Chile jubelt

Nach der Befreiung der 33 Bergleute wird der Ruf nach Konsequenzen laut. Proteste gegen Minenbetreiber San Esteban Primera

Von André Scheer *

Chiles Präsident Sebastián Piñera stimmte die Nationalhymne an, 33 Luftballons in den Farben des südamerikanischen Landes stiegen in den Himmel über der Atacama-Wüste. In den Städten wurde das »Wunder« mit Autokorsos und Hupkonzerten gefeiert. Am späten Mittwochabend (13. Okt.) erreichte der letzte der 33 seit 70 Tagen verschütteten Bergleute die Erdoberfläche und wurde wie seine zuvor befreiten Kollegen von Angehörigen, Hilfskräften und Schaulustigen begeistert begrüßt. Luis Urzúa, der am 5. August als Schichtleiter in den Schacht eingefahren war und das Gefängnis in 700 Metern Tiefe als Letzter verließ, stellte sich gemeinsam mit dem Staatschef den Pressevertretern aus aller Welt. Nachdem er Piñera symbolisch seinen Posten übergeben und den zahlreichen Helfern für die Befreiung gedankt hatte, forderte er den Staatschef zu Konsequenzen auf. Ein solches Ereignis dürfe sich niemals wiederholen, forderte Urzúa: »Ich bin stolz darauf, was für uns getan wurde, aber ich hoffe, daß so etwas nie wieder passiert.« Der 54jährige ist seit 31 Jahren Bergmann. Sein Vater gehört zu den »Verschwundenen«, die während der Pinochet-Diktatur verschleppt und ermordet wurden. In den über zwei Monaten in Gefangenschaft wurde Urzúa zur Führungsfigur der Eingeschlossenen, hielt die Gruppe in allen Situationen zusammen und schaffte es trotz unvermeidlicher Konflikte, immer wieder für Ruhe und Zusammenhalt unter den Leidensgefährten zu sorgen.

Während die Bergungsarbeiten schneller als erwartet fortgeführt wurden und die Geretteten zu einer ersten ärztlichen Untersuchung in das Krankenhaus von Copiapó gebracht wurden, demonstrierten ihre Kollegen erneut außerhalb des um das Bergwerk errichtete Lager gegen das Betreiberunternehmen San Esteban Primera. Noch immer haben die Besitzer der Unglücksmine den Kumpeln, die sich bei der Katastrophe aus dem Stollen hatten retten können, die Gehälter und Prämien für die zwei vergangenen Monate nicht vollständig ausgezahlt, nur das Septembergehalt wurde einigen der Bergleute überwiesen. Der Regionalvorsitzende des Gewerkschaftsbundes CUT, Javier Castillo, forderte auf der Kundgebung außerdem, daß sich das Unternehmen um eine Ausbildung der jungen Bergleute für andere Tätigkeiten kümmern müsse, während den älteren Beschäftigten der Ruhestand gewährt werden sollte. Der Parlamentsabgeordnete Lautaro Carmona, der seit 2009 den Bergwerksbezirk Chañaral, Copiapó und Diego de Almagro im chilenischen Abgeordnetenhaus vertritt, forderte bei der Demonstration Staatspräsident Piñera auf, seinem Wort Taten folgen zu lassen, daß Chile nach der Heldentat der Arbeiter und Rettungskräfte nicht mehr dasselbe sei. Auch die Arbeitswelt dürfe nicht mehr die- selbe sein. Deshalb habe er im Parlament beantragt, daß Chile endlich die bereits 1995 unterzeichnete Konvention 176 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) über Sicherheit und Gesundheitsversorgung im Bergbau übernimmt. »Unser Land ist praktisch das einzige des Kontinents, das diese nicht ratifiziert hat, obwohl wir ein Bergbauland sind, dessen wichtigste Einnahmen aus der Förderung der Bodenschätze stammen«, erklärte Carmona, der auch Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chiles ist.

In Madrid würdigte der internationale Vertreter der Mapuche-Partei Wallmapuwen, Héctor Cumilaf, die Leistungen der Retter, bedauerte aber, daß besonders das chilenische Fernsehen die Tragödie der Bergleute zu einer »Reality Show« gemacht und zugleich kein Wort über die Lage der Kumpel verloren habe, die nicht in der Mine gefangen waren.

Die Kosten der Rettungsaktion bezifferte Piñera auf zwischen 10 und 20 Millionen Dollar (sieben bis 14 Millionen Euro). Die Ausgaben seien zu zwei Dritteln vom Staat übernommen worden; der Rest sei über Spenden finanziert worden, so der Staatschef. Die Tageszeitung La Tercera informierte, daß mehrere private Bergbauunternehmen zusammen etwa fünf Millionen Dollar beigetragen hätten, die Betreiber der Unglücksmine gehörten jedoch nicht dazu.

