Andauernder Bürgerkrieg

Vor 35 Jahren wurde Angola unabhängig – und geriet damit in den Fokus der US-amerikanischen Destabilisierungspolitik

Von Jan Köstner *

Luanda, 10. November 1975: »In der Nacht versammelten sich auf einem der Plätze ein paar tausend Menschen. Es hieß, daß sich keine allzu große Menge versammeln sollte, damit es im Falle eines Luftangriffs kein Massaker gab. ... Die Domuhr schlug zwölf. Der 11. November 1975 brach an. Auf dem Platz herrschte Stille. Agostinho Neto verlas von der Tribüne die Proklamation der Volksrepublik Angola. Seine Stimme versagte, und er mußte einige Pausen machen. Als er geendet hatte, begann die unsichtbare Menge zu applaudieren, die Menschen jubelten. Mehr Reden gab es nicht. Dann verlöschten auf der Tribüne die Lichter, alle gingen eilig auseinander und verschwanden in der Finsternis.«[1] So unspektakulär gingen fast fünfhundert Jahre portugiesische Kolonialgeschichte in Angola zu Ende. Ihr folgte einer der längsten und blutigsten Bürgerkriege auf dem afrikanischen Kontinent.

Seit der Ankunft portugiesischer Seefahrer 1482 im Kongo-Reich geriet sein südlicher Teil, der Norden des heutigen Angola, zunehmend unter portugiesische Kontrolle. Ihr Einfluß verstärkte sich in der Periode des Sklavenhandels, besonders nachdem 1575 mit der Gründung der heutigen Hauptstadt Luanda als portugiesisches Fort ein militärisches Machtzentrum etabliert worden war. Eine planmäßige Eroberung Angolas begann jedoch erst, nachdem auf der Berliner Kongokonferenz 1884/85 die Kolonialmächte die heutigen Grenzen festgelegt hatten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts forcierte Portugal die wirtschaftliche Ausbeutung Angolas durch die methodische Erschließung seiner Rohstoffquellen, den Aufbau von Plantagen und die Ansiedlung weißer Kolonisten. Im Gegensatz zu den fortgeschritteneren Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich, die die Ausplünderung ihrer Kolonien zunehmend durch Lohnarbeit vollzogen, mußte der zurückgebliebene portugiesische Kolonialismus bis in die 60er Jahre auf Zwangsarbeit für die afrikanische Bevölkerung zurückgreifen. Die Rückständigkeit des portugiesischen Kapitalismus bedingte auch nach dem Zweiten Weltkrieg die Notwendigkeit direkter politischer Kontrolle seiner Kolonien, für eine indirekte, neokoloniale Beherrschung war Portugal zu schwach.[2] Im Gegensatz zu britischen und französischen Kolonien kam es daher auch nicht zu einer Vorbereitung auf die politische Unabhängigkeit und zu Ansätzen zur Schaffung eines Mehrparteiensystems.[3]

Antikoloniale Aktivitäten

Trotzdem entstanden in den 40er und 50er Jahren, wie auch in anderen afrikanischen Kolo­nien, Unabhängigkeitsbestrebungen. Unter der im Norden Angolas lebenden Bakongo-Bevölkerung entwickelten sich separatistische Bestrebungen mit dem Ziel der Wiedererrichtung des (formal nie abgeschafften) Kongo-Königreiches. Sie führten im Juli 1956 zur Gründung der União das Populações do Norte de Angola (Union der Bevölkerung von Nordangola – UPNA). Auf amerikanischen Rat änderte die UPNA 1958 unter Führung von Holden Roberto ihren Namen in União das Populações de Angola (Union der Bevölkerung von Angola, UPA), um ihren Anspruch auf ganz Angola zu betonen. Aus der Vereinigung der UPA mit der kleineren Aliança Zombo entstand im März 1962 die Frente Nacional de Libertãçao de Angola (Nationale Front der Befreiung Angolas – FNLA), die im April die Bildung einer von Roberto geführten angolanischen Exilregierung (Governo Revolucionário de Angolano Exilio, GRAE) bekanntgab.

