Nach dem Jahrhunderttraum

60 Jahre Volksrepublik China: Erlebtes, Gehörtes und Aufgeschnapptes während einer Stippvisite in der Hauptstadt Peking

Von Hilmar König *

Die Überraschung ist perfekt: Entgegen allen Wettervorhersagen im Internet und dem Bericht in der China Daily vom Vortag, die wir im Flugzeug lesen, empfängt uns die chinesische Hauptstadt bei klirrender Kälte im weißen Schneekleid. Angeblich haben die »Wettermacher« die Wolken mit Silberjodid geimpft und so den Schneefall provoziert. Selbst wenn das stimmen sollte, die gleichzeitige sibirische Kälte konnte ganz gewiß nicht durch menschliches Eingreifen herbeigezaubert werden.

Wie dem auch sei, an unserem einwöchigen Programm zu Beginn des 61. Jahrs der Volksrepublik China gibt es keinerlei Abstriche. Reiseleiter »Pieter«, mit wirklichem chinesischen Namen Long Tuan Jie (Junior des Drachens), nimmt uns freundlich lächelnd am Pekinger Flughafen, einem der größten und modernsten der Welt, in Empfang. »Nennen Sie mich einfach Pieter. Das fällt Ihnen leichter als mein chinesischer Name, « schlägt er vor. Der 24jährige arbeitet nur zeitweilig als Touristenführer. Vor kurzem hat er seine eigene Firma zum Vertrieb von medizinischem Gerät etabliert. Und bis die so richtig funktioniert, verdient er sich ein paar Yuan nebenbei.

Er hat internationale Politik studiert, was sich für uns als Gewinn auszahlt, denn der junge Mann ist aufgeschlossen, kommunikativ und bereit, auf jede Frage ohne Scheu zu antworten. Ideologisch befindet er sich seit einigen Jahren auf dem »buddhistischen Pfad«, was den Abbau von Streß fördert und – nach seinen Worten – »den Blick weitet«. Allerdings, so gibt er zu, sind die meisten Angehörigen der 1,3 Milliarden Einwohner Atheisten.

Am Nachmittag sitzen wir mit ihm in einem traditionellen Teehaus auf dem Gelände des 1420 erbauten Himmelstempels. Eine junge Frau namens »Cherry« demonstriert in anheimelnder, fast adventischer Atmosphäre die Zubereitung von Ginseng Oolong-, Puer-, Grünem Jasmin-, Litchi-Rosen- und Frucht-Tee. Natürlich wird jeder duftende Sud aus kleinen Täßchen auch zum Probieren serviert. Die Vorführung ist zwar kostenlos, doch das Teehaus erwartet, daß die Besucher anschließend im Shop kräftig einkaufen. Tee, Seide, Porzellan und Jade, das sind die klassischen chinesischen Exportprodukte, mit denen jeder Tourist unweigerlich Bekanntschaft macht.

Pieter führt uns in die chinesische »Farbenkunde« ein: Blau ist der Himmel, und damit blieb diese Farbe allein dem Kaiser vorbehalten. Gelb für die Königlichen und den Adel. Rot symbolisiert das Glück und wehrt die bösen Geister ab. Deshalb beherrscht diese Farbe die Leuchtreklame in der City, die Dekorationen und Illuminationen zu privaten und öffentlichen Festtagen, in Geschäften, vor und in den Restaurants. Und schließlich kennzeichnete grau den gemeinen Bürger, beispielsweise während der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 den »Mao-Einheitslook«, den es freilich auch in dunklem Blau gab und den wir heute nur noch ganz selten im farbenfrohen Straßenbild Pekings zu sehen bekommen.

Falten im Anlitz

Ein Abstecher in ein »Hutong« steht zwar nicht im Programm. Doch unser Reiseleiter hat nichts dagegen, uns auch die Falten im Antlitz der Hauptstadt zu zeigen. Hutongs sind die niedrigen, grauen Häuser, die enge Gassen mit winzigen Hinterhöfen säumen. Seit fast 800 Jahren, seit den Zeiten der Eroberung Pekings durch Dschingis Khan, existieren Hutongs. In den schlichten Bauten wohnt noch immer mindestens ein Drittel der etwa 18 Millionen Hauptstädter in Ein- oder Zweiraumwohnungen mit Außentoilette. Systematisch sind die Hutongs in den vergangenen Jahrzehnten geschleift worden, besonders vor den Olympischen Spielen 2008. Doch ein paar von ihnen werden überleben, gewissenhaft rekonstruiert und modernisiert. Schon heute streunen auffällig viele ausländische Besucher, die in einem der 37 Pekinger Fünf-Sterne-Hotels untergebracht sind, durch die Hutong-Gassen und kehren in die kleinen netten Cafes und Restaurants ein, die findige junge Leute hier etabliert haben.

