte Allianz von Macht und Geld« sein. Gleichzeitig sollten wir die demokratischen Rechte des Volkes ausbauen und die Beteiligung des Volkes an Verwaltungsangelegenheiten und Entscheidungsprozessen ausweiten und so wahrhaftig eine soziale wirtschaftliche Entwicklung durch das Volk, für das Volk und des Volkes erreichen.

Strengere Regeln

Angesichts verschiedener Unsicherheiten und Krisen in dieser Zeit der Globalisierung ist es umso notwendiger, ernsthaft ein wissenschaftliches Konzept einzuführen, das die inländischen und internationalen Verhältnisse eng miteinander verknüpft und die Fähigkeit der Regierung wirksam verbessert, mit allen Arten von Krisen umzugehen und die ökonomische Sicherheit und gesellschaftliche Stabilität zu erhalten. Es ist auch dringend geboten, die Überwachung sowohl des inländischen als auch des internationalen Finanzsystems genauso wie die Überwachung der globalen Kapitalflüsse mit größerem Einsatz staatlicher Ressourcen für Maßnahmen, die die Währung, die Wechselkurse, die Zinssätze und das Finanz- und Kreditsystem stabilisieren, zu verstärken. Die Regierung sollte auf dem Gebiet strategischer und hochriskanter neuer Industrien (Biotechnik, Internetwirtschaft, Raumfahrt, kohlenstoffarme und digitale Technologien) nicht nur sowohl die staatlichen als auch die privaten Investitionen ermutigen, sondern sie auch mit strengeren Regeln und Management begleiten, um so mit der »technologischen Kolonisierung« durch die entwickelten kapitalistischen Länder fertig zu werden. Solche Maßnahmen erfordern eine aktivere Teilnahme im Spiel der »globalen Regulierung« und vermeiden »Kolonialisierung durch Regulierung«. Wir müssen die Fallstricke eines derartigen Regelsystems und die konsequenterweise folgende Krise durch Festhalten am fundamentalen System des wissenschaftlichen Sozialismus vermeiden und eine akzeptable internationale Verantwortung innerhalb akzeptabler Bedingungen eines internationalen Regelsystems übernehmen.

Für ein sozialistisches Entwicklungsland wie China muß es eine umfassende und wissenschaftliche Umwandlung und Verbesserung seiner traditionellen Art der wirtschaftlichen Entwicklung geben, um sich an die strukturellen Veränderungen der globalen Wirtschaft anzupassen und die Fähigkeit zu einer kontinuierlichen Entwicklung zu erhöhen und sich so in eine bessere Verteidigungsposition gegen die Auswirkungen verschiedener Arten von Krisen zu positionieren.

Wir sollten wirksam die Abhängigkeit vom Außenhandel verringern und die Rolle des Konsums bezüglich des Wirtschaftswachstums erhöhen. Es sollte eine schnellere Reform des Systems der Einkommensverteilung geben, das den Anteil der Gehaltseinkommen am Bruttosozialprodukt erhöht. Das Einkommen der normalen Bürger muß erheblich erhöht werden, um so die größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich zu schließen. Zur selben Zeit muß die Entwicklung des ländlichen Chinas das absolut zentrale Thema in der Arbeit der Partei und der Regierung bleiben. Wir brauchen auch kraftvolle Maßnahmen, um den Lebensstandard des Volkes auf den Gebieten der Infrastruktur, des Transportwesens, der Telekommunikation, Stromversorgung, Ökologie usw., beim Gesundheitswesen, der sozialen Sicherheit und den Investitionen in das Erziehungs- und Gesundheitswesen zu verbessern.