Mit dem kongolesischen Armeechef und späteren zairischen Diktator Joseph-Désiré Mobutu verwandt, machte Roberto vor allem durch Vettern- und Günstlingswirtschaft von sich reden. Gegen seine Führung opponierte der Außenminister der GRAE Jonas Savimbi, der, selbst Angehöriger der größten angolanischen Volksgruppe, der Ovimbundu, Roberto eine Bevorzugung von Bakongos vorwarf, 1964 zurücktrat und 1966 die União Nacional para a Independência Total de Angola (Union für die totale Unabhängigkeit Angolas – ­UNITA) gründete. Sie stützte sich vor allem auf die bäuerliche Ovimbundu-Bevölkerung des zentralen Hochlands in den Provinzen Huambo und Bié und fiel durch maoistische Rhetorik auf. Damit verfolgte sie vermutlich das Ziel, China für eine Unterstützung der UNITA zu gewinnen, doch die chinesische Hilfe hielt sich in Grenzen.

Die dritte große Befreiungsbewegung Movimento Popular de Libertãçao de Angola (Volksbewegung für die Befreiung von Angola – ­MPLA) wurde unter Führung von Mario de ­Andrade und Agostinho Neto im Dezember 1956 in Luanda gegründet. Ihr Kurs war sozialistisch orientiert, und ihre soziale Basis bildeten vor allem Intellektuelle, Lohnarbeiter und das Kleinbürgertum in den Städten. Obwohl die MPLA von Anfang an einen gesamtnationalen Anspruch vertrat, erreichte sie ihre größte Massenwirksamkeit unter der Kimbundu-Bevölkerung der wirtschaftlich am weitesten entwickelten Provinzen Bengo, Kwanza Norte und Kwanza Sul. Selbst ihre Gegner mußten zugeben, daß sie aufgrund ihrer sozialen Struktur die größte Potenz besaß, die Mehrheit des angolanischen Volkes zu repräsentieren.[4]

Ende der 50er Jahre kam es zu einem Aufschwung der antikolonialen Aktivitäten. Das faschistische Salazar-Regime reagierte mit einer Verschärfung der Repression. Militärmanöver sollten die afrikanische Bevölkerung einschüchtern und die Moral der Siedler heben, eine Verhaftungswelle rollte über das Land. Nachdem am 29. Dezember 1960 neunundzwanzig politische Gefangene hingerichtet worden waren, griffen am 4. Februar 1961 Hunderte schlecht bewaffnete Angolaner Polizeistationen und die Gefängnisse in Luanda an, um Gefangene zu befreien.[5] Der 4.Februar gilt heute als der Beginn des bewaffneten Kampfes gegen die Kolonialmacht. Wenige Wochen später wurde der Norden Angolas von einem Aufstand erschüttert. Zwar gelang es der Armee, die Revolte niederzuschlagen, doch sah sich Portugal nun mit einem andauernden Guerillakrieg konfrontiert, dessen Intensität in den Folgejahren zunahm.

Wirtschaftlich zu schwach den Krieg zu finanzieren, war Portugal auf die Unterstützung der NATO-Verbündeten angewiesen. Der Preis für die Hilfe war die Öffnung Angolas für ausländisches Kapital, besonders im Bereich der extraktiven Industrien, wie Öl (Gulf Oil), Diamanten (De Beers) und Eisenerz (Krupp). Gleichzeitig hielt, bedingt durch die wirtschaftliche Stagnation im Mutterland, der Zustrom weißer Siedler an. 1970 gab es 290000 Weiße, bei einer Bevölkerung von 5,6 Millionen. Paradoxerweise erlebte Angola so, trotz der Verschärfung des Krieges, wirtschaftliches Wachstum und eine erste Phase der Industrialisierung.[6]

