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Chronik des Krieges gegen Afghanistan

April - Juni 2003

April 2003
  • In der südafghanischen Provinz Urusgan ist am 3. April ein enger Verbündeter des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai einem Attentat zum Opfer gefallen. Hadschi Gilani und sein Neffe wurden demnach in der Nähe ihres Hauses erschossen. Gilani hatte Karsai in Urusgan aufgenommen, als dieser Wochen vor dem Ende der Talibanherrschaft den Aufstand gegen die fundamentalistischen Muslime begann. Karsai war nur mit wenigen Vertrauten nach Afghanistan gekommen und auf die Hilfe von Talibangegnern angewiesen. Hinter dem Attentat wurden ebenso Taliban-Kämpfer vermutet wie hinter einer Explosion in einer afghanischen Armeekaserne in der ostafghanischen Stadt Dschalalabad, bei der der stellvertretende Kommandeur und vier Soldaten verwundet wurden.
  • Bei Kämpfen in Südafghanistan sind acht Talibankämpfer getötet und 15 gefangen genommen worden, wie ein Sprecher der US-Armee am 4. April mitteilte. Bei dem 14-stündigen Gefecht am 2. und 3. April seien afghanische Soldaten mit US-Luftunterstützung in dem Gebirgszug Tor Ghar in der Nähe von Spinboldak gegen ein Lager mit rund 40 Talibankämpfern vorgegangen. Bei dem Gefecht seien auch ein afghanischer Milizionär getötet und drei weitere verletzt worden. Bei der Durchsuchung des Lagers am Donnerstag seien leichte Maschinengewehre, Munition, Materialien zum Bombenbau und Zünder sichergestellt worden. Es war die größte Gruppe von Taliban, auf die die US-Soldaten und die mit ihnen verbündeten afghanischen Truppen in den vergangenen Monaten gestoßen sind.
  • Am 6. April wurde ein weiterer Anschlag auf zwei Autos bekannt, bei dem fünf Afghanen getötet wurden. Unter den Opfern in der ostafghanischen Provinz Paktika sollen nach Angaben örtlicher Behörden auch zwei Stammesführer sein, die schon gegen die sowjetische Besatzung bis 1989 gekämpft hatten. Der Anschlag hatte sich bereits am 4. April ereignet. Es soll sich um eine Privatfehde gehandelt haben. In jüngster Zeit hatten sich jedoch auch Berichte gehäuft, nach denen sich die Taliban reorganisiert haben und im Kampf gegen die internationalen Truppen und die Regierung in Kabul auch mit anderen Gruppen zusammenarbeiten. Der Gouverneur von Kandahar, Gul Agha Schersai, forderte die Taliban am Samstag auf, das Land binnen 48 Stunden zu verlassen.
  • Die internationale Afghanistan-Schutztruppe ISAF hat nach der Entdeckung von fünf an Tankwagen angebrachten Sprengsätzen ihre Sicherheitsmaßnahmen in Kabul verstärkt. In den vergangenen Wochen wurden drei oder vier Verdächtige festgenommen, wie der deutsche ISAF-Kommandeur Generalleutnant Norbert van Heyst am 8. April mitteilte. Die Explosion eines der Tankwagen hätte verheerende Folgen gehabt, fügte er hinzu. Laut Van Heyst stellte sich die Schutztruppe auf eine Welle potenzieller Terroranschläge ein und verstärkte seit einiger Zeit ihre Patrouillen. Der Kommandeur machte für die wachsende Bedrohung Anhänger der Taliban, des Terrornetzwerks El Kaida und des radikalislamistischen Militärführers Gulbuddin Hekmatyar verantwortlich. Der Raketenanschlag auf das ISAF-Hauptquartier am 30. März sei von sehr kleinen Gruppen mit bis zu vier Mitgliedern ausgeführt worden.
  • US-Streitkräfte haben im Süden Afghanistans eine weitere Militäraktion gegen mutmaßliche Kämpfer der Taliban-Miliz und der El-Kaida-Organisation gestartet. An der Operation "Entschlossener Schlag" ("Resolute Strike") im Bezirk Sangin der Provinz Helmand seien mehrere hundert Soldaten beteiligt, sagte ein Sprecher der US-Armee am 8. April in Kabul. Die Nachrichtenagentur Hindu Kush meldete unter Berufung auf den örtlichen Geheimdienst, die US-geführten Streitkräfte seien mit 60 Fahrzeugen und mehr als 20 Flugzeugen in der Region aktiv.
  • Elf Zivilisten sind am 9. April von einer fehlgeleiteten US-Bombe im Osten von Afghanistan getötet worden. Die von einem US-Kampfflugzeug verursachte Bombardierung traf nach Angaben der US-Streitkräfte ein Haus in den Außenbezirken der Stadt Schkin nahe der pakistanischen Grenze. Bei den Opfern handelt es sich laut Augenzeugen überwiegend um Frauen und Kinder. Die Streitkräfte sprachen von einem "tragischen Vorfall". Vor dem Beschuss waren afghanische Soldaten an einem Kontrollpunkt in der Nähe von Schkin angegriffen worden, wie die US-Streitkräfte mitteilten. Zwei Kampfflugzeuge wurden zur Verstärkung entsandt. Die Piloten entdeckten zwei Gruppen von fünf bis zehn feindlichen Kämpfern. Ein Flugzeug habe dann eine 1.000 Pfund schwere lasergesteuerte Bombe abgeworfen, die jedoch ihr Ziel verfehlt habe, hieß es. Anwohner hörten ein kurzes Feuergefecht und drei laute Explosionen. Der Gouverneur der Provinz Paktika, Mohammed Ali Dschalali, verurteilte die Bombardierung. "Da waren keine Anhänger von El Kaida oder der Taliban. Es waren nur unschuldige Zivilisten", sagte er.
  • Die Bundesregierung rechnet damit, dass sich die NATO im Rahmen der Afghanistan-Schutztruppe ISAF stärker engagiert. "Ich gehe davon aus, dass das klappt", sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Norbert Bicher, am 9. April in Berlin. Derzeit würden entsprechende Gespräche geführt. Bis Ende August haben Deutschland und die Niederlande das Kommando der Truppe. Es gebe Staaten, mit denen derzeit darüber gesprochen werde, das Kommando zu übernehmen, fügte Bicher hinzu.
  • Am 16. April beschloss der NATO-Rat, dass die NATO im Sommer das Kommando über die Internationale Sicherungstruppe (ISAF) in Afghanistan übernehmen wird. Die NATO entsprach damit einer Bitte Deutschlands und der Niederlande, die seit Frühjahr mit dem deutsch-niederländischen Korps die ISAF führen. Die BRD stellt mit rund 2.300 Soldaten zur Zeit die Hälfte des ISAF-Kontingents aus insgesamt 29 Nationen.
  • Rumänische ISAF-Soldaten haben am 18. April über einen größeren Waffenfund Auskunft gegeben. Danach hätten sie am 16. und 17. April 3.000 Raketen, 150 Mörsergranaten, 30 Panzerabwehrminen und mehr als eine Millionen Schuss Munition in zwei Höhlen in Südafghanistan entdeckt. Es handelte sich um den größten Waffenfund seit Beginn des Einsatzes.
