Tiefe Risse in der Gesellschaft

Von Jürgen Vogt, Dichato *

Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben vor Chiles Küste und dem nachfolgenden Tsunami ist kaum etwas vom Wiederaufbau zu sehen. Vielmehr hat die Katastrophe eine halbe Million Menschen zusätzlich unter die Armutsgrenze gedrückt.

Wenn der chilenische Staatspräsident Sebas­tián Piñera am 10. März sein einjähriges Amtsjubiläum feiert, ist die Bilanz längst gezogen. Der Stichtag, an dem jetzt und zukünftig die Erfolge der rechtsliberalen Piñera-Regierung gemessen werden, ist der 27. Februar 2010, als die Erde bebte und ein Tsunami weite Teile der chilenischen Pazifikküste verwüstete.

Fast schon vergessen sind die Jubelfeiern zum 200. Jahrestag des Beginns der Unabhängigkeit des Landes. Vorbei ist der Rummel um die Rettung von 33 verschütteten Bergleuten vergangenen Oktober. Das Kriterium, an dem viele ChilenInnen ihren Präsidenten inzwischen messen, sind der Wiederaufbau und die Instandsetzung der 400 000 Wohnungen und Häuser, von denen die Hälfte vollständig zerstört ist.

Piñera hatte nach seinem Amtsantritt ein beschleunigtes Aufbauprogramm beschlossen. Innerhalb von zwei Jahren sollen rund 2,3 Milliarden US-Dollar allein für den Neubau und die Reparatur von Häusern und Wohnungen ausgegeben werden. «Der Wiederaufbau geht kräftig voran», hatte Piñera noch vor kurzem versichert. Inzwischen seien 135 000 «subsidios» genannte Beihilfen von der Regierung vergeben, 50 000 Wohnungen würden bereits gebaut. Die Vereinigung der chilenischen Kommunen, vergleichbar mit dem Schweizerischen Städteverband, kommt zu einem ganz anderen Schluss: Am Jahrestag der Katastrophe sind erst 1536 Wohnungen tatsächlich fertiggestellt. «Das ist weniger als ein Prozent der zerstörten Unterkünfte», sagt Claudio Arriagada, Vorsitzender der Vereinigung.

Piñera ruderte daraufhin zurück. Als «langsam und schwierig» bezeichnet er jüngst den Wiederaufbau, und seine positive Bilanz hört sich nun so an: Innerhalb von 45 Tagen konnte eine Viertelmillion Kinder wieder zur Schule gehen, nach sechzig Tagen war die Gesundheitsversorgung wieder gewährleistet, und nochmals dreissig Tage später waren 80 000 Not­unterkünfte errichtet.

Ein Ende in Trümmern

Ein Paradebeispiel für den nicht geschehenen Wiederaufbau ist der Küstenort Dichato. Nur knapp 150 Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt wurde das Dorf mit seinen 4000 EinwohnerInnen am frühen Morgen mehrfach vom Tsunami überrollt. Danach waren achtzig Prozent des Ortes verschwunden oder zerstört. Am Jahrestag hatte Dichatos christdemokratischer Bürgermeister Eduardo Aguilera die Regierung scharf kritisiert. «Hier hat es bisher keinen Wiederaufbau gegeben. Und die Zukunft ist ungewiss.»

In Dichato – wie in der ganzen Region Bío-Bío – haben die Wahlberechtigten bei der Stichwahl für die Präsidentschaft im Januar 2010 mehrheitlich für Piñera gestimmt. Wie fast überall in Chile wollten die Menschen einen Wechsel nach zwanzig Jahren Präsident­Innen aus dem Mitte-links-Parteibündnis der Concertación. Die Amtszeit von Präsidentin Michelle Bachelet sei in Trümmern geendet, witzeln ihre GegnerInnen hinter vorgehaltener Hand entsprechend. Tatsächlich geschah das Beben in ihren letzten Amtstagen. Auch heute noch wird Bachelet wegen ihrer zögerlichen Haltung kritisiert. Erst drei Tage nach dem Beben hatte sie den Notstand ausgerufen.

