Abriss oder Renovierung? Opposition in Bahrain

Von Sabine Damir-Geilsdorf *


In Bahrain, wo bereits seit Mitte Februar demonstriert wird, ist die Lage eskaliert. Spätestens seitdem König Hamad bin Isa Al Khalifa eine Eingreiftruppe vom Golfkooperationsrats anforderte, die am 14.03. mit etwa 1500 vor allem saudischen Soldaten und Panzern einmarschierte. Mit ihrer Rückendeckung trieben bahrainische Sicherheitskräfte am 16.03. die Demonstranten auf dem Perlen-Platz in Manama brutal auseinander. Bisher wurden mindestens 11 Menschen getötet und Hunderte verletzt. Dutzende wurden inhaftiert, darunter auch Ibrahim Sharif al-Sayyid, der Generalsekretär der politisch links stehenden Partei „Nationale Demokratische Aktion“ und Ali Al-Ikry, ein Arzt vom nahegelegenen Salmaniya-Krankenhaus, der den Verletzten medizinische Hilfe leistete. Nach Angaben der Opposition auf der gestrigen Pressekonferenz (20.03.) wurden fast 100 Personen entführt. Sicherheitskräfte besetzten das Salmaniya-Krankenhaus und blockierten die Zugänge.

Die gemeinsame Pressekonferenz der 7 Oppositionsparteien, die sich zu einem Block zusammengeschlossen haben, spricht von einer saudischen Invasion sowie einem Angriff auf Zivilisten und bittet die UNO um eine Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen. Die Regierung hingegen beharrt darauf, die Proteste seien vom Iran gelenkte terroristische Umsturzversuche, die einen konfessionellen Bürgerkrieg entfachen wollten. Auch das Salmaniya-Krankenhaus sei ein Zentrum zur Verbreitung dieser terroristischen Umtriebe gewesen, die Ärzte seien ihren Pflichten nicht nachgekommen. Dementsprechend verurteilte sie Irans Kritik am Einmarsch der saudischen Truppen prompt als unzulässige Einmischung sowie territorialen Anspruch Irans und wies den Botschafter aus.

Die Proteste, zu denen verschiedene Gruppen über Facebook, Email-Listen, Twitter und Mund-zu-Mund-Propaganda aufgerufen hatten, begannen am 14. Februar – dem 10. Jahrestag der Verabschiedung der Nationalen Aktionscharta, der in Staatsfeiern begangen werden sollte. Über diese Charta, die demokratische Öffnung und umfassende Reformen versprach, hatten Bahrainis 2001 in einem Referendum abgestimmt, nachdem der jetzige König, Scheich Hamad bin Isa Al Khalifa, 1999 die Nachfolge seines Vaters angetreten hatte. Sie erweckte damals bei vielen Menschen die Hoffnung auf ein Ende der Unruhen im Land. Denn Zusammenstöße zwischen Oppositionellen, die meist aus der schiitischen Mehrheitsbevölkerung stammen, und von der sunnitischen Königsfamilie kontrollierten Sicherheitskräften sind in dem kleinen, knapp 700 km2 umfassenden Inselstaat nichts Neues. Während der sogenannten bahrainischen Intifada in den 1990er Jahren wurden mindestens 20 Menschen getötet, mehrere Tausende Regimekritiker inhaftiert und Hunderte ausgewiesen. Auch im Zuge des 2006 ratifizierten Anti-Terrorgesetzes wurden zahlreiche Menschenrechtsaktivisten und Oppositionelle inhaftiert, im Vorfeld der jüngsten Wahlen 2010 etwa 250 Personen.[1]

Die Nationale Aktionscharta versprach insbesondere die Einführung einer konstitutionellen Monarchie sowie die Wiedereinführung von Wahlen und eines Parlaments, das 1975 aufgelöst worden war. Die Verfassung, die ein Jahr später verabschiedet wurde, enttäuschte jedoch die Erwartungen. Zwar gab es wieder ein Parlament, und es fanden auch Wahlen statt, aber das Parlament wurde als gleichgewichtiges Zweikammerparlament mit jeweils 40 Parlamentariern eingerichtet: Nur die Parlamentarier der Abgeordnetenkammer werden direkt gewählt, die Mitglieder des Konsultativrats hingegen vom König ernannt. Über die Hälfte der Sitze besetzen Angehörige der königlichen Familie. Die Ernennung und Absetzung der Minister und sämtlicher Richter sowie die Zustimmung zu den Gesetzen obliegt dem König, der die Abgeordnetenkammer auch auflösen kann.