  • Mutmaßliche Taliban-Sympathisanten haben am 18. April einen Bombenanschlag auf ein UN-Büro im Osten Afghanistans begangen. Die Bombe explodierte im Büro des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) in Dschalalabad, verletzt wurde niemand. Anhänger der Taliban oder des früher vom Westen unterstützten Fundamentalisten Gulbuddin Hekmatjar würden als Täter vermutet, sagte Polizeichef Hadschi Adschab Schah.
    Der ehemalige Taliban-Minister Mavlawi Kalamuddin ist in Afghanistan festgenommen worden. Das berichtete das staatliche afghanische Fernsehen am 18. April.
  • Ein US-Stützpunkt in Südafghanistan ist wieder mit einer Rakete angegriffen worden, wie ein Armeesprecher am 19. April mitteilte. Die Rakete sei auf den Stützpunkt in Orgun rund 175 Kilometer südlich von Kabul abgefeuert worden, habe sie aber um einen Kilometer verfehlt. Als Angreifer wurden Mitglieder der Terrororganisation El Kaida oder Kämpfer der Taliban vermutet.
  • Die neuen afghanischen Streitkräfte sollen ausschließlich unter dem Kommando der Übergangsregierung in Kabul stehen und allen ethnischen Gruppen zugänglich sein. Das beschlossen Kommandeure und Milizenführer aus den afghanischen Provinzen auf einer zweitägigen Konferenz in Kabul, wie das Verteidigungsministerium am 20. April mitteilte. Die Konferenz war am 19. April von Präsident Hamid Karsai eröffnet worden. Im Mittelpunkt stand die Entwaffnung von tausenden Kämpfern. Die Milizenführer sollten davon überzeugt werden, ihre Macht der zentralen Übergangsregierung in Kabul zu übergeben. In der Erklärung des Verteidigungsministeriums hieß es: "Es besteht Einigkeit darüber, dass es sich bei den neuen Streitkräften um eine nationale Armee handelt, deren Einheiten vom gesamten Volk repräsentiert werden und einer starken Zentralregierung unterstellt sind." Präsident Karsai sagte in einer Eröffnungsrede: "Unser Volk soll wissen, dass die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Stabilität in unserem Land die Pflicht der Afghanen und nicht von Ausländern ist." Derzeit sind in Afghanistan 11.500 Soldaten aus 23 Ländern stationiert. Nach Angaben des amerikanischen Befehlshabers der Alliierten, Generalleutnant Daniel McNeill, sollen die afghanischen Streitkräfte zukünftig 70.000 Mann umfassen. Derzeit ist die Truppe jedoch erst etwa 2.000 Mann stark. Bis zum Sommer sollen 9.000 bis 12.000 Soldaten einsatzbereit sein. Die volle Truppenstärke soll in zwei Jahren erreicht werden.
    Nach Überschwemmungen im Nordosten Afghanistans hat das Verteidigungsministerium 200 Familien mit Hubschraubern vor dem Ertrinken gerettet. Der Sprecher der UN-Mission in Afghanistan, David Singh, erklärte am 20. April, drei Kinder würden noch vermisst. Der Fluss Gorban war am 19. April plötzlich über die Ufer getreten und hatte Dörfer nordöstlich der Hauptstadt Kabul überschwemmt. Einige Menschen hätten sich retten können, andere seien jedoch in ihren Häusern eingeschlossen gewesen, sagte Singh weiter. Das Verteidigungsministerium habe daraufhin Hubschrauber geschickt. Vertreter der Vereinten Nationen und der afghanischen Regierung berieten in Kabul gemeinsam mit Hilfsorganisationen über Hilfe für die betroffenen Dörfer.
  • Ein Minenräumfahrzeug der Vereinten Nationen ist in Afghanistan unter Beschuss geraten. Zwei afghanische UN-Mitarbeiter wurden nach Angaben der Behörden bei dem Anschlag am 22. April verletzt. Die Angreifer, die nahe Tangi in der östlichen Provinz Nangarhar Raketen auf das Fahrzeug geworfen und es mit automatischen Waffen unter Beschuss genommen hätten, seien entkommen.
  • Laut pakistanischer Agentur AIP sind am 23. April drei afghanische Soldaten bei der Explosion einer Landmine ums Leben gekommen. Der Unfall ereignete sich in der Nähe der ostafghanischen Stadt Dschalalabad.
  • Bei einem Feuergefecht im Osten Afghanistans sind am 25. April zwei US-Soldaten getötet und mehrere verletzt worden, wie US-Generalstabschef Richard Myers mitteilte. Auch ein afghanischer Soldat, der die amerikanischen Spezialkräfte begleitete, wurde den Angaben zufolge bei dem Gefecht mit gegnerischen Kämpfern verwundet. Der Zwischenfall trug sich bei Schkin in der Provinz Paktika nahe der pakistanischen Grenze zu. In das Gefecht waren mehr als 30 US-Spezialkräfte sowie mindestens 20 gegnerische Kämpfer verwickelt. In ersten Berichten war von mutmaßlichen Taliban-Kämpfern die Rede. Später hieß, es seien nicht näher identifizierte feindliche Kräfte gewesen. Mindestens drei der Kämpfer wurden den Angaben zufolge getötet, der Rest flüchtete nach Pakistan. Die US-Soldaten erhielten Unterstützung aus der Luft von eigenen Kampfjets und Kampfhubschraubern.
  • Der Gouverneur der Provinz Sabul, Hamidullah Kahn Tochi, sagte der Nachrichtenagentur AP am 27. April, seine Truppen hätten in den Bergen 250 Kilometer nordöstlich von Kandahar zehn Taliban erschossen. Die Kämpfe begannen am Mittwoch mit einem Angriff von Taliban-Rebellen auf ein Regierungsgebäude im Bezirk Chapan, sagte Kahn. Dabei seien bereits drei Soldaten und drei Taliban getötet worden. Mehrere seiner Männer würden mit Verletzungen in umliegenden Krankenhäusern behandelt. Tochi forderte militärische Unterstützung beim afghanischen Präsidenten Hamid Karsai an. "Die flüchtigen Taliban-Kommandeure Hafis Abdul Rahim, Abdul Kahar und Abdul Manan führen in dieser Region 250 Kämpfer an", sagte der Gouverneur. Die Rebellen verfügten über schwere Waffen.
    US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat seinen für Sonntag, den 27. April, geplanten Besuch in Afghanistan abgesagt. Die Visite solle in der kommenden Woche nachgeholt werden, sagte ein Sprecher des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai am 27. April der Nachrichtenagentur AFP. Er machte keine Angaben zu dem genauen Datum. Nach Angaben des afghanischen Außenministeriums wollte Rumsfeld am Wochenende ursprünglich Karsai, Außenminister Abdullah Abdullah, Verteidigungsminister Mohammed Kasim Fahim und weitere Mitglieder der Führungsriege des Landes in Kabul treffen. Gründe für die Änderung der Reisepläne wurden nicht genannt. Rumsfelds Flug hatte sich wegen technischer Probleme in Irland um sechs Stunden verzögert.
