Streik in den Anden

Chilenische Arbeiter legen weltgrößte Kupfermine von Chuquicamata lahm. Präsidentin Bachelet: Arbeitskampf schadet dem Land

Von Johannes Schulten *

In Chile zeichnet sich einer der größten Arbeitskonflikte der vergangenen Jahre ab. Pünktlich zum Schichtbeginn um fünf Uhr morgens legten am Montag etwa 5000 Arbeiter der auf fast 3000 Meter Höhe gelegen weltgrößten Kupfermine in Chuquicamata ihre Arbeit nieder. Nach knapp einmonatigen Verhandlungen hatten sich am Freitag von 5600 Abstimmungsberechtigten 51 Prozent für den Ausstand ausgesprochen. Damit lehnten sie das letzte Angebot des staatlichen Minengesellschaft Codelco ab, die Gehälter nur um 3,8 Prozent zu erhöhen. Gefordert waren 7,5 Prozent sowie Bonuszahlungen in Höhe von 14 Millionen Pesos (28000 Dollar) pro Person. Die Unternehmensleitung hatte »allerhöchstens« 28600 Pesos (22700 US-Dollar) zugestanden.

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Erfolg für Chiles Kupferarbeiter: 24000 Dollar pro Beschäftigten

Der Ausstand chilenischer Kumpel endete erfolgreich. Nach einem zweitägigen Streik wurde die Arbeit in der weltweit größten Kupfermine in Chuquicamata im Norden Chiles (Foto) am frühen Mittwoch morgen wieder aufgenommen. Nach einer achtstündigen Diskussion hatten 68,5 Prozent der Beschäftigten dem letzten Angebot des Staatskonzerns Codelco zugestimmt. Neben einer Lohnerhöhung von vier Prozent erhalten 5600 Arbeiter einmalig Bonuszahlungen in Höhe von mehr als zwölf Millionen Peso (24000 Dollar) pro Person. Ursprünglich hatte das Unternehmen nur 3,8 Prozent und elf Millionen Peso (23000 Dollar) zugestanden. Der neue Tarifvertrag hat eine Laufzeit von 38 Monaten. Die Kumpel hatten den Streik am Montag begonnen und ein Gehaltsplus von 7,5 Prozent sowie 14 Millionen Peso (28000 Dollar) Extravergütungen gefordert. Die Gewerkschaften begründeten ihr Anliegen mit den derzeit hohen Weltmarktpreisen für Kupfer. (PL/AFP/jW)

Aus: junge Welt, 7. Januar 2010



Der Arbeitskampf bei Codelco in den Anden ist ein nationales Politikum. Das gilt besonders knapp zwei Wochen vor den Wahlen. Mit einem Anteil von elf Prozent an der globalen Kupferproduktion erwirtschaftet der Staatskonzern 15 Prozent der chilenischen Staatseinnahmen und ist der wichtigste Wirtschaftsfaktor des Landes. So verwunderte es auch nicht, daß sich Präsidentin Michelle Bachelette von der Sozialistischen Partei nur wenige Stunden nach Streikbeginn per Radiobotschaft an die Bevölkerung wandte. Sie bedaure die festgefahrene Situation. Alle Beteiligten sollten möglichst bald zu einem Ergebnis kommen, appellierte sie. Gleichzeitig unterstrich die Präsidentin, daß der Streik »schlecht für Chile« sei.

Mit weniger Zurückhaltung äußerte sich Innenminister Edmundo Pérez Yoma. Er verurteilte den Arbeitskampf der Kumpel als »unverständlich und unsolidarisch gegenüber den übrigen Arbeitern im Land«. In dieselbe Richtung gingen auch die Stellungnahmen der Unternehmensleitung. Die »überhöhten« Forderungen seien »ethisch« untragbar, jeder Streiktag führe zu einem Ausfall von acht Millionen US-Dollar, hieß es in einer Stellungnahme.

Die Gewerkschaften dagegen rechtfertigten ihr Anliegen mit den enorm steigenden Weltmarktpreisen. Am Montag wurde das Kupfer mit 7500 Dollar (knapp 5200 Euro) pro Tonne gehandelt und erreichte damit den höchsten Stand seit 16 Monaten. Auch die geforderten Bonuszahlungen seien keinesfalls zu hoch, sondern orientierten sich an den Summen, die etwa der australische Konzern BHP Billiton den Beschäftigten der chilenischen Mine La Escondida zahle, so ein Gewerkschaftsvertreter.

Der Staatskonzern Codelco genießt in Chile immer noch den Mythos eines nationalen Schatzes. 1971 aus der Sozialisierung der Kupferindustrie durch die Volksfrontregierung von Präsident Salvador Allende hervorgegangen, ist es das einzige Staatsunternehmen, das den Privatisierungswahn der Pinochet-Ära (1973–1990) überstanden hat. Die Erlöse fließen großenteils in das Sozialsystem des Landes. Gleichwohl ist die während der Diktatur vollzogene Öffnung Chiles zum internationalen Kapital nicht spurlos an Codelco vorbeigegangen. Weite Teile der Unternehmensgeschäfte wurden an private Subunternehmen ausgelagert. Von den insgesamt etwa 8000 Beschäftigten in Chuquicamata ist die Hälfte bei Drittfirmen angestellt.

Die einst legendäre Einheitsgewerkschaft wurde unter Pinochet gespalten und in fünf Teile zerlegt. Drei davon beteiligen sich am Streik. Trotzdem gehört die Kupferindustrie immer noch zu den Bastionen der Gewerkschaftsbewegung. Der Organisationsgrad liegt bei fast hundert Prozent. Ein Grund dafür: Wer kein Mitglied ist, bekommt nur 85 Prozent des Lohnes ausgezahlt.

Am Montag abend (4. Jan.) wurde bekannt, daß das Unternehmen ein neues Angebot vorgelegt habe. Darüber solle am Dienstag (Ortszeit, nach jW-Redaktionsschluß) verhandelt werden. Auch wenn die Gewerkschaften einem Abschluß zustimmen sollten, sind für die nächste Zeit neue Arbeitskämpfe im Gespräch. Grund dafür ist das Programm des rechten Präsidentschaftskandidaten: Sebastián Piñera, der im ersten Wahlgang mit 44 Prozent die absolute Mehrheit verfehlt hatte, kündigte für den Fall seines Siegs am 17. Januar an, Codelco zu privatisieren.

* Aus: junge Welt, 6. Januar 2010


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