"Die 2.000 Gefechtstoten präsentiert man als Massakeropfer"

Srebrenica vor 15 Jahren: Ein Interview mit Alexander Dorin, das aus dem Rahmen der herrschenden Meinung heraus fällt

Das Massaker von Srebrenica im Jahr 1995 gilt als eines der schlimmsten Kriegsverbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg und wird häufig mit dem Völkermord von Ruanda 1994 verglichen. In zahlreichen Erinnerungsartikeln anlässlich des 15. Jahrestags des Massakers wurde der "Genozid", den die serbischen Soldaten an den muslimischen Bosniern verübten, erinnert. Zweifel hinsichtlich der Dramatik und der Schwere des Verbrechens werden in der Regel nicht laut. Warum auch? Passen die Darstellungen doch durchaus ins Bild der "serbischen Gräueltaten", mit denen in den 90er Jahren das Kriegsgeschehen auf dem Gebiet des zerfallenden Jugoslawien in der westlichen Presse kommentiert wurden. Diese Schwarz-Weiß-Malerei setzte sich fort in den zahlreichen Prozessen vor dem UN-Sondertribunal ICTY (Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien) in Den Haag, vor dem sich seiner Zeit der frühere jugoslawische und später Präsident Milosevic und heute der ehemalige serbische General Radovan Karadzić verantworten mussten. In der Anklageschrift des ICTY wird Karadzić mit einigen der berüchtigtsten Ereignissen des Balkankonflikts in Verbindung gebracht, einschließlich des Massakers an 8.000 muslimischen Männern und Jungen 1995 in dem angeblichen sicheren Ort Srebrenica sowie dem langwierigen Beschuss, auch aus dem Hinterhalt, der Bewohner der Stadt Sarajevo.

Weit davon entfernt, das Massaker von Srebrenica und die vielen Kriegsverbrechen der jugoslawischen Bürgerkriege und Kriege der 90er Jahre zu leugnen, sind doch Fragen hinsichtlich der Zuverlässigkeit der Daten und der Seriosität der Berichte zu stellen. Dies nicht zuletzt aufgrund der Erfahrung mit der Vorbereitung des sog. "Kosovo-Krieges" 1999, in der kaum eine Lüge ausgelassen wurde (vom Racak-Massaker bis zum Hufeisenplan oder den angeblichen serbischen KZs).

Das im Folgenden von uns dokumentierte Interview aus der "jungen Welt" mit dem bosnischen Schriftsteller Alexander Dorin, der seit vielen Jahren die den serbischen Streitkräften angelasteten Kriegsverbrechen minutiös aufarbeitet, fällt aus dem Rahmen der sonst üblichen Berichterstattung über Srebrenica heraus. Was hier wirklich erhärtete Tatsachen und was nur wohlmeinende Vermutungen sind, vermögen wir nicht zu entscheiden. Denkanstöße zu einer im historischen Abstand nüchterneren Bewertung des Massakers von Srebrenica, des völkerrechtswidrigen Beschusses der eingeschlossenen Stadt Sarajewo, aber auch der von Kroaten und Bosniern begangenen Kriegsverbrechen und nicht zuletzt der ebenfalls völkerrechtswidrigen Einmischung des Westens als Kriegspartei gegen Serbien kann das Interview aber durchaus geben.

Pst


"Gefechtstote werden geleugnet"

Vor 15 Jahren marschierte die bosnisch-serbische Armee in Srebrenica ein. Daß sie einen Völkermord an bis zu 8000 Muslimen zu verantworten hat, bezweifelt Alexander Dorin in dem folgenden Interview.*

Alexander Dorin ist als Sohn bosnischer Eltern, die Anhänger Tito-Jugo­slawiens waren, aufgewachsen. Ende 2009 erschien von ihm das Buch »Srebrenica – Die Geschichte eines salonfähigen Rassismus« (Verlag Kai Homilius). Im Herbst veröffentlicht der Ahriman-Verlag seine neue Dokumentation »Srebrenica – wie es wirklich war« über Verbrechen der bosnisch-muslimischen Armee an der serbischen Bevölkerung im Raum Srebrenica.

Der Völkermord bosnisch-serbischer Einheiten an bis zu 8000 bosnisch-muslimischen Männern und Jungen aus Srebrenica vor 15 Jahren gilt als grausamer Höhepunkt des Krieges im zerfallenden Jugoslawien. Widersprechen Sie dem?

Ich habe das Thema jahrelang verfolgt. Irgendwann war ich sicher, daß die Behauptungen so falsch sein mußten wie es die übrige Jugoslawien-Berichterstattung war. Ich begann, vor Ort zu recherchieren. Von vielen Seiten wurden mir Dokumente zugespielt, die ein anderes Bild aufzeigen.