* Aus: junge Welt, 15. Oktober 2010


Mision cumplida – Mission erfüllt

Glücklicher Ausgang des Dramas in der chilenischen Mine San José

Von Jürgen Vogt, Buenos Aires **


Das »Wunder von Chile« ist vollbracht. Am Mittwochabend 21.55 Uhr Ortszeit (13. Okt.) – in Mitteleuropa war bereits der Donnerstag (14. Okt.) angebrochen – stieg der 54-jährige Schichtleiter Luis Alberto Urzúa Iribarren als letzter der 33 Bergleute aus der Rettungskapsel »Phönix 2«. Die noch im Schacht verbliebenen Retter hielten ein Schild in die Kamera in der Tiefe. Darauf stand »Mision cumplida. Chile.« (Mission erfüllt. Chile).

Luis Urzúa Iribarren, 54 Jahre alt, ist Bergmann seit mehr als 30 Jahren. Er war Schichtleiter der »mineros«, als der Stollen am 5. August einstürzte. Ihm oblag es, die Überlebenschancen seiner Männer zu wahren. Urzúa erkundete zusammen mit einigen Kumpeln die Lage, zeichnete Orientierungskarten für die Stollen und Gänge der Gold- und Kupfermine, stellte Stundenpläne für die Verschütteten auf und rationierte die Lebensmittelvorräte: für jeden zwei Löffel Thunfisch und ein halbes Glas Milch – das aber nur alle zwei Tage, bis nach quälenden 17 Tagen die erste Rettungsbohrung zu den Eingeschlossenen vordrang.

Als der regelmäßige Kontakt zur Außenwelt hergestellt war, tat der Vater zweier erwachsener Kinder die Hoffnung seiner Kumpel kund: »Unter einem Meer von Felsen hoffen wir, dass sich ganz Chile anstrengt, um uns aus dieser Hölle rauszuholen.« Als es endlich so weit war, fuhr Luis Urzúa natürlich als letzter nach oben.

Jubelstürme über ganz Chile

Genau 22 Stunden und 39 Minuten nach ihrem Beginn war die Bergung der 33 Bergleute aus mehr als 600 Meter Tiefe vollbracht. Es war einer der in diesen Stunden zahllosen bewegenden Momente, als sich Urzúa und Chiles Präsident Sebastian Piñera in die Augen schauten. »Herr Präsident, ich übergebe Ihnen die Schicht und hoffe, dass so ein Unglück niemals wieder geschehen wird«, sagte der Bergmann, dem ein wesentliches Verdienst daran zuzusprechen ist, dass die Kumpel in den 69 Tagen in der »Hölle« so diszipliniert zusammengehalten hatten. »Die Tage, die wir so hart gekämpft haben, waren nicht umsonst«, sagte Urzúa.

Piñera hielt noch am Schacht eine pathetische Dankesrede an die Bergleute, die Rettungskräfte und die Nation. Chile sei nicht mehr das gleiche Land wie vor 69 Tagen, sagte er, das Land sei geeinter und stärker und werde in Welt mehr respektiert und geschätzt. Die Bergleute hätten ein leuchtendes Beispiel an Mut, Loyalität und Kameradschaft gezeigt. »Es lebe Chile!«, rief er und stimmte gemeinsam mit Urzúa die Nationalhymne an. Über dem Zeltdorf »Campo Esperanza« stiegen 33 Luftballons in den Nationalfarben Rot, Weiß und Blau in den Himmel.

Aber nicht nur dort, sondern im ganzen Land brach ein Freudentaumel los. In der 200 000 Einwohner zählenden Stadt Copiapó, knapp 45 Kilometer von der Mine entfernt, herrschte Karnevalsstimmung. Landauf, landab feierten tausende Menschen auf den Straßen der Städte. In der Hauptstadt Santiago versammelten sich die Menschen auf der Plaza Italia.

Die sechs noch unter Tage verbliebenen Rettungskräfte hielten wenige Minuten nach der Bergung des letzten Kumpels ein Schild in die Kamera. »Mision cumplida. Chile« (Mission erfüllt. Chile), war darauf zu lesen. Die Sechs waren nach und nach zur Unterstützung der Bergleute in die Tiefe hinabgelassen worden. Der letzte von ihnen, Manuel Gonzalez, wurde kurz nach Mitternacht, 00.32 Uhr Ortszeit (05.32 Uhr MESZ), mit der »Phönix 2« aus dem Schacht gezogen.

Die Bergungsaktion war weitaus schneller als angekündigt beendet, da sich die Rettungskapsel viel weniger im Schacht gedreht hatte, als das zunächst angenommen worden war. Das ermöglichte schnellere Auf- und Abfahrten. Zeitweise betrugen die Abstände, in denen die Verschütteten aus der Kapsel stiegen, nur 25 Minuten.

Piñera bezifferte die Kosten der Rettungsaktion auf 10 bis 20 Millionen Dollar (7 bis 14 Millionen Euro) Ein Drittel könne durch private Spenden abgedeckt werden, zwei Drittel übernähmen der Staat und die staatliche Kupfergesellschaft Codelco, erklärte der Präsident. Die Regierung hatte wiederholt versichert, Geld spiele bei der Bergungsaktion keine Rolle.

