Keine Friedensdividende

Angolas Wirtschaft wächst wie kaum eine andere in der Welt. Boom und Erdölrendite vertiefen aber auch Kluft zwischen Arm und Reich

Von Waldemar Bolze *

Sechs Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges zwischen der heute sozialdemokratischen MPLA und der prowestlichen UNITA, sowie sechzehn Jahre nach dem letzten Urnengang, fanden in Angola am 5. und 6. September 2008 erstmals wieder Parlamentswahlen statt. Dennoch war der deutliche Sieg der seit 33 Jahren regierenden Volksbewegung für die Befreiung Angolas (MPLA) nie angezweifelt worden. Hauptgrund dafür: Die Menschen hoffen auf eine Friedensdividende. Denn der südwestafrikanische Staat erlebt derzeit einen Aufschwung wie kaum ein anderes Entwicklungsland. In den zurückliegenden drei Jahren wuchs die Wirtschaft zwischen 18,6 und 21 Prozent. 2008 sollen es dem britischen Wirtschaftsblatt Economist zufolge 16 Prozent sein. Anders als bei solchen Wachstumsraten üblich, sinkt parallel dazu die Inflation. Als einer der wenigen Staaten Afrikas kann Angola zudem auf einen Leistungsbilanzüberschuß verweisen: 2006 belief der sich auf 23,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Das heißt, das Land verbrauchte knapp ein Viertel weniger als es einnahm.

Öl und Diamanten

Die Hochkonjunktur basiert im wesentlichen auf dem Öl. Dessen Förderung sowie der Bergbau tragen mit 52 Prozent den Löwenanteil zum BIP bei. Landwirtschaft und Industrie hingegen nur elf bzw. fünf Prozent. Der Export besteht nahezu vollständig (95 Prozent) aus Erdölverkäufen. Der Rest entfällt auf den Diamantenhandel. Ende Juli wurde gemeldet, daß das Land im zweiten Quartal 2008 erstmals Nigeria als größten Förderer Afrikas abgelöst habe. Während die nigerianische Ölgewinnung -- nicht zuletzt wegen der Aktionen gut ausgerüsteter Rebellen im Nigerdelta -- auf 1,8 Millionen Barrel (Faß; 159 Liter) pro Tag sank, fördert Angola inzwischen 1,9 Millionen Barrel am Tag. Damit ist es heute u. a. Chinas wichtigster Petroleumlieferant.

Die Volksrepublik spielt auch sonst eine große Rolle. Mit einem Kreditvolumen von mindestens sechs Milliarden US-Dollar ist sie wichtigster Gläubiger und zugleich Großunternehmer in der ehemaligen portugiesischen Kolonie. Die Kreditbedingungen sehen u.a. vor, daß 70 Prozent der mit diesem Geld finanzierten Infrastrukturprojekte an chinesische Firmen vergeben werden müssen. Hier bemüht sich die Regierung offenbar um eine Diversifizierung. So verfügt der brasilianische Baukonzern Odebrecht, der 33000 Mitarbeiter in Angola beschäftigt, inzwischen über mehr Aufträge als der wichtigste chinesische Konkurrent »China Bridge and Road Company«. Auch das BRD-Kapital versucht mitzumischen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung wies am 18. August darauf hin, daß »vor allem in der industriellen Landwirtschaft und ihren Zulieferern Potential steckt« und sich in der verarbeitenden Industrie sowie dem Dienstleistungssektor »weitere Chancen bieten«.

Vom neuen Reichtum profitiert in Angola nur eine schmale Oberschicht. Zwei Drittel der auf 17 Millionen Menschen geschätzten Bevölkerung muß mit weniger als zwei Dollar (1,40 Euro) am Tag auskommen. Analphabetismus und Kindersterblichkeit sind hoch. Koloniales Erbe und miserable sanitäre Verhältnisse sind daran ebenso schuld, wie die Tatsache, daß eine Krankenhausbehandlung oftmals nur gegen Bezahlung eines Schmiergelds zu bekommen ist. An den Wohnbedingungen wird die soziale Kluft am deutlichsten. In den beiden größten Städten Luanda und Lobito lebt ein Drittel der Gesamtbevölkerung des Landes in den Slums (»Musseques«), die jeden Tag weiter wachsen. Dort zahlt ein kleiner Staatsbediensteter umgerechnet 30 Dollar im Monat für ein Zimmer ohne Strom und fließendes Wasser. Ein Angehöriger der oberen Zehntausend im Süden Luandas überweist hingegen seine Monatsmiete im fünfstelligen Dollarbereich -- oder kauft sich gleich eine der Villen, ohne deshalb auf die neuesten Limousinen, einen Besuch in den Luxusrestaurants, oder den Einkauf in Afrikas modernster Shoppingmall »Belas Shopping Center« verzichten zu müssen.

Stadion statt Schulen

Das Erfolgsrezept verrät ein lokaler Wirtschaftswissenschaftler im Economist vom 28. August: »In den meisten Ländern werden die Leute in der Privatwirtschaft reich, bevor sie in die Regierung gehen. In Angola verläuft dieser Weg andersherum.« Auch die Investi­tionspolitik ist fragwürdig: Während die Entwicklungsorganisa­tion der Vereinten Nationen, die UNDP, erst für 2015 mit einer allgemeinen Grundschulbildung in Angola rechnet, die es in sehr viel ärmeren afrikanischen Staaten längst gibt, werden Unsummen in den Neubau von Fußballstadien gesteckt. 2010 soll hier die Afrikameisterschaft stattfinden.

Skeptisch darf man auch gegenüber der Ankündigung des seit 29 Jahren amtierenden Staatspräsidenten José Eduardo dos Santos sein, daß nach den Wahlen mit der Korruption aufgeräumt wird. Bestechlichkeit und Bereicherung auf Staatskosten sind kein Randproblem. Die Präsidialrepublik Angola wird faktisch von einem Triumvirat regiert, das aus dem Staatspräsidenten, dem Präsidenten der Ölgesellschaft Sonangol, Manuel Vicente, und Generalstabschef Francisco Pereira Furtado besteht. Es gilt als offenes Geheimnis, daß sich nicht nur die Befehlshaber der Militärbezirke im diamantenreichen Norden durch »tiefe Taschen« auszeichnen und die wenigen florierenden landwirtschaftlichen Güter allesamt in der Hand von MPLA-Protegés sind. Ohne die Unterstützung des Sonangol-Chefs Vicente wäre die enorme Abzweigung von Öleinnahmen kaum denkbar. Und ein nicht unwesentlicher Grund für das große Auftragsvolumen des brasilianischen Baukonzerns Odebrecht dürfte die starke Beteiligung der Familie des Staatspräsidenten an demselben sein.

* Aus: junge Welt, 15. September 2008


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