"Dort ist noch der Schuhabdruck"

Chiles Ureinwohner, die Mapuche, sehen sich staatlicher Repression ausgesetzt. 38 Häftlinge griffen zum Hungerstreik

Von Jürgen Vogt, Temuco *

In Chile haben 28 inhaftierte Mapuche-Indianer am Wochenende ihren Hungerstreik nach 82 Tagen beendet. Regierung und Verhandlungsführer der Indianer einigten sich auf einen Kompromiss. Demnach verzichtet die Regierung auf eine Anklage auf der Grundlage des Antiterrorgesetzes. Einer der 28, Eliseo, stammt aus der Comunidad Mateo Ñirripil - wie auch die anonymen Belastungszeugen. Zehn Mapuche halten weiter am Hungerstreik fest.

»Wir sind Mapuche bis auf die Knochen.« Pedro Ñirripil lacht. Seit 37 Jahren ist er mit Elena Cayupan verheiratet. Kennengelernt haben sie sich in der Comunidad (Gemeinschaft) Mateo Ñirripil. »Hier heißen fast alle Ñirripil oder Cayupan, fast alle sind mit einander verwandt.« Beide sind noch unter 60, haben drei Söhne und vier Enkel.

Einzeln liegen die Häuser über das hügelige Land verstreut. 160 Familien leben in der Comunidad Mateo Ñirripil. Bis zum Ende der Pinochet-Diktatur hatte der chilenische Staat versucht, das noch verbliebene Gemeinschaftsland der Mapuche aufzuteilen und aus den Besitzern Kleinbauern zu machen. In der Comunidad Mateo Ñirripil ist das gelungen. Jede der 160 Familien besitzt einen Hektar Land. Was sie darauf anbauen, dient fast ausschließlich dem Eigenbedarf.

Mit Mannschaftstärke um zwölf Uhr mittags

»Dort ist noch der Schuhabdruck.« Pedro Ñirripil deutet auf die Stelle, an der die Carabineros die Tür eingetreten hat. Am 6. Februar 2009, genau um zwölf Uhr Mittag, waren sie in Mannschaftsstärke angerückt. Bewaffnet bis an die Zähne, umstellten sie erst das Haus und dann wurde es gestürmt. Sie haben alles durchsucht. Sie suchten nach Eliseo, dem jüngsten Sohn. »Alles von ihm haben sie mitgenommen. Seine Wäsche, seine Kleidung, nicht ein Bild von ihm haben sie hier gelassen.« Der Vater holt das Durchsuchungsprotokoll. Alles haben sie fotografiert, Schuhe, Stiefel, Geld alles weg. »Hier, alles säuberlich aufgeschrieben.«

Zur gleichen Zeit wurden die Wohnungen von Eliseos älteren beiden Brüdern in Buin und Santiago durchsucht. Auch dort wurde alles beschlagnahmt, was eventuell dem kleinen Bruder gehören könnte. Und die Handys der beiden Brüder. »Die dachten wohl, Eliseo ruft an.«

Im September 2009 hatte sich die Comunidad gegen eine erneute Durchsuchung gewehrt. Als die Mannschaftswagen und Wasserwerfer anrückten, haben sie mit Steinen und Balken den Zufahrtsweg blockiert. Aber als die vermummten Carabineros in ihren Kampfuniformen ausrückten, »mussten wir davonlaufen«. Wieder suchten sie nach angeblich Verdächtigen, versteckten Waffen und hinterließen nur Zerstörungen.

In Temcuo sitzen acht Mitglieder aus der Mateo Ñirripil im Gefängnis, dazu zwei Jugendliche im nahen Chol Chol, in einem Knast für Minderjährige. Die anonymen Zeugen, die sie belasten, sind alle aus der Comunidad. »Wir wissen sogar, wer sie sind, hier kennt doch jeder jeden. Die werden bezahlt fürs Lügen«, sagt die Mutter. Das sät Zwietracht in der Comunidad und »das will die Polizei.« Aber die Solidarität war auch zuvor nicht besonders groß. Eliseo ereilte die Verhaftung am 17. Januar 2010, als sich die Chilenen für Sebastián Piñera als neuen Präsidenten entschieden. Die Carabineros hatten vor dem Wahllokal auf ihn gewartet. Seither sitzt er im Gefängnis von Temuco. Der Vorwurf lautet auf zweifache terroristische Brandstiftung. Belastet hat ihn ein anonymer Zeuge. Bei einer Verurteilung durch ein Militärgericht droht dem 24-Jährigen eine Gefängnisstrafe von 80 Jahren. »Wir sind keine Terroristen. Wir fordern nicht unsere Freilassung, sondern die Verhandlung der uns vorgeworfenen Taten vor einem Zivilgericht«, hält er dagegen.

Systematischer Landraub

Eliseos Vorfahren besaßen im 19. Jahrhundert fünf Millionen Hektar Land. Die Spanier hatten die Mapuche noch als eine Nation anerkannt. Nach der Unabhängigkeit 1810 begann der noch junge chilenische Staat mit seinem Eroberungsfeldzug gegen die Mapuche.