  • Die Parlamentarische Versammlung des Europarats hat die USA wegen der Behandlung der seit dem Afghanistan-Krieg festgehaltenen Gefangenen scharf kritisiert. Eine am 29. April verabschiedete Resolution forderte die unverzügliche Freilassung jener Inhaftierten, die als "Nichtkämpfer" gelten. Die Parlamentarier weisen die Position der USA zurück, wonach es sich in diesem Fall nicht um "Kriegsgefangene", sondern um "illegale Kämpfer" handele: Diese Kategorie sei im internationalen Recht überhaupt nicht definiert.
  • Die Nato beginnt mit den militärischen Planungen für die Übernahme der internationalen Schutztruppe in Afghanistan. Der Nato-Rat billigte am 30. April das Konzept, für das die Nato-Partner nun die nötigen Truppen bereitstellen müssen. Die Allianz kommt damit einer Bitte Deutschlands und der Niederlande nach - die beiden Alliierten führen seit Februar die ISAF. Deren Mandat läuft noch bis August. Die ISAF war nach der Vertreibung des Taliban-Regimes Anfang vergangenen Jahres eingesetzt worden.
Mai 2003
  • Die USA betrachten Afghanistan nicht mehr als Kampfgebiet. Die großen Kampfhandlungen seien abgeschlossen, sagte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld am 1. Mai in Kabul nach einem Treffen mit dem afghanischen Präsident Hamid Karsai. Eineinhalb Jahre nach dem Ende der Taliban-Herrschaft habe die Phase des Wiederaufbaus begonnen. In seiner Einschätzung sei er sich mit US-Präsident George W. Bush, dem Oberkommandierenden Tommy Franks und Karsai einig, sagte Rumsfeld.
    Am 1. Mai wurde in Kabul eine dreitägige Nationale Konferenz zur Förderung des Sports in Afghanistan eröffnet. Das Afghanische Olympische Komitee, unterstützt von der UNESCO, will darüber beraten, wie der Zugang zu Sportmöglichkeiten für alle Bevölkerungsgruppen verbessert werden kann, insbesondere für Frauen, Kinder und Behinderte. Es wird erwartet, dass die Konferenz ein Programm zur Sportförderung für Alle verabschieden wird.
  • Das US-Verteidigungsministerium ist auf den Beginn von Prozessen gegen inhaftierte Taliban und mutmaßliche El-Kaida-Mitglieder vorbereitet. Rechtsexperten des Ministeriums legten in Washington nach einer AFP-Meldung vom 3. Mai acht "Anweisungen" vor, die das Vorgehen der geplanten Militärgerichte regeln sollen. Demnach können die USA ausländische Terrorverdächtige auch im Ausland verurteilen - theoretisch sogar auf ihrem Stützpunkt Guantánamo Bay auf Kuba, wo sie seit Januar 2002 etwa 650 Menschen gefangen halten. Im Gegensatz zu einem Kriegsgericht hätten die Angeklagten Recht auf einen Zivilverteidiger, der je nach Einstufung des Falls auch Geheimdienstinformationen einsehen könne. Die Bestimmungen beruhen auf einem nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erlassenen Dekret von US-Präsident George W. Bush. Darin geht es um "die Haft, die Behandlung und das Verfahren" von Gefangenen im Kampf gegen den Terrorismus. Die USA werfen den Gefangenen in Guantánamo Komplizenschaft mit der in Afghanistan gestürzten Taliban-Miliz oder dem Terrornetzwerk El Kaida vor. Die US-Regierung hatte die Gefangenen dazu als "gesetzlose Kämpfer" eingestuft, denen keine Kriegsgefangenen-Rechte zustünden.
  • Beim Beschuss eines Minenräumfahrzeugs der UNO ist in Afghanistan am 4. Mai ein einheimischer Mitarbeiter getötet worden. Die Helfer des Afghanischen Entwicklungsbüros (ADA) seien zwischen Kabul und Kandahar unterwegs gewesen, als ihr Wagen etwa 70 Kilometer südlich der Hauptstadt unter Beschuss geraten sei, sagte ein Sprecher der Vereinten Nationen. Der Fahrer sei auf der Stelle tot gewesen, seine beiden Mitfahrer seien verletzt worden. Die Straße zwischen Kandahar und Kabul ist der wichtigste Verkehrsweg in Afghanistan.
    US-Außenminister Colin Powell hat das Pentagon mit eindringlichen Worten aufgefordert, schneller zu entscheiden, was mit den Terror-Verdächtigen geschehen soll, die auf dem kubanischen US-Militärstützpunkt Guantánamo festgehalten werden. Aus dem Verteidigungsministerium verlautete am 4. Mai, Powell habe am 14. April in einem scharf formulierten Schreiben an Ressortchef Donald Rumsfeld die Berechtigung angezweifelt, 660 Verdächtige aus 42 Ländern weiterhin zu inhaftieren.
    Ein ranghohes Mitglied der untergetauchten afghanischen Taliban, Mullah Mohammed Hasan Rehmani, hat mit einer Fortsetzung des "Heiligen Krieges" gegen die USA und gegen die afghanische Regierung gedroht. In einem Interview, das Mullah Rehmani am 4. Mai über Satelliten-Telefon mit der Nachrichtenagentur Reuters führte, erklärte der ehemalige Provinz-Gouverneur aus Kandahar: "Die Taliban werden ihren Dschihad und den Kampf für Frieden und für die Erfüllung der islamischen Scharia und gegen Amerika und seine Agenten fortsetzen." Der Kampf gehe auch deshalb weiter, weil die USA Afghanistan weiter besetzt hielten. Mullah Rehmani gilt als einer der engsten Gefährten des verschwundenen Taliban-Chefs Mullah Mohammad Omar.
  • Unbekannte haben im Osten Afghanistans fünf Raketen auf eine US-Spezialeinheit gefeuert. Dabei sei aber kein Schaden entstanden, sagte US-Armeesprecher Roger King am 5. Mai auf dem Luftwaffenstützpunkt Bagram. Die Raketen seien etwa 800 Meter neben der Gruppe eingeschlagen, die sich zu einem Training in der Provinz Paktia aufhalte. Der Vorfall habe sich am 4. Mai ereignet und werde bereits untersucht. Derzeit sind etwa 8000 US-Soldaten in Afghanistan stationiert.
  • Das US-Militär bereitet die Entlassung von rund 15 auf dem kubanischen US-Stützpunkt Guantánamo inhaftierten Gefangenen vor. Die in Afghanistan festgenommenen Taliban- und Al-Qaeda-Kämpfer sollen in den kommenden Tagen freikommen, berichten US-Medien am 6. Mai. Nach Angaben der "Washington Post" ist dies die erste Gruppe einer größeren Zahl von Inhaftierten, über deren Fälle nach einer Debatte zwischen Außen- und Verteidigungsministerium nun zügig entschieden werden soll. Nach Monaten der Diskussion hätten sich die beiden Ministerien darauf geeinigt, dass das Pentagon die Entscheidungen darüber, was mit jedem einzelnen der mehr als 600 Gefangenen passieren soll, schneller trifft.