Imperialistische Strategien

Die Haltung der westlichen Führungsmacht USA zur Dekolonisierung Afrikas wurde durch die Bedingungen des Kalten Krieges bestimmt und stets ihrer globalen Strategie untergeordnet. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sah US-Außenminister John Foster Dulles im afrikanischen Nationalismus die »Hand Moskaus« und meinte, daß bei einem Abzug der europäischen Kolonialmächte die Sowjetunion in Afrika Fuß fassen würde. In dieser Sicht hatten die USA und Portugal ein gemeinsames Interesse am Erhalt des portugiesischen Kolonialreiches. Erst unter John F. Kennedy kam es zu einer Änderung dieser Politik. Er sah die Unabhängigkeit der portugiesischen Kolonien als unausweichlich an und befürchtete für den Fall eines lang andauernden Konflikts eine Stärkung des sowjetischen Einflusses. Um ein Gegengewicht zur MPLA zu schaffen, begann die CIA daher die FNLA zu unterstützen.[7] Diese Politik führte jedoch zu einem unüberbrückbaren Widerspruch zwischen den Interessen der USA im Nordatlantik, speziell der NATO-Mitgliedschaft Portugals und der Beibehaltung der US-Stützpunkte auf den Azoren und in Afrika. Die Johnson-Administration verwies nach Kennedys Tod die Angola-Problematik im Grunde an Portugal zurück. Die Unterstützung der FNLA wurde aufgegeben und statt dessen die portugiesische Armee mit Waffen für den Dschungelkampf beliefert.[8] Die Erkenntnis, daß die portugiesische Kolonialherrschaft nicht aufrecht zu erhalten war, und das Bestreben, die geostrategisch wichtigen Seewege um das Kap der Guten Hoffnung unter westlicher Kontrolle zu halten, führten die Nixon-Administration unter dem Einfluß von Außenminister Henry Kissinger zu einer Orientierung auf die Unterstützung des weißen Siedler-Regimes im südlichen Afrika. Nach dem linksgerichteten Militärputsch in Portugal 1974 suchte Kissinger daher nach Verbündeten in Angola und griff auf die bereits bestehenden Kontakt zur FNLA zurück.[9]

Am 25. April 1974 stürzten in Portugal Angehörige der revolutionären Movimento das Forças Armadas (Bewegung der Streitkräfte – MFA) die Caetano-Regierung. Damit schien der Weg für eine Lösung des angolanischen Konflikts frei. Im Abkommen von Alvor vereinbarten Portugal und die drei Befreiungsbewegungen im Januar 1975 die Bildung einer Übergangsregierung, die das Land in die Unabhängigkeit führen sollte. Bereits im Februar jedoch brach die FNLA, von den USA ermutigt, mit Angriffen auf MPLA-Einheiten das Abkommen.[10] Die Angriffe der FNLA und zairischer Truppen bewirkten in erster Linie eine Verstärkung der bis dahin geringen Hilfe der Sowjetunion für die MPLA. Darüber hinaus begannen ab März 1975 kubanische Ausbilder MPLA-Kämpfer zu trainieren.

Kuba solidarisch

Im Juli gelang es der MPLA, die FNLA und die zairischen Truppen aus Luanda hinauszutreiben und im Norden des Landes erste Erfolge zu erzielen, die USA reagierten darauf mit einer Verstärkung ihrer Unterstützung für die FNLA und jetzt auch für die UNITA. Gleichzeitig intervenierte Südafrika zum ersten Mal im Süden Angolas. Im Angesicht des südafrikanischen Angriffs, dem die Truppen der MPLA nichts entgegensetzen konnten, entschied die kubanische Führung ohne Abstimmung mit der Sowjetunion, ihr Engagement in Angola auszuweiten. Im September trafen die ersten von 700 kubanischen Militärangehörigen zum Aufbau von militärischen Trainingszentren in Luanda ein.[11] Anfang November folgten im Rahmen der Operation Carlota die ersten regulären Kampfverbände. Diese Hilfe ermöglichte es der MPLA, Luanda zu halten, wo am 11.November 1975 inmitten der Bürgerkriegswirren die Unabhängigkeit ausgerufen wurde. Zu diesem Zeitpunkt standen neben den Formationen der verfeindeten angolanischen Parteien mindestens 2800 kubanische, 11200 zairische und 12000 südafrikanische Soldaten auf angolanischem Boden. Ab Dezember wendete sich das Blatt: Am 6. Januar 1976 fiel Uige, das Hauptquartier der FNLA, und bis zum Folgemonat konnte die MPLA alle größeren Städte unter ihre Kontrolle bringen. Am 11. Februar erkannte die Organisation der Afrikanischen Einheit die MPLA-Regierung als rechtmäßig an.

