"Wir haben lange gekämpft und wenig erreicht"

In Chile kämpfen Schüler und Studenten seit sieben Monaten für eine Bildungsreform. Regierung stellt sich taub. Ein Gespräch mit Giorgio Jackson *


Giorgio Jackson studiert Wirtschaft an der Pontífica Universidad Católica in Santiago de Chile. Bis vor kurzem war er Präsident der Studentenvertretung der Universidad Católica (FEUC) und Sprecher der Konföderation der chilenischen Studenten (CONFECH).


Seit sieben Monaten demonstrieren in Chile Schüler und Studenten für ein besseres Bildungssystem. Als einer der Organistoren dieser Bewegung sind Sie ständig unterwegs, Sie haben an zahlreichen Kundgebungen und auch an vielen Verhandlungen mit der Regierung teilgenommen. Kommen Sie überhaupt noch zum Schlafen?

Es ist jetzt ein wenig besser geworden, aber immer noch viel zu wenig: Im Schnitt schlafe ich nicht mehr als vier bis fünf Stunden pro Nacht.

Viele Ihrer Mitdemonstranten sind nach so vielen Monaten psychisch und physisch ebenso erschöpft wie Sie. Wie lange kann die Bewegung noch durchhalten?

Ich glaube, wir sind alle müde – wir haben lange und intensiv gekämpft und leider nur wenig damit erreicht. Dennoch lassen wir nicht darin nach, weiterhin eine Bildungsreform zu fordern. Dabei müssen wir uns allerdings auch Gedanken über unsere Aktionsformen machen: Proteste und Institutsbesetzungen sind war gut und schön, sie bringen aber auch eine Menge Probleme im Studium oder mit dem Elternhaus. Wir müssen künftig darauf achten, daß wir diese Aktionsformen bewußter und mit mehr Augenmaß durchsetzen. Sie stumpfen sonst ab.

Die große Mehrheit der Bevölkerung steht hinter den Forderungen der Schüler und Studenten. Läßt sich die Regierung davon irgendwie beeindrucken?

Es ist enorm, daß wir es geschafft haben, einen großen Teil der Öffentlichkeit hinter uns zu bringen, in Chile ist dadurch ein neues kritisches Bürgerbewusstsein entstanden. Leider sind wir aber immer noch weit von dem entfernt, was wir politisch erreichen wollten. Bei dieser Regierung rennen wir gegen die Wand. Wir haben es nicht geschafft, den Politikern bewusst zu machen, dass Bildung ein öffentliches Gut sein muß und kein profitabler Markt sein darf. Ich glaube aber mittlerweile, daß bei dieser Regierung alle Bemühungen umsonst sind.

Das klingt resigniert – denken Sie daran, aufzugeben?

Keineswegs. Allerdings gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß auch der letzte Politiker irgendwann begreift, wie wichtig eine Bildungsreform für unser Land ist. So mancher von ihnen unterstützt uns zumindest verbal, was sich in Meinungsumfragen natürlich immer gut macht. Die politische Klasse sollte sich möglichst bald zu der Erkenntnis durchringen, dass der Staat mehr für die Bildung tun muß. Zur Zeit ist er nur zu 20 bist 30 Prozent am gesamten Bildungssystem beteiligt – der Rest ist privatwirtschaftlich. Das muß sich ändern und ich bin sehr zuversichtlich, daß wir dazu beitragen können.

Bis zum vergangenen Freitag waren Sie noch Präsident der Studentenvertretung der Universidad Católica in Santiago (FEUC). Was raten Sie Ihrem Nachfolger Noam Titelman?

Glücklicherweise ist Noam auf dem Laufenden, er hat mich in den vergangenen Monaten sehr oft begleitet. Natürlich könnte ich ihm jede Menge Ratschläge geben, z. B. vorsichtig im Umgang mit den Medien zu sein. Bei Kontakten zu Journalisten muß man aufpassen, daß einem hinterher nicht das Wort im Munde verdreht wird. Oder daß man das eigene Privatleben plötzlich in den Schlagzeilen wiederfindet.

Ich selbst werde mich jetzt zunächst mal auf mein Studium konzentrieren, wobei ich natürlich die Studentenbewegung weiter unterstütze - wenn auch mehr aus dem Hintergrund heraus. Ich werde mich auch weiter politisch engagieren, was nicht heißt, daß ich einer Partei beitrete, um Politiker zu werden. Ich will aktiver Teil der demokratischen Bewegung bleiben, die Chile verändert.

