Warten auf das neue Beichuan

Im Erdbebengebiet der chinesischen Provinz Sichuan

Von Friedrich Weißdorn *

China gedachte dieser Tage der 87 000 Toten des verheerenden Erdbebens in der südwestlichen Provinz Sichuan vor einem Jahr. Das Beben der Stärke 8,0 auf der Richterskala war die schlimmste Naturkatastrophe, die China in den vergangenen 30 Jahren traf. Allein in der Gegend um Beichuan starben an jenem 12. Mai etwa 20 000 Menschen. Unser Autor besuchte die Stadt ein Jahr danach.

Obwohl zwei Polizeikontrollen zu überwinden waren, um hierher zu kommen, sieht es gar nicht nach einem gesperrten Gebiet aus. Zwar endet die Straße an einem streng bewachten Tor, aber rechts – den Berg hoch – gibt es einen Weg, der an einem zwei Meter hohen Metallzaun entlang führt. An der ersten Serpentine stehen Sonnenschirme. »Drei Fotos zehn Kuai [1], das ist sehr günstig, nur zehn Kuai!«, ruft eine Verkäuferin schon von weitem und beugt sich über ihre Auslagen, die trotz der Sonnenschirme schon etwas ausgebleicht sind. In der Hand hält sie drei große, eingeschweißte Fotos: »Die schöne Kreisstadt Beichuan vor dem Erdbeben«, »Gesamtansicht Beichuans nach dem Erdbeben am 12. Mai« und »Beichuan nach der Schlamm- und Gerölllawine vom 24. September«. Das war der Tag, als der Stausee des Jian-Flusses, der sich durch einen Erdrutsch gebildet hatte, abgelassen wurde.

Was auf dem jüngsten Foto zu sehen ist, hat man indes direkt vor Augen, wenn man über den Stand der Händlerin hinaus blickt: Der flussaufwärts gelegene Teil Beichuans ist acht Meter hoch von Schlamm bedeckt, links ein großer Stadtteil mit Kindergärten und Schulen liegt unter einem abgerutschten Hang begraben, und am Berg ganz rechts, wo früher die Maoba-Mittelschule war, sieht man ein Geröllfeld.

Viel ist nicht übrig von der Stadt, in der vor dem Erdbeben am 12. Mai 2008 über 30 000 Menschen lebten. Die Hälfte davon starb innerhalb von 120 Sekunden. Die Überlebenden wohnen in Behelfsunterkünften – langen Reihen einstöckiger weißer Häuser aus Metall und Styroporplatten. Sie warten darauf, dass Beichuan an einem anderen Ort neu entsteht.

Das Warten allerdings ist ein Privileg derer, die eine Wohnberechtigung für die Stadt haben. Hinter den Bauern dagegen liegt ein anstrengendes Jahr. Für ihre völlig zerstörten Häuser erhalten Haushalte, die nicht mehr als drei Personen zählen, 16 000 Yuan. Bei vier Personen gibt es 19 000, bei fünf und mehr Personen 22 000 Yuan. Zuerst hieß es, das Geld bekomme nur, wer sein Haus bis Ende 2008 wiederaufbaut. Daraufhin stiegen die Preise für Sand, Zement und Stahl fast auf das Doppelte. Und der Preis eines Ziegelsteins, der in einem erdbebensicheren Haus eigentlich gar nichts zu suchen hat, vervierfachte sich sogar.

Obwohl die Wiederaufbaufrist bis Ende 2009 verlängert wurde und die Preise wieder sanken, reichten die Zuschüsse des Bauministeriums bei weitem nicht: Allein die reinen Baukosten beliefen sich auf rund 40 000 Yuan. Die Bauern mussten sich verschulden – und außerdem auf ein Jahr Einkommen durch Wanderarbeit in den Küstenprovinzen verzichten. Mit der Landwirtschaft verdient ein Haushalt nicht mehr als 3000 Yuan jährlich. Trotzdem wurden binnen Jahresfrist auf dem Land 847 000 Häuser neu errichtet, weitere 342 000 sind derzeit im Bau.