Mit dem Argument, dass dieses parlamentarische System keine wirklichen Reformen erwirken könne, boykottierten die schiitischen Parteien (d.h. „politische Vereinigungen“, denn Parteien sind offiziell nicht zugelassen) daher die Wahlen von 2002. Nachdem sich die schiitische al-Wifaq al-watani al-islami („Nationale islamische Eintracht“) schließlich doch zur Teilnahme entschloss, stellt sie den größten Block der Abgeordneten. In den Wahlen 2006 erlangte sie 17 der 40 Sitze und 2010 18 Sitze, während fünf Sitze zwei sunnitischen Parteien gehören, der Rest unabhängigen Kandidaten. Zu ihren Forderungen gehört die Umwandlung Bahrains in eine konstitutionelle Monarchie nach dem Vorbild Großbritanniens, Norwegens oder Schwedens, in der zwar die Familie Al Khalifa den König stellen, die exekutive Macht aber von verschiedenen politischen Kräfte entsprechend ihrer Wahlergebnisse ausgeübt würde.

Politische Privilegien und Forderungen

Dies war auch eine zentrale Forderung der Organisatoren der derzeitigen Proteste. Anders als bei den Protesten in Ägypten und Tunesien verfolgten die bahrainischen Demonstranten zunächst nicht das Ziel, Regierung und Königsfamilie zu stürzen, sondern die Einführung einer konstitutionellen Monarchie mit einer gewählten Exekutive sowie Meinungs- und Demonstrationsfreiheit. Zum Forderungskatalog gehören desweiteren die Freilassung sämtlicher politischer Gefangenen und vor allem die Aufhebung der konfessionellen Segregationspolitik, die der sunnitischen Minderheit im Land, zu der auch die Königsfamilie gehört, politische und ökonomische Privilegien verschafft, die schiitische Mehrheit hingegen benachteiligt. Schiiten sind von Anstellungen bei den Sicherheitskräften ausgeschlossen, haben aber auch in anderen Sektoren deutlich schlechtere Arbeitsmöglichkeiten als Sunniten und klagen über Diskriminierung bei der staatlichen Wohnungsvergabe. Auch die von ihnen bewohnten Dörfer weisen eine auffallend schlechtere Infrastruktur als sunnitische Wohnbezirke auf. Im Wahlgesetz werden sie durch gerrymandering benachteiligt: die Wahlkreiseinteilung gibt ihnen nur ein Gewicht von ca. 50%, obwohl sie etwa 70% der Gesamtbevölkerung ausmachen.[2] Die Demonstranten fordern außerdem Maßnahmen gegen die Korruption, die Ungleichverteilung von Reichtümern, die hohe Arbeitslosigkeit, Niedriglöhne und Wohnungsmangel. Viel Kritik richtet sich gegen Premierminister Sheykh Khalifa Ibn Salman al-Khalifa, der sein Amt schon seit 1971 innehat und gegen dessen Einfluss sich auch der König bei seiner Amtsübernahme erst behaupten musste.[3] Er gilt nicht nur als einer der reichsten Geschäftsmänner der Golfregion, sondern auch als besonders korrupt und als einer der vehementesten Reformgegner. Nach den Erklärungen der sieben führenden Protestgruppen soll er das Gebiet, auf dem heute der bahrainische Finanzhafen mit seiner imposanten Skyline steht, für nur einen Dinar (umgerechnet etwa zwei Euro) gekauft haben.

