Fortschritt im Schneckentempo

Hintergrund. Aborigines in Australien wurden jahrzehntelang marginalisiert, ausgegrenzt und unterdrückt. Auch heute verbessert sich ihre Situation nur sehr langsam

Von Thomas Berger *

Inzwischen ist es 25 Jahre her, daß der Uluru (Ayers Rock) an die Aborigines zurückgegeben wurde. Das Jubiläum wurde am 26.Oktober feierlich begangen – mit Erinnerungen auch an eine sarkastische Bemerkung des Aboriginesführers Yami Lester an die Adresse des damaligen Generalgouverneurs Ninian Stephen, dem höchsten Repräsentanten der britischen Krone in Australien, der jetzt bei den Feierlichkeiten als Ehrengast anwesend war: »Schön, daß Sie es einrichten konnten zu kommen, um ihn ein letztes Mal zu sehen...« Lester meinte damals, 1985, die alten neuen Eigentümer des großen roten Berges würden überlegen, diesen nach Südaustralien zu verlegen, da sich die Regionalregierung des Nor­thern Territory, in dem der Uluru liegt, heftig gegen die Rückgabe gewehrt hatte.

Die Anekdote mochte damals wie heute spaßig klingen. Doch sie illustriert die politischen Rahmenbedingungen, die vor einem Vierteljahrhundert herrschten, und den Aufschrei der Empörung, den der Schritt der sozialdemokratischen Zentralregierung beim konservativsten Teil des Establishments auslöste. Nicht nur aus der Administration des Northern Territory gab es vehemente Opposition. Premierminister Bob Hawke war sich durchaus bewußt, daß sein Schritt bei nicht wenigen Landsleuten zumindest Kopfschütteln auslösen würde. Noch nicht einmal zwei Jahrzehnte war es her gewesen, daß die Nachfahren der Ureinwohner des fünften Kontinents 1967 endlich Bürgerrechte erhalten hatten, und die Ausbeutung und Unterdrückung der wichtigsten Minderheit im Land – heute rund 450000 der 20 Millionen Australier – hielt zum guten Teil immer noch an.

Entrechtung und Unterdrückung

»Nichtwissen kann nicht länger die Verteidigung gegen die Kritik sein, daß die weiße Geschichte Australiens kaum mehr ist als 200 Jahre der Schande. (…) Wir sollten beschämt unsere Köpfe senken«, schreibt Bruce Elder im Vorwort seines erstmals 1988 erschienenen Buches »Blood on the Wattle«, in dem er die Massaker an Aborigines detailliert aufgearbeitet hat. Selbst dieses erste umfassende Werk über die physische Liquidierung eines Großteils der Ureinwohner des fünften Kontinents kann nur vage von mehreren zehntausend Opfern sprechen. Das ganze Ausmaß der Verbrechen wird nie zu klären sein. Allein vom Botany Bay Tribe, der das Gebiet bewohnte, auf dem die Männer der »Ersten Flotte« 1788 landeten, waren schon 1845 von einst 400 Angehörigen nur noch ganze vier übrig. Über Jahrzehnte hinweg galt das Töten von Aborigines bestenfalls als kleineres Vergehen, wenn überhaupt je Anklage gegen die Täter erhoben wurde.

Aborigines erlagen auch den vom »weißen Mann« eingeschleppten Krankheiten, und am markantesten war der Verlust des Lebensraumes infolge der skrupellosen Landnahme der europäischen Siedler. Daß es sich dabei auch damals schon formell um Unrecht handelte, stellte Australiens Oberster Gerichtshof erstmals 1992 in einem Grundsatz­urteil fest. Mit der kolonialen Inbesitznahme des fünften Kontinents wurden auch dessen eingesessene Bewohner Untertanen der britischen Krone, die damit Anspruch auf Schutz ihres Eigentums hatten, so die Richter des High Court. Real jedoch vertrieben die Weißen die Aborigines von Flächen, die für Siedlungen, Landwirtschaft oder Bergbau lukrativ erschienen. Und mit der australischen Unabhängigkeit im frühen 20. Jahrhundert schließlich schwang sich der Staat zu einer Art Zwangsvormund derer auf, denen man ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben nicht zugestehen wollte. Hatte man die Aborigines zuvor an den Rand gedrängt, begann nun ein mitunter bis heute andauernder Assimilationsdruck, der Teile ihrer traditionellen Kultur zerstörte.

