Für ein besseres Chile

Hunderttausende protestieren für Veränderungen im Bildungssystem: Drei Studenten, ein Lehrer und eine Mutter berichten über ihre Beweggründe

Von Marinela Potor, Santiago de Chile *

Seit Monaten protestieren Studenten in Chile. Zu Hunderttausenden gehen sie auf die Straße, besetzen Universitäten. Sie kämpfen für ein gemeinsames Ziel: für eine bessere Bildung, für ein besseres Chile. Und so sind Tucapel, Andrés und José (Studenten an der privaten Adolfo-Ibañez-Universität), Fernando (42jähriger Lehrer an einer weiterführenden Schule) und Fabiola (Lehrerin und Mutter) zusammengekommen, um junge Welt ihre Protestgeschichten zu erzählen. Der Treffpunkt ist symbolisch an der staatlichen Universidad de Chile, der größten und besten Hochschule des Landes. Doch seit Monaten findet hier kein Unterricht mehr statt. Die Studenten haben die Universität besetzt. Statt Tafelbilder hängen Protestbanner an den Wänden, statt Rechtsvorlesungen besuchen die Studenten Diskussionen über das Bildungssystem.

»Eigentlich dürften wir gar nicht protestieren, wir sind die einzige Universität in Chile, die sich offiziell nicht an den Protesten beteiligt«, erklärt Tucapel (23) und fügt gleich grinsend hinzu: »Aber wen interessieren schon die Offiziellen?« Die Adolfo-Ibañez-Universität in Santiago de Chile ist eine der besten privaten Hochschulen, mit strikt konservativer Ideologie. Unternehmer wissen, wenn sie einen Studenten dieser Uni einstellen, stellen sie gleichzeitig konservative Soldaten ein. »Wir lernen eine Menge über Busineß, aber nicht, wie wir unseren Kopf benutzen sollen. Eigenes Denken ist nicht erwünscht«, sagt der 22jährige Andrés. Die drei BWL-Studenten haben sie eine kleine Gruppe an ihrer Universität gegründet, das »Movimiento Acción y Consciencia Estudiantil« (»Bewegung Aktion und Studentenbewußtsein«). »Mich kümmert es nicht, daß ich deswegen nur drei Freunde an der Uni habe«, erklärt José (23). »Ich habe einfach irgendwann diese Gleichgültigkeit nicht mehr ertragen und wollte etwas bewegen. Es geht uns nicht unbedingt darum, daß alle unserer Meinung sind, sondern einfach darum, daß unsere Mitstudenten lernen, eine eigene Meinung zu haben.« Und so kämpfen sie nun gemeinsam gegen das System. Als Kinder von Eltern, die während der Pinochet-Diktatur das Land verlassen mußten, haben sie Schulen in Deutschland und Schweden besucht. Tucapel erinnert sich »Ich werde nie vergessen, wie dort Anwaltssöhne neben Arbeitersöhnen saßen und denselben Stoff durchgenommen haben. Das wünsche ich mir auch für Chile.«

Als langjähriger Lehrer für Linguistik an einer weiterführenden Schule in Santiago teilt Fernando Morales die Meinung der Studenten. Seitdem Pinochet das Schulsystem zur Selbstfinanzierung gezwungen habe, seien nicht nur die Qualität, sondern auch die Chancengleichheit im Bildungssystem stetig schlechter geworden: »Nur die Reichen können es sich leisten, gute Schulen für ihre Kinder zu bezahlen. Dies sind wiederum die sechs Prozent, die mit ihrem guten Abschluß auf eine Top-Universität gehen können und später gut bezahlte Stellen finden.« Ein Teufelskreis, gegen den er als Lehrer machtlos ist. »Ich kann zwar versuchen, meinen Schülern Wissen mitzugeben. Wenn ich aber sehe, wie viele Arbeitsstunden wir als Lehrer haben, wie schlecht die Lehrerbildung an sich ist und daß ich von meinem Gehalt meinen Kindern keine gute Universität finanzieren kann, dann verzweifle ich schon mal.« Fernando Morales’ Schule ist derzeit besetzt. Selbst die jungen Schüler haben erkannt, daß es so nicht weiter gehen kann. »Ich glaube, daß es möglich ist, das jetzige System zu verändern. Wir brauchen Chancengleichheit an den Schulen, eine gute Ausbildung fürs Lehramtsstudium und motivierte Lehrer.«

