Die Geschichte gehört uns

olk, Bewußtsein, Gewehr: Zwei neue Bände aus der "Bibliothek des Widerstands" über das revolutionäre Chile unter Salvador Allende

Von Christof Meueler *

Der Staub der Arbeiter. In einer der letzten Szenen des dreiteiligen Dokumentarfilms »Die Schlacht um Chile« von Patricio Guzmán sieht man fünf Arbeiter, die aus dem Schacht einer Salpetermine steigen. Sie tragen Helme und Gasmasken und sind in den Staubwirbeln der Mine kaum zu erkennen.

»Macht weiter, im Wissen, daß sich früher oder später die großen Alleen öffnen werden, durch die der freie Mensch schreitet, auf dem Weg zu einer besseren Gesellschaft.« Das sagte Salvador Allende in seiner letzten Radioansprache am 11.September 1973, dem Tag, als er in Santiago de Chile im Regierungspalast La Moneda zu Tode kam. Als demokratisch gewählter Staatspräsident wollte Allende das Gebäude nicht verlassen, obwohl es vom Militär, das gegen die Regierung der Unidad Popular putschte, bombardiert wurde.

Im Salpeterstaub wird einer der Arbeiter von Guzmán gefragt, ob man gegen die Feinde der Regierung »mit eiserner Hand durchgreifen sollte?« Er antwortet: »Jetzt oder nie! Der Feind ist bestens gerüstet. Und der Feind läßt uns keine Atempause«. Und so war es auch: Als das Militär, unterstützt von der chilenischen Rechten und den USA, die Unidad Popular stürzte, gab es so gut wie keinen bewaffneten Widerstand der Linken. Um einen Bürgerkrieg zu vermeiden, hatte Allende die Bewaffnung seiner Anhänger, die ihm beispielsweise von Fidel Castro angeboten worden war, abgelehnt. In den ersten Wochen nach dem Putsch wurden mehr als 100000 Menschen verhaftet, in Militärgefängnisse und Fußballstadien gesperrt, verhört und gefoltert. Man schätzt, daß insgesamt bis zu 15000 Menschen unter Augusto Pinochet, dem Chef der Militärjunta, ermordet wurden.

Lenin verbrennen

In dem Film »Calle Santa Fé« von Carmen Castillo gibt es eine Szene, in der Soldaten mit Helmen um ein kleines Feuer herum stehen. Mitten auf der Straße verbrennen sie Bücher. »Was ist das?« werden sie gefragt. »Es sind lauter politische Bücher. Ho Chi Minh, Lenin, all das Zeug. Und eine Schallplatte von Fidel Castro und Che Guevara«.

Die Filme »Schlacht um Chile« und »Calle Santa Fé« sind in zwei neuen Ausgaben der »Bibliothek des Widerstands«, die von Laika Verlag und junge Welt herausgegeben wird, verfügbar. Guzmán begann mit den Dreharbeiten im Februar 1973. Zu diesem Zeitpunkt war Film Mangelware, die USA hatten gegen das sozialistisch regierte Chile einen Handelsboykott verhängt. Den Rohfilm für seine Arbeit hatte Guzmán vom linken französischen Filmemacher Chris Marker geschenkt bekommen. Nach dem Putsch war Guzmán 15 Tage im Nationalstadion von Santiago gefangen und konnte nur ausreisen, weil er die spanische Staatsbürgerschaft besaß. Das Material wurde außer Landes geschmuggelt und von ihm auf Kuba zu drei Filmen verarbeitet, die unter dem Obertitel »Die Schlacht um Chile« weltberühmt wurden. Der letzte Teil erschien 1979.

Carmen Castillo stellte »Calle Santa Fé« 2007 fertig. In dieser Straße im Süden Santiagos wäre sie im Oktober 1974 beinahe gestorben, als Geheimdienst und Polizei eine konspirative Wohnung beschossen, in der sie mit ihrem Freund und ihren beiden Kindern im Untergrund lebte. Sie war Mitglied der MIR, der Bewegung der Revolutionären Linken (Movimiento de Izquierda Revolucionaria), deren Geschichte sie ebenso poetisch wie analytisch nachzeichnet. Ihr Freund war Miguel Enríquez, der Führer dieser kleinen linksradikalen Partei, die sich nicht der Unidad Popular angeschlossen hatte, weil sie deren Ansatz als zu reformistisch kritisierte. Trotzdem gab es dauerhaft Kontakte zwischen Enríquez und Allende. Als er noch nicht Präsident war, bildete die MIR seine erste Leibwache.

Jede Minute zählt

Castillo erzählt aus dem Off, sie und Enríquez hätten in dem Haus in der Calle Santa Fé »jede Minute so gelebt, als wenn es die letzte war«. Wenn die Tür zuging, blieben ihre Ängste draußen und sie hörten Beethoven und Tango. Als das Haus gestürmt wurde, explodierte eine Granate. Castillo, die schwanger war, verlor das Bewußtsein, Enríquez konnte fliehen, kehrte aber zu ihr zurück und wurde erschossen. Ein Nachbar rief den Krankenwagen, Castillo, überlebte im Gefängniskrankenhaus, das Kind in ihrem Bauch nicht. Nach internationalen Protesten durfte sie nach Europa ausreisen. In Paris organsisierte sie die Solidaritätsarbeit für die MIR. »Um lebendig zu bleiben, bedeckte ich mich nach und nach mit einer Maske aus Vergessen und Lügen«, bilanziert sie die diese Zeit.