    Erstmals seit dem Sturz der Talibanregierung gab es am 6. Mai in Kabul eine antiamerikanische Demonstration. 300 Personen protestierten gegen die schlechte Sicherheitslage und verzögerte Auszahlung staatlicher Löhne. Einige forderten den Abzug der US-Streitkräfte.
  • Der UN-Sondergesandte für Afghanistan, Lakhdar Brahimi, hat vor einer Verschlechterung der Sicherheitslage und einer Bedrohung des Friedensprozesses in dem Land gewarnt. Die Situation in Afghanistan sei durch die zunehmende Aktivität von versprengten Taliban-Kämpfern und Rebellen sowie durch ethnische Konflikte in den vergangenen Monaten immer schlechter geworden, sagte Brahimi am 6. Mai vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in New York. Die Bedrohung von Zivilpersonen ist nach den Worten des Gesandten in Afghanistan an der Tagesordnung, und täglich komme es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen. Das Problem drohe einen "langen Schatten über den gesamten Friedensprozess und über die Zukunft Afghanistans" zu werfen, sagte Brahimi. Der Sicherheitsrat äußerte nach informellen Beratungen ebenfalls Besorgnis über die Sicherheitslage und bekräftigte seine Entschlossenheit, Frieden und Stabilität in Afghanistan zu sichern.
  • Der stellvertretende US-amerikanische Außenminister Richard Armitage ist am 9. Mai zu einem Besuch in Kabul eingetroffen, um der afghanischen Regierung eine weit reichende Unterstützung zu zusichern, gleichzeitig mit dem Wiederaufbau in Irak. In einem Fernsehinterview vor seiner Ankunft erklärte Armitage, sein Afghanistan-Besuch solle eine "dramatische Demonstration der Tatsache sein, dass die Vereinigten Staaten zwei Dinge gleichzeitig machen können". In beiden Ländern könnten die USA sich langfristig und nachhaltig engagieren.
  • In Afghanistan sind bei einem Bombenanschlag vor der Residenz eines Provinzgouverneurs zwei afghanische Soldaten verletzt worden. Die unter einem Baum versteckte Bombe habe den Gouverneur Hadschi Scher Mohammed nur knapp verfehlt, teilte ein Sprecher der südafghanischen Provinz Helmand am 10. Mai mit. Zehn Minuten vor der Explosion sei Mohammed an dem Baum vorbei zu seinem Auto gegangen. Die beiden Soldaten würden im Krankenhaus behandelt.
    Ebenfalls am Samstag wurde bekannt, dass im Süden Afghanistans bereits am 7. Mai ein Geistlicher erschossen worden war, der Präsident Hamid Karsai nahe stand. Der muslimische Kleriker namens Habibullah sei vor einer Moschee im Bezirk Deh Rawud von einem Bewaffneten überfallen worden, teilte die Bezirksverwaltung mit. Präsident Karsai verurteilte in einer am 10. Mai veröffentlichten Erklärung den Mord und kündigte Ermittlungen an. (Bereits am 4. April war in Deh Rawud ein Verbündeter Karsais erschossen worden.) Der Bezirk ist die Heimat des flüchtigen Taliban-Chefs Mullah Mohammed Omar. Karsai machte Taliban- und El-Kaida-Kämpfer für die Attentate verantwortlich, auch der Bombenanschlag am 10. Mai wird ihnen zugeschrieben.
  • In Kabul haben am 11. Mai mehrere hundert Menschen gegen den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai protestiert. Die Demonstranten warfen dem Staatschef "Komplizentum" mit dem entmachteten Taliban-Regime vor, nachdem er sich in den vergangenen Wochen mehrfach für eine Amnestie für "einfache Soldaten" eingesetzt hatte, die von den Taliban zum Dienst an der Waffe gezwungen worden seien. "Unterstützung für die Taliban ist ein Verbrechen", skandierten die etwa 300 bis 500 Demonstranten vor dem Kabuler Außenministerium. Die Taliban hätten Afghanistan in den Ruin getrieben. Der Protest endete friedlich, die Polizei griff nicht ein.
  • Bei Kämpfen zwischen verfeindeten Milizen im Norden Afghanistans sind am 12. Mai mindestens sechs Menschen getötet worden. Ein weiterer sei bei den Gefechten im Bezirk Scharkint verletzt worden, sagte der Kommandeur der 19. Armeedivision von Samangan, Ahmad Chan, der Nachrichtenagentur AFP. Kämpfer der überwiegend aus Tadschiken bestehenden Dschumbesch-Miliz und der usbekisch dominierten Dschamiat-Miliz kämpfen regelmäßig um die Kontrolle über den Norden Afghanistans. Die Dschamiat-Miliz wird von dem früheren Mitglied der Taliban-feindlichen Nordallianz, Mohammed Atta, befehligt. Die Dschumbesch-Miliz untersteht Vize-Verteidigungsminister Abdul Raschid Dostum.
    Bei der Explosion einer Mine im Osten Afghanistans sind am 12. Mai zwei Menschen ums Leben gekommen. Die Mine explodierte nach Angaben der in Pakistan ansässigen Nachrichtenagentur AIP in einer Ortschaft, etwa 20 Kilometer nordwestlich der Stadt Khost. In der Stadt seien auch zwei Bomben gefunden und entschärft worden. Ob die Mine aus dem Afghanistan- Konflikt stammt ist noch unklar.
  • Am 13. Mai sind nördlich von Kabul zwei norwegische Isaf-Soldate beschossen und verletzt worden. Wie AP meldete, identifizierten die afghanischen Streitkräfte einen "abtrünnigen" Soldaten aus den eigenen Reihen als Angreifer.
  • Das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) hat sich gegen die Zwangsrückführung von Flüchtlingen nach Afghanistan ausgesprochen. Die Sicherheitslage habe sich dort erheblich verschlechtert, teilte das UNHCR am 14. Mai unter Berufung auf UN-Angaben mit. Die Bedrohung von Zivilisten sei an der Tagesordnung. Es komme täglich zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Der deutsche UNHCR-Vertreter Stefan Berglund appellierte an die Innenminister von Bund und Ländern, die Entwicklungen in Afghanistan bei ihren Beratungen in Erfurt zu berücksichtigen. Die Innenminister beschäftigen sich dort auf ihrer Frühjahrskonferenz mit der Rückkehr von Kriegsflüchtlingen nach Afghanistan, Irak und in das Kosovo.
  • In Afghanistan ist es am 15. Mai erneut zu Angriffen gegen Soldaten der internationalen Friedenstruppe sowie auf Mitarbeiter von Hilfsorganisationen gekommen. Dabei wurden nach offiziellen Angaben drei Personen verletzt. Ein britischer Soldat wurde leicht verletzt, als ein Afghane eine Handgranate in ein Camp der Friedenstruppe im Osten der Hauptstadt Kabul schleuderte. Wie eine Sprecherin der Truppe mitteilte, wurde der Angreifer überwältigt. Er wurde der örtlichen Polizei übergeben. Der britische Soldat wurde an der Hand leicht verletzt. Zuvor war im Osten Afghanistans ein Fahrzeug der Vereinten Nationen unter Feuer geraten. Militärsprecher General Chial Bas erklärte, in dem Auto hätten zwei Afghanen gesessen, ein Fahrer und ein Mitarbeiter des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Beide seien verletzt worden. Der Beschuss habe sich auf einer Straße in Sitakandaw in der Provinz Paktia ereignet. Bas sagte, die Verletzten seien in ein Krankenhaus der benachbarten Provinz Chost gebracht worden. Der UN-Mitarbeiter habe jedoch so schwere Verletzungen erlitten, dass er mit einem Hubschrauber der US-Streitkräfte zur Behandlung auf den Luftwaffenstützpunkt Bagram gebracht worden sei.