Bei vielen kippte die Stimmung jedoch, nachdem bahrainische Sicherheitskräfte zu Beginn der friedlichen Proteste mit brutaler Gewalt eingriffen. Bereits am ersten Tag der Proteste, am 14.02., wurde ein Demonstrant von den Sicherheitskräften erschossen, die sich - anders als in Ägypten - nicht aus einheimischen Kräften, sondern vorwiegend aus Pakistanis, Jordaniern, Jemeniten und anderen (sunnitischen) Arabern zusammensetzen. Auf dessen Trauerzug am nächsten Tag wurde eine weitere Person getötet. In der folgenden Nacht vom 16.02. zum 17.02. überfielen Sicherheitskräfte die größtenteils schlafenden Demonstranten auf dem Perlen-Platz in Manama und räumten diesen gewaltsam, indem sie auch mit scharfer Munition schossen. Fünf Menschen wurden dabei getötet, mehrere Hundert verletzt und Dutzende im Anschluss vermisst. Die Wifaq-Partei, die die Proteste maßgeblich mitorganisiert, zog sich daraufhin aus dem Parlament zurück und fordert nun eine Auflösung der gesamten Regierung. Gemeinsam mit den sechs anderen Oppositionsparteien verlangt sie auch die Abschaffung der Verfassung von 2002 und die Einschränkung der Macht der Königsfamilie durch eine konstitutionelle Monarchie.[4] Einige Kräfte gehen aber mittlerweile weiter. Eine wichtige Figur ist hier Hassan Mushaima, ein schiitischer Oppositioneller der Bewegung al-Haqq. Diese hatte sich 2006 von al-Wifaq abgespalten und verfolgt einen radikaleren und kompromissloseren Kurses gegenüber der Regierung. Mushaima war 2010 in Abwesenheit zusammen mit anderen Oppositionellen und Menschrechtsaktivisten verurteilt worden, in der zweiten Protestwoche jedoch als Schritt des Einlenkens von der Regierung begnadigt worden. Aus seinem Exil in London kehrte er am 29.02. nach Bahrain zurück, wo ihn die Demonstranten auf dem Perlenplatz feierten. Jetzt ist er erneut inhaftiert. Al-Haqq und zwei weitere politische Vereinigungen (al-Wafa‘ und Ahrar Bahrain) haben nun ein „Bündnis für die Republik“ geschlossen und verlangen die Abschaffung der Monarchie.[5]

Nach der auch internationalen Kritik am brutalen Vorgehen der Sicherheitskräfte hatte die bahrainische Regierung ihren harten Kurs gegenüber den Demonstranten zunächst drei Wochen lang geändert. Der Kronprinz, der auch stellvertretender Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist, erklärte seinen Dialogwillen und betont, dass nun friedlich weiterdemonstriert werden dürfe. In einer Fernsehansprache verkündete er die Einleitung weiterer Reformen sowie Gespräche mit den Anführern der Proteste. Gleichzeitig verkündete er auch die Schaffung von 20 000 neuen Stellen im Innenministerium als Maßnahme zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. In Facebook-Kommentaren hieß es daraufhin: „Was soll das? Sollen wir nun zur Polizei wechseln, um bei der Vertreibung der Demonstranten zu helfen?“ Angesichts der Proteste wechselte die Regierung auch fünf Minister aus und kündete die Freilassung von politischen Gefangenen an. Die Opposition kommentierte dies als positiven Schritt, verwies aber gleichzeitig auch auf zahlreiche weitere politische Gefangene, die sich nach wie vor in den Gefängnissen befinden, und beharrt auch auf einer Auflösung der Regierung. Gleichzeitig wuchs aber auch die Ungeduld, denn viele Berufsverbände streiken, die Universität wurde geschlossen und der Verkehr war in Teilen des Landes lahmgelegt.

