Aufruhr und Gewalt auf der Osterinsel

Indigene beklagen Landraub durch Chilenen

Von Thomas Berger *

Unruhen auf der Osterinsel: Die Ureinwohner fordern die Rückgabe von Ländereien, die ihren Vorfahren gehörten und sich nun im Besitz von Chilenen befinden.

Gewaltsam gingen Sicherheitskräfte Anfang des Monats gegen eine Gruppe von Protestierenden vor, die ein Grundstück besetzt hatten. Die Uniformierten feuerten mit Tränengas und Gummigeschossen auf die Menge. Auch Leviante Araki, Präsident des Inselparlaments, war unter den mehr als zwei Dutzend Verletzten. Nach vorangegangenen Auseinandersetzungen im August und September waren Militär und Polizei auf der Insel bereits verstärkt worden.

Nur noch knapp die Hälfte der rund 4000 Insulaner sind Einheimische. Sie sehen ihre Kultur und ihren angestammten Besitz in Gefahr, wenn sich im Zuge der »touristischen Erschließung« immer mehr Chilenen vom Festland auf der Insel festsetzen. Im September besetzten die Rapanui, wie sie genannt werden, deshalb mehrere Anlagen, die nach ihrer Ansicht auf »geraubtem Land« errichtet wurden. Sie klagen darüber, dass Chiles Regierungen, die nach der Rückkehr zur Demokratie durchaus verschiedene Indigenen-Rechte in Gesetzesform gegossen haben, einen Dialog verweigern.

Geht es nach den radikalsten Kritikern auf der Insel, steht sogar die staatliche Zugehörigkeit in Frage. 1888 hatte Chile das 3500 Kilometer vor seiner Küste liegende Eiland annektiert. Basis war ein Vertrag, den chilenische Vertreter seinerzeit mit dem einheimischen Häuptlingsrat schlossen. Jüngere Untersuchungen haben gezeigt, dass die spanische und die in der Sprache der Inselbewohner verfasste Variante des Papiers voneinander abweichen. Ist in der einen vom Beitritt zum chilenischen Staat die Rede, unterschrieben die Häuptlinge in ihrer Fassung lediglich einen vagen Ausspruch von »Freundschaft« und gewisser Verbundenheit.

Zuvor schon hatten peruanische Sklavenhändler etliche Insulaner verschleppt, später war die Insel von einem Franzosen in eine riesige Schaffarm verwandelt worden. 1966 hatten sich die Indigenen zumindest erstritten, dass Auswärtige kein Land mehr erwerben dürfen, doch war dies schon 13 Jahre später unter der Pinochet-Diktatur wieder Makulatur. Und als der Tourismus das Eiland entdeckte, begann der Ausverkauf.

Verwaltungstechnisch gehört die Osterinsel zur Festlandregion um die Großstadt Valparaiso. Kulturhistorisch verbindet die Rapanui aber nichts mit dem chilenischen Festland. Sie sind Nachkommen polynesischer Seefahrer, die vor 1400 bis 2000 Jahren aus dem Westen kamen und auf der Insel eine frühe Hochkultur aufbauten, deren bedeutendste Überreste die riesigen Steinfiguren (Moai) sind, die von der UNESCO zum Weltkulturerbe erhoben wurden. Nach wie vor fühlen sich die Indigenen weitaus mehr mit ihren Verwandten im Südwestpazifik verbunden als mit den Vertretern der von den Spaniern abstammenden Oberschicht in Chile, die mit der Ausbeutung der Kulturschätze Profite machen wollen. Während einerseits immer mehr Hotels entstehen, klagen die Insulaner unter anderem über ein mangelhaftes Gesundheitswesen.

* Aus: Neues Deutschland, 14. Dezember 2010


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