Down Under wählte den Generationswechsel

Australien-Experte Gerhard Leitner über Ursachen und Folgen des historischen Votums

Nach den Parlamentswahlen steht Australien vor einem Machtwechsel: Der konservative Regierungschef John Howard muss sein Amt nach elf Jahren an Kevin Rudd von der Labor-Partei abgeben. Über diese Wende sprach Tim Fiege mit dem Australien-Experten Prof. Gerhard Leitner vom Institut für englische Philologie der Freien Universität Berlin.



Die ökonomischen Daten wie Beschäftigung, Wirtschaftswachstum, Inflationsbekämpfung und Haushaltskonsolidierung hätten eigentlich für eine Wiederwahl des Premierministers John Howard gesprochen. Warum verlor seine Partei dennoch deutlich gegen die oppositionelle Labor Party?

Das hängt im Wesentlichen damit zusammen, dass Howard eine überaus konservative Sozialpolitik betrieben und Australien in den Irakkrieg geführt hat. Er gilt deshalb als jemand, der sich den Amerikanern angebiedert hat. Nicht zu unterschätzen ist auch die Tatsache, dass seine Politik gegenüber den Aborigines eher rückwärtsgewandt war, um es sehr milde auszudrücken.

Hier in Mitteleuropa kam neben der Beteiligung am Irakkrieg vor allem Howards Weigerung, das Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen, gar nicht gut an. Hat dies im Wahlkampf eine Rolle gespielt?

Das Kyoto-Protokoll spielte keine zentrale Rolle. Als Rohstoff-Exporteur – vor allem von Uran und Kohle – hat Australien am Kyoto-Protokoll wenig Interesse, weil es seine Exportchancen nicht beeinträchtigen möchte. Diese Exporte gehen vor allem nach China und Asien, und dort hat Australien knallharte wirtschaftliche Interessen zu verteidigen.

Premierminister Howard ist bereits zweimal wiedergewählt worden. Warum schien das australische Wahlvolk seiner nun überdrüssig zu sein?

Neben dem Irakkrieg und der Sozialpolitik hat der Howard-Regierung in erster Linie der Umgang mit Asylbewerbern und Einwanderern geschadet. Hier ist die Erfolgsbilanz überaus mager ausgefallen. Und wenn man die Popularitäts- und Kompetenzwerte der beiden Kandidaten vergleicht, hatte Howard nur bei den »harten« Themen Wirtschaft und Sicherheit einen Vorsprung gegenüber Oppositionsführer Kevin Rudd. Bei allen anderen Themen lag Rudd vorn. Dies und die Länge der Regierungszeit von fast zwölf Jahren forcierten die Wählerwanderung zur Labor Party.

Womit konnte Rudd gegenüber Howard punkten? Was macht ihn sympathischer und kompetenter?

Kevin Rudd ist viel jünger als John Howard und hat eine ganz andere Ausstrahlung. Und was das Wahlvolk auch beeindruckt haben dürfte: Er spricht perfekt Chinesisch. Diese Tatsache ließ Howard bei Fernsehauftritten wie einen Provinzpolitiker aussehen. Beide Politiker gaben sich Asien-fixiert, aber Rudds Asienorientierung wirkte genuiner. Dagegen wurden asiatische Einwanderer unter Premier Howard mit großem Misstrauen behandelt. Was also die Demografie, das Alter und den Umgang mit Menschen betrifft, sprach einiges für Kevin Rudd.

Was muss der neue Regierungschef jetzt anpacken? Was steht ganz oben auf der Tagesordnung?

Rudd hat bereits versprochen, sich der Arbeitsplatzsicherheit, die viele Australier bewegt, anzunehmen und die Arbeitsplatzstrukturen zu reformieren. Es gibt zahlreiche Haushalte, die mit einer einzigen Arbeitsstelle nicht mehr zurechtkommen. Aber vor allem in den letzten Wochen des Wahlkampfes hat die Aborigines-Thematik wieder an Brisanz gewonnen. Howard hatte über Jahre hinweg einen Versöhnungskurs abgelehnt. Nun plötzlich, kurz vor der Wahl, hatte er dies als Fehler bezeichnet. Diese Kehrtwende hat ihm keiner abgenommen

* Aus: Neues Deutschland, 27. November 2007


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