Am 07.03. trafen sich Vertreter der protestierenden Parteien mit der neu gebildeten „Versammlung Nationaler Einheit“, die von Abdulatif al-Mahmood angeführt wird, einem bekannten sunnitischen Kleriker. Dieser hatte in den letzten Tagen parallel zu den Protesten am Perlen-Platz Gegendemonstrationen vor der größten sunnitischen Moschee in Manama, der Al-Fatih-Moschee, organisiert, um Zustimmung zur Verfassung, zum König und zur Regierung zu bekunden.

Nach dem Treffen mit den Protestgruppen erklärte er, man solle an der Verfassung von 2002 festhalten, auch weil ihre Abschaffung „ein Schritt ins Unbekannte sei“: “Wenn es möglich ist, ein Haus zu renovieren, warum sollte man es dann zerstören und neu bauen?“ Die Demonstranten überzeugte dies jedoch kaum, denn eine ihrer zentralen Forderungen bleibt die Einführung eines gewählten Parlaments mit rotierender Exekutive. Als Bedingung für einen Dialog mit der Regierung nennen die Protestparteien die Einberufung einer Konstituierenden Versammlung: „Dann sind die Proteste in weniger als einer Woche vorbei (...). Wir sagen dann den Leuten: Geht und wählt eure Vertreter in der Konstituierenden Versammlung, es gibt keinen Grund mehr, auf der Straße zu bleiben,“ erklärte Ali Salman, der Generalsekratär der Wifaq-Partei, und meinte, dass sich damit auch neue Forderungen nach einer Umwandlung der Monarchie in eine Republik auflösen würden.[6]

Nach dem Einmarsch der Truppe mit saudischen Soldaten und der brutalen Niederschlagung der Demonstrationen hat sich die Lage verschärft. Weitere Abgeordnete haben sich aus dem Parlament zurückgezogen, auch Richter ihren Dienst quittiert.

Aus einem politischen Konflikt wird ein konfessioneller gemacht

Die Mitglieder der „Versammlung Nationale Einheit“ sind überwiegend Sunniten, die meisten Demonstranten hingegen Schiiten. Dennoch sind die Proteste keineswegs rein schiitische oder gar von Teheran gesteuert, wie die Regierung glauben machen möchte. Bereits im Vorfeld der Proteste, als diese erst über Facebook angekündigt waren, wurde in staatlichen bahrainischen Zeitungen vor Einflüssen „äußerer Feinde des Landes“ gewarnt. Auch in der Vergangenheit diente das Argument einer iranischen Einflussnahme oft dazu, Oppositionelle als fremdgesteuert zu brandmarken.

Genauso wenig wie in Tunesien, Ägypten, Libyen und andernorts sind die Proteste in Bahrain Ausdruck oder Vorläufer einer islamischen Revolution. Beteiligt sind neben der Wifaq-Partei auch verschiedene nicht-schiitische und nicht religiös ausgerichtete Parteien wie beispielsweise die Demokratisch-Progressive Plattform und die Nationale Demokratische Aktion, Jugendgruppen und Menschrechtsaktivisten. Auch einige Berufsverbände unterstützen die Demonstrationen; der Gewerkschaftsbund rief zu Generalstreiks auf. Dass viele Demonstranten Schiiten sind, ist sowohl der konfessionellen Segregationspolitik auch der Demografie des kleinen Inselstaates geschuldet. Bahrains Einwohnerzahl hat sich innerhalb der vergangenen 10 Jahre fast verdoppelt: Von den derzeit rund 1,2 Millionen Einwohnern, darunter 54% Ausländer ohne Staatsangehörigkeit (fast 300 000 Inder), sind etwa 80% Muslime. Diese sind zu etwa 70% Schiiten, aber verlässliche Zahlenangaben existieren nicht. Das wäre auch nicht im Interesse der sunnitischen Minderheitsregierung, der unter anderem vorgeworfen wird, die konfessionelle Verteilung im Land durch gezielte Einbürgerungen sunnitischer Araber zu ändern.

