Chinas Formkrise

Zurückgehendes Wachstum: Ökonom und Regierungsberater warnt vor einer harten Landung der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt

Von Wolfgang Pomrehn *

In China häufen sich die Warnungen, daß das dortige seit Jahren anhaltende kräftige Wirtschaftswachstum einbrechen könnte. Steuergeschenke sollen der Exportindustrie wieder auf die Beine helfen. Ende Januar hatten bereits Nachrichten über den Rückgang im Außenhandel die ersten Alarmglocken läuten lassen. Nicht nur die Aus-, sondern auch die Einfuhren waren schwächer als im Vorjahr ausgefallen. Dazu passen die jüngsten Zahlen, wonach im Februar die Produktion des verarbeitenden Gewerbes bereits im vierten Monat in Folge zurückgeht. Der Champion der Weltwirtschaft ist offenbar in einer kleinen Formkrise.

Schuld sind zunächst die Schwierigkeiten auf Chinas größtem Exportmarkt. Die Euro-Krise erfaßt immer mehr EU-Mitgliedsstaaten. Am Donnerstag prognostizierte die EU-Kommission für die Währungsunion eine leichte Rezession in diesem Jahr. Die Wirtschaft der 17 Staaten werde im Schnitt um 0,3 Prozent schrumpfen. Starke Rückgänge werden vor allem in Südeuropa erwartet, aber auch den belgischen und niederländischen Nachbarn sagt Währungskommissar Olli Rehn abnehmende Wirtschaftsleistung voraus. Die beiden größten Volkswirtschaften der Allianz, Frankreich und Deutschland, würden demnach mit plus 0,4 und plus 0,6 mehr oder weniger stagnieren, ebenso wie im Durchschnitt die gesamte EU.

Die ökonomischen Probleme schlagen offensichtlich den Verbrauchern in Europa auf den Magen, die ihren Konsum von Importgütern drosseln. Im Januar führten chinesische Unternehmen 3,6 Prozent weniger Waren in die EU aus als noch ein Jahr zuvor. Ein herber Rückschlag für eine Industrie, die eher zweistellige Wachstumsraten gewohnt ist. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte kürzlich gewarnt, daß die Krise in Europa das chinesische Wachstum in diesem Jahr halbieren könnte, und der Führung vorgeschlagen, ein neues Konjunkturprogramm aufzulegen. Bei Ausbruch der Finanzkrise 2008 war Peking seinerzeit frühzeitig zur Stelle gewesen. Als weltweit erstes Land hatte China noch im gleichen Jahr seiner Wirtschaft eine kräftige Geldspritze verpaßt. Umgerechnet mehrere hundert Milliarden Euro wurden in Infrastrukturmaßnahmen gepumpt.

Erste Versuche, auch jetzt gegenzusteuern, gibt es bereits. Neben der erwähnten Unterstützung für die Exportindustrie wurde am vergangenen Wochenende die Geldpolitik gelockert. Bereits zum zweiten Mal seit November hat die Regierung die Eigenkapitalanforderungen der Banken herabgesetzt. Dadurch können sie nun mehr Kredite vergeben. Die Maßnahme ist nicht ohne Risiken, denn das Land leidet seit längerem an einem überhitzten Immobiliensektor. Zu viel günstige Kredite könnten in diesem Bereich leicht eine ungesunde Spekulationsblase aufpumpen.

Fürs erste scheinen chinesische Ökonomen auf diesem Gebiet jedoch keine Gefahren zu sehen. Die in den zurückliegenden zwei Jahren getroffenen Maßnahmen, um den Immobilienmarkt abzukühlen, hätten gegriffen, schreibt die indische Zeitung The Economic Times. Nach Ansicht des Vizepräsidenten der chinesischen Gesellschaft für Ökonomische Reformen, Shi Xiaomin, sogar zu gut. Inzwischen hätten die lokalen Behörden Probleme, weil ihnen das Geld aus den Landverkäufen fehlen. Dies könne wiederum dazu führen, daß öffentliche Schulden nicht bedient werden. Shi sieht auf die chinesische Wirtschaft erhebliche Gefahren zu kommen. Immerhin hat sich – nicht zuletzt aufgrund des Konjunkturprogrammes – ein Schuldenberg von 10,7 Billionen Yuan (rund 1,27 Billionen Euro) angehäuft. Beobachter fürchten, so die indische Zeitung weiter, daß diese Verbindlichkeiten die Wirtschaft destabilisieren könnten. Allerdings macht die Summe nur rund 25 Prozent des chinesischen Nationaleinkommens aus, und der Volksrepublik ist es in den letzten 15 Jahren schon einmal gelungen, vergleichbare Schuldenberge zu neutralisieren und abzubauen.

Problematischer scheint ein anderer Aspekt, auf den Shi hinwies: Die ökonomische Effizienz gehe zurück, so der Ökonom, der die Regierung in Peking berät. Mit anderen Worten: Aufgrund des hohen Anteils der Investitionen an der gesamten Wirtschaftsleistung haben sich offensichtlich erhebliche Überkapazitäten aufgebaut, und viele Fabriken sind nicht ausreichend ausgelastet. Entsprechend bereitet bereits der vergleichsweise geringe Rückgang der Exporte Kopfschmerzen. Shi befürchtet deshalb eine harte Landung der Wirtschaft im Jahre 2013 und deflationäre Tendenzen schon in der zweiten Jahreshälfte 2012.

Wenn ein für die Regierung arbeitender hochrangiger Ökonom mit derartigen Warnungen an die Öffentlichkeit geht, heißt das aber auch, daß Peking glaubt, die Entwicklung noch im Griff zu haben. Die Äußerungen Shis sollen offenbar im Zusammenhang mit dem anstehenden Wechsel an der Spitze von Staat und Partei Druck für weitere Reformen schaffen. Shi spricht sich in dem Beitrag in der indischen Zeitung nur allgemein für eine Öffnung des Marktes aus und bleibt ansonsten nebulös. Aber seine Analyse legt nahe, daß China noch mehr als bisher auf die Entwicklung der Binnennachfrage setzen muß. Das würde unter anderem weitere kräftige Lohnsteigerungen verlangen – ein Schritt, der in Zeiten abnehmenden Wachstums schwerer durchzusetzen sein wird.

* Aus: junge Welt, 24. Februar 2012


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