Der erste Parlamentarier

Vor Ken Wyatt gab es noch nie einen Vertreter der Aborigines im australischen Unterhaus

Von Thomas Berger *

Es hat zwar bereits zwei Aborigines-Senatoren gegeben – doch Ken Wyatt, der 57jährige siegreiche Kandidat der oppositionellen Liberal Party in Hasluck (Western Australia), ist der erste frei gewählte Nachkomme der australischen Ureinwohner, der einen Sitz im Unterhaus des australischen Parlaments belegt. Mag die vorgezogene Wahl vom 21. August vor allem ein politisches Patt gebracht haben, weil erstmals seit über drei Jahrzehnten keine der beiden großen Parteien eine Mehrheit errang, so hat die Abstimmung zu seiner Person zugleich auch in positiver Weise Geschichte geschrieben.

Die Nachfahren jener, die zu den ältesten menschlichen Gemeinschaften auf dem Erdball zählen und den fünften Kontinent lange vor der Anlandung der ersten weißen Seefahrer, britischen Sträflinge und Siedler bevölkerten, machen heute nur noch ganze 2,3 Prozent aller Australier aus – in etwa so viel wie zusammengefaßt die asiatischen Einwanderer sowie deren Kinder und Kindeskinder. Nachdem die Labor Party kurzzeitig einen Aborigine als Parteivorsitzenden hatte und es die schon erwähnten zwei Senatoren gab, ist dies seit langem der größte Erfolg hinsichtlich politischer Repräsentanz, den die Minderheit erzielen konnte.

Wyatt ist sich der historischen Dimension seines Sieges durchaus bewußt, obgleich er darauf verweist, nicht in erster Linie wegen seiner Abstammung, sondern als Person gewählt worden zu sein. Seine Herkunft habe für etliche Wähler keine Rolle gespielt oder sei ihnen gar nicht bekannt gewesen.

Wyatt mag der entgegen ihrem Namen stockkonservativen Liberal Party angehören. Doch er steht sehr wohl mit seiner Herkunft für eine authentische Interessenvertretung seiner Bevölkerungsgruppe. Seine Mutter gehörte zur »stolen generation«, jenen Aborigines-Kindern, die der Staat ihren Eltern wegnahm, um sie in weißen Adoptivfamilien und Heimen unterzubringen. Bis in die siebziger Jahre hielt diese Praxis an, für die sich die Regierung inzwischen offiziell bei den Betroffenen und Nachkommen entschuldigt hat. Seine Eltern – der Vater wiederum arbeitete bei der Eisenbahn – wären mächtig stolz auf ihn, wenn sie noch lebten, so Wyatt. Er selbst ist der Älteste unter zehn Geschwistern und wuchs in den sechziger Jahren in einer Ära auf, da Rassismus und Diskriminierung der Ureinwohner noch wesentlich stärker als heute zum Alltag gehörten.

Daß er es mehr als 100 Jahre nach der australischen Unabhängigkeit nun als erster geschafft hat, zeigt jedoch, wieviel noch zu tun ist: nicht nur für echte politische Gleichberechtigung der wichtigsten Minderheit, sondern letztlich auch, um für diese gleiche Lebensverhältnisse und Sozialstandards zu erreichen. Gerade Ken Wyatt als führender Aborigines-Gesundheitsexperte weiß nur zu gut, daß seine Volksgruppe beispielsweise im nationalen Durchschnitt eine um 15 Jahre geringere Lebenserwartung als weiße Landsleute hat.

* Aus: junge Welt, 1. September 2010


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