Diktatur wird verharmlost

Pinochets Schreckensherrschaft soll in Chiles Schulbüchern "Militärregime" heißen

Von Marinela Potor, Santiago de Chile *

Ein einziges Wort hat gereicht, um ganz Chile in Aufruhr zu versetzen. Eine Militärdiktatur wird ab sofort als Militärregime bezeichnet. Wie erst am Mittwoch bekannt wurde, hatten Bildungsministerium und Schulrat beschlossen, die Terminologie in Chiles Schulbüchern zu verändern. In allen Geschichtsbüchern für Schüler zwischen neun und dreizehn Jahren wird also ab sofort von der Herrschaft des Generals Augusto Pinochet ab 1973 nicht mehr als Diktatur, sondern als Militärregime gesprochen. Chiles Bildungsminister Harald Beyer bekräftigte, daß diese Entscheidung nicht ideologisch geprägt sei, Militärregime sei lediglich ein neutralerer Begriff als Diktatur. Außerdem werde auch international überwiegend der Begriff Militärregime genutzt. Die Veränderung in den Geschichtsbüchern passe sich damit dem internationalen Standard an. Beyer, der zur konservativen Regierung von Präsident Sebastián Piñera gehört, betonte außerdem: »Die Lehrer können natürlich weiterhin den Begriff Diktatur verwenden.«

Der Vorgang hat in Chile eine Protestwelle unter Politikern, Sozialwissenschaftlern sowie Bürgerrechtlern ausgelöst. So erklärte etwa die Senatorin der rechtsliberalen Partei Renovación Nacional, Lily Pérez, in einem Radiointerview: »In diesen Sachen muß man sehr klar sein – in Chile gab es eine Diktatur!« Das gelte unabhängig davon, wie man diese beurteile, sagte Pérez. Die Direktorin des Nationalen Instituts für Menschenrechte, Lorena Fríes, sieht den Beschluß des Bildungsministeriums ebenfalls kritisch. Ihrer Ansicht nach war dies eine Maßnahme von »oben herab«, ohne jegliche Information oder Beteiligung von Bürgern. »Wir wissen erst seit wenigen Tagen von dieser Entscheidung, das kann man nicht gerade transparent nennen«, sagte Fríes. Sie zeigte sich überrascht davon, daß der Schulrat den Vorschlag des Ministeriums einfach absegnete: »Die Veränderung der Terminologie ist eindeutig eine Verharmlosung dessen, was sich in Chile abgespielt hat.«

Soziologieprofessor Juan Pablo Paredes von der Universität Diego Portales sieht ebenfalls diese Tendenz. »Es ist nicht dasselbe, ob man von Militärdiktatur oder von Militärregime spricht. Denn dahinter stecken unterschiedliche Konzepte. Je nach Begriff werden also unterschiedliche geschichtliche und soziale Realitäten geschaffen.« Eine mögliche Gefahr sieht Paredes auch darin, daß die Pinochet-Vergangenheit von einigen komplett abgestritten werden könnte. Nach dem Motto: Wenn keiner von der Diktatur spricht, hat sie auch nie existiert. Es wird eine Herausforderung für Lehrer werden, dieses Thema jungen Schülern näherzubringen.

Einer, dem diese Herausforderung bevorsteht, ist Lehrer Diego Larrondo. Er sieht aber in der neu entfachten Debatte über die Pinochet-Herrschaft auch eine Chance: »Wir wissen alle, daß während der Diktatur Menschen getötet und gefoltert wurden, daß Menschenrechte verletzt wurden. Doch es gibt auch viele Menschen, die Pinochet unterstützt haben und dies bisher nur nicht offen zugegeben haben, weil es politisch nicht korrekt ist. Jetzt scheint es, daß die Zeit reif ist, all diese Meinungen öffentlich zu diskutieren. Chile braucht diese Debatte!«

* Aus: junge Welt, 7. Januar 2012


Aus »Diktatur« wird doch kein »Regime«

Chile: Nach Protest Rückzieher des Bildungsministers **

Das Vorhaben, die Pinochet-Ära in den chilenischen Geschichts- und Sprachbüchern für Schüler im Alter zwischen neun und 13 Jahren künftig nicht mehr als »Militärdiktatur«, sondern als »Militärregime« zu bezeichnen, ist vorerst gestoppt.

Vergangene Woche hatte der neu ins Amt gekommene chilenische Bildungsminister Harald Beyer den Austauch der Begriffe angekündigt. Beyer sprach von einer unpolitischen Entscheidung und davon, dass der Begriff »Militärregime« doch einfach nur eine allgemeinere Formulierung sei.

Während die politische Rechte applaudierte, stieß der Vorschlag von der Mitte bis Links auf Ablehnung. Und das überwiegend negative Echo in der Weltpresse wurde auch im Präsidentenpalast vernommen.

Jetzt machte der Minister die Kehrtwende. Mit erneutem verbalen Eiertanz versicherte Beyer, dass die Regierung »nie versucht hat, den nichtdemokratischen Charakter des Militärregimes und die Verletzung der Menschenrechte, die währenddessen passierten, nicht zur Kenntnis zu nehmen«. Die Regierung werde dem zuständigen Entscheidungsgremium eine neue Formulierung vorschlagen, so der Bildungsminister.

Die ursprünglich geplante Umbenennung hatte einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Linke Abgeordnete und Angehörige von Opfervereinigungen warfen Beyer Geschichtsfälschung vor. Während der Pinochet-Diktatur wurden nach offiziellen Angaben mehr als 3000 Menschen getötet oder verschwanden spurlos. Die gegenwärtige Regierung unter Präsident Sebastián Piñera ist die erste konservative seit Diktatur-Ende 1990.

Isabel Allende, Senatorin und Tochter des von Pinochet 1973 gestürzten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende, sprach von einer »inakzeptablen« Entscheidung.

* Aus: neues deutschland, 9. Januar 2012


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