Dieser Vorwurf kam durch den sogenannten Bandargate-Skandal auf, benannt nach dem ehemaligen Regierungsmitarbeiter Salah al-Bandar, der 2006 in einem über 200-seitigen Bericht geheime Pläne führender bahrainischer Minister auflistete, um Schiiten zu diskriminieren und ihren Einfluss im Land zu verringern. Auf vielen Transparenten der Demonstranten stand: „Nein zur politischen Einbürgerung“. Wiederholte Slogans der Protestierenden sind jedoch: „Wir sind alle Bahrainis. Keine Sunna, keine Schia“ und „Nur Bahrainis, nicht Schiiten und Sunniten – das Land steht nicht zum Ausverkauf“. Die Organisatoren warnen immer wieder vor einer Konfessionalisierung der Proteste; diese seien vielmehr gegen die konfessionelle Segregationspolitik der Regierung gerichtet. Auch Ali Salman von der Wifaq-Partei lehnte jede Einmischung anderer Staaten ab und stellte klar: „Wir streben nicht die Errichtung eines religiösen Staates an“.[7] Das Ziel sei vielmehr die Errichtung einer „zivilgesellschaftlichen Demokratie“.[8]

Ali Salman hat seine religiöse Ausbildung im iranischen Qom absolviert, bahrainische Schiiten folgen jedoch unterschiedlichen „Quellen der Nachahmung“ (marja‘), neben den iranischen Großayatollahs Khamene’i und Shirazi unter anderem auch dem irakischen Großayatollah al-Sistani und dem libanesischen Fadlallah. Dass sie mehrheitlich einen iranischen Staat als Vorbild haben, ist eine absurde Vorstellung.

Ob dieser Verdacht bewusst geschürt wird, um die Bevölkerung zu spalten, wie einige behaupten, oder ob er an Ängste ansetzt, die der Golfkooperationsrat in seinen oft beschworenen Warnungen vor den Gefahren einer „schiitischen Achse“ äußert, sei dahingestellt. Die allesamt nicht demokratischen Regime der Golfstaaten sind jedenfalls daran interessiert, die Stabilität in Bahrain zu wahren und fürchten auch einen Einfluss auf unzufriedene Teile ihrer eigenen Bevölkerung. Insbesondere Saudi-Arabien, das mit Bahrain nicht nur wirtschaftlich und militärisch eng verbunden ist, sieht in Bahrain ein Bollwerk gegen iranische Einflüsse in der Region. Saudi-Arabien befürchtet zudem, dass die eigene unterdrückte schiitische Minderheit (10-15% der Bevölkerung von etwa 28 Millionen), die in den erdölreichen Ostprovinzen lebt, von der bahrainischen Lage inspiriert werde. Dementsprechend sprechen saudische Tageszeitungen auch von einer „iranischen Verschwörung“ in Bahrain.

König Abdullah verspricht Reformen

Als der 87jährige saudische König Abdullah im Februar von einem dreimonatigen Klinikaufenthalt nach Saudi-Arabien zurückkehrte, versprach er seinem Volk prompt Gehaltserhöhungen, Stipendien für Studenten, die Einführung einer Arbeitslosenversicherung und höhere Ausgaben für Sozialwesen, Wohnungsbau und Bildung – einen Geldsegen von rund 37 Milliarden Dollar. Die Oppositionellen, die mit ihren Protesten bereits begonnen haben und zu weiteren aufrufen, konnte dies genauso wenig abhalten wie die Entsendung von 10 000 Sicherheitskräften in die von Schiiten bewohnten Provinzen des Landes. Aufstände wurden brutal niedergeschlagen, dennoch wird zu weiteren Demonstrationen aufgerufen. Wie die bahrainischen Demonstranten fordern sie eine konstitutionelle Monarchie, die die Macht des Königshauses einschränkt, eine demokratische Öffnung, Maßnahmen gegen Korruption, ein Ende der Diskriminierung von Schiiten und die Freilassung politischer Gefangener. Auch in Bahrain hatte die als Schweigegeld wahrgenommene Auszahlung von etwa 2000 Euro für alle Familien im Vorfeld der Proteste keine besänftigende Wirkung.

