Tod und Freispruch

Die Unterdrückung der Aborigines ist in Australien immer noch ein aktuelles Thema

Von Thomas Berger und Stephen de Tarczynski (IPS) *

Für Aborigines-Verbände ist es einfach ein Skandalurteil, das ein Gericht im australischen Bundesstaat Queensland am Mittwoch fällte: Ein Polizist, der wegen eines 2004 in Polizeigewahrsam zu Tode gekommenen Ureinwohners unter Anklage stand, wurde mangels Beweisen vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen. Politik und Polizei befürchten nun, daß es wie schon 2004 zu Protesten kommen könnte. Damals hatten aufgebrachte Einwohner der Siedlung Palm Island die Polizeistation niedergebrannt, in der Cameron Domadgee gestorben war. Die Wohnhäuser der dort arbeitenden Beamten waren ebenfalls attackiert worden.

Der Fall hatte landesweit und auch international für Schlagzeilen gesorgt. Das 36jährige Opfer war wegen Trunkenheit und Beleidigung festgenommen worden. Wenig später starb Cameron Domadgee an schweren inneren Verletzungen, darunter einer Spaltung der Leber und inneren Blutungen. Daß es mehr war als nur ein tragischer Unfall, wie der Angeklagte beteuert hatte, wollte auch das Gericht nicht erkennen. Eine Mißhandlung, die letztlich zum Tod des Festgenommenen geführt habe, sei zumindest nicht nachzuweisen.

Schon vor der Verkündung des Freispruchs hatten Richter und Politiker dazu aufgerufen, Ruhe zu bewahren. Die dem Festland im Nordosten Australiens vorgelagerte Insel gilt als größte Aborigines-Siedlung des Landes, rund 3000 Ureinwohner leben dort. Zudem hat Palm Island den Ruf, ein besonders gewaltbelastetes Gebiet zu sein.

Dies allerdings liegt nicht zuletzt an der Lebenssituation der Aborigines. Mehr als 200 Jahre nach der Landung der ersten Weißen in Downunder sind die Nachfahren der damaligen Bewohner an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Ein Großteil von ihnen lebt von staatlichen Fürsorgeprogrammen; Arbeitslosigkeit, Kriminalität sowie Alkohol- und Drogenkonsum sind extrem hoch, und nicht nur die Polizei sieht sich immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, rassistisch zu sein.

Daran ändert auch der alljährlich am 26. Mai begangene »Nationale Tag der Entschuldigung« nichts. Er soll an die Schandtaten erinnern, mit denen der Staat die Identität seiner Urbevölkerung auszulöschen suchte. Seit zehn Jahren liegt der Bericht »Bringing Them Home« vor, der umfassend dokumentiert, wie man den Aborigines-Familien ihre Kinder wegnahm, um sie in Heimen zu »zivilisierten Weißen« umzuerziehen. Doch Regierungschef John Howard weigert sich bis heute, die »verlorene Generation« offiziell für das erlittene Unrecht um Verzeihung zu bitten.

1997 hatte der im Anschluß an eine landesweit durchgeführte Untersuchung zur Trennung von Kindern der Aborigines von ihren Eltern und der Bewohner der Torres Strait Islands im Norden Australiens veröffentlichte Bericht festgestellt: »Seit den ersten Tagen der Okkupation Australiens durch die Europäer wurden die Kinder der Ureinwohner mit Gewalt von ihren Familien und Gemeinden getrennt.« Eine auch nur geschätzte Zahl der Betroffenen hatte die Untersuchung nicht gebracht.

Von den in dem Bericht enthaltenen 54 Empfehlungen, wie die Regierung den Opfern helfen sollte, wurden bislang nur zwei in die Tat umgesetzt.

Eine im April von der »National Aboriginal Community Controlled Health Organisation« (NACCHO) und der nichtstaatlichen Hilfsorganisation »Oxfam Australien« veröffentlichte Dokumentation stellte fest, daß die durchschnittliche Lebenserwartung der männlichen Aborigines mit 56 Jahren um mehr als 20 Jahre niedriger ist als die der übrigen Bevölkerung. Ähnlich groß ist die Diskrepanz bei Frauen. Indigene Frauen werden im Mittel 63 Jahre alt, die übrigen Australierinnen bringen es auf ein Durchschnittsalter von 82 Jahren.

Chronische Krankheiten, schlechte Lebensbedingungen und der oft fehlende Zugang zur medizinischen Versorgung sind hauptsächlich dafür verantwortlich, daß Indigene viel früher sterben als andere Australier. Die Säuglingssterblichkeit indigener Babies ist mit 14,3 pro 1000 Lebendgeburten dreimal so hoch wie die in der übrigen Bevölkerung.

Aus: junge Welt, 22. Juni 2007


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