Anders als man heute vielleicht meint, stand nicht ganz Chile hinter Allende, sondern, gemessen an den Wahlergebnissen, knapp jeder Zweite. Um 1970 Staatspräsident zu werden, reichten ihm 34,9 Prozent der Stimmen, da die Rechte – Christdemokraten und Nationale Partei – getrennt antrat. Die tatsächlich als »Volkseinheit« geeinte Linke, die Koalition der Unidad Popular aus Sozialistischer Partei, Kommunistischer Partei und kleineren Linkskräften, erzielte im März 1973 bei den Parlamentswahlen 44 Prozent. Damit verhinderte sie die von den Rechten geplante Entlassung Allendes, die eine Zweidrittelmehrheit erfordert hätte. Der Sozialist Allende war ein streng legalistisch operierender Revolutionär, der gegen das Parlament regieren mußte. Seine Regierung verstaatlichte die großen Bergbaubetriebe des Landes – für die chilenische Bourgeosie ein teuflischer Vorgang.

Bei Guzmán ist hervorragend nachvollziehbar, wie Chiles Rechte erfolglos alle Register zog, das Land ins Chaos zu stürzen, um Allende aus dem Amt zu jagen. Sie kontrollierte 75 Prozent der Medien und überzog das Land mit Hetzkampagnen. Das Parlament blockierte Gesetze und traktierte Minister und Staatssekretäre mit Untersuchungsverfahren, auf den Straßen verübten Terrorbanden Attentate und Brandanschläge. Es trat der seltene Fall ein, daß nicht die Arbeiter, sondern die Unternehmer streikten. Einzelhandel und Transportsektor wurden lahmgelegt, was die Versorgung der Bevölkerung wie auch die industrielle Produktion fast zusammenbrechen ließ. Und trotzdem riefen die Armen und die Arbeiter (was eben nur fast dasselbe ist) bei Demonstrationen: »Allende, Allende – el pueblo te defiende!« (Allende, Allende das Volk verteidigt dich!).

Putsch oder Revolution

Es ist phantastisch zu sehen, welche Anstrengungen die Basis der Unidad Popular unternahm, sich völlig gewaltlos gegen die Katastrophenpolitik der Rechten zu wehren: Es gab Demonstrationen, Land- und Betriebsbesetzungen, Verteilaktionen sowie die Bildung von »Volksläden«, »Kommunalkommandos« und »Betriebskordons« als selbstorganisierte Formen sozialistischer Planwirtschaft, für die sich Erzeuger und Verbraucher vereinten. In den Betrieben wurden fehlende Ersatzteile nachgebaut, von den Arbeitern, »die Dinger« genannt. »Siehst du? Hier haben wir eine Pleuelstange gemacht. Aus zwei haben wir eine gemacht.« Guzmán: »Wofür braucht man die?« Arbeiter: »Für die Kompressoren der Lokomotiven beim Kies«.

In dem Booklet zum »Santa Fé«-Film beschreibt der Neffe des Präsidenten, Andrés Pascal Allende, die gesamte Präsidentschaft Allendes als eine extrem lange »vorrevolutionäre Periode«. Allen sei klar gewesen, daß die Politik der Unidad Popular im faschistischen Putsch enden mußte, wenn sie nicht zum revolutionären Aufstand weitergetrieben wurde. Aber auch die guevaristisch orientierte, sich bewaffnet auf die Illegalität vorbereitende MIR wußte nicht so recht, wann man denn losschlagen sollte: »Es gibt leider Momente im Klassenkampf, in denen der Mittelweg keine Lösung darstellt«, meint der Allende-Neffe rückblickend.

So wie das gesamte Land gespalten war, war es auch die Unidad Popular: in einen legalistisch orientierten und in einen revolutionären Flügel, die diesen Konflikt nicht so schnell lösen konnten. »Wir sind Staatsbetriebe in einem bürgerlich-demokratischen Staat, in dem die Unterdrückungs- und Herrschaftsmechanismen nach wie vor in den Händen der Bourgeosie sind«, sagt jemand im Guzmán-Film und wünscht sich: »Wir müssen vorankommen und zur Offensive übergehen und nach und nach die Macht übernehmen, zusammen mit den Massen«. Hier spricht kein Angehöriger einer K-Gruppe, sondern der Betriebsleiter einer Fabrik kurz vor dem Absprung aus der bürgerlichen Gesellschaft. In diese Richtung geht auch die MIR-Parole »Volk, Bewußtsein, Gewehr«. Emanzipatorische Politik hatte in Chile vor fast 40 Jahren ein Niveau erreicht, von dem man heute kaum zu träumen wagt. »Die Geschichte gehört uns«, sagte Allende, bevor er starb.

»Die Schlacht um Chile«, Bibliothek des Widerstands, Band 7, Laika Verlag, Hamburg 2011, 29,90 Euro, im Abo 19,90 Euro

»MIR – Die Revolutionäre Linke Chiles«, Bibliothek des Widerstands, Band 11, Laika Verlag, Hamburg 2011, 19,90 Euro


* Aus: junge Welt, 30. April 2011


Zurück zur Chile-Seite

Zurück zur Homepage