  • Die Bundesregierung erwägt eine Ausweitung ihres Engagements in Afghanistan über den Einsatz der Bundeswehr und über die Region Kabul hinaus. Das gab Bundeskanzler Gerhard Schröder am Freitag überraschend nach seiner Unterredung mit US-Außenminister Colin Powell am 16. Mai bekannt. Schröder teilte dazu lediglich zwei Sätze mit: Es werde zu prüfen sein, "wie man die Sicherheitszone über Kabul hinaus ausweiten kann". Dabei müsse auch geprüft werden, welche Rolle Deutschland dabei spielen könne. Die Erläuterung dieser Andeutungen überließ Schröder seinem stellvertretenden Regierungssprecher Thomas Steg. Danach geht es um den vermehrten Einsatz ziviler so genannter Reconstruction Teams, die in verschiedenen Regionen Afghanistans den Wiederaufbau des Landes unterstützen und die Verantwortlichen bei der Etablierung von Behörden und anderen staatlichen Instanzen beraten. Diese Sicherheitszonen sollten nach und nach erweitert und ausgebaut werden, sagte Steg. Die Maßnahmen hätten einen eindeutig zivilen Schwerpunkt, betonte der Sprecher. Der Bundeskanzler habe seine Bereitschaft erklärt, über diese Fragen zu reden, was zugleich bedeute, dass noch keine Entscheidung gefallen sei. Ebenfalls Gegenstand der Gespräche ist laut Steg, ob die zivilen Teams militärischen Schutz benötigten. Der Einsatz der Bundeswehr jedenfalls erfolge auf der Grundlage eines klaren Mandats des Bundestages, das die Region Kabul als Einsatzgebiet festlege."Da wir keine Änderung des Mandats anstreben, ändert sich an dem Einsatzgebiet für die Bundeswehrsoldaten nichts", sagte Steg.
  • Nach dreitägigen blutigen Kämpfen haben Soldaten des usbekisch-stämmigen Generals Raschid Dostum im Norden Afghanistans ein Dorf erobert. Bei den Kämpfen seien sechs Anhänger des tadschikischen Milizenführer Atta Mohammed getötet und 15 weitere verletzt worden, teilte ein Sprecher Mohammeds am 18. Mai mit. Seinen Angaben zufolge eroberten Dostums Kämpfer das Dorf Gosfandi am Samstag kurz vor Mitternacht. Seit dem 15. Mai sind bei Kämpfen zwischen den verfeindeten Kriegsherren elf Menschen ums Leben gekommen. Dostum fungiert offiziell als stellvertretender Verteidigungsminister der Zentralregierung in Kabul. Mohammed gilt hingegen als enger Verbündeter von Verteidigungsminister Mohammed Fahim.
  • Der afghanische Präsident Hamid Karsai hat im Streit um zurückgehaltene Zollabgaben in mehreren Grenzprovinzen mit Rücktritt gedroht. Er werde gegebenenfalls um die Einberufung einer neuen Loja Dschirga bitten und der Versammlung erklären, weshalb "die Regierung nicht arbeiten konnte", sagte Karsai in einer in der Nacht zum 19. Mai im Fernsehen gesendeten Rede. Schätzungen zufolge enthalten mehrere afghanische Provinzgouverneure der Regierung in Kabul Zolleinnahmen in Höhe mehrerer Millionen Dollar vor. Die Handlungsfähigkeit der Regierung ist durch den Geldmangel laut Karsai stark eingeschränkt. Zum Teil fehle sogar das nötige Geld, um die Gehälter der Beamten zu bezahlen.
  • Afghanische Grenzsoldaten haben einen Gemüsetransporter gestoppt, zwischen dessen Ladung 160 Bomben versteckt waren. Das Fahrzeug wurde bei einer Routinekontrolle im Grenzgebiet zu Pakistan angehalten, wie General Chial Bas am 20. Mai mitteilte. Zwei Personen wurden verhaftet. Die sicher gestellten Bomben waren zum Teil russischer Bauart, zum Teil selbst gefertigt. Der Aufmerksamkeit der Grenzsoldaten sei es zu verdanken, dass ein Terroranschlag verhindert worden sei, sagte General Bas.
    Am 20. Mai ist ein US-Soldat einer Spezialeinheit in der Nähe der Stadt Gardez im Südosten des Landes durch die Explosion einer Mine verletzt worden.
  • US-Soldaten haben am 21. Mai vor der US-Botschaft in Kabul nach Geheimdienstangaben vier afghanische Soldaten erschossen und vier weitere verwundet. Die US-Soldaten hätten die Männer irrtümlich für Angreifer gehalten, hieß es. Der Vorfall ereignete sich nur wenige Stunden, nachdem die USA aus Furcht vor neuen Anschlägen am 20. Mai ihre landesweite Warnstufe auf das zweithöchste Niveau erhöht hatten. Die neue Warnstufe Orange galt letztmals vor Beginn des Irak-Kriegs vom 17. März an. In der vergangenen Woche waren bei Anschlägen in der saudiarabischen Hauptstadt Riad und im marokkanischen Casablanca dutzende Menschen getötet worden, darunter viele Amerikaner. Ein führender Mitarbeiter des afghanischen Geheimdienstes sagte Reuters, die Afghanen hätten die US-Soldaten nicht angegriffen. "Es war ein Missverständnis", sagte er. "Die US-Soldaten dachten, die afghanischen Soldaten zielten auf sie. Sie sind in Panik geraten und haben das Feuer eröffnet", fügte ein anderer hinzu.
    Die Bundesregierung will das Bundeswehr-Mandat in Afghanistan über die Grenzen Kabuls hinaus ausweiten. Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) sagte am 21. Mai in Berlin, er werde "zu gegebener Zeit möglicherweise" dem Parlament einen Vorschlag machen, Bundeswehrsoldaten und zivile Beschäftigte außerhalb der Grenzen der Hauptstadt zu stationieren. Nach Angaben des verteidigungspolitischen Sprechers der Unionsfraktion im Bundestag, Christian Schmidt (CSU) sollen deutsche Soldaten in die Stadt Herat im Nordwesten Afghanistans entsandt werden. Die Rede sei von etwa 60 Soldaten, sagte Schmidt dem "Kölner Stadtanzeiger" (Ausgabe vom 22. Mai). Das Bundesverteidigungsministerium wollte dies nicht kommentieren.
  • Die Grünen im Bundestag sind zu einer Ausweitung des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan im Prinzip bereit. "Wir sind für die Prüfung dieser Frage grundsätzlich offen. Denn wir müssen über Kabul hinausgucken"», sagte Fraktionsvize Winfried Nachtwei dem "Kölner Stadt-Anzeiger" am 22. Mai. Die UN hätten ihre Mitarbeiter bereits aus sechs Provinzen ganz oder teilweise abgezogen. "Für den Friedensprozess wird es brenzlig." Eine flächendeckende Präsenz sei aber "nicht zu gewährleisten".