Lao Meng macht sich wenig Sorgen

Das neue Haus von Lao Meng, dem »alten« Meng, aus der Stadt Weicheng ist noch nicht im Bau. »Wieviel wir hier für den Wiederaufbau bekommen, wurde noch nicht festgelegt«, erklärt er. Sorgen macht ihm das aber nicht. Er sitzt unter einem umfunktionierten blauen Zelt der »Katastrophenhilfe« und sieht anderen beim Mahjongspiel zu. Als ehemaliger Angestellter eines Staatsunternehmens bekommt er eine Rente von 1200 Yuan im Monat und wohnt im Acht-Quadratmeter-Zimmer einer Behelfsunterkunft. Den Raum teilt er mit seinen beiden Enkeln. Sein Sohn, der Vater der Zwillinge, wohnt nebenan und ist ganz froh, dass er seine acht Quadratmeter mit seiner Frau alleine hat.

»Erinnern Sie sich? Nach dem Beben haben wir hier Reis und Speiseöl verteilt. Haben Sie etwas davon bekommen?«, erkundigt sich Li Fanxue bei Lao Meng. Hat er. Und 200 Yuan zum Frühlingsfest auch. Die 22-jährige Li Fanxue war aus der Nachbarprovinz Shaanxi gekommen, um beim Wiederaufbau zu helfen. Sie arbeitet für eine Organisation mit dem etwas seltsamen Namen »Frühlingsbambus – Ländliches Kulturentwicklungs- und Servicezentrum«. Die gemeinnützige Organisation konnte sich beim Innenministerium nicht registrieren lassen, denn ein Gesetz für Nichtregierungsorganisationen gibt es in China noch nicht. Deshalb ließ sie sich ins Handelsregister eintragen.

Auch wenn »Frühlingsbambus« dank guter Kontakte eines örtlichen Mitarbeiters zur Regierung die nötigen Passierscheine für das Erdbebengebiet und sogar eine schriftliche Steuerbefreiung erhielt, bleibt die Registrierung das größte Problem regierungsunabhängiger Organisationen. Es ist größer noch als das der Finanzierung, obwohl das aktive Spendenwerben in China nur einer Handvoll großer Organisationen wie dem chinesischen Roten Kreuz und dem Wohltätigkeitsverband erlaubt ist. Und deren Spendeneinnahmen flossen fast ausnahmslos an die Regierung zurück. Während anderswo in der Welt Regierungen die Serviceleistungen von den Organisationen »kaufen« oder diese finanziell unterstützen, war das in Sichuan genau umgekehrt.

Was nicht heißt, dass die Regierung das Geld verschwendet hätte. Überall wird der mutige Einsatz der Armee gelobt. Man erzählt von Soldaten, die selbst bei Nachbeben noch in einsturzgefährdeten Häusern nach Überlebenden suchten. Nach drei Tagen gab es warmes Essen und Mineralwasser in Hülle und Fülle. Von den 15 Millionen Menschen im Erdbebengebiet ist niemand an verschmutztem Trinkwasser oder Seuchen gestorben. Nach einem Monat waren alle Obdachlosen aus den Städten in sicheren und gut verwalteten Behelfsunterkünften untergebracht.

»Für 3000 Bewohner haben wir hier nur einen Polizisten«, sagt Lao Meng zufrieden. Es gebe kaum Schlägereien oder Sachbeschädigungen und geklaut werde überhaupt nicht. Ein Blick in die Gemeinschaftsküche bestätigt das: Da stehen die Gaskocher der Familien offen herum, in den Regalen stapeln sich Lebensmittel.