Interview: Marinela Potor (Santiago de Chile)

* Aus: junge Welt, 29. November 2011


Chile: Bilanz nach 30 Tagen

Senat verabschiedet neuen Bildungshaushalt

Von Marinela Potor, Santiago de Chile **


Einen Aktionsmonat hatten sich Chiles Schüler, Studenten, Lehrer und Professoren für den Monat November vorgenommen. 30 Tage, um auf den Straßen des südamerikanischen Landes zu demonstrieren, 30 Tage, um die Politiker zu überzeugen, 30 Tage, um für das gemeinsame Ziel zu kämpfen: ein besseres Bildungssystem in Chile. »In sechs Monaten Protesten sind wir politisch nicht weitergekommen. Dieser Monat soll noch einmal allen bewußt machen, daß wir nicht aufgeben«, kündigte Studentenvertreterin Camila Vallejo Anfang November an. Und ihre Kommilitonen folgten dem Aufruf. Fast täglich riefen die verschiedenen Studentenorganisationen im ganzen Land zu Aktionen auf, und fast täglich sah man in Chile Tausende von Demonstranten auf den Straßen. 30 Tage später stellt sich die Frage: Was haben die Proteste in diesem Monat gebracht?

Auch wenn viele Universitäten den Semesterbetrieb wieder aufgenommen haben, gehen an einigen Hoch- und vor allem an den weiterführenden Schulen die Besetzungen und Streiks weiter, mit politischer Unterstützung: Erst vor einigen Tagen beschloß das Parlament, die Schüler, die den Unterricht »schwänzen«, nicht zu bestrafen. Unterdessen wählen die beiden größten Universitäten des Landes, die Universidad de Chile, die Camila Vallejo besucht, und die Universidad Católica von ihrem Kollegen Giorgio Jackson neue Studentenvertretungen. Während hier mit Noam Titelman bereits ein Vertreter desselben linken Flügels als Nachfolger Jacksons bestimmt wurde, steht die wahrscheinliche Wiederwahl Camila Vallejos noch aus.

Die Präsenz, die die Demonstranten auf den Straßen Chiles zeigen, ist enorm. In großen Städten wie Santiago oder Valparaíso zählen die Organisatoren regelmäßig Zehntausende Teilnehmer. Auch wenn die Proteste weitgehend friedlich ablaufen, hat die Aggressivität sowohl auf der Seite der Demonstranten als auch bei der Polizei spürbar zugenommen. Die Stimmung ist deutlich gespannter als zu Beginn der Aktionen Anfang Mai. Die Mehrheit der Chilenen unterstützt die Schüler und Studenten nach wie vor in ihren Forderungen, aber die Ablehnung der zunehmenden Gewalt ist gewachsen.

Hier ist der eigentliche Knackpunkt der Studentenbewegung, denn selbst nach nun sieben Monaten hat sich politisch bislang wenig getan. Noch immer kostet ein Studium im Schnitt pro Jahr etwa 6000 Euro, während das monatliche Durchschnittseinkommen in Chile bei unter 1000 Euro liegt. Kredite und jahrzehntelanges Abzahlen von Schulden sind die Folge. Zwar hat die Regierung versprochen, den Bildungsetat zu erhöhen, tatsächlich sind die avisierten 7,7 Prozent jedoch eine der geringsten Steigerungen in Chiles Geschichte. Den Studenten ist das zu wenig, und auch das Versprechen, die Stipendien zu erhöhen, geht an ihren Forderungen vorbei. Denn dadurch sinken zwar die individuellen Belastungen, das Grundproblem des teuren Studiums wird jedoch nicht gelöst.

Am vergangenen Freitag (25. Nov.) hat der Senat, das Oberhaus des chilenischen Parlaments, nach tagelangen Marathonsitzungen den neuen, von der Regierung vorgelegten Bildungsetat gebilligt. Einen ersten Entwurf hatte die Opposition zuvor abgelehnt. Im neuen Anlauf hat das Kabinett von Staatschef Sebastián Piñera nun die Ausgaben für Stipendien weiter erhöht und mehr staatliche Unterstützung für Universitäten und Studenten angekündigt. Von den Forderungen der Studenten ist dies noch immer weit entfernt. Giorgio Jackson kommentierte die Entscheidung deshalb gegenüber jW: »Uns bleibt nichts anderes übrig, als weiterzumachen!«

** Aus: junge Welt, 29. November 2011


Zurück zur Chile-Seite

Zurück zur Homepage