Es war ein weiter Weg von 1967, dem ersten zentralen Umschwenken, über die Rückgabe des bei den lokalen Aborigines als heilig erachteten landschaftlichen Wahrzeichens Down Unders 1985 bis zur offiziellen Entschuldigung, die Kevin Rudd 2007 an die indigenen Australier richtete. Rudd, der nicht einmal eine Legislaturperiode im Amt vollenden konnte, ist mit dieser »Sorry-Rede« zweifellos in die Annalen der australischen Geschichte und des Versuches einer nationalen Aussöhnung eingegangen. Primär ging es um die Angehörigen der »stolen generation«, also der Opfer jener Politik eines weißen Australien, die noch bis in die 1970er Jahren zwangsweise ihren Aborigines-Eltern weggenommen und in Heime gesteckt bzw. von weißen Familien adoptiert und ihrer kulturellen Identität beraubt wurden. Kevin Rudd war aber auch der erste australische Regierungschef, der überhaupt die im Namen eines staatlich unterstützten Rassismus begangenen Verbrechen der Vergangenheit offiziell anerkannte und um Verzeihung bat. Sein konservativer Amtsvorgänger John Howard, immer wieder durch seit Anfang der neunziger Jahre veränderte gesellschaftliche Vorzeichen gedrängt, hatte sich einem solchen Schritt bis zuletzt konsequent verweigert. Mit Rudds Entschuldigung sind bis heute keine Entschädigungsleistungen an die Opfer verbunden, was etliche Aktivisten nach wie vor kritisieren. Aber die moralische Genugtuung auf seiten derer, die seit der Gründung des unabhängigen Staates 1901 (wie schon zuvor in der kolonialen Ära) bestenfalls Bürger dritter Klasse gewesen waren und erst in jüngerer Vergangenheit zunehmende Gleichberechtigung erreichen konnten, war bereits enorm.

Christian Bumbarra Thompson und Paul Gray, die mit einem Stipendium als erste Aborigines an der renommierten Londoner Oxford-Universität promovieren werden, oder Ken Wyatt, der als erster Angehöriger der Bevölkerungsgruppe bei der Wahl vom August direkt ins Unterhaus entsandt wurde– es sind Premieren, die aufmerken lassen. Zum einen durch die individuellen Erfolge, die auch für alle Aborigines gleichermaßen zählen. Zum anderen durch die Rückschlüsse solcher Premieren, denn bisher waren die Nachfahren der Ureinwohner des Kontinents eben von diesen Feldern in Politik und Gesellschaft noch ausgeschlossen. Wenn schon nicht durch direkte Verbote, so doch durch mangelnde Unterstützung, endlich auch dorthin vorzustoßen.

Zweifellos, es hat sich etwas geändert in Australien gegenüber den siebziger und auch noch achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Speziell nach 1990 sind großflächige Gebiete im ganzen Land von den Regierungen freiwillig oder aufgrund von Gerichts­entscheidungen an die traditionellen Eigentümer zurückgegeben worden. Wer heute eine Landkarte Australiens aufschlägt, kann viele solcher Flächen– manche in der Dimension kleinerer deutscher Bundesländer – eingezeichnet finden. Zu den wohl bekanntesten gehört neben dem Uluru und seiner Umgebung auch der Kakadu-Nationalpark im Norden, etwa drei Autostunden von der Regionalhauptstadt Darwin entfernt. Australiens berühmtester Nationalpark – neben Naturschönheiten vor allem bekannt durch einzigartige Felszeichnungen, die Aborigines vor bis zu 20000 Jahren an Ubirr Rock und Nourlangie Rock hinterlassen haben– ist durch die Regierung gepachtet worden, und die lokalen Aborigines-Clans haben einen Anteil an den beachtlichen Gewinnen, die die lokale Tourismusbranche einspielt.