Den schreienden Gegensatz zu diesen »Grauvierteln« offenbart Peking am nächsten Tag rechts und links neben der Stadtautobahn: beeindruckende Geschäfts- und Bürohochhäuser aus Stahl, Beton und Glas. Viele Firmenschilder verraten, daß sich hier neben den chinesischen Hausherren – allein in Peking soll es 143 Milliardäre geben – unzählige namhafte internationale Konzerne niedergelassen haben, um sich von dem auch in Zeiten der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise schmackhaften »Kuchen«, den die Volksrepublik mit Wachstumsraten um die neun Prozent immer noch zu bieten hat, ein ordentliches Stück abzuschneiden.

56 rote Säulen

Auf dem Tiananmen-Platz im Stadtzentrum hatte Mao am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik proklamiert. Der größte Platz der Welt faßt locker eine Million Menschen. Heute laufen auf Großleinwänden in einer Unendlichschleife die Videos von der Militärparade und dem Aufmarsch zum sechzigsten Jahrestag dieses Ereignisses. 56 rote Säulen, 28 auf der rechten und 28 auf der linken Seite des Tiananmen, sind den ethnischen Gruppen des Reiches der Mitte gewidmet. Am Fuße jeder Säule der Name der Völkerschaft und darüber ein großes Bild eines Volkstanzpaares in der jeweiligen Landestracht.

Bereitwillig führt uns Pieter zu den Säulen der Luoba, das sind die Tibeter, zu den Gaoshan, das sind die Taiwanesen, und zu den Uiguren, der moslemischen Minderheit im Südwesten. Und höflich, wie wir sind, lassen wir uns auch die Säule der Han zeigen, die die überwiegende Bevölkerungsmehrheit bilden und der auch Pieter angehört. An verschiedenen Stellen der Stadt sehen wir riesige Poster, die diese ethnische Vielfalt abbilden. Offenkundig ist, daß der Staat Wert darauf legt, die Pluralität in der Gemeinschaft zu betonen – trotz aller gewalttätigen Querelen, die es hin und wieder mit den Uiguren oder Tibetern gibt. »Machen Sie bitte keine Fotos von den uniformierten Sicherheitsleuten, « warnt uns unser Reiseleiter, »denn das ist seit dem Sommer 1989 verboten.« Am 4. Juni jenes Jahres war eine Demonstration für Demokratie auf dem Tiananmen brutal zerschlagen worden.

Sorgen ums Vogelnest

Das »Vogelnest«, das Olympiastadion von Peking, ist eine Sehenswürdigkeit für sich: herausragend aus allem, was China momentan zu bieten hat, in der Gunst der in- und ausländischen Touristen unangefochten die Nummer eins, noch vor der Großen Mauer. Imposant reckt sich die kühne Konstruktion aus 110000 Tonnen Stahl 69 Meter in den Himmel. Die Architekten haben ihr eine Lebensdauer von hundert Jahren garantiert. Sie kann Erdbeben der Stärke acht auf der Richterskala widerstehen. 80000 Sportfans bietet sie Sitzplätze. Mit jeder Veranstaltung, so enthüllt Zhou Bin, der Stadiondirektor für Forschung und Entwicklung, wächst allerdings die Sorge, der Megabau könnte zu einem »weißen Elefanten« mutieren, einem zwar teuren, aber nutzlosen Besitz. Denn die Unterhaltung kostet die Betreiber 20000 Euro pro Tag. Man bräuchte Unmengen an Besuchern und zugkräftige Shows, die Geld bringen. Das war bei Olympia ’08 und in den Monaten danach auch der Fall.