Die Mine hätte nicht in Betrieb sein dürfen

Am Ende kündigte der Staatschef abermals an, dass die Verantwortlichen des Unglücks zur Rechenschaft gezogen werden. »Vom ersten Tag an haben wir gesagt, dass dies nicht unbestraft bleiben wird.« Allen Chilenen und der Regierung sei eine große Lektion erteilt worden, die Sicherheit müsse nicht nur in den Bergwerken, sondern in allen Arbeitsbereichen verbessert werden. »Ich hoffe, dass ich schon in wenigen Tagen einen neue Vereinbarung mit den chilenischen Arbeiterinnen und Arbeitern verkünden kann.«

Die Familie des Bergmanns Raúl Bustos hatte noch vor der Bergung eine Anzeige gegen die Eigentümer der Mine, Marcelo Kemeny und Alejandro Bohn, erstattet. Ebenso wie gegen Patricio Leiva, den ehemaligen Angestellten der staatlichen Minenbehörde Sernageomin, der die offizielle Genehmigung für die Wiederinbetriebnahme der Mine San José erteilt hatte. Der Betrieb der Mine war wegen Unfällen und Sicherheitsmängeln wiederholt eingestellt worden.

Die Familie Bustos will vom Gericht die Vermögenswerte der drei Beschuldigten feststellen lassen, damit die Betroffenen auf dieser Basis Schadensersatzklagen einreichen können. »Wir wollen, dass nicht der Mantel des Schweigens über die ausgebreitet wird, die persönlich für diese Tragödie verantwortlich sind«, hatte ihr Rechtsanwalt Remberto Valdés erklärt. Deshalb soll auch Einsicht in die Unterlagen und Dokumente erwirkt werden, auf deren Grundlage die Aufsichtsbehörde die Betriebsgenehmigung erteilt hatte.

»Es war die schlimmste Mine, in der ich gearbeitet habe«, berichtete Gino Cortés. Er hatte schon Anfang Juli bei einem Unfall in der Mine San José einen Teil seines linken Beines verloren. 18 Monate hatte er bis dahin für das Unternehmen gearbeitet. Die meisten der 33 geretteten Bergleute kennt er persönlich. »Hätte es eine ordnungsgemäße Überprüfung gegeben, hätte die Mine gar nicht in Betrieb sein dürfen«, ist Cortés überzeugt.

Dort, wo ihm der Felsbrocken auf das Bein gefallen war, hätte die Stollenwand verstärkt sein müssen. »Aber das war sie nicht«, beklagt Gino Cortés. Nach seinem Unfall habe weder die Regierung etwas für ihn unternommen, noch hätten sich die Eigentümer der Mine mit ihm in Verbindung gesetzt. Jetzt muss der 40-Jährige mit einer kleinen Invalidenrente seine fünfköpfige Familie ernähren. Vor Gericht will er um eine Entschädigung streiten.

Wir brauchen nicht erst Tragödien, damit wir uns füreinander interessieren. Bildlich gesprochen möchte ich sagen, dass es noch viele Menschen in vielen Teilen der Welt gibt, die verschüttet sind, und die wir nicht sehen. Und wir könnten ihnen helfen, wenn wir eine Ethik hätten, wie sie die Welt gegenüber den paar chilenischen Bergleuten entfaltet hat. Dies ist die erste Lektion: Dass die Solidarität lebt, und dass sie nicht so dramatische Momente bräuchte, um sich zu zeigen.
Der chilenische Schriftsteller Antonio Skármeta in einem dpa-Gespräch

Schlagzeilen

  • »Gott ist ein Kumpel« (Berliner Kurier)
  • »Ein bisschen wie die Mondlandung« (Wiesbadener Kurier)
  • »Viva Chile!« (Frankfurter Neue Presse)
  • »Schichtende in San José« (Berliner Morgenpost)
  • »Zurück im Leben« (Frankfurter Rundschau)
  • »Held der Tiefe« (Wiesbadener Tagblatt)
  • »Aus dem Berg gerettet: Tageslicht nach 70 Nächten« (die tageszeitung)
  • »Die Welt umarmt Euch« (B.Z.)
  • »Frei!« (Abendzeitung, München)
  • »Das Wunder« (tz, München)
  • »Gott hat gewonnen« (Die Welt)
  • »Die Welt umarmt die Kumpel« (Hamburger Abendblatt)
  • »Die Welt freut sich mit Chile« (Berliner Zeitung)
  • »Die Welt jubelt mit Chile« (Münchner Merkur)
  • »Welt bejubelt Wunder von San José« (Süddeutsche Zeitung)
  • »Jubel in Chile über gerettete Bergleute« (Frankfurter Allgemeine Zeitung)


** Aus: Neues Deutschland, 15. Oktober 2010


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