Eine tränenreiche Nacht

Der Widerstand gegen Bahrains Monarchie ist nicht erlahmt

Von Martin Lejeune, Manama *

Mit Tränengas sind Sicherheitskräfte in Bahrain in der Nacht von Donnerstag auf Freitag gegen demonstrierende Regierungsgegner vorgegangen. Die Proteste fielen nach Aufrufen zur Teilnahme über Online-Netzwerke offenbar größer aus als von den Behörde erwartet. Sie verbreiteten sich über das ganze Land.

Ohrenbetäubender Lärm vertreibt die Nachtruhe aus der Küstenstadt Jannusan. Etwa 200 Jugendliche ziehen mit Getöse durch die dunklen und engen Gassen des Basars im Zentrum der Stadt. Die Demonstranten hupen, tröten und trommeln in dem bekannten Rhythmus des Protests: »Nieder, nieder Hamad«. Gemeint ist Hamad bin Isa al-Khalifa, der König von Bahrain.

Jannusan liegt im Nordwesten der Insel Bahrain. Die Region ist eine schiitische Hochburg. Hier begannen am 14. Februar die Aktionen gegen die Monarchie. Seitdem nennen sich die Aufständischen »Bewegung 14. Februar«. Die friedliche Bewegung wurde damals nach einigen Wochen von den königstreuen Sicherheitskräften niedergeschlagen.

Diesmal kreisen bereits eine halbe Stunde nach dem Beginn der Proteste gegen 21.30 Uhr drei Polizeihubschrauber über dem Zentrum von Jannusan. Ein junger Mann aus der Gruppe der Aufständischen erklärt dem fremden Besucher: »Die Helikopter senden mit ihren Kameras bewegte Livebilder an die Einsatzzentrale der Polizei. Die entscheidet dann, wie viele Sicherheitskräfte sie zu uns schickt.« Der Demonstrant, der sein Gesicht mit einem weißen Beduinentuch vermummt hat, stellt sich als Hussein und 23-jähriger Student der Universität von Manama vor, der jedes Wochenende zum Protestieren in seine Heimatstadt Jannusan fährt.

»Wir demonstrieren, weil wir eine Verfassung wollen, Parteien und ein Parlament, das die Interessen des Volkes vertritt«, begründet Hussein den seit sieben Monaten andauernden Widerstand.

Zu mehr kommt Hussein nicht. Er rennt weg vor den anrückenden Spezialkräften. Etwa 200 schwer gerüstete Männer feuern Plastikgeschosse und Lärmgranaten auf die Demonstranten. Durch die sternenklare Nacht ziehen die Funkenschweife von Tränengasgranaten. Schon durchdringen ihre weißen Schwaden die feuchte Luft. Das Thermometer zeigt 36 Grad. Um dem Tränengas zu entkommen, flüchtet Hussein in das Haus eines Freundes, der hier im Zentrum wohnt. Im Mafraj, dem Aufenthaltsraum, angekommen, ist man zwar das Tränengas, nicht aber die extreme Schwüle los, denn die Klimaanlage ist ausgeschaltet, damit sie nicht Tränengas ins Haus transportiert.

Abdallah, Husseins Freund, gehört ebenfalls zur Opposition. Er wirft dem Königshaus ausufernde Korruption, Verschwendung von Steuergeldern und Privatisierung von öffentlichen Gütern wie Häfen, Fischereigebieten und Stränden vor. »Wir fordern auch höhere Löhne und bezahlbaren Wohnraum«, fügt Abdullah hinzu. »Ich verdiene als Lehrer 600 Dinar, das reicht nicht aus, um eine eigene Familie zu gründen. Deshalb wohne ich mit meinen 31 Jahren noch immer im Haus meiner Eltern.« 600 Dinar entsprechen reichlich 1000 Euro. Und die Lebenshaltungskosten in dem Golfstaat zwischen Katar und Saudi-Arabien sind höher als bei den Nachbarn, vor allem die Mieten.

Einiges mehr als der Lehrer Abdallah verdienen seit März die Polizisten. Als Ende Februar nach zwei Wochen täglicher Proteste kein Ende des Aufstands in Sicht war, verdoppelte König Hamad den Lohn der Bereitschaftspolizisten auf 800 Dinar. Ein Vermögen für die Söldner aus Pakistan, Syrien, Jordanien und Jemen, die in Bahrain in großen Kasernen wohnen und nahezu ihren kompletten Verdienst an die Familien in der Heimat überweisen, denn die Angehörigen dürfen nicht nach Bahrain einwandern.

Hussein wurde im März bei einer Demonstration von Sicherheitskräften geschlagen. »Einer der Polizisten hat sich unter vier Augen bei mir entschuldigt für die Gewalt, die uns angetan wurde. Er komme aus einer armen Familie in Jemen und brauche das Geld, das ihm der König zahle, rechtfertigte er seine Tätigkeit.«

»Keiner der gegen die Aufständischen vorgehenden Sicherheitskräfte ist Bahraini«, bestätigt gegenüber ND der Aktivist Mohammed al-Maskati, der im Auftrag einer lokalen Menschenrechtsorganisation in Jannusan die Übergriffe der Polizei dokumentiert und sich auch vor dem Tränengas in das Haus von Abdallahs Eltern geflüchtet hat. »Fast alle Polizisten kommen aus dem Ausland. Woher kommt das Geld für sie und für all die Waffen?«, fragt Maskati.

In Bahrain liegen der wichtigste Militärstützpunkt der US-Marine im Indischen Ozean und eine der größten Außenstellen der CIA im Mittleren Osten. »Nicht nur die US-Amerikaner unterstützen den König von Bahrain mit Geld und Waffen«, weiß Maskati. »Auch die benachbarten Golfstaaten helfen Hamad, den Aufstand niederzuschlagen. Sie fürchten um ihre Macht, fiele Bahrain.« Seit Mitte März kreuzt die kuwaitische Marine vor den Küsten Bahrains. Panzer und Soldaten aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten sieht man im Zentrum der Hauptstadt Manama. Katar und Oman sind nicht mit eigenen Truppen dabei, unterstützen Hamad aber finanziell. »Diese große internationale Koalition zeigt die Angst der Monarchien, dass der Aufstand in Bahrain zum Vorbild für ihre Völker wird.«

Inzwischen ist das ganze Zentrum von Jannusan derart von Tränengas verseucht, dass die Dokumentierung der Proteste für Maskati unmöglich wurde. Der Aktivist nimmt den Besucher in seinem Wagen mit nach Karranah, einer von Schiiten bewohnten Stadt zwischen Jannusan und Manama. Der Weg ist beschwerlich, immer wieder müssen Barrikaden weggeschoben werden, die von Aufständischen an Zufahrtsstraßen errichtet wurden, um den Polizeifahrzeugen das Eindringen in den Ort zu erschweren.

Als Maskati von der Polizei gestoppt wird, zwei Hunde aggressiv gegen den Wagen springen, kehrt der Menschenrechtler um. »Die Komitees der Aufständischen in den Städten der Region haben Karranah in dieser Nacht als Zentrum der Proteste festgelegt«, erklärt Maskati. »Deshalb ist hier die Repression in dieser Nacht besonders groß.«

* Aus: Neues Deutschland, 20. August 2011


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