Wir sollten die Abhängigkeit vom Außenhandel effektiv überwachen und die Effizienz der kombinierten Verwendung von inländischem und ausländischem Kapital verbessern. Ausländisches Kapital hat eine unentbehrliche Rolle beim ökonomischen Wachstum und gesellschaftlichen Fortschritt Chinas gespielt. Wenn ausländische Unternehmen jedoch anfangen, ihre hochgradig umweltverschmutzenden Produktionsprozesse nach China auszulagern, verursacht das für China extrem hohe ökonomische und ökologische Kosten. Die gewaltige Menge von hereinströmendem ausländischen Kapital führt zu einer drastischen Erhöhung der Währungsreserven und einer positiven Handelsbilanz, die ein Drohpotential für Chinas ökonomische Sicherheit darstellt und international ökonomische Reibungen verursacht. Unter solchen Umständen sollte man Praktiken, die ausländische Unternehmen begünstigen, auslaufen lassen sowie ein Umfeld fairen Wettbewerbs für inländische Unternehmen schaffen. Die ökonomische Sicherheit Chinas macht es erforderlich, die Kontrolle und Monopolisierung der chinesischen Industrie durch multinationale Konzerne mittels ökonomischer und rechtlicher Maßnahmen zu verhindern.

Wir sollten die Abhängigkeit von ausländischen Technologien verringern und die Fähigkeit zur unabhängigen Innovation verbessern. Aus der Weltgeschichte wissen wir, daß nur die Stärke zur unabhängigen Erneuerung es einem Land ermöglichen kann, großen Herausforderungen mit Zuversicht entgegenzutreten und eine aktive Rolle im Wettbewerb zu spielen. Zuviel Vertrauen auf fortgeschrittene Technologien aus den entwickelten Ländern führt nur zum Verlust des Antriebs für technischen Fortschritt. Begleitet von einem wissenschaftlichen Entwicklungskonzept müssen wir aktiver werden, um neue Typen von Talenten zu entwickeln, welche sich besser an die gesellschaftliche Entwicklung anpassen können; auch ist mehr in Forschung und Entwicklung von unabhängigen Innovationen zu stecken, und dafür sind die notwendigen materiellen Bedingungen zu schaffen.

Ressourcen und Reserven

Wir sollten gründlich unsere Abhängigkeit von ausländischen Ressourcen verringern und die Effizienz der Ressourcenverteilung verbessern. Chinas Import von Energie und Rohstoffen ist seit 1990 dramatisch angestiegen. Seit China 1993 ein Nettoimporteur von Öl geworden ist, hat sich die Abhängigkeit von ausländischem Öl Jahr für Jahr erhöht und heute 46,6 Prozent erreicht, nahe zur kritischen Linie von 50 Prozent. Solch eine hohe Abhängigkeit von ausländischen Rohstoffen ist nicht nur Anlaß für internationale Reibungen, sondern auch eine potentielle Bedrohung für die politische und wirtschaftliche Sicherheit einer Nation aufgrund verschiedener Arten von Krisen, die dadurch ausgelöst werden können.

Wir sollten das Ausmaß ausländischer Währungsreserven richtig kontrollieren und die Rückflüsse aus ihrer Nutzung verbessern. Ausreichende ausländische Währungsreserven helfen China, ausländische Zahlungen zu leisten, vermeiden Risiken beim internationalen Gleichgewicht und den Finanzen und erhöhen das Vertrauen in Chinas Wirtschaft in China und im Ausland. Unangemessen hohe Reserven über einen langen Zeitraum hinweg werden jedoch unvermeidlich negative Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung haben. Es ist eine effektive Streuung der ausländischen Währungsreserven notwendig.

Aus: World Review of Political Economy, Jg. 1, Nr.3, Herbst 2010 – Übersetzung aus dem Englischen: Ernst Herzog (Mitglied u.a. in der World Association of Political Economy)

Prof. Cheng Enfu ist Vorsitzender der Akademie für Marxismus in der chinesischen Akademie für Gesellschaftswissenschaften.
Prof. Hu Leming ist Direktor an der Akademie für Marxismus in der chinesischen Akademie für Gesellschaftswissenschaften, Abteilung Marxistische Theorie

* Aus: junge Welt, 1. April 2011



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