"Al Qaida im Maghreb" – oder der Kampf um das Öl

Die von Algier und Washington beschworene Terrorgefahr in Nordafrika dient vor allem der dauerhaften Durchsetzung von USA-Interessen im Energiesektor

Von Werner Ruf *

Die USA und Algerien arbeiten bei der »Bekämpfung des Terrorismus« Hand in Hand. Tatsächlich aber geht es darum, durch eine US-amerikanische Militärpräsenz die Energiezufuhr in die Vereinigten Staaten zu sichern. Das wird auch mit gezielter Desinformationen verschleiert.

Die offizielle Gründung von »AfriCom« dürfte unmittelbar bevorstehen: Seit fünf Jahren bemühen sich die USA um den Aufbau eines eigenen, direkt dem Pentagon unterstehenden Oberkommandos für Afrika, das als Hauptziel die Terrorismusbekämpfung in den an die Sahara angrenzenden Ländern hat. Dieser Antiterrorkampf wurde bisher geführt vom US-Oberkommando für Europa in Stuttgart (EUCOM), vor allem in enger Zusammenarbeit mit der algerischen Regierung. Er steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Vision des vom USA-Präsidenten George Bush verkündeten Konzepts eines »Greater Middle East«, das sich, so die Vordenker der Washingtoner Außenpolitik wie Asmus und Pollack, von »Nordafrika bis Pakistan« erstreckt. Sitz dieses Oberkommandos dürfte voraussichtlich Dakar oder Algier sein.

Der Kampf um die Sicherung energetischer Rohstoffe wird umso heftiger, wie absehbar wird, dass die Kohlenwasserstoffvorräte des Planeten in etwa 40 Jahren erschöpft sein werden. Hinter dem Rauch der Kriege in Irak und Afghanistan gewinnen vor allem die afrikanischen Ressourcen an Bedeutung: Neben Nigeria, das gleichfalls an den Sahel grenzt, sind in den letzten Jahren Öl- und Gasfelder vor allem auch in Mali und Mauretanien entdeckt worden, in der marokkanisch besetzten Westsahara werden erhebliche Ressourcen im Off-Shore-Bereich vermutet. Dies allein ist ein Grund, diesen Raum nicht allein dem traditionellen französischen Einfluss zu überlassen. Immerhin beziehen die USA derzeit bereits 15 Prozent ihrer Erdöl- und Erdgas-Importe aus Afrika, bis 2015 sollen sie auf 25 Prozent wachsen. Entscheidend ist hierbei der Import von Flüssiggas. Mit der algerischen SONATRACH, der größten Erdölgesellschaft Afrikas, die auf Platz zehn bis zwölf unter den wichtigsten Gesellschaften weltweit gehandelt wird, besitzen die USA einen wichtigen Partner für die Gas-Verflüssigung. Die großen US-Konzerne sind mit SONATRACH in zahlreichen Joint Ventures verflochten.

Starke Präsenz von US-Firmen in Algerien

Jenseits der einschlägigen US-Firmen operiert in Algerien auch Kellogg Brown and Root (KBR), eine Tochter von Halliburton, die auch als privates militärisches Unternehmen agiert. Und der »Kampf gegen den Terrorismus« hat die Regierungen in Washington und Algier, die sich in der Zeit des Kalten Krieges noch misstrauisch gegenüberstanden, inzwischen eng zusammenrücken lassen: Unmittelbar nach 9/11 überreichte der algerische Staatspräsident Bouteflika der US-Administration eine Liste von mehr als 1300 Verdächtigen, die Zusammenarbeit der Dienste beider Länder hat sich in den letzten Jahren massiv intensiviert, regelmäßig gibt es inzwischen Treffen auf höchster Ebene: Der damalige Koordinator der US-Geheimdienste, John Negroponte, beglückwünschte im April 2006 den algerischen Außenminister zu der »ausgezeichneten Zusammenarbeit im Bereich der Terrorismus-Bekämpfung« und zum Wert der geheimdienstlichen Informationen, die aus Algier an die CIA geliefert werden. USA-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld besuchte Algier im Februar 2006, ihm folgte Vizepräsident Dick Cheney im April 2006, und William Jordan, Direktor der Abteilung Nordafrika im State Department, erklärte im März 2006, Algier sei »am besten platziert für die US-Militärhilfe im Maghreb«.

