Stabilität durch Kupfer & Co

Heute wird Chile Mitglied der Wirtschaftsorganisation OECD

Von Jürgen Vogt *

Kurz vor dem Ende ihrer Amtszeit erlebt die chilenische Präsidentin Michelle Bachelet noch eine große internationale Anerkennung. In den Geschichtsbüchern wird einmal stehen: Unter Präsidentin Bachelet wurde Chile in die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aufgenommen.

Am Montag (11. Jan.) ist es soweit. Nach zwei Jahren Verhandlungen wird die Aufnahme Chiles in die OECD als 31. Mitglied in der Hauptsstadt Santiago vollzogen. Neben Mexiko ist der Andenstaat mit seinen 16,5 Millionen Einwohnern dann das zweite lateinamerikanische Land, das der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung angehört, und das erste in Südamerika überhaupt.

Ein Ziel der 1961 gegründeten und aus dem Marschall-Plan hervorgegangenen Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ist es, Demokratie und Marktwirtschaft sowie den Welthandel zu fördern. Und da kann sich Chile sehen lassen. Die Marktwirtschaft und -öffnung wurde 1973 mit Beginn der Herrschaft von General Augusto Pinochet diktatorisch eingeführt. Seit 1990 führt das seit nunmehr fast 20 Jahren regierende Mitte-Links-Bündnis aus Christ- und Sozialdemokraten und Sozialisten das Modell unter stabilen demokratischen Vorzeichen nahezu unverändert fort. Zudem hat Chile heute mit 56 Staaten Freihandelabkommen, weit mehr als jeder Nachbarnstaat in der Region. Zwar könnte bei der Stichwahl um das Präsidentenamt am 17. Januar das Mitte-Links-Bündnis Concertación die Macht verlieren und die rechte Opposition wieder an die Regierung kommen. Aber eine Krisenstimmung - wie in anderen Ländern der Region bei solchen Wechseln üblich - ist in Chile nicht zu spüren.

Doch nach Jahren eines stetigen Wirtschaftswachstums von teilweise über fünf Prozent, ist das Bruttoinlandsprodukt nach den Angaben der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) im vergangenen Jahr um 1,8 Prozent geschrumpft. Die internationale Finanzkrise und der mit ihr einhergehende Absturz der Weltmarktpreise für Rohstoffe hatten die Achillesferse der chilenischen Wirtschaft bloß gelegt. Das ökonomische Wohlergehen hängt von den Erlösen aus den Rohstoffexporten ab. Nach Expertenschätzungen stammen sieben von zehn Dollar aus den Exporterlösen von Rohstoffen. Kupfer, Wein, Obst, Lachs, Holz und Zellulose tragen heute auf dem Weltmarkt oftmals das Zeichen »Hergestellt in Chile«.

Chile ist der weltweit größte Lieferant von Kupfer. Als 2008 der Kupferpreis von 8400 US-Dollar pro Tonne im Juli auf 2850 pro Tonne im Dezember 2008 zerbröselte, bekam auch Chile die Auswirkungen der Finanzkrise deutlich zu spüren. Dazu gesellte sich die Lachslaus, die viele Zuchtlachsfarmen in den Ruin trieb. Die große Sympathie der Bevölkerung für Präsidentin Michelle Bachelet stammt denn auch vorwiegend aus der Zeit des Krisenmanagements. Da ihr Finanzminister mit den Einnahmen aus den vorangegangenen fetten Jahren sparsam umgegangen war, konnte die Präsidentin mit den aufgelegten Konjunkturprogrammen erfolgreich gegensteuern. Heute sind die Wirtschaftsaussichten bei einem Kupferpreis von über 7000 US-Dollar pro Tonne wieder beruhigender. Doch was geschieht, wenn die Rohstoffvorkommen zu Ende gehen?

Auch bei der Bekämpfung der Armut gibt sich die Regierung selbstbewusst. Nach ihren Angaben ist die Armut in den letzten zehn Jahren erheblich gesunken. Dennoch, die Schere zwischen Arm und Reich hat sich weiter geöffnet. Chile liegt hinter Brasilien an zweiter Stelle der Ungleichverteilung des Einkommens in Südamerika. Noch immer ist die soziale Grenze zwischen oben und unten mit dem Messer gezogen und wenn, dann nur nach unten durchlässig. Auch 20 Jahre nach der Beendigung der Pinochet-Diktatur herrscht in Chile noch immer soziale Immobilität.

* Aus: Neues Deutschland, 11. Januar 2010


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