Die chilenische Verfassung kennt nur Chilenen, oder bestenfalls Chilenen, die zur Ethnie der Mapuche gehören. Die Mapuche wurden in kleine Reservate gedrängt, die heute als Comunidades (Gemeinschaften) bezeichnet werden. 1929 war dem Mapuchevolk noch 500 000 Hektar geblieben. Jahrzehnte später, unter der Militärdiktatur von Pinochet verloren sie erneut 200 000 Hektar. Am Ende, 1990, blieben ihnen noch rund 300 000 Hektar von einstmal fünf Millionen. »Zu unseren Großeltern kamen Leute, die sie nicht verstanden und sie mussten Verträge unterschreiben, die sie nicht lesen konnten«, sagt Pedro Ñirripil. Die Comunidad Mateo Ñirripil verlor 300 Hektar, geblieben sind ihr noch 160 Hektar.

Nach der Rückkehr zur Demokratie wurde das Unrecht der Pinochet-Dikatur von der Regierung aus Christ- und Sozialdemokraten anerkannt. Die Lösung: Der Staat kauft freie Flächen auf und verteilt sie unter den Mapuche. Enteignungen wurden nicht in Betracht gezogen. Die plötzliche Nachfrage trieb die Bodenpreise in die Höhe. Ein Hektar für 12 000 Euro kostete von heute auf morgen 24 000 bis 30 000 Euro. Die Angaben über die bis heute gekaufte und rückübertragene Fläche schwanken. So sollen es in den letzten 15 Jahren zu 500 000 Hektar sein.

»Die Regierung hat uns nie als politischen Akteur anerkannt, sondern immer nur als Hilfsempfänger«, sagt der Vater. »Nicht unter dem Rechten Piñera wurden unsere Kinder als Terroristen eingesperrt. Sondern unter den Sozialisten Ricardo Lagos und Michelle Bachelet.« Schon unter Bachelet hatte es drei Hungerstreiks gegeben. Der längste dauerte 112 Tage. 2007 hungerte die junge Mapuche-Aktivitin Patricia Troncoso, die mit Hilfe des Antiterrorgesetzes zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde, bis sie einige Hafterleichterungen duchsetzen konnte. »Als Präsidentin hat sich Bachelet nie dazu geäußert.«

Als sich in den 90er Jahren der Widerstand bei einem Teil der Mapuche radikalisierte, setzte der Staat auf verschärfte Repression. Im Januar 2008 kam der 22-jährige Matías Catrileo bei einer Landbesetzung durch eine Kugel aus einer Polizeiwaffe in den Rücken ums Leben. Von Matías' Tod haben sie aus dem Fernsehen erfahren. Matías und Eliseo waren befreundet, sie studierten zusammen, haben zusammen Gitarre gespielt und Lieder gesungen. »Matías war oft bei uns«, sagt der Vater. »Wir haben ihn wegen seiner hellen Hautfarbe manchmal aufgezogen. 'Du bist ja gar kein echter Mapuche', haben wir dann gesagt.« Die Comunidad, in der er wohnte, ist gerademal 15 Kilometer von hier entfernt. »Dort haben sie schon zehn Razzien gemacht.« Nach dem Tod von Matías hat Eliseo mit dem Studium aufgehört. »Er wusste immer was hier passiert und hat sich engagiert.«

Chiles Justiz bestimmt, gegen wen und warum ermittelt wird, und sie weist die Carabineros an. Eine Holzfirma oder ein Farmer, der sich bedroht sieht, kann beim Richter oder Staatsanwalt Schutz beantragen. Über diesen Weg werden Polizisten offiziell zum Schutz in die riesigen Pinien- und Eukalyptusplantagen der großen Zellstoffkonzerne abkommandiert. Teile der Kosten werden von den Unternehmen übernommen. Heute sind in der Region an die 50 Ländereien, die unter Polizeischutz stehen. Das ist die Militarisierung der Region, sagen die Mapuche.

In der Gemeinschaft geht die Angst um

Eliseos Mutter kann schon lange nicht mehr schlafen. Oft hat sie Herzrasen. »Von den Nachbarn bin ich beleidigt worden. Es gibt keine Treffen der Eltern oder Verwandten. Wir bekommen mehr Unterstützung von außerhalb als von innerhalb der Comunidad«, sagt der Vater. Nicht viele Familien sind der gleichen Meinung und nur wenige gehen zu den Untersützungsdemonstrationen. Die Angst geht um. Wen holen sie bei der nächsten Razzia?

Vater Pedro geht aufs Feld. »Hier haben wir zum ersten Mal Lupinen eingesät.« Er schaut auf das Grün der jungen Keime. »Die Lupinenkörner können wir an die Fischzuchten verkaufen, die nehmen es als Futter.« Ein finanzielles Zubrot, »und es macht nicht soviel Arbeit wie Weizen.« Gerade jetzt von Vorteil, da Eliseo nicht helfen kann. Seit er die Uni aufgegeben hat, hat er mitgearbeitet. »Ja, ich mache mir Sorgen.«

Alle produzieren hier für den Eigenbedarf und da reicht der eine Hektar oft schon nicht aus. »Hier sind alle arm. Keiner kommt voran.« Deshalb wollen sie mehr Land und eine bessere Ausbildung. Das Land hier hat schon immer den Mapuche gehört. »Es ist die Frage, wie wir es zurückgewinnen können.«

* Aus: Neues Deutschland, 4. Oktober 2010


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