Widerstand gegen Großkraftwerke

Kampagne von Umweltschützern, Ureinwohnern und Anwohnern in Chile

Von Daniela Estrada, IPS *

In Chile kämpft eine breite Front aus Umweltschützern, Anwohnern und Ureinwohnern gegen fünf Dammbauprojekte, die zwei bisher unberührte Flüsse im Süden des Landes gefährden, und verschiedene weitere geplante Wasser- und Wärmekraftwerke. »Die Bürger haben jetzt die Rolle übernommen, die eigentlich Staat und Regierung ausfüllen sollten«, sagt Juan Pablo Orrego von »Ecosistemas«. Die Umweltschutzorganisation will fünf Dämme verhindern, die der spanisch-chilenische Energiekonzern HidroAysén an den Flüssen Baker und Pascua in Patagonien bauen will.

Die Kampagne gegen die Dämme wird vom »Rat zur Verteidigung Patagoniens« koordiniert, dem 50 chilenische und internationale Organisationen angehören. Sie befürchten wirtschaftliche und soziale Schäden in der Region, darunter auch einen Rückgang des Tourismus. Im November hatte das Bündnis einen Grund zum Feiern: HidroAysén verlangte eine Verlängerung der Überprüfungsphase der Umweltaspekte um neun Monate, nachdem dem Konzern von der Regierung Tausende Einwände vorgelegt worden waren.

Widerstand gegen Großkraftwerke regt sich überall im Land. In den Dörfern La Higuera und Punta de Choros versuchen Fischer und andere Anwohner, drei geplante Kohlekraftwerke zu verhindern. Sie argumentieren, daß der Kohleruß die Artenvielfalt des Meeres, die Gesundheit der Anwohner und nicht zuletzt den Tourismus bedroht.

Auf einer Insel vor Punta de Choros lebt eine der weltweit größten Kolonien der vom Aussterben bedrohten Humboldt-Pinguine. Jährlich kommen Tausende Touristen ins Dorf, um von dort aus die Insel zu besuchen.

Im Juli gab Energieminister Marcelo Tokman den Startschuß für eine Umweltstudie, vier Monate später zog die staatliche Baufirma, die alle drei Kraftwerke bauen will, eines ihrer eigenen Gutachten zurück: Sie brauche mehr Zeit, um Belege zu sammeln. Die Anwohner sehen darin einen Teilsieg. Óscar Avilés, einer der Sprecher der Fischer, räumte allerdings auch ein, daß die Anwohner nicht geschlossen gegen die Kraftwerke seien. Der Grund seien »Spenden« der Firmen hinter den Projekten.

Im Großraum um die chilenische Hauptstadt Santiago formiert sich unterdessen ebenfalls Widerstand gegen ein geplantes Kraftwerk. Umweltschützer, Künstler und andere Bürger wollen das »Alto Maipo«-Kraftwerk verhindern, das die Trinkwasserversorgung, die Bewässerung der Felder, die Infrastruktur und den Tourismus in einer Region gefährdet, in der 40 Prozent der Bevölkerung Chiles leben. Die Betreiberfirma mußte ihr ursprüngliches Umweltgutachten zurückziehen und ein zweites nachschieben. Die Gegner feierten kurz ihren Sieg, setzten den Kampf aber sofort mit Eingaben an die Behörden fort, in denen sie Probleme auch mit der zweiten Bauversion aufzeigten.

Der Ingenieur Edison Acuña, ein Sprecher der Aktivisten, sieht darin den einzigen Weg, der Lobbyarbeit zahlreicher Politiker der Regierungskoalition entgegenzutreten. »Heute haben wir als Bürger auf alles ein wachsames Auge und versuchen, gegen Regierungsentscheidungen hinter verschlossener Tür vorzugehen. Wir wollen, daß sie transparent und überprüfbar getroffen werden und auf Basis solider, gut begründeter Argumente zustande kommen.«

Speziell vor dem Hintergrund der mächtigen Ressourcen des Landes beklage die Umweltaktivisten, daß die Regierung keinen Kurswechsel hin zu alternativen erneuerbaren Energieträgern vollzogen hat. Sie argumentieren, daß der Bau weiterer Kohlekraftwerke dem offiziellen Ziel zuwiderläuft, den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Auch Wasserkraftwerke möchten sie nur zulassen, wenn sie klein und gezielt eingesetzt werden.

Doch der Trend zu Großanlagen scheint ungebrochen. Am 10. Dezember legte der Konzern MPX Energía sein Umweltgutachten für den Castilla-Damm vor. Das 4,4-Milliarden-US-Dollar-Projekt im Norden des Landes wäre das drittgrößte Kraftwerk des Landes.

* Aus: junge Welt, 6. Januar 2009


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