Den offiziellen Gedenkfeiern für die über 500 Todesopfer war die christlich-sozialistische Opposition aus Protest ferngeblieben. Für sie will die Rechte mit ihren steten Verweisen auf die Versäumnisse in den letzten Tagen von Bachelets Amtszeit deren erfolgreiche Regierungsbilanz madig machen. Immerhin ging Bachelet mit achtzig Prozent Zustimmung aus dem Amt. Für viele ChilenInnen steht Bachelet über den Parteien. 2008 hatte sie einen milliardenschweren Fonds für Konjunkturprogramme und Beihilfen geschaffen sowie Kindergärten bauen lassen und eine Sozialversicherung für Hausfrauen eingeführt.

In einer Rede zum Jahrestag äusserte sich die frühere Präsidentin deutlich zu den Vorwürfen von rechter Seite: Die Menschen erwarten von ihrem Amtsnachfolger, dass er endlich regiere und nicht immer die Schuld auf die Vergangenheit abschiebe, sagte sie.

Von Containern wegrasiert

Carlos Tapia ist nach Dichato gefahren und zeigt auf das Fundament seines Elternhauses. «Hier war das Wohnzimmer, da die Küche», sagt der 41-Jährige. Die rotbraunen Fliesen des Fussbodens sind das Einzige, was vom Haus geblieben ist. Die Siedlung Jorge Montt in Dichato war durch den Tsunami über Nacht verschwunden. «Das Wasser hat die Holzhäuser angehoben und wie Flosse fortgetragen», sagt Tapia.

Ein Jahr später ist hier noch immer alles Brachland. «Bisher ist nichts wiederaufgebaut.» Lediglich zwei kleine schon vor dem Beben fertiggestellte Siedlungen seien renoviert, und die Häuschen sollten demnächst den Eigentümer­Innen übergeben werden. «Die liegen etwas den Hang hoch. Das hat sie gerettet.» Mit seinem Toyota fährt Tapia die Uferstrasse entlang. Scharfkantig ragen die Abbruchstellen der schma­len Asphaltstrasse über den Sand. Die Fahrt endet abrupt. Ein Fischkutter liegt auch ein Jahr nach dem Tsunami noch quer über der Strasse. «Was das Wasser nicht wegreissen konnte, das haben die an Land gedrückten Schiffe und Container wegrasiert», sagt Tapia.

In Dichato haben die Menschen Erfahrung mit Erdbeben und Tsunamis. Nach einer Riesenwelle im Jahr 1939 – ausgelöst durch ein schweres Erdbeben im rund sechzig Kilometer entfernten Chillán – standen ihre Häuser noch auf den Hügeln um die Bucht. Auch der Tsunami von 1960 richtete kaum Zerstörungen an. Doch seither seien immer mehr Menschen in die Bucht umgesiedelt. «Wir wussten, dass der Untergrund nur Sand und kein festes Gestein ist», sagt Tapia. «Trotzdem wurde überall gebaut.» Dichato entwickelte sich zum beliebten Ausflugs- und Feriendorf: Häuser, Geschäfte und Restaurants auf Meereshöhe, je näher am Strand, desto profitabler. Die Gäs­te kamen aus dem vierzig Kilometer entfernten Concepción. In einer guten Sommersaison zählte Dichato so viele Besucher­Innen wie BewohnerInnen.

Seit einem Jahr sind die Häuser, Geschäfte und Restaurants weg. Vereinzelt stehen noch Überreste. Kleine Schutthalden liegen auf der Uferpromenade. Den Grundstücksgürtel um den Strand hat die Regierung enteignet. Eine Schutzzone soll nun geschaffen, eine Mauer errichtet und die Küstenstrasse weiter nach hinten verlegt werden. Doch dagegen regt sich Widerstand. Nicht alle Betroffenen sind mit der Enteignung einverstanden. Und schon gar nicht damit, dass der Zentralstaat die Entscheidungen in ihrem Dorf trifft. Wie Trutzburgen stehen zwei grosse Restaurants als einzige Neubauten am Strand. «Keine Ahnung, was aus denen wird», sagt Tapia und schüttelt den Kopf. Er ist für die Einrichtung einer Schutzzone und deutet auf die Kutter. «Dann bleiben wir hoffentlich von solchen Geschossen verschont.»