Die bosnischen Serben unter General Ratko Mladic haben im Juli 1995 in Srebrenica also nicht tagelang gemordet?

Laut muslimischen Zeugen hat die bosnisch-muslimische Armee auf der Flucht von Srebrenica nach Tuzla in Gefechten mit der serbischen Armee und durch Minen zwischen 2000 und 3000 Kämpfer verloren. 954 muslimische Soldaten, die lange vor dem Fall Srebrenicas umgekommen waren, stehen auf der offiziellen Srebrenica-Vermißtenliste. Fast 3000 muslimische Männer, die seit Juli 1995 als vermißt gelten, stimmten 1996 bei von der OSZE überwachten Wahlen ab – viele übrigens als Flüchtlinge in europäischen Staaten. 500 muslimische Soldaten, die vor 1995 desertiert waren, finden sich ebenso auf der Vermißtenliste. Mittlerweile hat das muslimische Research and Documentation Center in Sarajevo eingeräumt, daß weitere 500 Lebende gefunden wurden, die zu den Vermißten zählen.

Laut Ankläger des Den Haager Jugoslawien-Tribunals ICTY sollten geheime Umbettungen der Leichen das Verbrechen verschleiern. Wie das, wenn es keine Exekutionsopfer gibt?

Die Ermittler des sogenannten Tribunals untersagten serbischen Pathologen, den Ausgrabungen beizuwohnen. Das ICTY hat außerdem 1000 angebliche Beweise des Srebrenica-Massakers trotz laufender Prozesse vernichtet. Verschleiert das Tribunal eher und präsentiert Tote aus anderen Regionen Bosniens als Srebrenica-Opfer, weil die nötigen Leichen fehlen? Die Serben konnten jedenfalls im von internationalen Truppen besetzten Bosnien nicht unbeobachtet Tausende Tote umbetten.

Srebrenica war UN-Schutzzone. Die Serben marschierten im Juli 1995 ein. Tausende muslimische Einwohner suchten daraufhin auf dem UN-Stützpunkt in Potocari Schutz. Warum wurden dort Männer von Frauen, Kindern und Alten getrennt und nur letztere von bosnisch-serbischen Soldaten in muslimisch kontrolliertes Gebiet gebracht?

In dieser »Schutzzone« verschanzten sich Tausende muslimische Kämpfer, die in der Umgebung zwischen 1992 und 1995 Massenmorde an der serbischen Bevölkerung verübten. Sie verließen mit bewaffneten Zivilisten Srebrenica noch vor dem Einmarsch der Serben am 11. Juli 1995. Ihr Befehlshaber Naser Oric war zuvor mit seinen Offizieren vom französischen Militär ausgeflogen worden. Orics Abzug sorgte für Chaos unter seinen Soldaten, es kam zu internen Gefechten. Nach Potocari flüchteten die zurückgelassenen Zivilisten, Frauen, alte Männer, Kinder. Die Serben brachten einige hundert dieser Männer zur Befragung nach Bratunac. Am 17. Juli 1995 bestätigten Vertreter der muslimischen Zivilbehörden und die UNO, daß die muslimischen Zivilisten Srebrenica auf eigenen Wunsch verlassen und in muslimisch kontrolliertes Gebiet evakuiert werden wollten. Die Serben hätten dies korrekt ausgeführt.

Berichten zufolge sind Tausende Männer aus der flüchtenden Kolonne exekutiert worden.

Die muslimische und serbische Armee stießen unterwegs an vielen Orten aufeinander. Muslimische Zeugen bestätigen heftige Gefechte. Die 2000 Gefechtstoten präsentiert man als Massakeropfer.

Wenn es sich bei den gefundenen Leichen um muslimische Gefechtstote handelt, muß es doch auch serbische geben. Oder hat Mladics Truppe ohne Verluste gekämpft?

Wenn? Es handelt sich um muslimische Gefechtstote! Ich beziehe mich auf muslimische Quellen. Laut dem muslimischen Kommandanten Nesib Buric hat seine Armee während des Durchbruchs nach Tuzla mindestens 2000 Männer im Kampf verloren. Über 30 weitere muslimische Zeugen sprechen von mehr als 2000 Gefechtstoten, einige von 3000. Die Serben hatten weniger Verluste. Sie waren an die Fluchtroute der muslimischen Armee gelangt und konnte sich geschickt positionieren. Sobald der Gegner auftauchte, wurde er unter Beschuß genommen. Fluchtwege wurden oft abgeschnitten. An einigen Orten verloren sie die Gefechte, weil ihnen die muslimische Armee zahlenmäßig überlegen war. Die serbischen Verluste liegen je nach Quelle zwischen 300 und 500 Mann.