  • Bei Anschlägen auf internationale Hilfsorganisationen in Afghanistan sind am 23. Mai zwei Mitarbeiter einer deutschen Niederlassung schwer verletzt worden. Der Geländewagen der beiden afghanischen Ingenieure im Dienst der Organisation Agro Action wurde fast vollständig zerstört, als Unbekannte zwei ferngesteuerte Sprengsätze zündeten, wie die Behörden in Dschalalabad am 25. Mai erklärten. Der Zustand der Verletzten wurde als kritisch beschrieben. Die Ingenieure waren am Abend des 23. Mai auf dem Rückweg nach Dschalalabad, nachdem sie eine Wasserversorgungsprojekt besichtigt hatten. Ihre Organisation bemüht sich um den Bau von Bewässerungskanälen und die Wasserversorgung in den Dörfern.
  • In Dschalalabad wurde am Abend des 24. Mai eine Granate in das Büro der Hilfsorganisation Medair geworfen. Es wurde niemand verletzt, das Büro war zum Zeitpunkt des Anschlags geschlossen. (Ein Sprecher der Sicherheitskräfte in der Stadt sagte, am 25. Mai seien mehrere Verdächtige in Gewahrsam genommen worden. Wer die Anschläge verübte, war nicht klar. Die Behörden vermuteten jedoch Anhänger der Taliban und der El Kaida als Urheber.)
    Rund 80 Kilometer östlich von Dschalalabad kam am Abend des 24. Mai ein ehemaliger Funktionär der Taliban ums Leben. Der Gouverneur der Region Kunar, Said Fasal Akbar, erklärte einen Tag später, US-Spezialeinheiten seien in das Dorf Watapur Karmon gekommen, um Niamat Ullah festzunehmen, einen ehemaligen Mitarbeiter der Bezirksregierung. Dieser habe jedoch gemeinsam mit seinen Nachbarn das Feuer auf die Soldaten eröffnet. Zwei afghanische Frauen und ein Mann wurden verletzt. Akbar sagte, Ullah sei in einen Fluss gesprungen. Seine Leiche sei am nächsten Tag flussabwärts gefunden worden. Es war nicht klar, ob er ertrank oder erschossen wurde.
    Etwa 300 Demonstranten haben am 24. Mai in der afghanischen Hauptstadt Kabul einen Strafprozess gegen mehrere US-Soldaten verlangt. Diese sollen vor drei Tagen (21. Mai, siehe oben) an der Erschießung von vier Angehörigen des afghanischen Geheimdienstes beteiligt gewesen sein. Bei Tumulten während der Demonstration wurden nach Angaben eines Sprechers des deutschen Kontingents der Schutztruppe zwei kroatische ISAF-Soldaten leicht verletzt. Ein deutsches Militärpolizeifahrzeug sei zerstört worden.
    Im Osten Afghanistans haben Polizisten knapp 170 Kilogramm Heroin und Haschisch beschlagnahmt und vier mutmaßliche Drogenschmuggler festgenommen. Das Rauschgift wurde in einem Wagen entdeckt, der durch Asad Abad in der Provinz Kunar fuhr, wie Gouverneur Said Fasal Akbar am 24. Mai sagte. Neben den Drogen beschlagnahmten die Polizisten auch Waffen. Opium, der Rohstoff für Heroin, wird aus Mohnpflanzen gewonnen. Seit dem Sturz des Taliban-Regimes bestellten zahlreiche Bauern ihre Mohnfelder neu - obwohl auch die Regierung von Präsident Hamid-Karsai die Opium-Produktion verboten hat. Afghanistan gilt als weltweit größter Produzent von Heroin (siehe den Artikel "Der Mohn steht in voller Blüte").
  • Eine in der Ukraine gecharterte Maschine vom Typ Yak-42 stürzte am 26. Mai bei dichtem Nebel an der türkischen Schwarzmeerküste ab. Dabei kamen nach Angaben der türkischen Behörden die zwölf Besatzungsmitglieder sowie 62 spanische ISAF-Soldaten ums Leben. Die Soldaten hatten ihren Afghanistan-Einsatz im Januar begonnen und waren jetzt nach vier Monaten abgelöst worden. 40 gehörten zum spanischen Heer, 21 zur Luftwaffe und einer zur paramilitärischen Guardia Civil. Die zwölf Besatzungsmitglieder waren Ukrainer.
  • Afghanistan hat am 27. Mai 66 pakistanische Taliban- und Al-Qaeda-Unterstützer frei gelassen. Nach einem Sprecher entlässt der afghanische Präsident Hamid Karsai die Gefangenen als eine Geste des guten Willens, um die Beziehungen zum Nachbarland Pakistan zu normalisieren.
  • Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat einen Einsatz der Bundeswehr außerhalb der afghanischen Hauptstadt Kabul an Bedingungen geknüpft. Entscheidend für eine solche Überlegung sei, dass die UNO diesen Einsatz wünsche und die Bundeswehr "die Ressourcen zur Verfügung" habe, sagte Schröder nach einem Treffen mit dem indischen Premierminister Atal Behari Vajpayee am 28. Mai in Berlin. Die Möglichkeiten eines solchen Einsatzes zum Schutz ziviler Helfer würden derzeit geprüft; es sei aber noch nichts entschieden, sagte Schröder.
  • Bei der Explosion einer Mine bei Kabul ist am 29. Mai ein deutscher Soldat der internationalen Afghanistan-Schutztrupope (ISAF) getötet worden. Der Stabsgefreite habe sich mit einem Hauptfeldwebel auf einer Patrouillenfahrt befunden, als ihr Fahrzeug zwölf Kilometer südlich der Hauptstadt auf eine Mine gefahren sei, sagte Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD) in Berlin. Der Hauptfeldwebel sei "mittelschwer verletzt" und mit einem Hubschrauber in das deutsche Feldlager gebracht worden. Von dort werde er möglicherweise mit einem Spezialflugzeug nach Deutschland geflogen. Struck sprach von einem "tragischen Unglücksfall" für die Bundeswehr. Seinen Angaben zufolge bestand die Patrouille aus einem Konvoi von zwei Geländewagen, die versetzt auf einem unbefestigten Weg fuhren. Das hintere der beiden Fahrzeuge sei auf den Sprengsatz aufgefahren. Hinweise auf einen gezielten Anschlag gebe es jedoch nicht.
  • In Kabul nahmen am 31. Mai mehrer hundert Soldaten der internationalen Afghanistan-Schutztruppe ISAF an einer Trauerfeier für den Bundeswehr-Soldaten teil, der bei der Explosion einer Mine sein Leben verlor.
    Afghanische Offiziere haben der Bundeswehr im Zusammenhang mit dem tödlichen Minenunfall Versäumnisse vorgeworfen. Das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtete am 31. Mai unter Berufung auf Distriktkommandeur Mohammed Daud, das Unglück, bei dem ein Stabsgefreiter ums Leben kam, habe sich nicht auf der üblichen Patrouillenstrecke, sondern auf unwegsamem Gelände ereignet. Ein Sprecher der Friedenstruppe ISAF wies diese Darstellung zurück.
