Wachstum mit Folgen

Der Boom der chinesischen Wirtschaft ermöglicht anderen asiatischen Staaten eine Umstrukturierung ihres Außenhandels. Zu große Dominanz befürchtet

Von Wolfgang Pomrehn *

Nun ist es offiziell: Atemberaubendes Wachstum auf der einen, Stillstand und Dauerkrise auf der anderen Seite und nicht zuletzt die Aufwertung der Währung machten es möglich, daß China kürzlich Japan als die Nummer zwei unter den Nationalökonomien abgelöst hat. Nur die US-Wirtschaft ist noch größer, und natürlich der Euroraum, aber der wird von den Statistikern für gewöhnlich nicht als Einheit betrachtet. 1,28 Billionen US-Dollar betrug die japanische Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal 2010, verlautete dieser Tage aus Tokio. Der chinesische Wert von 1,33 Billionen US-Dollar war schon länger bekannt. Da die japanische Wirtschaft weiter stagniert, während die der Volksrepublik kräftig wächst, kann davon ausgegangen werden, daß der Abstand zum Jahresende noch deutlicher sein wird. Zumal die Regierung in Beijing den Yuan langsam aufwerten läßt, was der chinesischen Volkswirtschaft zusätzliches Gewicht verleiht.

Große Schattenökonomie

Und das scheint noch nicht einmal das ganze Bild zu sein. Bis zu zehn Billionen Yuan (1,14 Billionen Euro) könnten sich als »graues Einkommen« den Bilanzen und Statistiken der Volkswirte und wahrscheinlich auch der Finanzbeamten entziehen, hat dieser Tage eine Studie der Chinesischen Gesellschaft für wirtschaftliche Reformen ergeben. Der überwiegende Teil dieses nicht angegebenen Einkommens sei bei den oberen zehn Prozent der Gesellschaft zu suchen und kommt durch Schmiergelder und ähnliches zustande, meinte Studienleiter Wang Xialu bei der Vorstellung der Untersuchung.

In einem Land, in dem die Bevölkerung mehrheitlich nicht allzuviel von Reichen hält und eher den Verfall einstiger Gleichheitsansprüche und kommunistischer Ideale beklagt, ist das nicht ganz ungefährlich. Fast jährlich kommt es vor, daß einer der Neureichen aus den Forbes-Hitlisten der Milliardäre in ein kleines Stübchen mit gesiebter Luft abstürzt, weil er auf die eine oder andere Weise in die Schußlinie der Steuerfahnder oder Korruptionswächter geraten war.

Aber am volkswirtschaftlichen Gesamtbild ändert die Berücksichtigung dieser Grauzone nicht viel, außer daß das reale Tempo des chinesischen Aufstiegs sogar noch größer zu sein scheint, als die offiziellen Zahlen verraten. Auch so wäre China jedoch mit maximal 5000 US-Dollar Bruttosozialprodukt pro Einwohner noch immer ein Entwicklungsland. Der amtliche Wert, auf den chinesische Vertreter sich beeilten hinzuweisen, liegt bei rund 4000 Dollar Wirtschaftsleistung pro Kopf und Jahr. Das ist weniger als in anderen Schwellenländern, wie etwa Brasilien oder der Türkei, und liegt noch immer weit unter dem globalen Durchschnitt von etwas über 8000 US-Dollar pro Erdbewohner.

Doch das Pro-Kopf-Sozialprodukt taugt als Maßstab wenig, wenn es um die Rolle Chinas in der Welt, um seine Bedeutung für die Nachbarn und für die Entwicklungsländer in Afrika und Lateinamerika geht. Für die sich ähnlich rasch entwickelnden Staaten der Südostasiatischen Allianz ASEAN ist die Volksrepublik inzwischen zum wichtigsten Handelspartner geworden. Allerdings kann man noch nicht von einer dominierenden Rolle sprechen. 11,6 Prozent ihres Außenhandels wickeln die Länder mit dem großen Nachbarn ab, weitere 4,4 Prozent mit Hongkong. Letzteres gehört politisch zur Volksrepublik, ist jedoch wirtschaftlich autonom. Zusammen macht das 16 Prozent. Die ASEAN-Länder haben sich also für ihren Export, nachdem sie lange Zeit von den Märkten in den USA und Westeuropa abhingen, ein weiteres Standbein zugelegt. Doch die ökonomische Macht Chinas wächst rasch und unaufhaltsam und manchem Nachbarn wird dabei derartig mulmig, daß er wie Vietnam versucht, mit den USA anzubandeln, um den chinesischen Einfluß auszubalancieren.

Rohstoffpreise steigen

Auch für viele Länder in Afrika und Lateinamerika ist China inzwischen zur wichtigsten Adresse für Exporte geworden. Allerdings bezieht die Volksrepublik von dort eher Rohstoffe, während aus der ASEAN auch im großen Umfang Industriewaren eingeführt werden. Die Unterscheidung ist nicht unwichtig, denn bei Rohstoffen ist die Wertschöpfung meist deutlich geringer als bei Fertigprodukten, so daß der Nutzen für das exportierende Land auf Dauer geringer ist. Mit manchen afrikanischen und südamerikanischen Ländern gibt es daher mitunter auch Spannungen, weil sich heimische Hersteller über die Flut billiger Importe aus Fernost beschweren und Schutzzölle oder andere Gegenmaßnahmen fordern.

Andererseits eröffnet Chinas Aufstieg und die damit starke Nachfrage nach Rohstoffen aller Art für die Exporteure neue Möglichkeiten. Seit den 1970er Jahren hatte ihre Bedeutung für die Weltwirtschaft stetig abgenommen, da die Preise verfielen. Einseitige Abhängigkeit von den Abnehmern in Westeuropa und den USA ermöglichte diesen, die Austauschbeziehungen immer weiter zu verschlechtern. Mit der Schuldenkrise der 1980er Jahre führte das zu einem jahrzehntelangen Netto-Abfluß von Kapital aus Lateinamerika und Afrika in den reichen Norden. Damit ist inzwischen Schluß. Zwar ging es nach einem starken Anstieg der Rohstoffpreise mit der Finanzkrise 2008 zunächst steil bergab, doch hielt dieser Abschwung für Öl, Erze, Kupfer, Soja und ähnliches nicht lange an. Inzwischen liegen die Preise längst wieder auf einem Niveau, das noch vor zehn Jahren als extrem teuer gegolten hätte, und die chinesischen Importe wachsen munter weiter.

* Aus: junge Welt, 21. August 2010


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