Was ist mit ihnen passiert?

Da die Gefechte auf serbisch kontrolliertem Gebiet stattfanden, konnten die Serben ihre Toten in deren jeweilige Dörfer bringen. Viele liegen in Karakaj, Bratunac und Vlasenica. Die flüchtende Moslemarmee konnte ihre Toten oft nicht mitnehmen, aber laut muslimischen Aussagen viele selbst begraben, vermutlich dort, wo sie die Gefechte gewonnen hat. Das Begraben der feindlichen Toten war aber auch Aufgabe der serbischen Armee.

Für die Ankläger des bosnisch-serbischen Expräsidenten Radovan Karadzic vor dem ICTY ist die Übernahme von Srebrenica Teil des Plans, serbisch kontrollierte Gebiete Bosniens Muslim- und Kroaten-frei zu machen.

Die Serben sind in Srebrenica eingefallen, weil die Stadt auf dem Präsentierteller vor ihnen lag! Die muslimische Armee war abgezogen, obwohl sie den serbischen Streitkräften in der Region zahlenmäßig hoch überlegen war. Die Serben wurden wohl in eine Falle gelockt. Hakija Meholic, muslimischer Expolizeichef von Srebrenica, bestätigt, daß US-Präsident Bill Clinton dem Moslempräsidenten Alija Izetbegovic bereits 1993 als Grund für das Eingreifen der NATO die Variante eines Massakers in Srebrenicas vorschlug.

Die Karadzic-Anklage nennt für das Srebrenica-Massaker 13 Tatorte. Im Warenlager in Kravica etwa sollen 1000 bosnisch-muslimische Männer getötet worden sein.

Im Lager gab es einen Aufstand muslimischer Gefangener. Sie ermordeten einen serbischen Wächter. Ihr Fluchtversuch wurde vereitelt, aber 20 Gefangene kamen um. Wie muslimische Zeugen berichten, stieß die muslimische Armee bei Kravica auf serbische Einheiten, es gab Gefechte. Auch über innermuslimische Konflikte bei Kravica wurde berichtet. Die dort gefundenen Toten kann man dem zuordnen. Auch an den anderen Orten sind die Armeen aufeinandergestoßen. Nachträglich erklärt man die Gefechtstoten zu Massakeropfern. Es ist doch bezeichnend, daß bis heute die Gefechts­toten und Überlebenden geleugnet werden. Mit ihnen steht und fällt die Massakerstory.

Laut ICTY wurden nach dem Fall von Srebrenica über 7500 Personen als vermißt gemeldet. Mehr als 5000 davon seien aus Massengräbern exhumiert und mittels DNA-Test identifiziert worden.

Das »International Committee for Missing Persons« (ICMP) mit Sitz im muslimisch kontrollierten Tuzla hat diese Behauptung aufgestellt. Das ICTY befaßte sich damit nur in einer geschlossenen Sitzung. Serbische Institutionen erhalten die Resultate nur, wenn die Familien aller angeblich identifizierten Opfer einverstanden sind, also nie. Auch Karadzics Verteidigung werden die Ergebnisse vorenthalten. Keiner hat sich also von der Richtigkeit der Behauptung des ICMP überzeugt, das übrigens vom US-Außenministerium bestimmt wird. Ex-AOL-Chef James V. Kimsey ist Kopf des ICMP. Außerdem, die DNA-Analyse beweist, daß der Tote tot ist. Als Beweis für ein Massaker kann sie nicht gelten, da sie über die genaue Todesart und den Todeszeitpunkt nichts aussagen kann! Und wie unseriös die Vermißtenliste ist, habe ich ja ausreichend dargestellt.

Das ICTY hat zwei Serben des Völkermords in Srebrenica für schuldig befunden und General Radislav Krstic wegen Beihilfe zum Genozid verurteilt. Der Internationale Gerichtshof, IGH, hat das Massaker als Völkermord eingestuft. Alles Irrtümer?

Der Krstic-Prozeß war eine auf Betrug und Fälschung gebaute Farce. Germinal Civikovs Buch zum Srebrenica-Kronzeugen Drazen Erdemovic zeigt, wie das ICTY manipuliert. Statt Fakten benutzt die Anklage oft gefälschte Zeugenaussagen sowie erpreßte Falschaussagen diverser angeklagter Serben. Und der IGH hat die Urteile des ICTY ungeprüft akzeptiert und lediglich rechtliche Konsequenzen formuliert.

Interview: Cathrin Schütz

* Aus: junge Welt, 10. Juli 2010


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