Dringend gesucht: Gefährliche Terroristen

Dies verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass Algier rund 7000 Kilometer Grenzen gerade mit jenen afrikanischen Staaten besitzt, die jetzt als Besitzer der wichtigen Bodenschätze entdeckt wurden. Spätestens seit 2004 finden zahlreiche, oft lange andauernde Manöver gemeinsam mit US-Truppen statt, die zumindest in der Nähe von Tamanrasset in Südalgerien Stützpunkte unterhalten. Das bisher wichtigste Manöver war die »Operation Flintlock« im Jahr 2005, an der zahlreiche afrikanische Staaten teilnahmen. Hinzu kommen in wachsendem Maße gemeinsame Manöver der 6. US-Flotte mit der der algerischen Marine im Mittelmeer.

Doch für den Krieg gegen den Terrorismus braucht man (auch) Terroristen, die eine reale Bedrohung weit über die Grenzen Algeriens hinaus darstellen. Schon 2004 behauptete eine Studie der US Air Force, dass sich in der Sahara ein gefährlicher Terroristenherd entwickele, ja, dass dort mit höchster Wahrscheinlichkeit in Verbindung mit Al Qaida die Anschläge vom 11. März 2004 in Madrid geplant und vorbereitet worden seien. Ausnahmslos alle Berichte über terroristische Aktivitäten im Sahara-Raum und in den angrenzenden Ländern verweisen auf die sogenannte GSPC (Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf), die sich im Januar dieses Jahres in »Al Qaida des islamischen Maghreb« umbenannte.

Den ersten »Beweis« für eine Al-Qaida-Präsenz in der Sahara lieferte der algerische Geheimdienst, als im Februar und März 2003 im tiefen Süden des Landes einige Touristen-Gruppen gekidnappt wurden. Die Entführer gehörten prompt zu jener GSPC, die sich 1998 von den GIA (»Bewaffnete Islamische Gruppen«) abgespalten hatte, deren Angehörige bis dahin bisweilen in der Kabylei erschienen waren und nun plötzlich rund 2000 Kilometer weiter südlich in einem von den Touareg kontrollierten Gebiet diesen großen Coup gelandet hatten. In einer genauen Untersuchung der dubiosen Entführung kommt der britische Afrikawissenschaftler Jeremy Keenan zu dem Schluss, dass »die meisten, wenn nicht alle Aspekte dieses Gemäldes (…) falsch sind«. Insbesondere hebt er hervor:

Laut Aussagen der Entführten gab es enge Kontakte zwischen den Entführern und der im Süden überall präsenten algerischen Armee. Die Informationen aus Algier bezüglich der Urheber, Ziele und Aktionen der Entführer blieben über Monate bis zum Schluss durchweg widersprüchlich.

Algier verhinderte deutsche Versuche, mittels der GSG 9 oder der KSK wie auch des Einsatzes von Agenten des BND, das Geiseldrama zu beenden. Vor allem wurde der Einsatz deutscher Aufklärungsdrohnen verhindert.

Die algerische Armee leistete massive logistische Unterstützung, da die Entführer ohne Treibstoff, der in dieser Region der ausschließlichen Kontrolle des Militärs unterliegt, niemals die weiten Strecken bis Mali, Niger und zurück hätten zurücklegen können.

Bei der »Befreiung« verschwanden bis auf zwei oder drei alle Geiselnehmer unverletzt.