Aber auch die USA haben ein starkes Interesse an einer stabilen Lage an diesem geostrategisch wichtigen Standort, denn in Bahrain ist der Stützpunkt ihrer 5. Flotte und von dort aus können sie den Iran kontrollieren. Kritik wurde daher bislang nur sehr verhalten geäußert: Hillary Clinton, die noch im Dezember 2010 Bahrains demokratische Bemühungen rühmte, drückte ihre „Besorgnis“ aus und mahnte, es müsse eine politische und nicht militärische Lösung gefunden werden. Gleichzeitig äußerte sie am 20.03. in einem Interview aber auch Bedenken, begrüßenswerte demokratische Reformforderungen könnten von internen wie externen Kräften missbraucht werden und verwies dabei auf das Beispiel der iranische Revolution.[9] Auch europäische Politiker fahren lieber weiter ihrem Kuschelkurs mit den autokratischen Machthabern am Golf, der ihnen „Stabilität“ garantieren soll.

Die Entsendung der Golfkooperationsrat-Truppe mit vorwiegend saudischen Soldaten, die Ausweisung des iranischen Botschafters und anhaltende Behauptungen der Regierung, die Oppositionellen würden das Land „schiitisieren“ und einen konfessionellen Bürgerkrieg auslösen wollen, hat Brüche anhand konfessioneller Linien weiter vorangetrieben.

Instrumentalisierung der Religion

Wie Bahrain bemühte auch Saudi-Arabien die Religion: Der saudische Ältestenrat der Rechtsgelehrten (hay’at kibar al-ulama’) erließ am 06.03. eine in den Tageszeitungen veröffentlichte Erklärung, wonach Proteste und Demonstrationen unvereinbar mit dem Islam seien. Der traditionellen Allianz zwischen saudischem Königshaus und wahhabitischen Rechtsgelehrten folgend, bemühte sich der saudische Rat in seiner Erklärung, mit selektiven Zitaten von Koranversen und überlieferten Aussprüchen des Propheten Muhammad diejenigen als Ungläubige zu brandmarken, die sich dem Gehorsam gegenüber dem Herrscher verweigern und zu Demonstrationen aufrufen.[10]

Die bahrainische sunnitische Partei al-Asala al-islamiyya („Islamische Authentizität“), die eine enge Bindung an die wahhabitischen Nachbarn hat und im Parlament Gesetzesvorschläge wie ein komplettes Alkoholverbot und die Einführung einer Religionspolizei einbringt, veröffentlichte bereits einen Tag zuvor eine ähnliche Presseerklärung. Der Asala-Abgeordnete Abdulhalim Murad forderte von Ali Salman, Isa Qasim (dem geistlichen Führer der Wifaq-Partei) sowie Hassan Mushaima‘ öffentlich eine Entschuldigung, weil diese eine konfessionelle Spaltung der Bevölkerung vorantreiben würden.[11]

Dabei hat die Politik der Unterscheidung nach Konfessionszugehörigkeit bei der Verteilung politischer und ökonomischer Privilegien erst eine Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben. Trotz der Mahnungen der Organisatoren der Proteste, jegliche konfessionalistische Rhetorik zu vermeiden und trotz der zahlreichen Transparente und Sprechchöre der Demonstranten, die eine schiitisch-sunnitische Einheit betonen, ist die Dimension der religiösen Zugehörigkeit in den kontroversen Debatten deshalb nicht mehr auszuklammern. So wurde der Wifaq-Partei vorgeworfen, den Rücktritt des Premierministers wegen dessen sunnitischer Religionszugehörigkeit zu fordern. Ali Salman erläuterte dazu in einem Interview mit der bahrainischen Tageszeitung Al-Ayyam: „Der Premierminister ist nicht als Vertreter der Sunniten zu betrachten, sondern als Premierminister. [...] Wir fordern den Rücktritt des Premierministers und nicht den Sturz des sunnitischen Premierministers, wir fordern einen Premier entsprechend dem Willen des Volkes.“[12]

Die Opposition klagt generell über Verleumdungen durch die staatlich gelenkten Medien, die immer wieder Berichte über angebliche Waffenfunde bei Demonstranten brachten.