Mit dem Zusammenbruch der FNLA verlor die USA ihren Hauptverbündeten in Angola. Sie konzentrierte sich nun auf die Förderung von Savimbis UNITA, die bereits 1974/75 von weißen Siedlerorganisationen und Südafrika unterstützt worden war. Der US-Kongreß, der eine Verwicklung der USA in ein neues Vietnam-Abenteuer fürchtete, schob jedoch einer offiziellen Finanzierung einen Riegel vor: Das im Januar 1976 verabschiedete Clark-Amendment verbot die Freigabe von Mitteln für bewaffnete Organisationen in Angola. Die US-Regierung mußte daher auf klandestine Kanäle zurückgreifen. Die Lieferung von Waffen an die UNITA erfolgte auf amerikanische Aufforderung durch Drittstaaten wie Israel und China.[12]

Mit dem Amtsantritt von US-Präsident James Carter schien sich die Möglichkeit für eine Entspannung der Beziehungen zu bieten. Die neue Administration lehnte die Sichtweise, die Präsenz sowjetischer Berater und kubanischer Truppen als Bedrohung US-amerikanischer Interessen zu sehen, ab. UN-Botschafter Donald McHenry stattete Angola 1978 sogar einen Besuch ab. Gulf Oil trat gleichzeitig für die Anerkennung der angolanischen Regierung ein, da ein solcher Schritt, die Entwicklung der angolanischen Ölförderung vorantreiben würde, was, so der dezente Hinweis auf die Sowjetunion und Kuba, das Land von der »wirtschaftlichen und militärischen Hilfe nichtafrikanischer Mächte unabhängiger machen würde«.[13]

Wirtschaftliche Probleme

Aus pragmatischen Gründen hätte eine Verbesserung der Beziehungen für Angola eine große wirtschaftliche Hilfe bedeutet – die USA waren Angolas größter Außenhandelspartner, für die Vereinigten Staaten stand Angola unter den afrikanischen Staaten auf Platz drei. Doch auch die Carter-Administration machte die Anerkennung der VR Angola vom vorherigen Abzug der kubanischen Truppen abhängig, was angesichts der fortgesetzten südafrikanischen Interventionen für die MPLA-Führung politischen Selbstmord bedeutet hätte.

Nach Erlangung der Unabhängigkeit blieb das Land wirtschaftlich zerrüttet zurück. Das lag einerseits an der Zerstörungen während des relativ kurzen aber heftigen Bürgerkrieges, andererseits am Abzug der portugiesischen Siedler, die den überwiegenden Teil der Fachleute in Verwaltung und Industrie, Ärzte und Lehrer gebildet hatten. Die Flucht der Siedler bedeutete darüber hinaus einen Zusammenbruch der kommerziellen Landwirtschaft, die die Städte versorgt hatte. Die Maisproduktion beispielsweise sank von rund 330000 Tonnen 1970 auf 36000 Tonnen im Jahr 1977. Damit kam es zu gravierenden Versorgungsproblemen.[14] In dieser Situation entschied sich die MPLA für eine enge Anbindung an das sozialistische Lager. Das betraf nicht nur den militärischen, sondern auch den wirtschaftlichen Bereich. Von Ende der 70er Jahre an leisteten vor allem die SSR und die DDR in Angola zivile Aufbauhilfe durch die Entsendung von Fachkräften wie Ärzten, Technikern, Verwaltungsfachleuten und Landwirtschaftsexperten sowie die Lieferung von dringend benötigten Gütern. Diese Vertiefung der Beziehungen rief natürlich bei dem Teil des US-amerikanischen Establishments, der eine Gefahr für die westliche Dominanz im südlichen Afrika sah, Besorgnis hervor.