Die Führungsfigur Amari Saifi, genannt Abderrazak »El Para« (er hatte in der algerischen Armee als Fallschirmjäger gedient) ist mehr als undurchsichtig: Er wurde bei der »Befreiung« der Geiseln nicht gefasst, und er wurde auch während der sieben Monate, in denen er anschließend von einer Widerstandsgruppe der Touareg im nördlichen Tschad festgehalten wurde, nicht nach Algerien ausgeliefert, obwohl die tschadischen Rebellen dies mehrfach anboten und zu diesem Zwecke eigens eine Delegation nach Algier schickten. Problem- und folgenlos konnte er während seiner Gefangenschaft der Zeitschrift »Paris-Match« ein Interview geben. Schließlich wurde er von den Tuareg-Rebellen an Libyen überstellt und von dort im Oktober 2004 an die algerischen Behörden ausgeliefert. In Algerien wurde er dann – obwohl offiziell in algerischer Haft – in »Abwesenheit« zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt. Ein weiteres Verfahren – gleichfalls in Abwesenheit – wurde am 19. März dieses Jahres sofort nach Eröffnung vertagt.

Die Nachfolge »El Paras«, so die algerische Darstellung, habe inzwischen Mokhtar Belmokhtar angetreten, der gleichfalls in die Entführung der Touristen verwickelt gewesen sein soll. Belmokhtar ist ein Bandit, der große Teile der Schmuggelrouten in der Sahara kontrolliert, wo insbesondere Drogen, Waffen und Menschen gehandelt werden; er ist wohl das Gegenteil eines religiös-fanatischen Führers.

Al-Qaida-Verbindungen reine Konstrukte

Die ganze Affäre deutet darauf hin, dass der berüchtigte »El Para« ebenso wie sein »Nachfolger« Mokhtar Belmokhtar Agenten des algerischen Sicherheitsdienstes sind, und dass die behaupteten Verbindungen zu Al Qaida reine Konstrukte der algerischen Dienste sind, genau wie zahlreiche Anführer der inzwischen verschwundenen berüchtigten GIA der 90er Jahre Agenten des algerischen Geheimdienstes waren. Hierzu liegt inzwischen eine umfangreiche seriöse Forschung vor. Diese Verflechtungen zwischen Politik, geheimdienstlicher Desinformation, Terror und Kriminalität blieben unerheblich, wenn die Touristenaffäre nicht – erfolgreich – dazu gedient hätte, »Beweise« für die Etablierung der GSPC und damit der Al Qaida in der Sahara zu erbringen, die seither immer wieder in Presseberichten, in den einschlägigen Sicherheitskreisen wie auf deren Websites gebetsmühlenartig wiederholt werden. So erscheint die GSPC auch auf der Website des US State Department als terroristische Organisation und dient als Begründung für den Ausbau der US-Militärpräsenz im saharischen und im Sahel-Raum. Alleiniger Produzent und Zulieferer der Informationen über die Gruppe ist der algerische Geheimdienst DRS. Über die Verbreitung dieser Informationen unter den Diensten entsteht jenes einheitliche Bild, das heute in den Medien – oft sensationell aufbereitet – wie in den Agenturmeldungen nahezu wortgleich verbreitet wird. Und da die Informationen strategische Ziele verfolgen, werden sie weder auf Glaubwürdigkeit noch auf die Zuverlässigkeit der Quellen überprüft.

