Polizei räumt Schüsse ein

Bei Generalstreik in Chile getöteter Jugendlicher wurde Opfer der Carabineros

Von Santiago Baez *

Die Eltern des in der vergangenen Woche während des Generalstreiks in Chile von den paramilitärischen Carabineros erschossenen Jugendlichen haben am Dienstag (30. Aug.) Klage gegen die uniformierten Täter eingereicht. Zuvor hatte die Polizei nach tagelangem Leugnen eingeräumt, daß die Beamten am vergangenen Freitag (26. Aug.) das Feuer auf den 16jährigen Manuel Gutiérrez Reinoso eröffnet hatten. Der mutmaßliche Täter, Unteroffizier Miguel Millacura, war am Montag (Ortszeit) festgenommen worden, nachdem eine ballistische Untersuchung der tödlichen Kugel ergeben hatte, daß diese aus der Maschinenpistole des Beamten stammte. Etliche seiner Kollegen wurden zunächst vom Dienst suspendiert, weil sie Millacura gedeckt haben sollen.

Bei dem Täter handelt es sich Berichten chilenischer Medien zufolge um einen erfahrenen Polizisten, der seit 18 Jahren im Dienst sei. Nach den tödlichen Schüssen habe dieser seine Waffe gereinigt und die abgefeuerten zwei Kugeln nachgefüllt, um von seiner Verantwortung abzulenken. Der für das Gebiet um die Hauptstadt Santiago de Chile zuständige Carabinero-General José Luis Ortega erklärte gegenüber Journalisten, der mutmaßliche Todesschütze sei auf eigene Initiative in das Viertel gekommen, um seine dort eingesetzten Kollegen zu unterstützen. Dabei habe er festgestellt, daß von der anderen Straßenseite aus auf die Beamten gefeuert wurde. Daraufhin habe er Schüsse in die Luft abgegeben, nicht jedoch gezielt auf die Jugendlichen geschossen. Ob die Darstellung des Polizisten zutreffe, müsse im Rahmen der Untersuchungen geklärt werden, unterstrich der General. Sein Stellvertreter, General Sergio Gajardo, hatte am Wochenende noch abgestritten, daß die Carabineros überhaupt Schüsse abgegeben hätten. Die chilenische Regierung hat den Offizier deshalb aufgefordert, von seinem Posten zurückzutreten. Staatschef Sebastián Piñera forderte eine vollständige Aufklärung der tragischen Ereignisse.

Der Jugendliche wurde am Sonntag (28. Aug.) in einem Vorort von Santiago beigesetzt. Hunderte Menschen nahmen an der Zeremonie teil und forderten dabei eine Bestrafung der Schuldigen. Der Vorsitzende der Menschenrechtskommission im chilenischen Abgeordnetenhaus, Sergio Ojeda, wies Piñera eine Mitverantwortung zu. Die Tragödie sei eine Folge des »Blankoschecks«, den die Carabineros von der Regierung zur Unterdrückung der Proteste erhalten hätten. »Bei dem Ausmaß von Repression und Gewalt, mit dem die Carabineros vorgegangen sind, mußte es früher oder später zu einer tragischen Situation wie dieser kommen«, erklärte der Christdemokrat.

In der vergangenen Woche hatten sich Hunderttausende Menschen im ganzen Land an einem zweitägigen Generalstreik beteiligt, zu dem der Gewerkschaftsbund CUT aufgerufen hatte. Ziel des Ausstands waren eine Volksabstimmung über eine neue Verfassung, eine grundlegende Neugestaltung des chilenischen Bildungssystems sowie der Protest gegen die Privatisierungspolitik der Regierung. Seit Monaten kämpfen besonders die Schüler und Studenten des südamerikanischen Landes gegen die vorherrschenden Strukturen der Schulen und Hochschulen, die noch aus der Zeit der Pinochet-Diktatur stammen.

* Aus: junge Welt, 31. August 2011


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