In einem offenen Brief an den Präsidenten schreiben die BewohnerInnen, dass sie sich wie Ausgesperrte fühlen. Sie seien in keiner Weise in die Entscheidungen über die künftige Gestaltung ihres Dorfes eingebunden. Im Gegenteil: Über ihre Belange könnten sie weniger als zuvor selbst entscheiden. Und noch immer ist es allen verboten, auf ihren Grundstücken irgendetwas wieder aufzubauen, da laut offizieller Begründung ein Aufbauplan vorliege. Viele BewohnerInnen befürchten allerdings, dass die Enteignungszone ausgedehnt und das Gelände etwa an Hotelunternehmen weiterverkauft werden könnte. Als der Präsident im Februar überraschend Dichato besuchte, wurde er ausgepfiffen.

Ein Problem weniger

In El Molino, einer Hüttensiedlung auf einem Hügel vier Kilometer oberhalb von Dichato, duftet es nach Eukalyptus. Der Wind spielt mit den chilenischen Fahnen auf den Blechdächern. Hier sind die BewohnerInnen gestrandet, denen der Tsunami vor einem Jahr ihre Häuser und Wohnungen fortgerissen hat.

Bei Nordwind hat es hier bis vor kurzem noch ganz anders gerochen. Da hatten die Windböen reihenweise die Chemieklos umgeworfen. «Der ganze Dreck ist durch das Dorf geflossen», sagt Aurora Tapia, die Mutter von Carlos, und fasst sich kurz mit Daumen und Zeigefinger an die Nase. Dann zeigt sie nach vorne. «Jetzt haben wird Badecontainer.» Jeder Container hat acht Bäder, bestimmt für sechzehn Familien. Geduscht wird zwar mit kaltem Wasser. Aber: «Ein Problem weniger», sagt Aurora Tapia.

«Mein kleiner Laden unten am Strand, unser Haus beim Fluss – alles weg.» Seit Mai lebt Aurora Tapia mit ihren Söhnen Carlos und Brian in El Molino. In Chile gibt es derzeit über hundert solcher Hüttendörfer, in denen rund 4000 Familien leben. El Molino ist eines der grössten. Drei Wochen nach dem Tsunami wurde der Eukalyptuswald gerodet – in aller Eile wurden die Holzhütten hochgezimmert. Heute stehen hier 450 Hütten. Jede ist zwanzig Quadratmeter gross, ohne Wasseranschluss oder Heizung. 3000 Menschen, fast die ganze Dorfbevölkerung von Dichato, leben in El Molino.

Viele haben nicht nur ihre Häuser verloren, auch ihr Arbeitsplatz wurde fortgespült. In den ersten Wochen und Monaten erhielten die Betroffenen noch kostenlos Lebensmittel und Wäsche. Doch inzwischen bekommt niemand mehr staatliche Unterstützung – ausser der einmaligen Finanzhilfe für den Wohnungsbau. Viele versuchen derweil, in der Industrie oder in der Holzwirtschaft der Region einen Job zu finden, andere leben von der Unterstützung durch Familienangehörige. Mittlerweile hat sich in Dichato auch wieder ein bescheidener Tourismus entwickelt.

Nach Schätzungen der Regierung hat das Beben 500 000 ChilenInnen zusätzlich unter die Armutsgrenze gedrückt. Der Riss durch die Gesellschaft hat sich vertieft, die Schere zwischen Arm und Reich hat sich weiter geöffnet. Ein ausgeprägtes Zwei-Klassen-Bildungssys­tem hat zudem zur Folge, dass es so gut wie keine soziale Mobilität zwischen oben und unten gibt. Jeder Fünfte der 16,7 Millionen Chilen­Innen lebt in Armut. Heute liegt Chile an zweiter Stelle hinter Brasilien bei der Ungleichverteilung des Einkommens in Südamerika.

Plötzlich wackelt die Erde. Wie von Geis­ter­hand wird Carlos Taipas Toyota hin und her gerüttelt. «Zurück zur Siedlung auf den Hügel», ruft er. Seit dem Beben zittert in der Region mehrmals täglich die Erde, mal leichter, mal stärker. Später melden die Nachrichten, dass die Erde an diesem Tag im Februar mit einer Stärke von 6,9 auf der Richterskala gebebt hatte. Es war das stärkste Nachbeben seit dem 27. Februar 2010.

* Aus: Schweizer Wochenzeitung WOZ, 10. März 2011


Zurück zur Chile-Seite

Zurück zur Homepage