Aber der große Ansturm ist vorbei. Es mangelt an zündenden Ideen für attraktive Großveranstaltungen. In 15 Monaten gab es davon im Vogelnest gerade mal fünf, darunter das italienische Fußballsupercupfinale zwischen Inter Mailand und Lazio Rom im Sommer, acht Tage lang im August die Puccini-Oper »Turandot« und im November das »Race der Champions« mit Michael Schumacher und anderen Rennfahrern auf einem Asphaltkurs, der auf den Rasen gelegt worden war. Der Pekinger Fußballklub Guoan, der eigentlich in diesem Stadion regelmäßig spielen wollte, machte einen Rückzieher, nachdem ihm dämmerte, daß seine etwa 10000 Fans in der Riesenarena eine jämmerliche Kulisse abgegeben hätten.

So warf die private CITIC-Investment Holding, die die Betreiberrechte erworben hatte, im August das Handtuch. Sie hatte sich mit ihren Profiterwartungen verspekuliert und konnte ihre Pläne für ein Five-Star-Hotel, eine teure Shopping Arkade und ein Luxusrestaurant mit Blick auf das »Nest« nicht verwirklichen. Ohne Schlagzeilen zu machen, übernahm eine staatliche Finanzinstitution Mitte August das Stadion und erwarb die Vermarktungsrechte für 30 Jahre. »Mit Regierungskontrolle, « so glaubt der einstige Olympia-Berater Wei Jizhong, »wird es viel einfacher sein, die Erlaubnis für verschiedene kommerzielle Unternehmungen zu bekommen.«

Maos drei Wünsche

Auf der Fahrt in ein Zentrum der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) berichtet uns Pieter, daß der Vorsitzende Mao drei Wünsche hatte, die er zu seinen Lebzeiten verwirklicht sehen wollte. Hinter dem Parlamentsgebäude sollte ein repräsentatives Theater entstehen. Er wollte Olympische Spiele in China haben und die Rückkehr Taiwans in den Schoß des Mutterlandes. Das Theater gibt es. Das grandiose Olympiastadion haben wir gerade besichtigt. Nur der Taiwan-Wunsch bleibt bis dato unerfüllt.

Im TCM-Zentrum erhalten wir während einer Fußmassage eine Einführung in die uralte chinesische Heilkunst. Der Dozent bringt sie so auf einen Nenner: Die Pole Yin und Yang als dialektische Einheit zweier entgegengesetzter Naturkräfte müssen sich im Gleichgewicht befinden. Das trifft auf eine Person zu, wenn sie gesund ist. Hat sie hingegen ein paar Wehwehchen, ist weder richtig krank noch richtig gesund, dann stimmen Yin und Yang schon nicht mehr überein. Und sind diese völlig derangiert, dann ist der Mensch ernsthaft krank. Daraus leitet sich als Drei-Stufen-Behandlung das Bewahren, Verhüten und Heilen ab. Traditionelle und moderne Medizin sind in China gleichermaßen anerkannt und stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Ob TCM während der Kulturrevolution einen Rückschlag erlitten hatte, wollen wir wissen. Der Dozent lacht: »Sie werden es nicht glauben, Mao ließ zwei Minister feuern, die die TCM als Relikt der Vergangenheit abschaffen wollten. Sie passe nicht in den Aufbau eines neuen Chinas, einer neuen Gesellschaft. Man müsse nutzlosen Ballast entsorgen, argumentierten sie– und mußten gehen.«

Wir kommen direkt aus der indischen Hauptstadt und bemerken einen frappierenden Unterschied: Pekings Straßen sind auffallend sauber. Der Verkehr ist zwar bei fünf Millionen Autos, mindestens ebenso vielen Motorrädern und Mopeds sowie über 15 Millionen Fahrrädern dicht und stockt mitunter, ist aber keineswegs so chaotisch wie im Nachbarland. Chinesen scheinen in sich selbst zu ruhen, sind selbstbewußt und unbeirrbar. Für sie ist Indien eines der Nachbarländer mit Regionalanspruch. Und die USA betrachten sie als die andere Supermacht. Vor beiden muß man sich nicht fürchten, aber natürlich auf der Hut sein, zumal es mit den Indern ein schier unlösbares Grenzproblem gibt.

