Pinochets langer Schatten

37 Jahre nach dem Putsch: Chilenisches Gericht verurteilt Militärangehörige für Mord an ehemaligem Gefolgsmann

Von Daniela Estrada (IPS), Santiago de Chile *

Im Auftrag der chilenischen Militärdiktatur um Augusto Pinochet (1973–1990) entwickelte der Chemiker Eugenio Berríos in den siebziger Jahren das Giftgas Sarin. Der Wissenschaftler, dessen Erfindung vor allem gegen Regimegegner eingesetzt wurde, wurde schließlich selbst Opfer eines Verbrechens. 37 Jahre nach dem Militärputsch hat ein Gericht der Hauptstadt Santiago de Chile am Freitag nun seine Mörder zu Haftstrafen von drei bis zehn Jahren verurteilt. Elf chilenische und drei uruguayische Militärangehörige wurden für schuldig befunden, Berríos 1991 entführt und getötet zu haben – im Auftrag der ehemaligen Generäle. Als Hauptverantwortliche für die Entführung und Ermordung des Chemikers erhielt der ehemalige chilenische Heeresoffizier Arturo Silva Valdés die Höchststrafe von zehn Jahren.

Der Prozeß fand unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen statt. Richter Madrid steht seit Juli 2009 unter Polizeischutz, nachdem er anonyme telefonische Drohungen erhalten hatte.

Der Gründe für den Mord am altgedienten Mitarbeiter lagen für den Richter Alejandro Madrid auf der Hand. Ein Jahr nach der Rückkehr zu Demokratie wollten die ehemaligen Machthaber verhindern, daß der Chemiker gegen sie aussagt. Berríos war vorgeladen, im Mordfall Orlando Letelier gegen die Diktatur auszusagen. Der Außenminister des durch den Militärputsch 1973 gestürzten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende war 1976 durch die Explosion einer Autobombe in Washington getötet worden.

Berríos hatte für den berüchtigten Geheimdienst DINA das Giftgas Sarin entwickelt. Sarin hinterläßt im Körper der Opfer keine Spuren und wurde bevorzugt zum Mord an Oppositionellen des damaligen Militärregimes eingesetzt.

Wie der Richter bei der Urteilsverkündung gegen Berríos’ Mörder erklärte, handelte es sich bei dem Verbrechen um eine der letzten Aktionen im Rahmen des berüchtigten »Plan Condor«. Die Sicherheitsdienste der damaligen Militärregimes in Südamerika hatten sich mit Billigung der USA zusammengeschlossen, um in den siebziger und achtziger Jahren linke und oppositionelle Kräfte weltweit zu verfolgen. Als Berríos entführt wurde, war nicht nur in Chile, sondern auch in den anderen Ländern Lateinamerikas die Diktaturzeit beendet. Wie aus der Urteilsschrift hervorgeht, boten die chilenischen Militärs den Offizieren aus Uruguay für die Beteiligung an dem Verbrechen Geld an.

Der Fall Berríos galt jahrelang als äußerst undurchsichtig. Nach heutigen Erkenntnissen wurde der Wissenschaftler aus Chile zunächst in das Nachbarland Argentinien und von dort aus nach Uruguay verschleppt. Seine Leiche wurde 1995 an einem Strand nahe des Badeortes Parque del Plata gefunden. Berríos war offenbar mit Kopfschüssen hingerichtet worden.

* Aus: junge Welt, 15. September 2010


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