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In Chile sollen die Umstände des Todes von Salvador Allende und Pablo Neruda geklärt werden

Von André Scheer *

Fast vier Jahrzehnte nach dem Militärputsch in Chile soll endlich das Schicksal von zwei der bekanntesten Opfer der Pinochet-Diktatur untersucht werden. Am vergangenen Donnerstag akzeptierte die chilenische Justiz einen Antrag der Kommunistischen Partei (PCCh), die Umstände des Todes des weltberühmten Schriftstellers Pablo Neruda zu untersuchen. Der Literaturnobelpreisträger war am 23. September 1973, wenige Tage nach dem Staatsstreich, gestorben. Offiziell hieß es, er sei einem Krebsleiden erlegen. Jüngste Zeugenaussagen haben nun jedoch die Zweifel an einem natürlichen Tod verstärkt. Am vergangenen Mittwoch sagte der frühere mexikanische Botschafter in Chile, Gonzalo Martínez, er habe Neruda noch am Tag vor seinem Ableben getroffen, und dieser sei »vollkommen klar« gewesen, nichts habe auf seinen unmittelbar bevorstehenden Tod hingewiesen. Deshalb sei eine Untersuchung der merkwürdigen Umstände von Nerudas Tod notwendig. »Wenn ich Chilene wäre oder das in Mexiko geschehen wäre, würde ich zu denen gehören, die Anzeige erstatten«, sagte der Diplomat gegenüber Pressevertretern.

Bereits Ende Mai war der am 11. September 1973 gestürzte Präsident Salvador Allende exhumiert worden, um mit einer Obduktion dessen tatsächliche Todesursache festzustellen. Während die Putschisten damals die offizielle Version verbreiteten, Allende habe sich das Leben genommen, sind in Chile und international viele bis heute überzeugt davon, daß der Präsident von den Militärs bei der Erstürmung des Präsidentenpalastes ermordet wurde. Im vergangenen Jahr aufgefundene Dokumente scheinen diese Ansicht nun zu bestätigen. Wie das chilenische Fernsehen aus einem unveröffentlichten Bericht der Militärstaatsanwaltschaft zitierte, seien im Körper Allendes Schußwunden gefunden worden, die von verschiedenen Waffen stammten. Der uruguayische Forensiker Hugo Rodríguez analysierte das Dokument und stellte fest, daß Allende von Schüssen getroffen worden sei, bevor seine eigene AK-47 auf ihn abgefeuert wurde, die ihm den Schädel zertrümmerte. Für den Menschenrechtsanwalt Eduardo Contreras bringt diese Entdeckung die These vom Selbstmord ins Wanken. Letztlich sei jedoch klar: »Das Schicksal Allende stand fest. Ob Selbstmord oder Mord, der Präsident würde an diesem Tag sterben.«

Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chiles, Guillermo Teillier, unterstrich am Rande der Exhumierung: »Was auch immer das Ergebnis sein wird, es wird für mich nicht die Bedeutung dessen mindern, was Allende getan hat. Tatsache ist, daß er sein Leben für eine Sache gegeben hat. Auf die eine oder andere Weise hat er dies getan, voller Mut und Treue zum Volk, wie er es angekündigt hatte.« Mit Blick auf die neuen Untersuchungen zum Tod Nerudas unterstrich Teillier: »Es gibt Zeugenaussagen, die die These untermauern, daß Neruda ermordet wurde und nicht Komplikationen des Prostatakrebs erlegen ist, wie dies die Putschisten verbreiteten.«

Auch Nerudas damaliger Chauffeur Manuel Araya ist überzeugt, daß sein Chef umgebracht wurde. Kurz vor seinem Tod sei dem Dichter im Krankenhaus eine Injektion in den Magen verabreicht worden. »Dieser verdammte Stich hat ihn getötet. Er war an Krebs erkrankt, aber er ertrug ihn gut. An diesem Tag konzentrierte er sich auf seine Reise nach Mexiko, die zwei Tage später stattfinden sollte. Die Militärregierung wollte nicht, daß er das Land verläßt, und deshalb haben sie das getan«, erklärte Araya.

Die Pablo-Neruda-Stiftung, die den Nachlaß des Dichters verwaltet, hält hingegen bislang daran fest, daß Neruda an Prostatakrebs gestorben ist. Sein Zustand habe sich allerdings wegen der psychischen Belastung nach dem Putsch und dem Tod Allendes verschlechtert. Es gebe jedoch »keinen Hinweis und keinerlei Beweis, der nahelegt, daß Pablo Neruda nicht an Krebs im fortgeschrittenen Stadium starb«, teilte die Stiftung mit.

Am 11. September 1973 hatten chilenische Militärs unter der Führung des Generals Augusto Pinochet und mit Unterstützung des US-Geheimdienstes CIA gegen die demokratisch gewählte Regierung des Sozialisten Salvador Allende geputscht. Unter der bis 1990 andauernden Militärdiktatur wurden Tausende Menschen ermordet, Zehntausende gefoltert.

* Aus: junge Welt, 6. Juni 2011


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