Waffen aus den USA

Mit dem Amtsantritt der Reagan-Administration 1980 gab es eine erneute Änderung der US-amerikanischen Angola-Politik. Im Rahmen der Reagan-Doktrin galt Angola nun neben Afghanistan und Nikaragua als einer wichtigsten Konflikte zur Führung von Stellvertreterkriegen gegen die »sowjetische Klientelstaaten«. Daher wurde die Unterstützung der UNITA durch Drittstaaten wie Saudi-Arabien und Marokko intensiviert.[15] Das Hauptmittel zur Destabilisierung Angolas in der ersten Hälfte der 80er Jahre blieb jedoch die Ermutigung südafrikanischer Invasionen, gefolgt von systematischen Vetos im UN-Sicherheitsrat, um eine Verurteilung dieser Invasionen zu verhindern.[16] 1985 erreichte die Regierung im Kongreß die Aufhebung des Clark-Amendments. Damit stand einer offenen Unterstützung der UNITA nichts mehr im Wege. Nachdem er im September 1984 an der Amtseinführung des südafrikanischen Präsidenten P.W. Botha teilgenommen hatte, wurde Savimbi im Februar 1986 ein Staatsempfang im Weißen Haus zuteil. Unmittelbar danach wurden Waffen im Wert von 15 Millionen US-Dollar an die UNITA geliefert.[17]

Die verstärkte US-amerikanische Unterstützung führte zu einer Verschärfung des Konflikts. Zwar fand die UNITA seit Anfang der 80er Jahre kaum noch Freiwillige, die bereit waren, als Guerillas zu kämpfen, und mußte daher auf Zwangsrekrutierungen zurückgreifen, doch ermöglichte ihr die bessere Bewaffnung und Ausbildung sowie der Zustrom finanzieller Mittel vermehrte und kompliziertere Operationen. Ab 1986 war die UNITA auch in der Lage, Ölfördereinrichtungen in Cabinda anzugreifen, um die Einnahmequellen der Regierung zum Versiegen zu bringen, was zu der paradoxen Situation führte, daß kubanische Truppen in Angola US-amerikanische Investitionen schützen mußten. Jedoch war die UNITA zu schwach, die Regierung ernsthaft zu gefährden. Ein entscheidender Sieg der Regierung über die UNITA wiederum und die Eroberung ihrer Basen im Süden des Landes wurden durch wiederholte südafrikanische Interventionen verhindert. Höhepunkt dieser Entwicklung war die Schlacht von Cuito Cuanavale von Oktober 1987 bis Februar 1988, in der angolanische und kubanische Truppen die Eroberung der Stadt durch die südafrikanische Armee abwehrten und die die schwerste militärischen Auseinandersetzung in Afrika seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war.

Die Kämpfe von Cuito Cuanavale hatten deutlich gemacht, daß im südliche Afrika ein militärisches Patt entstanden war, das nur auf dem Verhandlungswege zu lösen war. Gleichzeitig war eine neue weltpolitische Konstellation entstanden. Die Schwächung der Sowjetunion führte zu einem Rückgang ihres weltpolitischen Einflusses, was wiederum die Toleranz der USA gegenüber ihren bisherigen Gegnern in der Dritten Welt erhöhte.

Im Dezember 1988 fand in New York die Unterzeichnung der Angola-Namibia-Verträge statt. Südafrika verpflichtete sich, die UN-Resolution 435 (Unabhängigkeit Namibias) am 1. April 1989 in Kraft zu setzen, sechs Monate später in Namibia Wahlen zu zuzulassen und seine Truppen aus Angola sowie nach den Wahlen aus Namibia zurückzuziehen. Kuba willigte ein, seine Einheiten in den Norden Angolas zu verlegen, und bis Mitte 1991 gestaffelt und vollständig aus Angola abzuziehen.

