Down Under auf Entzug

Australiens Dürre scheint beendet, der größte Strom führt wieder Wasser. Daß die Regierung dennoch auf Rationierung setzt, erzürnt die Landwirte

Von Thomas Berger, Perth *

Die Bilder waren sogar auf den Titelseiten der Zeitungen: Erstmals seit vier Jahren fließt der Murray River wieder bis zum Ozean. Zusammen mit dem Darling stellt dieser 2400 Kilometer lange Strom die wichtigste Wasserader für die östlichen und südöstlichen Bundesstaaten Australiens dar. Die akute Trockenheit, die den fünften Kontinent fast ein halbes Jahrzehnt im Griff hielt, ist damit zunächst beendet. In den Städten von Queensland, New South Wales und Victoria werden die drastischen Sparverordnungen teilweise gelockert: Jetzt dürfen Gärten wieder bewässert, Autos auf dem Hof gewaschen werden.

Von einer Rückkehr zur Normalität kann aber keine Rede sein. Denn es bedarf enormer Anstrengungen, damit sich das sogenannte Murray-Darling-Becken der Austrocknung regenerieren kann. Das wird teuer und löst zugleich heftige Debatten aus. Gegen entsprechende Regierungspläne, die Wasserrechte um ein Drittel oder mehr zu kürzen, laufen Landwirte und Oppositionspolitiker Sturm. Das gesamte System des natürlichen Wasserhaushaltes könne sich nur erholen, wenn der Mensch seine Entnahmen drastisch drosselt, argumentiert Canberra.

Strenge Zuteilung

3000 bis 4000 Gigaliter (Milliarden Liter) an gewährten Wasserrechten will der Staat nun von Bewässerungsgesellschaften pro Jahr »zurückkaufen«. Das löst bei den Betroffenen wie Farmern und Vertretern von der Landwirtschaft abhängender Wirtschaftszweige Empörung aus. Von massiven Jobverlusten ist die Rede - die Lobbyorganisation NSW Irrigators Council befürchtet dadurch allein für den Bundesstaat New South Wales (NSW) das Verschwinden von 17000 Arbeitsplätzen.

3,1 Milliarden Australische Dollar (AUD; umgerechnet 2,25 Milliarden Euro) sind im nationalen Haushalt für diesen Zweck vorgesehen. Die Summe könnte sich auch verdoppeln bis verdreifachen - je nachdem, wie hoch die Reduktion der Entnahmen sein soll. 6,9 bis 9,2 Milliarden AUD (5,2 bis 6,9 Milliarden Euro) sind in einem jetzt vorgelegten Papier angegeben.

Knapp 5400 Gigaliter haben die anliegenden Bundesstaaten in der Saison 2008/2009 den Gewässern des Beckens entnommen. Die Hälfte davon entfällt allein auf New South Wales, während Victoria mit knapp einem Drittel beteiligt ist. Vernachlässigbar ist die Summe für das Hauptstadtgebiet rund um Canberra (Australian Capital Territory), während Queensland im Nordosten sowie South Australia mit 533 und 545 Gigaliter deutlich hinter den beiden anderen liegen. Dabei sorgen die mageren neun Prozent, die South Australia vom Wasser erhält, bei den Farmern im Süden für permanente Verärgerung.

Ohne Bewässerung kommt ein Großteil der australischen Landwirtschaft nicht aus. Auch ist nicht klar, ob die jüngsten ausgiebigen Regenfälle tatsächlich ein Ende der mehrjährigen Dürre darstellen oder nur ein Intermezzo vor der nächsten großen Trockenheit sind. Schon deshalb muß die Entnahme gedrosselt werden. Was dabei unbedingt notwendig und zugleich für die Bauern und ihre wirtschaftliche Existenz gerade noch zumutbar ist, wird in den nächsten Wochen ausgehandelt - ausgerechnet in einer Zeit, da in mehreren betroffenen Bundesstaaten Regionalwahlen bevorstehen. Lokale, von der sozialdemokratischen Labor-Partei geführte Regierungen würden das Thema ungern im Wahlkampf sehen.

Doch die Lobbyisten laufen sich schon warm. Auch das oppositionelle Bündnis der beiden konservativen Parteien hat harten Widerstand gegen die Drosselung angekündigt: »Es wäre ein verheerendes Signal an lokale Betriebe, die von der Landwirtschaft abhängig sind«, sagte Fiona Nash, eine Senatorin der Nationalen aus NSW. Vor allem die in den ländlichen Gebieten verankerte National Party stellt sich quer. Da Labor in dem Bundesstaat aber mit ihrer Minderheitsregierung auch auf mindestens zwei der Unabhängigen im Parlament angewiesen ist, die ehemalige Nationale sind, wird es nicht leicht, die Pläne durchzusetzen. Zudem gerät mit den Mehrkosten für das Projekt das Ziel ins Wanken, im Jahreshaushalt 2012/2013 wieder schwarze Zahlen zu schreiben.

Keine Alternative

Bei der ebenfalls Labor-geführten Bundesregierung in Canberra wissen Premierministerin Julia Gillard, Wasserminister Tony Burke und deren Kollegen, daß es keine Alternative zu harten Einschränkungen bei den Entnahmen gibt. Ohne sie wäre nicht gewährleistet, daß die Flüsse Murray und Darling wenigstens in 90 Prozent des Jahres bis zur Mündung Wasser führen. Dies gilt ökologisch als unerläßlich, um Fischen die Wanderung vom Ozean bis in den Oberlauf der Flüsse zu ermöglichen und wiederum Salze aus den Inlandsgebieten ins Meer zu spülen.

Einige Experten haben den Aktionsplan sogar als nicht ambitioniert genug kritisiert. Sie verlangen,sich an Einsparungen im Bereich von 7000 Gigalitern pro Jahr zu orientieren. Dies wäre politisch erst recht nicht durchsetzbar, nachdem beispielsweise Gillian Kirkup, Chefin der Bewässerungsverbände der Region Murrumbidgee (NSW), schon vor einem »Aufstand in den Straßen« warnte. Daß das Flußsystem mit zehn Prozent weniger Wasser als dem langjährigen Mittel auskommen kann, gilt indes aus ökologischer Sicht als vertretbar. Die Bauern müssen sich in dem betroffenen Gebiet bereits auf 13 bis 17 Prozent Ertragsrückgänge einrichten. Bei Baumwolle können es 25, bei Reis sogar bis zu 30 Prozent werden. Soll die Landwirtschaft überhaupt eine Überlebenschance haben, so das Argument des Regierungslagers, müsse jetzt gehandelt werden.

* Aus: junge Welt, 13. Oktober 2010


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