Fabiola Jaramillo kommt zur gleichen Schlußfolgerung. Sie selbst ist für die Ausbildung von Lehrern zuständig. »Die traurige Wahrheit ist, daß das Lehramtsstudium eine Katastrophe ist. Wie wollen wir unsere Kinder zu selbstständigen, kritischdenkenden Individuen erziehen, wenn das Lehramtsstudium jedes Jahr die schlechtesten Studenten ausbildet?!« Als Mutter von drei Kindern kann sie außerdem jeden Tag die Ungerechtigkeit des chilenischen Bildungssystems sehen. »Die öffentlichen Schulen haben kein Geld, vor allem in den ärmeren Stadtteilen. Mein Sohn kann die PCs nicht benutzen, weil sie kaputt sind, und für die Bücherei muß er jedes Mal Geld zahlen, wenn er ein Buch ausleihen will.« Fabiolas Tochter studiert Medizin und muß dafür jährlich umgerechnet etwa 6000 Euro bezahlen. Es gibt zwar Stipendien, jedoch nur für überdurchschnittlich gute Schüler. »Das Problem dabei ist, daß die besten Studenten, die von den Stipendien profitieren können, aus den reichsten Familien kommen. Das ist keine Chancengleichheit«, kritisiert Jaramillo.«

* Aus: junge Welt, 8. September 2011


"Forderung nach mehr Demokratie"

Chilenen wollen an Entscheidungen des Staates stärker beteiligt werden. Gespräch mit Juan Pablo Paredes **

Juan Pablo Paredes ist Soziologieprofessor der Universität Diego Portales in Santiago de Chile.

Die Studentenproteste in Chile dauern nun schon Monate an und scheinen an Stärke zu gewinnen. Zuletzt gingen Gewerkschaften gemeinsam mit Studenten auf die Straße. Warum ist das Echo gerade jetzt so gewaltig?

Ich sehe dafür drei Gründe. Zunächst ist die Erinnerung an die letzten großen Schülerproteste im Jahr 2006 noch sehr präsent. Die Schüler von damals sind die Studenten von heute, und sie erinnern sich noch sehr gut daran, was ihnen von der damaligen Regierung Michelle Bachelets versprochen und bis heute nicht erfüllt wurde. Zweitens sind die sozialen Netzwerke im Internet wie Facebook oder Twitter viel stärker. Diese sind natürlich nicht die Ursache der Proteste, aber sie geben ihnen viel Kraft. Die Bewegung kann sich so viel schneller verbreiten, erreicht mehr Menschen und sorgt für unmittelbare Identifikation. Drittens haben die Studenten eine glasklare Analyse ihrer Probleme geliefert und damit die Gesellschaft horizontal angesprochen. Eltern, Arbeiter, die Mittelschicht – sie alle können sich mit der Forderung nach Chancengleichheit identifizieren, und so haben die Studenten eine breite gesamtgesellschaftliche Unterstützung gewonnen.

Andererseits waren die Protestmärsche zum Teil sehr gewaltvoll. Schreckt das nicht eher viele Bürger ab?

Sicherlich, die Gewalt wird aktiv als Mittel genutzt – wie fast immer bei Protesten. Gewalt ist für viele schließlich auch eine Form der Teilnahme und der Identifikation. Jedoch ist gerade bei diesen Studenten die Anzahl derer, die zu gewaltfreien Protesten aufrufen, viel größer. Wir haben schließlich bei den Protesten im Parque O’Higgins gesehen, daß 100000 Menschen friedlich marschieren und manifestieren können – wie bei einem Volksfest.

Auch wenn die Unterstützung in der Gesellschaft groß ist und die Forderungen nach Chancengleichheit und besserer Qualität im Bildungssystem klar sind und mit der Regierung verhandelt werden, besteht nicht das Risiko, daß wie bei den letzten Protesten 2006 auch diese im Nichts verlaufen werden?

Dieses Risiko ist in der Tat sehr groß. Aber ich glaube, daß dies gar nicht entscheidend ist. Viel wichtiger ist, daß sich um die Studenten herum eine Demokratisierungsbewegung gebildet hat. Die Kinder der jungen Demokratie in Chile fordern noch mehr Demokratie, im Sinne der Volksherrschaft. Sie wollen aktive Teilnehmer der Demokratie sein und an Entscheidungen, die sie betreffen, beteiligt werden. Das ist die Botschaft, die von den Protesten ausgeht und darüber hinausgeht: Die Bürger fordern eine größere Präsenz im Staat.

Interview: Marinela Potor

** Aus: junge Welt, 8. September 2011


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