Neben den Menschenleben, die der Angola-Krieg forderte, und dem Leid, das er brachte, neben der Zerstörung eines ganzen Landes war er für die Beteiligten ein kostspieliges Engagement. Amerikanische Quellen bezifferten die sowjetische Hilfe für die angolanische Regierung zwischen 1975 und 1985 mit vier Milliarden US-Dollar, in den Jahren 1987/88 mit einer Milliarde. Südafrika unterstützte die UNITA allein 1986 mit einer Milliarde, und südafrikanische Ökonomen schätzten 1988, daß der Angola-Krieg Südafrika jährlich zwei Milliarden US-Dollar koste, wenn man die Ausgaben für Aktionen der südafrikanischen Streitkräfte mit einrechnete.[18]

Neue Phase des Konflikts

Auch für den Konflikt zwischen MPLA und UNITA schien sich eine Lösung abzuzeichen. Auf ihrem III. Parteitag im Dezember 1990 beschloß die MPLA die Abkehr vom Marxismus und die Einrichtung eines Mehrparteiensystems. 1991 wurde unter internationaler Vermittlung zwischen den Bürgerkriegsparteien der Accord von Bicesse geschlossen, der zu Abhaltung von freien Wahlen 1992 führte. Gegen die Erwartungen der Bush-Administration wurden die Parlamentswahlen von der MPLA gewonnen, auch wenn der amtierende angolanische Präsident José Eduardo dos Santos, der den 1979 verstorbenen Agostinho Neto abgelöst hatte, in den gleichzeitig stattfindenden Präsidentschaftswahlen die absolute Mehrheit verfehlte. Noch vor Verkündung des Endresultats erklärte der Chef der UNITA Jonas Savimbi die Wahlen für gefälscht und lehnte es trotz US-amerikanischer Aufforderung ab, ihr Ergebnis zu akzeptieren.[19] Ende Oktober 1992 nahm die UNITA die Kampfhandlungen wieder auf. Damit wurde eine neue Phase des Konflikts eingeleitet, deren Dynamik nicht durch geostrategische Erwägungen, sondern die Ausbeutung von Rohstoffvorkommen bestimmt wurde.

Anmerkungen
  1. Kapuciski, R.: Wieder ein Tag Leben – Innenansichten eines Bürgerkrieges, Frankfurt/Main 1994, S. 139–140
  2. Minter, W.: Imperial Network and External Dependency– The Case of Angola, Beverly Hills 1972, S. 10
  3. Hodges, T: Angola: Anatomy of an Oil State, Oxford 2004, S. 44
  4. James, W. M.: A Political history of the Civil War in Angola 1974–1990, New Brunswijk 1992, S. 52
  5. Shubin, V., Torkarev, A.: »War in Angola: A Soviet Dimension« in: Review of African Political Economy, No. 90, 2001, S. 607
  6. Minter, W.: a.a.O., S. 14–16
  7. Bender, G.: American Policy towards Angola: A History of Linkage, London 1978, S. 111
  8. Fernandes, Ana Paula: EUA e Angola – A Diplomacia Económica do Petróleo, Cascais 2004, S.40
  9. Bender, G.: a.a.O., S. 113
  10. Stockwell, J.: In search of Enemies – A CIA Story, London 1978, S. 67–68
  11. Meyer, T.: Die Reagan-Doktrin: die Feindbilder, die Freundbilder, Bern 1998, S. 193
  12. Wright, G.: The Destruction of a Nation: United States Policy towards Angola since 1945, London 1997, S. 93
  13. Wright, G.: a.a.O., S. 95
  14. Minter, W.: a.a.O., S. 19
  15. Meyer, T.: a.a.O., S. 204; vgl. Wright, G.: a.a.O., S. 110
  16. Wright, G.: a.a.O., London 1997, S. 109
  17. Minter, W.: Apartheid’s Contras: An Inquiry into the Roots of War in Angola and Moçambique, Johannesburg 1994 S. 44
  18. Meyer, T.: a.a.O., S. 198–199
  19. Perreira, A.W.: The Neglected Tragedy: the Return to War in Angola, 1992-3« in: Journal of Modern African Studies, 32, 1, 1994, S. 17–23
* Jan Köstner hat afrikanische Geschichte studiert und promoviert zur Zeit am Institut für Afrikanistik an der Universität Leipzig. Er ist Redakteur beim Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus

Aus: junge Welt, 11. November 2010



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