    Afghanische Untergrundkämpfer haben einen Anschlag auf ein Büro deutscher Entwicklungshelfer in Afghanistan verübt. Die Angreifer schleuderten am Abend des 31. Mai eine Handgranate auf die Vertretung der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Kandahar, wie der Polizeichef der südafghanischen Stadt, Mohammed Akram, später mitteilte. Es sei niemand verletzt worden, da das Gebäude am Wochenende nicht besetzt gewesen sei, sagte GTZ-Mitarbeiter Diwit Assefa.
Juni 2003
  • Das Bundesverteidigungsministerium untersucht den Tod eines Soldaten bei Kabul. Zugleich wies das Ministerium Berichte über mangelnde Sicherheitsvorkehrungen zurück. Afghanische Offiziere hatten laut "Spiegel" den Deutschen vorgeworfen, ohne Rat der Einheimischen auf Patrouille gefahren zu sein. In Rostock traf am 1. Juni der Sarg mit der Leiche des 27 Jahre alten Soldaten ein.
  • Am 2. Juni teilte die Sprecherin des französischen Präsidenten mit, dass sich französische Spezialtruppen demnächst neben US-Kräften in Afghanistan engagieren werden. Diese Entscheidung der französischen Regierung gehe auf einen Wunsch Washingtons zurück, hieß es.
  • US-Soldaten haben am 3. Juni eine neue Suche nach Al-Qaida- und Taliban-Kämpfern im Osten Afghanistans (Provinz Paktia) begonnen. Kampfhandlungen wurden jedoch (noch) nicht beobachtet.
  • Am 4. Juni kam es im Südosten des Landes zu heftigen Kämpfen zwischen afghanischen Regierungseinheiten und Taliban-Truppen, in deren Verlauf rund 40 Taloiban und sechs Regierungssoldaten getötet wurden. Es waren die schwersten Kämpfe seit einem Jahr.
  • Die Bundesregierung bereitet eine Erweiterung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan über Kabul hinaus vor. Verteidigungsminister Struck teilte am 5. Juni nach einem Treffen mit den Bundestags-Fraktionsvorsitzenden mit, ein Erkundungsteam werde sich nächste Woche auf den Weg machen, um den Einsatz vor Ort zu prüfen. Am wahrscheinlichsten sei nach Strucks Angaben wohl ein Einsatz in der Region Herat im Westen Afghanistans. In Militärkreisen hieß es, es gehe um den Einsatz von 60 bis 70 Soldaten zum Schutz von ca. 30 Zivilisten ab September. Die Zivilpersonen sollen helfen, dort eine Zivilverwaltung aufzubauen. Erst nach der Erkundung wolle die Regierung entscheiden und den Bundestag um eine Mandatserweiterung bitten.
    Die Weltbank hat der afghanischen Regierung ein Darlehen über 59,6 Millionen Dollar (50,9 Millionen Euro) zum Ausbau des völlig unzulänglichen Gesundheitswesens in dem früheren Bürgerkriegsland zur Verfügung gestellt. Das afghanische Gesundheitswesen zähle zu den "schlechtesten der Welt", hieß es in einer am 5. Juni in Washington verbreiteten Erklärung.
  • Bei einem Anschlag auf einen mit Bundeswehrsoldaten besetzten Bus nahe der afghanischen Hauptstadt Kabul sind am 7. Juni vier Deutsche ums Leben gekommen. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Berlin wurden bei der schweren Explosion zudem zehn Menschen schwer und rund zwanzig weitere leicht verletzt, darunter möglicherweise auch afghanische Zivilisten. Die Internationale Afghanistan-Schutztruppe (ISAF) sprach in einer in Kabul veröffentlichten Erklärung von einem "gezielten Anschlag". Dem afghanischen Militär zufolge handelte es sich "mit großer Wahrscheinlichkeit" um einen Selbstmordanschlag. Der Bus mit 33 deutschen Angehörigen der ISAF-Schutztruppe war nahe dem deutschen Stützpunkt Camp Warehouse auf der Dschalalabad-Straße aus Richtung Stadtzentrum unterwegs, als sich die Explosion ereignete. Die Detonation war so stark, dass sie den Bus vollständig zerstörte. Der Vizekommandeur der afghanischen Truppen in Kabul, Afsal Aman, nannte einen Selbstmordanschlag mit einem Auto sehr wahrscheinlich. Augenzeugen hätten zwei mutmaßliche Attentäter in einem Taxi gesehen, das dem Bus vor der Detonation gefolgt sei. Laut Aman hatten die deutschen Soldaten ihre Mission in Afghanistan beendet und waren zum Kabuler Flughafen unterwegs, von wo aus sie die Heimreise antreten wollten. Zum Ziel der Fahrt wollte das Bundesverteidigungsministerium hingegen keine Angaben machen. Der Bundeswehrverband hat sich für schnelles Handeln ausgesprochen. "Sollte sich die Sicherheitslage dramatisch verschärfen, sollten wir die ISAF-Friedenstruppe entweder erheblich verstärken - oder aus Afghanistan abziehen", sagte der Vorsitzende Bernhard Gertz der "Bild am Sonntag". "Einstweilen sollten sich die Soldaten in 'Fuchs'-Transportpanzern statt in Bussen bewegen", forderte er. Zwar laufe dies dem Bemühen der internationalen Schutztruppe entgegen, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. "Aber die Sicherheit unserer Soldaten geht vor." Die Lage vor Ort habe sich verschärft, betonte Gertz: "Afghanistan ist ein Pulverfass. Die Kämpfer von Taliban und El Kaida sammeln sich und werden stärker." Dadurch wachse auch die Wahrscheinlichkeit von Anschlägen.
  • Die Bundeswehr hat erste Konsequenzen aus dem Selbstmordattentat von Kabul gezogen. Die Befehlhaber in der afghanischen Hauptstadt haben den Transport von Soldaten in Bussen weitestgehend ausgesetzt. Das sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr am 9. Juni in Potsdam. Außerdem sei nach dem Anschlag, bei dem vier deutsche Soldaten starben, die Befehlslage zum Eigenschutz der Soldaten verschärft worden. - Inzwischen sind fast alle bei dem Attentat verletzten Soldaten wieder in Deutschland.
  • Hinter dem Selbstmordanschlag gegen die deutsche Soldaten in Kabul steckt nach Angaben der Bundesregierung das Terrornetz El Kaida. Der Attentäter, der vier Soldaten in den Tod riss und 29 verletzte, sei finanziell und logistisch auch von dem Fundamentalisten Gulbuddin Hekmatjar und ehemaligen radikal- islamischen Taliban unterstützt worden, sagte Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) am 11. Juni im ZDF. "Es sind diese drei Gruppierungen, die versuchen die internationale Schutztruppe aus Afghanistan zu vertreiben."
  • Bei Kämpfen zwischen afghanischen Milizen im Norden des Landes sind elf Menschen getötet worden. Ein Sprecher von Milizführer General Atta Mohammed teilte am 12. Juni mit, dass eine Delegation nach Masar-i-Scharif geschickt wurde, um den Fall zu untersuchen.