Zunächst empfinden wir es als kurios, auf halber Strecke zwischen Peking und der Großen Mauer auf dem Gelände der Ming-Gräber eine Vier-Sterne-Toilette zu finden. Ihr Eingang ist mit Bildern sowie Figürchen und Blumenvasen auf einer Konsole geschmückt, im Innern präsentiert sie sich blitzsauber. In Peking, klärt uns Pieter auf, gibt es fast 5200 öffentliche Toiletten, wohl mehr als in jeder anderen Stadt der Welt, wenn auch nicht alle so prächtig herausgeputzt sind wie die an den Ming-Gräbern.

»Errungenschaften«

Nun fragen wir ihn, was er als die bedeutendsten Errungenschaften in 60 Jahren Volksrepublik betrachtet. Und dann kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus, was er in dieser Reihenfolge ausführlich auflistet: die am 16. Oktober 1964 gezündete Atombombe; 1976 das begeistert gefeierte Ende der Kulturrevolution; 1978 die von Deng Xiaoping eingeleitete Reform- und Öffnungspolitik; am 18. Mai 1980 die erste Rakete, die einen Satelliten ins All brachte; im Jahre 2001 Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO; den Wiederanschluß Hongkongs 1997 und Macaus 1999 an China; 2003 die Umleitung des Gelben Flusses und des Jangtse gen Norden im Zusammenhang mit dem Drei-Schluchten-Dammprojekt; 2003 der erste Chinese in einer Umlaufbahn um die Erde; 2005 die Eisenbahnverbindung Qihai-Lhasa, die den Direktverkehr von der Hauptstadt nach Tibet eröffnete und 2008 schließlich die Erfüllung des »Jahrhunderttraumes« XXIX.Olympische Sommerspiele in Peking.

Nach diesem Feuerwerk an »Großtaten« stellen wir unserem Taxifahrer die gleiche Frage und hoffen, daß er es ein paar Nummern kleiner machen wird. Doch weit gefehlt! Er beginnt mit der starken chinesischen Luftwaffe, gefolgt vom AWACS-Aufklärungssystem, über das China heute verfügt. Wie sich herausstellt, diente er vor seiner Taxikarriere bei den Luftstreitkräften. Erst auf Nachfrage kommt er vom Himmel wieder auf die Erde herunter: »Unsere Entwicklung kann ich Ihnen ganz plastisch schildern. Als ich vor 25 Jahren anfing, Taxi zu fahren, war das erste Auto ein sowjetischer Pobjeda 20. Es folgten ein Polski Fiat, ein japanischer Nissan, ein chinesischer Xiali, ein koreanischer Lantra und jetzt der VW-Santana. Der Lantra gefiel mir am besten.« Durchaus für eine erwähnenswerte Errungenschaft hält er auch, daß seine Tochter italienisch studiert und daß alle Kinder bis zur neunten Klasse kostenlos die Schule besuchen können.

Was er von der staatlich verordneten Ein-Kind-Ehe hält? Man habe sich darauf eingestellt. Wer will oder kann schon 20000 Euro Strafe für ein Kind mehr zahlen? Außerdem habe diese Verordnung ja dazu beigetragen, daß China heute im Weltmaßstab da steht, wo es steht. Seine Frau arbeite mit, in einem Textilbetrieb. Sein Einkommen von 400 bis 500 Euro im Monat reiche nicht aus. Sie hätten genau gerechnet: 27 Jahre müßten sie sparen, um sich eine kleine Eigentumswohnung kaufen zu können. Das wäre dann persönlich ihre größte Errungenschaft. Pieter erwähnt dann noch als Beispiele für sozialen Fortschritt die Alphabetenrate von 91 Prozent und die durchschnittliche Lebenserwartung von fast 74 Jahren.

So mit Informationen gefüttert, entschließen wir uns nun zum Abschied unserer Tour zum gemeinsamen Verspeisen einer delikaten »Peking-Ente«. Dazu gehört natürlich das weltbekannte »Tsingtao«-Bier. Pieter prostet uns mit einem fröhlichen »Ganbei« zu und erinnert uns nach einigen Gläsern daran, daß »Chinesen alles essen, was vier Beine hat und was fliegt – außer Tische und Flugzeuge«. Wir prosten zurück: »Ganbei auf 60 Jahre Volksrepublik!«

* Aus: junge Welt, 6. Februar 2010 (Wochenendbeilage)


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