Langer Atem nötig

Dies ist ein zweiter, nicht zu unterschätzender Schritt, um endlich auch die sozioökonomische Rückständigkeit vieler Gemeinschaften effektiv zu bekämpfen. Die Aussage, die meisten Aborigines würden doch sowieso nur auf der faulen Haut liegen und vom staatlichen Wohlfahrtssystem leben, ist zwar falsch. Dennoch bleibt vielen Angehörigen der Bevölkerungsgruppe aus Mangel an Alternativen nichts anderes, als sich auf diese Beihilfen als primäres Einkommen zum Lebensunterhalt zu stützen. Den Tourismussektor auch für sich zu nutzen, hat deshalb dort hohe Priorität, wo bestimmte Stätten eine große Zahl von Besuchern anziehen. Am Uluru hat die Indigenous Land Corporation darum im September für 300 Millionen Australische Dollar (AUD, etwa 220 Millionen Euro) das in den 1980ern erbaute Yulara Tourist Resort übernommen. Eine Akademie soll nun als Ergänzung aufgebaut werden, um binnen fünf Jahren rund 500 Aborigines für verschiedenste Aufgaben im Tourismussektor auszubilden. Bis 2018 spätestens soll auch die Mehrheit der 600 Yulara-Beschäftigten von ihnen gestellt werden.

Das Beispiel zeigt, welch langer Atem bislang nötig ist, um wirkliche, spürbare Veränderungen in Gang zu setzen. Schon mit der politischen Symbolik tut sich bis heute manch Verantwortlicher in Canberra und den regionalen Hauptstädten schwer. Doch selbst die feierliche Übergabe eines heiligen Berges oder anderer Landstriche ist zunächst nicht mehr als eben ein Zeichen, etwas von dem begangenen Unrecht wiedergutmachen zu wollen – mitunter noch auf dem Klageweg durch richterliche Entscheidungen erzwungen. Wie im Fall des Uluru haben auch nach dem Übergabeakt weiße Australier mit ihren wirtschaftlichen Interessen weiter an der Ausnutzung dessen profitieren können, was nun formell in Aborigines-Hand liegt. Hotels, Gastronomie, lokale Touranbieter, Mietwagenfirmen oder Fluggesellschaften, die für Eindrücke von dem Wahrzeichen aus der Vogelperspektive werben – im Grunde nichts davon wird von denen betrieben, die ihrer Armut mit dem Landrechtstitel allein nicht entkommen können.

Und diese Armut ist, auf das ganze Land bezogen, noch immer enorm. Zwar besagen neueste Untersuchungen, daß die Kluft zwischen der Lebenserwartung der Ureinwohner und der der weißen Bevölkerung statt bei 17 inzwischen eher bei elf bis zwölf Jahren liegen mag. Dennoch bleibt es ein Fakt, daß Aborigines weitaus früher sterben als ihre weißen Landsleute, was eine ganze Reihe von Ursachen hat, die aber allesamt mit entsprechenden Anstrengungen bekämpft werden könnten. Hohe Erwerbslosigkeit, die wiederum zu Alkohol- und Drogenmißbrauch führt, steht dabei an erster Stelle. Nachdem politische Kernziele wie Entschuldigung und Rückgewinn von Landrechtstiteln erreicht sind, steht die sozioökonomische Gleichberechtigung heute ganz oben auf der Agenda von Aktivisten. Es geht um ein Leben in Würde, denn die Abhängigkeit vieler Aborigines vom staatlichen Wohlfahrtssystem hat neben persönlichen Tragödien auch eine Sprengkraft, die traditionelle kulturelle Identität ganzer Gemeinschaften über längere Zeit zu zerstören.

Dramatisch ist die Lage vor allem im Northern Territory, die am dünnsten besiedelte Region des ganzen Kontinents. Schon eine logistische Herausforderung ist es hier, manche Orte überhaupt zu erreichen – geschweige denn dort neue Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. »46 Prozent mehr Einstellungen binnen sechs Monaten«, meldete kürzlich die zuständige Regionalregierung in Darwin. So sei es zwischen Januar und Juni gelungen, 849 Aborigines einen Job zu verschaffen, gegenüber 582 im zweiten Halbjahr 2009. Die absoluten Zahlen zeigen, daß jede Euphorie hier fehl am Platz ist, auch wenn es kleine Fortschritte gibt.