Bei der Niederschlagung der Proteste auf dem Perlen-Platz in Manama am 17.03. zerstörten Sicherheitskräfte auch das Perlenmonument in der Mitte des Platzes: sechs aufragende Säulen, die die sechs Staaten des Golfkooperationsrats symbolisierten und oben zusammentrafen, um zusammen eine Perle zu halten, Sinnbild für die gemeinsame Wirtschaft. Mit der Zerstörung des Monuments, vor dessen Hintergrund die Demonstranten auf vielen Fernseh- und Zeitungsbildern gezeigt wurden, sollte wohl auch die Erinnerung an die Aufständischen gelöscht werden. Heute (24.03.) gab eine Sprecherin der Regierung bekannt, dass sich die Lage in Bahrain dank des Eingreifens der Sicherheitskräftewieder normalisiert habe, ein nationaler Dialog aufgenommen werde, sobald wieder vollkommene Sicherheit eingekehrt sei.[13] Der Ausgang der Proteste ist derzeit noch offen, auch wenn die Protestgruppen in ihren zentralen Forderungen weitgehend geeint sind.

Fußnoten
  1. Vgl. Amnestie International: Oppositionelle in Foltergefahr, UA-195/2010-1, Index: MDE 11/007/2010, 08. Oktober 2010.
  2. Vgl. Niethammer, Katja: Bahrain: alte Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten neu artikuliert, in: Faath, Sigfrid (Hg.), Rivalitäten und Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten in Nahost, Berlin 2010, S. 157 u. 163.
  3. Vgl. Steven Wright: Fixing the Kingdom: Political Evolution and Socio-Economic Challenges in Bahrain, Doha 2008, S. 2.
  4. Die Parteien sind: al-Wifaq al-watani al-islami, al-Amal al-watani al-dimuqrati, al-Minar al-dimuqrati al-taqaddumi, al-Ikha‘ al-watani, al-Amal al-islami, al-Tajammu‘ al-qawmi al-dimuqrati, al-Tajammu‘ al-watani al-dimuqrati.
  5. Vgl. ihre Bekundungen http://ip36.208-100-39.static.steadfast.net/showthread.php?p=2046469, Zugriff 09.03.2011.
  6. Sa’id al-Hamd: La nu’ayyid al-tazahur fi manatiq al-ihtikak, al-Ayam, 11.03.2011.
  7. Ali Salman: 16.02.2011: Al-Bahrain tahtaj ila malakiya dusturiya, http://alwefaq.net/index.php?show=news&action=article&id=5531, Zugriff 20.02.2011.
  8. Interview mit Abdali Muhammad Hassan, Abgeordneter der Wifaq-Partei, 02.02.2011.
  9. http://abcnews.go.com/International/hillary-clinton-end-violence-bahrain/story?id=12957147&page=1.
  10. Hai’at kibar al-ulama‘: al-islah la yakuni bi-l-mudhaharat, al-Riad, 07.03.2011, http://www.alriyadh.com/2011/03/07/article611507.html, Zugriff 08.03.201.
  11. Al-Asala: Abdalhalim Murad yas’u ra’is al-wifaq li-l-i’tidhar, 06.03.2011, http://www.alasalah-bh.org/.
  12. Al-Hamd: La nu’ayyid al-tazahur (vgl. Anm. 6).
  13. Al-Ayam: Maysoon Subkar: Al-Hiwar al-watani satabda ba’da an yastatib al-amn wa-l-istiqrar, al-Ayam 24.03.2011, http://www.alayam.com/web8/MS_296.html.
* Sabine Damir-Geilsdorf, Islamwissenschaftlerin Universität Bonn, Stipendiatin der Gerda Henkel Stiftung.


Dieser Beitrag erschien in: INAMO (Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten e.V.), Heft Nr. 65/Frühjahr 2011, 17. Jahrg., Seiten 12-15

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