Zwischen Mao, Bio und Öko

Chinas Agrarwirtschaft: Nicht die Landflucht allein treibt die Regierung zum Handeln

Von Kristin Kupfer *

Bauer Zhao Jiuliang hebt das Grillgitter und weist damit auf den neben ihm stehenden Geschäftsmann. "Bist du etwa Bauer und bestellst dein Feld?", fragt er lachend den smarten Herrn im weißen Hemd. "Also rede nicht über unsere Angelegenheiten." Fast jedes Wochenende kommt der Unternehmer Xu Wei aus dem drei Autostunden entfernten Peking in das 900-Seelen-Dorf Dongtai. Für umgerechnet 30 Euro bietet Zhao Jiuliang dann frisches Grillfleisch und geschmortes Gemüse an und freut sich über das zusätzliche Einkommen.

Die chinesische Regierung sorgt sich in letzter Zeit wieder mehr um die Bauernschaft und hat die Pacht- und Weiterverpachtungsrechte an staatlichem Boden gestärkt. "Trotzdem werden wir keine Entschädigung dafür sehen, dass der Bürgermeister drei Hektar des gemeinschaftlichen Bodens gegen unseren Willen an eine Baufirma verpachtet hat", sagt Zhao trocken.

Chinas Bauern lassen sich den Ausverkauf ihrer Interessen nicht länger gefallen. Immer wieder erstreiten sie gegen skrupellose Unternehmen und korrupte Beamte ihr Recht, so dass es nicht verwundert, wenn die Rangeleien um Grund und Boden die Zentralregierung zusehends mehr beschäftigen. Hinter der bäuerlichen Unzufriedenheit steht die drängende Frage nach der Zukunft der chinesischen Landwirtschaft.

Vor 30 Jahren hatte Deng Xiaoping mit seinen Reformen die Ära der kollektivistischen Volkskommunen beendet. Jeder Landwirt bekam auf Jahrzehnte ein Stück Land zum eigenen Gebrauch verpachtet. Nur sind die so entstandenen kleinen, oft versprengten Ackerflächen heute mehr denn je unrentabel und ein Hindernis, wenn die Volksrepublik. in Sachen Ernährungssicherheit nach größter Autonomie strebt. Viele Bauern können oder wollen - sie verkörpern zwei Drittel der Bevölkerung - nicht mehr von der Landwirtschaft leben und drängen in die Städte, um an urbaner Modernität teilzuhaben. Das geht klar zu Lasten der kultivierten Nutzflächen, die in einigen Regionen Westchinas nicht nur ein Opfer der Landflucht, sondern auch der von Jahr zu Jahr weiter vordringenden Wüstengebiete sind.

Die Kraft des Kollektivs

Für den Bauer Zhao Jiuliang wäre es unter all diesen Umständen sinnvoll, den Pachtboden zu privatisieren, was Chinas liberale Ökonomen seit Monaten verlangen. Er könnte dann sein zweites Haus mit einem Teil des 600 Quadratmeter großen Grundstücks an reiche Städter verkaufen. "Manche Bauern würden ihren Boden vielleicht komplett vergolden, andere wieder zu Großgrundbesitzern werden wie vor Mao Zedong", glaubt Zhao. Argumente von Gegnern der Privatisierung, die anschwellende Migrationsströme in die Metropolen der Küstenregion prophezeien, lässt Zhao nicht gelten. Die ländliche Industrialisierung und der begonnene Aufbau eines Versicherungssystems für Bauern und könnten das auffangen. "Aus Bauern müssen langfristig gleichberechtigte Städter werden. Sie dürfen bei Sozialleistungen und Bildung nicht länger benachteiligt werden."

Mit dem Beschluss über die Weiterverpachtung will die Regierung von Premier Wen Jiabao dafür sorgen, dass größere Ackerflächen entstehen. Eine Entscheidung, die kontrovers debattiert wird - den Liberalen in der KP geht dieser Kurs nicht weit genug, der sozialistische Flügel wertet ihn als Schritt in Richtung Privatisierung und denkt laut über eine Re-Kollektivierung der Landwirtschaft nach, über die Rückkehr zur Volkskommune mit der eisernen Reisschüssel [1] womöglich. Gemeinden in Zentralchina lassen sich das nicht zweimal sagen.

Heraus aus Lärm und Smog

Zhaos Vater steht einer schnellen Privatisierung skeptisch gegenüber. Der 73-Jährige wohnt an einem Berghang am Rande des Dorfes Dongtai, besitzt knapp 1.000 Quadratmeter Obstplantagen und Gemüsefelder, die er mit seiner Frau und gelegentlicher Hilfe der Söhne selbst bestellt. "Der Vorteil des einstigen Kollektivsystems war die gemeinschaftliche Arbeit, der eine kümmerte sich um den anderen. Heute muss jeder Haushalt die Entscheidung über teure Maschinen und Düngemittel allein treffen." Er verschweigt auch die Schattenseiten nicht: es gab kaum Anreize, mehr zu ernten. Die Zukunft der Landwirtschaft könne daher nur in einem sowohl individuellen als auch kollektiven Landbesitz liegen. Wie genau, das müsse die Partei wissen.

Nicht dem Prinzip, sondern der Produktion widmet sich derzeit die VI. Nationale Agrarmesse im Osten Pekings. Mehr als 1.300 Unternehmen aus elf Ländern stellen Maschinen, Bio-Produkte und Verarbeitungskonzepte vor. "In Chinas Landwirtschaft geht es nicht mehr allein um das Bestellen des Bodens", formuliert die 22-jährige Xi Hongyan knapp und höflich. Seit einem Jahr arbeitet die studierte Finanzwissenschaftlerin in der mittelständischen Handels- und Produktionsgruppe Beijing Beilang.

Im gleichnamigen Dorf Beilang nördlich der Hauptstadt lassen elf Tochterfirmen Bauern auf vertraglicher Basis für sich produzieren, vorzugsweise Fleisch, Öl und Kartoffeln. Beijing Beilang übernehme den Vertrieb, verarbeite die Produkte und steigere dadurch das Einkommen der Bauern, erklärt Xi und argumentiert parteipolitisch und ökonomisch zugleich. "Den Boden zu privatisieren, das würde die Stabilität des Staates gefährden. Größere Ackerflächen dagegen sind aus unternehmerischer Sicht begrüßenswert." Zur Re-Kollektivierung in einigen Dörfern schweigt sie, wie sich Xi überhaupt ein Leben auf dem Land nicht vorstellen kann. Für Leute wie sie seien die Verdienstmöglichkeiten dort einfach zu miserabel.

Diese Klage kennt Bauer Zhao auch von seinem Sohn, der als Verwaltungsanstellter in der 40 Minuten entfernten Kreisstadt arbeitet. Im Dorf gäbe es keine Kaufhäuser, keine Bistros, kein Internet. Wer auf dem Land aufgewachsen sei, wolle im heutigen China mehr denn je ein modernes Leben führen. Die Städter treiben der Lärm und die schlechte Luft aus den Metropolen aufs Land. Ökotourismus gilt als vielversprechender Trend. "Aber er darf nicht auf Kosten von uns Bauern gehen", meint Zhao. Seit Baufirmen Flächen aufkaufen, um Bungalow-Siedlungen zu errichten, beschleiche ihn bei jedem Gast aus der Stadt ein ungutes Gefühl.

[1] Der Begriff stammt aus den Frühzeiten der Volksrepublik und meint. dass jeder ausreichend versorgt wird.

* Aus: Wochenzeitung "Freitag", Nr. 44, 30.Oktober 2008


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