Das entsprechende Förderprogramm gehört zu einem Maßnahmenpaket, das die nationale und die regionale Regierung aufgelegt hatten, nachdem 2007 eine Studie zu Aborigines-Gemeinschaften im Norden und im zentralen Outback landesweit für Bestürzung gesorgt hatte. Nicht nur um die Schaffung von Arbeitsplätzen sollte es gehen, sondern es wurden auch sehr viel mehr Polizisten und Sozialarbeiter in die Gebiete entsandt, deren Bewohnern unter anderem mangelhafte Kindesfürsorge, in einigen Fällen sogar schockierender Mißbrauch vorgehalten wurden. Das mobile Kinderschutzteam hat in den ersten sechs Monaten dieses Jahres nun insgesamt 56 Aborigines-Gemeinden aufgesucht und in 666 Einzelfällen Hilfe geleistet, so der jüngste Bericht zu den Aktivitäten. 10600 primäre Gesundheitsuntersuchungen bei Kindern und 19000 Folgeuntersuchungen seien vorgenommen, 7000 Mahlzeiten täglich an Aborigines-Kinder in entlegene Schulen ausgereicht worden. 478 Allgemeinmediziner, Krankenschwestern und Spezialisten wurden eingestellt, 202 Stellen im lokalen Gesundheitsbereich sogar neu geschaffen. Auch die Zahl der Lehrkräfte in diesen Teilen des Outback habe sich seit Beginn des Programms auf nunmehr 140 erhöht.

Die Zahl der Polizeibeamten in den betreffenden Gebieten ist von 37 auf 62 aufgestockt worden. »18 Gemeinschaften haben jetzt erstmals eine Polizeipräsenz, und damit wird auch die Zahl der Anzeigen von Straftaten steigen«, so Jenny Macklin, die zuständige Ministerin. Mehr als 350 lokale Aborigines unterstützen zudem die Polizisten bei nächtlichen Patrouillen, um Gewalttaten vorzubeugen. Diese sind in vielen Fällen alkoholbedingt: Zwei Trinker, die in Streit geraten, oder ein alkoholisierter Ehemann, der seine Frau mißhandelt. Szenen, die noch viel zu oft das Bild von Aborigines prägen. Aborigines-Künstler mögen mittlerweile große Erfolge feiern, Angehörige der Bevölkerungsgruppe als Rechtsanwälte oder Firmeninhaber arbeiten. Die Wahrnehmung ist aber allzu oft geprägt von den traurigen Gestalten, die in Großstädten wie Darwin am Straßenrand Passanten um etwas Kleingeld anbetteln oder jenen, die nach einer vermeintlichen oder tatsächlichen Straftat von der Polizei abgeführt werden.

Konkrete Unterstützung

»Ja, viele unserer Problemfälle haben mit Alkohol zu tun«, sagt Anne Manfong, Leiterin des Regionalbüros der North Australian Aboriginal Justice Agency (NAAJA) in Katherine. Die 14000-Einwohner-Stadt drei Stunden südöstlich von Darwin ist einer von drei Stützpunkten der NAAJA, die sich als eine von etlichen Nichtregierungsorganisationen landesweit sowohl der Einzelfallhilfe als auch der politischen Lobbyarbeit für Ureinwohnerrechte verschrieben hat. Dies findet vor allem bei den Kollegen in der Regionalhauptstadt statt: Bei Anne Manfong und ihren Mitarbeitern, selbst der Bevölkerungsgruppe entstammend, geht es dagegen vor allem um sehr konkrete Unterstützung gerade in juristischen Fragen. Der Konferenzraum, in dem das jW-Interview stattfindet, ist an den Wänden ausgekleidet mit Regalen voller Gesetzbücher.

»Wir haben bei uns unter anderem vier Anwälte für Strafrecht und etliche weitere für zivilrechtliche Angelegenheiten«, erklärt die Büroleiterin. Oft sind es ganz geringe Vergehen, deretwegen Aborigines vor Gericht landen. Ihnen anwaltliche Unterstützung zukommen zu lassen, macht einen Großteil der Arbeit des NAAJA-Teams aus. Doch das ist längst nicht alles. Es geht auch um Konflikte mit der Polizei, um Beratung bei Schulden oder um verbraucherrechtliche Fragen, wenn womöglich ein weißer Geschäftsinhaber seinen Aborigines-Kunden mit einem defekten Gerät oder einer nicht ordentlich erbrachten Dienstleistung übers Ohr zu hauen versucht. Ein besonderer Punkt sei auch, Fahrzeuge wiederzuerlangen, wenn diese von der Polizei wegen des Fahrens unter Alkohol (in Australien gilt eine 0,05-Promille-Grenze) konfisziert wurden.

