Der Kampf um den Wald

Indigene Mapuche-Gruppen wollen ihre angestammten Territorien zurückgewinnen *


39 Aktivisten der Mapuche-Indígenas aus Chile müssen sich in Gerichtsverfahren verantworten, die nach der umstrittenen Antiterrorgesetzgebung geführt werden. Ihnen drohen extrem lange Haftstrafen. Juan Guzmán Tapia (71), der sich als Untersuchungsrichter gegen Pinochet und gegen die Colonia Dignidad in den 90er Jahren einen Namen machte, verteidigt im derzeit umfangreichsten Antiterror-Verfahren in Canete Hector Llaitul Carrillanca, den Anführer der kämpferischsten Mapuche-Organisation CAM. Mit Guzmán sprach für das "Neue Deutschland" (ND) Tom Mustroph.

ND: Der chilenische Staat ist in einem unerklärten Bürgerkrieg mit den Mapuche gefangen, seit nach Ende der Pinochet-Diktatur (1973-1989) Mapuche-Gruppen den Kampf um die Rückgewinnung ihrer angestammten Territorien und die Durchsetzung ihrer Interessen gegenüber transnationalen Forst- und Energiekonzernen aufgenommen haben. Wie berechtigt sind diese Forderungen?

Guzmán Tapia: Sie haben einen Vertrag mit dem spanischen König von 1641 auf ihrer Seite. Er wurde bis zur chilenischen Unabhängigkeit vor 200 Jahren respektiert. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Land kolonisiert. Zwischen 1860 und 1885 führten die chilenische und die argentinische Armee Feldzüge gegen die Mapuche. Die sogenannte »Befriedung Araukaniens« war der schlimmste Völkermord in der Geschichte Chiles. Im letzten Jahrhundert setzten Militärregime die Kolonisierung fort, indem sie Land und Gewässer an Forst- und Energiekonzerne vergaben. Erst mit Rückkehr der Demokratie begannen die Regierungen der Concertación mit der Rückgabe des Landes.

In welchem Umfang wird Land zurückübertragen?

Es geht um etwa 50 000 bis 100 000 Hektar. Aber das reicht angesichts der Forderung nicht aus. Man muss ergänzen: Den Mapuche-Aktivisten geht es nicht nur um das Land, sondern auch um die Wiederherstellung von Identität, Kultur, Sprache und Biosystem. Die Beziehung zu ihrem Land weist ihnen zudem einen spirituellen Platz zu, sie regelt ihr Verhältnis mit dem Universum. Im Kampf um ihr Land werden sie außerdem zu Garanten dafür, dass der Wald erhalten und die Flüsse sauber bleiben. Das ist ein unschätzbarer Wert.

Diesen Wert müsste die chilenische Regierung doch anerkennen. Wieso macht sie dies nicht?

Die Regierungen der Concertación räumen leider Wirtschaftsinteressen die höhere Priorität ein und und schützen deswegen die Investoren. Sie sehen die Mapuche als einen Grundärger an und gehen mit allen Mittel gegen sie vor. Die Polizei führt Razzien in gepanzerten Fahrzeugen in den Siedlungen durch. Sie provoziert mit Gummigeschossen. Wenn die Mapuche sich dann wehren, werden sie eingesperrt und Prozesse gegen sie organisiert, die rechtlichen Normen nicht standhalten.

Aber auch die Mapuche bleiben nicht immer auf dem Boden des Gesetzes, oder?

Sie sind in ihren Protesten nicht immer friedfertig, das stimmt. Sie behindern die Leute von der Industrie mit Barrikaden und Blockaden bei deren Arbeit. Sie besetzen auch Betriebe und zerstören teilweise Maschinen und brennen Häuser und Schuppen nieder. Aber nicht alle Schäden, die den Indigenas zugeschrieben werden, wurden auch von diesen verursacht. Manchmal haben die Besitzer selbst die Brände gelegt. Der größte Skandal aber ist, dass die demokratischen Regierungen die Antiterrorgesetzgebung aus der Zeit Pinochets anwenden, die Verfahren vor Militärgerichten einschließt, und Staatsanwälte immer wieder Fälle erfinden und Kronzeugen manipulieren.

Können Sie Beispiele für diese Manipulationen nennen?

Ich bin kürzlich auf einen Plan gestoßen, wie eine ganze Gruppe von Indigenas ins Gefängnis gebracht werden sollte. Eine Gruppe von Kronzeugen, Polizisten, aber auch andere Indigenas, wollte aus 2,5 Kilometer Entfernung über einen See hinweg gesehen haben, wie eine vermummte Gruppe von einem Ältesten der Mapuche, der in einem blauen Anzug gekleidet war, angeführt wurde, um einige Häuser abzubrennen. Sie sagten alle aus, dass die Gruppe genau 40 Mann umfasste und exakt um 10.30 Uhr losmarschierte. Als ich die Zeugen im Kreuzverhör befragte, bat ich sie, mir mit den Händen zu zeigen, wie lang ein Meter sei. Bei einem maß ein Meter ungefähr 30 Zentimeter, bei einem anderen zwei Meter. Die Länge des Gerichtssaales – circa acht Meter – schätzten einige auf 25 Meter, andere auf zehn. Als ich sie danach fragte, wie sie zu der exakten Uhrzeit kämen, gaben alle an, sie hätten in genau diesem Moment auf die Uhr geblickt. Dem Richter blieb danach nichts anderes übrig, als den Fall niederzuschlagen.

Wie viele der Verfahren gegen die Mapuche sind Ihrer Meinung nach manipuliert?

Ich schätze, dass in der Hälfte der Fälle Leute angeklagt werden, die mit diesen Verbrechen nichts zu tun haben.

Wie könnte der Konflikt zwischen den Mapuche, der chilenischen Regierung und den weißen Siedlern, die seit einigen Generationen auf dem Land der Mapuche leben, gelöst werden?

Zuallererst muss der chilenische Staat mit der Repression aufhören. Dann sollte ein Verfahren gemäß internationalen Normen eingeführt werden. Wir müssen erfahren, was die Mapuche wollen. Wir müssen bereit sein, ein Maximum abzugeben, und sie müssen uns so weit entgegenkommen, wie sie können. Wir brauchen dazu eine Art Mediation. Die Mehrheit wird akzeptieren, was die Regierung ihnen gibt. Auch mit der CAM kann man verhandeln. Sie wollen Land, nicht einmal unbedingt das gleiche Land wie früher. Und sie wollen Rechte, vor allem das Recht auf Selbstbestimmung. Das ist völlig gerechtfertigt, wenn es auf der Basis der ILO-Konvention 169 geschieht, die Chile 2009 formal anerkannt, aber bislang noch nicht umgesetzt hat.

* Aus: Neues Deutschland, 29. März 2011


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