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Milliardenzahlung für Abbaurechte und Infrastruktur: Bergbauriese Rio Tinto besiegelt Megadeal mit australischen Ureinwohnern

Von Thomas Berger *

Es ist das umfangreichste Abkommen, das je ein Bergbauunternehmen mit traditionellen Landeigentümern in Australien geschlossen hat. Zwei Milliarden Australische Dollar (rund 1,5 Milliarden Euro) sollen den Aborigines-Stämmen der Region Pilbara zufließen. Im Gegenzug will der britisch-australische Bergbaugigant Rio Tinto die Zustimmung zur Eisenerzförderung in dem Territorium der Ureinwohner. In Australien priesen Firmenvertreter und Wirtschaftsexperten die am Freitag erzielte Einigung. Unabhängige Beobachter waren in ihrem Urteil weitaus vorsichtiger, zumal längst nicht alle Details des Megadeals bekannt sind.

Es geht um ein Gebiet von der Größe Irlands in Western Australia. Der Bundesstaat ist führend im Bergbau des ohnehin von der Erzgewinnung und der Rohstoffproduktion geprägten Landes. Rio Tinto zählt neben dem ebenfalls anglo-australischen Dauerrivalen BHP Billiton und dem brasilianischen Vale-Konzern zu den drei weltgrößten Konzernen der Branche und ist bei der Eisenerzförderung die Nummer zwei. Dabei steigt die Nachfrage immens – vor allem wegen des Bedarfs in China. Rio Tinto will deshalb die Eisenerzförderung in den kommenden vier Jahren um 50 Prozent steigern. 333 Millionen Tonnen sollen dabei aus der Pilbara-Region kommen.

Grundlage für das aktuelle Abkommen ist der Native Title Act. Ausgehend von einem wegweisenden Gerichtsurteil im Jahre 1992, das erstmals die historischen Besitzrechte von Nachfahren der australischen Ureinwohner anerkannte, hatte das Parlament ein Jahr darauf dieses Gesetz beschlossen. Die Aborigines erhielten das Recht, über Entwicklungen auf dem Land, für das sie Rechtstitel halten, mit den jeweiligen Investoren in Verhandlungen treten zu können. Weite Flächen, vor allem im dünnbesiedelten Landes­innern, sind seither offiziell in die Hoheit der dort siedelnden Stämme zurückgegeben worden.

Für die Bergbaugiganten sind die gesetzlichen Vorgaben zwar keine generelle Blockade, wohl aber eine Hürde bei der Erschließung neuer Lagerstätten. Pilbara ist dabei eine wahre Schatzkammer, dort wird schon heute ein Großteil der Konzernprofite erzielt. Das soll in den kommenden Jahrzehnten so bleiben und noch besser werden.

Janina Gawler, die Chefunterhändlerin von Rio Tinto, pries den Deal als Vereinbarung zum beiderseitigen Nutzen. Unklar ist hingegen, ob sich die Stämme von dem generös scheinenden Angebot haben blenden zu lassen. Experten schätzen die Förderkosten nach aktuellem Stand auf elf Milliarden Australische Dollar (8,25 Milliarden Euro). Welcher Gewinn für Rio Tinto abfällt, kann derzeit nicht abgeschätzt werden.

Die Entschädigungssumme für die generelle Zustimmung zu allen neuen Minen, Eisenbahnverbindungen und Seehäfen in dem Stammesgebiet fließt über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten in erster Linie über einen Treuhandfonds. Der soll zur Entwicklung der sozialen Infrastruktur für Aborigines beitragen. Die Nachfahren der Ureinwohner Australiens stellen 2,3 Prozent der Gesamtbevölkerung, 450000 der gut 20 Millionen Australier. Ihre Lebenserwartung ist trotz kürzlich korrigierter Zahlen um mindestens zehn Jahre geringer als die von Weißen, der Bildungsstand weit niedriger, die Arbeitslosigkeit dafür beträchtlich höher. Rio Tinto bekennt sich zu einer »besonderen Verantwortung« gegenüber den Bewohnern der Landstriche, in denen die Minen des Konzerns liegen. Ein spezieller Sozialfonds ist bereits 1996 eingerichtet worden, hat seither 19 Millionen Australische Dollar in verschiedene Förderprogramme investiert – kein großer Betrag angesichts der enormen Profite. Allein 2010 verdreifachte sich der Reingewinn des Konzerns gegenüber dem Vorjahr, stieg von 4,9 auf 14,3 Milliarden Australische Dollar (10,7 Milliarden Euro).

Neu an dem aktuellen Abkommen ist, daß es Strafmaßnahmen vorsieht, sollte der Konzern vereinbarten Verpflichtungen nicht nachkommen. Zudem soll der Anteil von Indigenen an den Konzernbeschäftigten von derzeit acht auf 14 Prozent ausgebaut werden, 14 Prozent der lokalen Ausschreibungen sollen an Aborigines-Firmen gehen. Diese auch für das Image Rio Tintos wichtigen Ankündigungen müssen den Praxistest allerdings erst bestehen. Und noch ist für den Multi nicht alles in trockenen Tüchern. Der Vertrag wurde zunächst mit den Vertretern von fünf Stammesgemeinschaften geschlossen. Mit vier weiteren will der Bergbaugigant noch zu einer Einigung kommen.

* Aus: junge Welt, 7. Juni 2011


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