»Eine Anwältin ist nur auf Sozialrecht spezialisiert, da geht es dann auch um solche Fragen wie den Mißbrauch von Wohlfahrtsmarken oder Fälle von Jugendschutz, bei denen die Behörden drohen, Eltern wegen mangelhafter Fürsorge ihre Kinder wegzunehmen«, listet Anne Manfong weiter auf. Die Aufklärung darüber, welche Rechte Aborigines als Staatsbürger wie alle anderen haben, ist in ihrem Umfang nicht zu unterschätzen. Zur Parallelgesellschaft, in der ein Teil der Aborigines im Outback scheinbar lebt, gehören eben auch die Mühen, sich an die Vorgaben eines rechtlichen Systems zu gewöhnen, das der weiße Mann seinerzeit mitgebracht und in mehr als 200 Jahren ausgebaut hat. Mit dem Gesetzbuch in Konflikt zu kommen, mag da mitunter gar kein mutwilliges Zuwiderhandeln sein.

»Es ist eine Sisyphusarbeit, und es sind noch immer weitgehend die gleichen Probleme wie vor 25 Jahren«, sagt die gestandene Aktivistin. Gleichwohl gebe es Fortschritte, und der vor drei Jahren erfolgte Zusammenschluß der zuvor unabhängig agierenden drei Beratungsstellen in einer gemeinsamen Organisation, der sich nur das Team in Alice Springs nicht anschließen wollte, habe die neue NAAJA schlagkräftiger gemacht. Sich auf politischer Ebene Gehör zu verschaffen, sei leichter geworden, als wenn jeder allein kämpfe. Daß die Organisation zwar von der Nationalregierung gefördert wird, von der konservativen Regionalregierung in Darwin aber keinen Cent direkter Unterstützung erhalte, gehöre allerdings auch zum Gesamtbild.

Problem Erwerbslosigkeit

Es gebe inzwischen eine deutliche Zunahme bei beruflichen Ausbildungsangeboten speziell für junge Aborigines, räumt selbst Anne Manfong anerkennend ein. »Das heißt aber noch längst nicht, daß man hinterher auch einen Job bekommt.« Gegen die Halbherzigkeit des Maßnahmenpakets und die in ihm enthaltenen reaktionären Elemente hat kürzlich ein breites Bündnis protestiert. Dazu gehören verschiedenste Aborigines-Organisationen, progressive Frauen- und Studentenverbände, linke Parteien wie die Kommunistische Partei Australiens, Sozialistische Allianz und Sozialistische Alternative bis hin zu einzelnen Abgeordneten der Grünen sowie Gewerkschaften, Einzelpersönlichkeiten und sogar der gesamte Stadtrat von Leichhardt, einem Vorort von Sydney. In einer Anzeigenkampagne fordern sie ein Ende des erzwungenen »Einkommensmanagements«, mit denen Staatsbeamte die Finanzen etlicher Familien kontrollieren, sowie des Beschäftigungsprogramms in seiner aktuellen Form. Es seien nämlich keine nachhaltigen Jobs, die geschaffen würden, sondern lediglich Kurzzeitstellen oder Tätigkeiten, die zum Teil ohne richtige Entlohnung ausgeführt werden. Die beinahe kostenlosen Arbeiten seien eine fragwürdige »Rückkehr zu Zeiten, da Aborigines mit Nahrungsmitteln statt mit Bargeld entlohnt wurden«. Trotz der Bemühungen sei die Erwerbslosigkeit in der Bevölkerungsgruppe von 13,8 Prozent (2007) auf 18,1 Prozent (2009) gestiegen, so die Kritiker. Gerade die 350 Millionen Dollar (255 Millionen Euro), die das Einkommensmanagement koste, seien in Maßnahmen für echte Jobsicherung weitaus besser investiert.