Wettlauf mit den Europäern um Einfluss

Die ob ihrer Herkunft mehr als dubiosen, ungeprüften und allenthalben reproduzierten Informationen dienen zur Begründung und zum Ausbau jener 2006 ins Leben gerufenen Trans Saharan Counter-Terrorism Initiative (TSCTI), die die 2002 von den USA eingerichtete Pan Sahel Initiative (PSI) ablöste. Ihr gehören mittlerweile zehn Staaten an. In Djibouti, wo Frankreich noch immer eine Militärbasis unterhält, haben die USA bereits 2000 Soldaten stationiert. Die US-gestützte äthiopische Invasion in Somalia scheint gleichfalls in dieses Konzept des »Greater Middle East« zu gehören, das die US-Präsenz in diesem Raum militärisch unterfüttert. Stützpunkte für die TSCTI sind geplant bzw. im Aufbau in Senegal, Mali, Mauretanien, Niger, Tschad, Ghana, Marokko, Tunesien und Algerien. Teilweise werden diese auch durch private Militärfirmen errichtet. Die Ausbildung der afrikanischen Soldaten erfolgt in der Regel durch die US-Special Forces.

In Wirklichkeit dient die afrikanische Front im »Krieg gegen den Terror« dazu, durch eine US-amerikanische Militärpräsenz die Energiezufuhr in die USA zu sichern und zugleich die Kontrolle über jene Ressourcen sicherzustellen, die ihre ökonomischen Konkurrenten in Europa ebenfalls benötigen. So passt es in diese Strategie, wenn der Sprecher des Pentagon, Joe Carpenter, erklärt: »Die Aktionen der Eurokorps haben in ihren Unternehmungen in den subsaharischen Gebieten, wo die islamistischen Gruppen ihre Stützpunkte eingerichtet haben, ihre Grenzen gezeigt.« Die Bemühungen der Europäer, ihre Gaszufuhr zu diversifizieren, was angesichts der russischen Lieferpolitik als zwingend notwendig propagiert wird, verschärft die Konkurrenz zwischen den industriellen Blöcken, auch und gerade in den Produktionszonen der Energieträger. Um diesen Wettlauf zu gewinnen, bedarf es zuverlässiger Partner vor Ort, und Algier präsentiert sich hier den USA als verlässlicher Freund, der aufgrund seiner geografischen Lage, seiner militärischen Kompetenz wie seines erbarmungslosen »Kampfes gegen den Terrorismus« ein idealer Mitstreiter zu sein scheint.

Angesichts der verfolgten »realpolitischen« Zielsetzungen kommt es nicht darauf an, dass die den politischen Entscheidungen zugrunde liegenden Informationen stichhaltig sind. Wichtiger ist, dass sie ein gewünschtes Lagebild untermalen, das eine zuvor beschlossene Politik zu legitimieren vermag. Die Hysterie um die selbst ernannte »Al Qaida im Maghreb« und die behaupteten, von ihr ausgehenden vielfältigen Bedrohungen gerade auch für Europa lassen die wahren Konturen des Konflikts in den Hintergrund treten, die in der sich verschärfenden Rivalität zwischen den USA und Europa bestehen und auf die Verhinderung der Stärkung des chinesischen Einflusses abzielen. Ob echt oder manipuliertes Konstrukt: Objektiv dient die »Al Qaida im Maghreb« den Interessen der US-amerikanischen Geopolitik. Und um diese Funktion zu erfüllen, muss sie glaubwürdig sein. Deshalb muss mit weiteren Anschlägen gerechnet werden. Gleichzeitig zwingt der »Kampf gegen den Terrorismus« die Europäer trotz gegenläufiger eigener ökonomischer Interessen unter die Führung der USA. Die brutalen Methoden des Antiterrorkrieges einschließlich der Unterwerfung Afrikas unter die Kontrolle des US-Militärs tragen jedoch dazu bei, jenen Feind erst zu produzieren, den zu bekämpfen man vorgibt – und der dann leicht zur wirklichen Bedrohung Europas wird.

* Werner Ruf (geb. 1937) lehrte als Professor für Internationale und intergesellschaftliche Beziehungen und Außenpolitik an der Universität Kassel und hat sich u.a. mit Publikationen zum Maghreb einen Namen gemacht.

Aus: Neues Deutschland, 21. April 2007


Eine Langfassung des Beitrag haben wir hier publiziert:
Terror, Geheimdienste und Geopolitik:



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