Lao Mengs Sohn Meng Yu, der außer dem Zimmer in der Behelfsunterkunft keine staatlichen Zuwendungen erhält, weil er zur Miete wohnte, unverletzt blieb und auch der Kindergarten seiner Zwillinge stehen blieb, ist zufrieden. In China erhalten nur Behinderte und Alte ohne Familienangehörige monatlich 210 Yuan Sozialhilfe. Arbeitslos zu sein ist kein Grund. »Da muss man sich selbst was ausdenken«, erklärt Meng Yu, der einen Haarsalon betreibt. Er weiß auch nur von einem Bekannten, der schlechte Erfahrungen gemacht hat: Der hatte auch Zwillinge, die jedoch beim Erdbeben ums Leben gekommen waren. Er erhielt aber nur die 8000 Yuan »Entschädigung« für ein Kind. Der Mann beschwerte sich und wollte schließlich sogar in der Provinzhauptstadt Chengdu eine Klage einreichen. »Der konnte nachher gar nicht mehr raus. Sobald er die Behelfsunterkünfte verließ, folgten ihm mindestens drei Polizisten«, erzählt Meng Yu.

»Frühlingsbambus« sucht zu helfen

Solche Fälle sind es, die die Regierung dazu veranlasst haben, gegenüber allen Fremden misstrauisch zu sein. Organisationen wie »Frühlingsbambus« dürfen selbst keine Daten erfassen.

Sie stimmen ihre Arbeit weniger mit den Betroffenen ab als vielmehr mit den zuständigen Regierungsstellen. »Frühlingsbambus« half verschiedenen Dorfkomitees, im Winter warme Decken anzuschaffen. Anschließend finanzierte man für die Gesundheitsbehörde den Wiederaufbau und die Ausstattung dreier ländlicher Kleinstkliniken. Derzeit verhandelt die Organisation mit dem Erziehungsministerium über den Wiederaufbau einer Grundschule. Das Geld stammt aus Spenden einer Kirche in Hongkong, aber das bleibt ungesagt, »um die Arbeit nicht zu gefährden«, wie Li Fanxue erläutert. »Nur wenige in den Dörfern wissen, dass wir nicht von der Regierung sind.«

Die Regierung unterhält aber selbst ein Armutsbüro, das gute Arbeit leistet: Da können die Betroffenen auf einer Dorfversammlung selbst über Projekte abstimmen und gewählte Dorfvertreter werden geschult, um die Projekte selbst zu verwirklichen ...

Die Hauptfunktion von Nichtregierungsorganisationen sollte darin bestehen, die Regierung mehr in die Verantwortung zu nehmen. Aber davon hat Li Fanxue nur ein kleines Beispiel zu berichten: »In einem Dorf lebte ein altes Ehepaar – er schon über 80 und sie über 70 – mit einer geistig behinderten Tochter. Die größte Sorge der Eltern war, wer sich nach ihrem Tod um die Tochter kümmern würde. Die beiden taten uns leid. Wir haben sie einmal zum Essen eingeladen und ein anderes Mal haben wir eine Geburtstagstorte für sie mitgebracht. Das war bestimmt das erste Mal in ihrem Leben, dass sie Kuchen gegessen haben. Später hörten wir, dass die Behörden der Tochter nach unserem zweiten Besuch endlich einen Behindertenausweis ausgestellt hatten. Nach Jahren! Jetzt bekommt sie wenigstens Sozialhilfe. Auf dem Land sind das nur 170 Yuan, aber wer sonst würde der Tochter helfen? Nur wenn die Regierung das übernimmt, ist die Tochter langfristig versorgt!«

Zum ersten Jahrestag des Bebens übrigens öffneten die Behörden das Tor vor Beichuan: Ehemalige Bewohner und Besucher strömten durch die zerstörte Stadt und gedachten der Toten.

[1] »Kuai« ist die umgangssprachliche Bezeichnung für den Yuan. 100 Yuan entsprechen etwa 11 Euro.

* Aus: Neues Deutschland, 14. Mai 2009


Zurück zur China-Seite

Zurück zur Homepage