Jetzt hat es sich die Initiative »GenerationOne« zum Ziel gesetzt, bis Juni nächsten Jahres 50000 Arbeitsplätze für Aborigines zu schaffen. Binnen einer Generation solle die extreme sozioökonomische Kluft zwischen dem weißen und dem schwarzen Australien verschwunden sein. Als erster Erfolg bei der Öffentlichkeitsarbeit darf gelten, daß die großen elektronischen Medien Sendezeit im Wert von 4,1 Millionen AUD (drei Millionen Euro) zur Verfügung stellten. Alle sechs großen Anstalten strahlten am 24. Oktober in Unterstützung der Kampagne einen zweiminütigen Werbespot aus, in dem die 13jährige Madeleine Madden für die Schaffung von Jobs und damit Zukunftschanchen wirbt. Von einem Augenblick auf den anderen ist das Mädchen, das sich Interviews zufolge vom Kampf ihrer Großeltern inspiriert fühlt – sie waren Aborigines-Aktivisten –, zum bekanntesten Gesicht des erst in diesem Jahr gestarteten Projekts geworden.

»GenerationOne« ist vor einigen Monaten vom Bergbaumagnaten Andrew Forrest gestartet worden. Die simultane Ausstrahlung des Werbespots zur besten Sendezeit auf allen Stationen hat geschätzte sechs Millionen Australier vor den TV-Bildschirmen erreicht. Weitere Aktivitäten in Zeitungen sowie den »neuen sozialen Medien« wie Twitter und Facebook folgen derzeit. Nach zu vielen vertanen Chancen, politischer Bequemlichkeit und mangelnder Ernsthaftigkeit einzelner Bemühungen kann eine nationale Kampagne mit breiter Öffentlichkeitswirkung zumindest Bewegung erzeugen. Noch gibt es keine greifbaren Ergebnisse, und auch die neue Premierministerin Julia Gillard hat bislang nicht deutlich gemacht, welche Priorität Aborigines-Rechte und mehr Teilhabe der indigenen Australier auf ihrer politischen Agenda haben.

Zumindest verfügt die Minderheit seit kurzem wieder über ein Sprachrohr auf nationaler Ebene. Nachdem der damalige Premier John Howard 2005 die Auflösung des ATSIC (Aboriginal and Torres Straits Islanders Council) angeordnet hatte, war über fünf Jahre eine markante Lücke für Lobbyarbeit in Canberra entstanden. Der im Mai 2010 in Sydney aus der Taufe gehobene National Congress of Australia’s First Peoples nimmt nun schrittweise seine Arbeit auf. Kerry Arabena, eine der beiden Vorsitzenden des Gremiums, machte bei einer Ansprache am 27. Oktober in der Universität von Sydney deutlich, daß es sich von seiner Vorgängerin durch effektive Arbeit statt Skandalen unterscheiden müsse. Der damalige ATSIC-Vorsitzende Geoff Clark war offiziell der Beteiligung an zwei Gruppenvergewaltigungen an einer Minderjährigen im Jahr 1971 für schuldig befunden worden, sein Vize Ray Robinson soll in einem Casino insgesamt fünf Millionen AUD verspielt sowie Dienstwagen verkauft haben, um mit dem Geld seinen Rechtsbestand zu bezahlen. Das neue Gremium, mahnte die Co-Vorsitzende Arabena eindringlich, müsse deshalb aus Vertretern bestehen, die nicht wegen ihres großen Egos, sondern aufgrund exzellenter Leistung an der Basis berufen werden. Ein Mangel an solchen Persönlichkeiten besteht keinesfalls.

Und auch eine eigene, indigene Partei ist im Entstehen begriffen. Der Aborigines-Aktivist Maurie Ryan hat am 2.Dezember bei den australischen Wahlbehörden die Anerkennung der Partei der First Nations (Erste Nationen) beantragt. Zu diesem Schritt, so Ryan, gebe es keine Alternative, denn keine der bestehenden Parteien mache sich für die Rechte der Ureinwohner stark. Der Labor Party und den Konservativen warf er »Rassismus auf höchster Ebene« vor.

* Thomas Berger arbeitet als freier Journalist mit dem Themenschwerpunkt Süd- und Südostasien.

Aus: junge Welt, 6. Dezember 2010



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