  • US-Truppen in Afghanistan sind erneut Ziel eines Anschlags geworden. Unbekannte Angreifer beschossen nach amerikanischen Militärangaben am 14. Juni den Stützpunkt Asadabad im Osten des Landes mit drei Raketen. Verletzt worden sei niemand.
  • Unter der Aufsicht der Vereinten Nationen soll am 1. Juli in Afghanistan mit der Entwaffnung und gesellschaftlichen Wiedereingliederung von rund 100.000 Milizionären begonnen werden. Dies teilte am 18. Juni der afghanische Städtebauminister Jussuf Paschtun mit. Die Milizionäre unterstehen offiziell dem Verteidigungsministerium in Kabul, tatsächlich gilt ihre Loyalität aber nur den örtlichen Machthabern. In den ersten beiden Monaten sollten zunächst die Waffen von 6.000 Kämpfern in den Provinzen Bamijan, Chost und Kundus eingesammelt werden, erklärte Paschtun, der auch stellvertretender Vorsitzender der Regierungskommission für Demobilisierung und Wiedereingliederung ist. Die Entwaffnung werde vermutlich mindestens zwei Jahre dauern. Sie werde auch von Reformen im Verteidigungsministerium begleitet werden. Dies wird noch immer von Angehörigen der Minderheit der Tadschiken kontrolliert.
    Ein deutsches Erkundungsteam zur Prüfung eines möglichen Bundeswehreinsatzes außerhalb der afghanischen Hauptstadt Kabul ist am 18. Juni im Westen des Landes eingetroffen. Die deutsche Delegation sei in Herat in der Nähe zur iranischen Grenze angekommen, teilte die US-Armee mit. Bei der Diskussion mit den US-Militärs vor Ort wolle das Team vor allem Informationen zur Sicherheitslage in der von dem Kriegsherren Ismail Khan beherrschten Provinz sammeln.
  • Die beiden US-Piloten, die bei einem fehlgeleiteten Bombenangriff in Afghanistan vier kanadische Soldaten getötet hatten, werden nicht vor ein Militärgericht gestellt. Das teulte die US-Luftwaffe am 20. Juni mit. Der zuständige General beschloss, einen der beiden Piloten entweder zu einer Geldstrafe (30 Tage Gehalt) oder zu einer Arreststrafe von einem Monat zu verdonnern. Der zweite Pilot, der die Begleitmaschine flog, kam mit einer schriftlichen Verwarnung davon. - Angehörige der getöteten Kanadier erwägen nun, ob sie eine Zivilklage gegen die Piloten anstrengen.
  • Angesichts der heiklen Sicherheitslage in Afghanistan wachsen in der Bundesregierung offenbar die Zweifel an einer Ausweitung des Bundeswehreinsatzes über Kabul hinaus. Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul äußerte sich im "Tagesspiegel am Sonntag" am 22. Juni "sehr skeptisch, ob das der richtige Weg ist". Sie verwies ebenso wie das Auswärtige Amt auf das nach Afghanistan entsandte Erkundungsteam, nach dessen Rückkehr entschieden werde. Der afghanische Minister für Wiederaufbau Amin Farhang äußerte sich enttäuscht über Berichte eines Sinneswandels. Farhang erinnerte laut "Kölner Stadt-Anzeiger" (Ausgabe vom 23. 06.2003) daran, dass Deutschland große Verantwortung übernommen habe: "Ein Verzicht auf eine Ausweitung des Einsatzes würdebedeuten,, dass man sich aus der Verantwortung zurückzieht." Angesichts der Drohungen des Provinzgouverneurs von Herat, Ismail Khan, gegen einen Bundeswehreinsatz äußerte Farhang Verständnis für die deutsche Haltung. Andererseits müsse die Bundesregierung wissen, "dass die Warlords mit solchen Tricks arbeiten". Er riet ihr, sich mit der afghanischen Zentralregierung zu beraten.
    "Wir transportieren unsere Soldaten jetzt nur noch in gepanzerten Fahrzeugen oder Hubschraubern. Nicht zuletzt deshalb werden wir mit weiteren zehn Fuchs-Transportpanzern verstärkt", sagte der deutsche Kommandeur der ISAF-Truppen, General Norbert van Heyst, der "Welt am Sonntag" am 22. Juni. "Wir haben jetzt auch den Einsatz elektronischer Sprengstoffspürgeräte und von Spürhunden beschlossen." Zudem seien Sperren an den Einfallstraßen der Hauptstadt Kabul und verstärkte Patrouillen angeordnet worden.
  • Bundesverteidigungsminister Peter Struck erwartet eine Entscheidung über eine Ausweitung des Einsatzes deutscher Soldaten über den Raum Kabul hinaus nicht vor der parlamentarischen Sommerpause. In Berlin sagte Struck am 23. Juni, die entscheidende Frage, ob ein Einsatz in der Provinz vernünftig sei, müsse das Auswärtige Amt beantworten. Anschließend werde die Frage von der Bundeswehr geprüft werden. Bei der Ausweitung des Einsatzes geht es um einen Vorschlag der USA, Soldaten zum Schutz ziviler Wiederaufbauhelfer in die Provinz zu schicken. Verteidigungsministerium und Auswärtiges Amt haben dazu ein Erkundungsteam nach Afghanistan entsandt, das laut Struck inzwischen wieder in Deutschland ist. Nach Informationen des Hamburger Magazins "Der Spiegel" soll das Team in dieser Woche dem Kabinett über seine Erkenntnisse berichten. Laut Spiegel rückt Außenminister Joschka Fischer angesichts der Sicherheitslage im Land von einer Ausweitung des Einsatzes ab. Auf Grund der Erkenntnisse des Erkundungsteams gewinne im Außenministerium die Auffassung Oberhand, dass dies zu riskant sei. Fast im ganzen Land verschlechtere sich die Sicherheitslage, weitere Anschläge auf Deutsche seien zu befürchten.
  • Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD) hat eine schnelle Entscheidung über einen Bundeswehr-Einsatz außerhalb der afghanischen Hauptstadt Kabul ausgeschlossen. Die Bundesregierung habe damit begonnen, den Bericht des deutschen Erkundungsteams vor Ort zu prüfen, sagte Struck nach einem Treffen mit dem UN-Sonderbeauftragten für Afghanistan, Lakhdar Brahimi, am 24. Juni in Berlin. Eine Entscheidung werde bis September fallen. Oberste Priorität habe dabei die Sicherheit der zivilen Mitarbeiter und Soldaten, betonte Struck. Struck wiederholte, dass innerhalb der Regierung das Auswärtige Amt das letzte Wort über eine mögliche Ausweitung des Bundeswehr-Einsatzes habe. Aufgabe des Verteidigungsministeriums sei es, für die Sicherheit der Teilnehmer der Mission zu sorgen.
    Amerikanische Spezialtruppen haben in Afghanistan ein riesiges Munitionsdepot beschlagnahmt. US-Militärsprecher Oberstleutnant Douglas Lefforge erklärte am 24. Juni, das Lager sei von rund 50 bewaffneten Männern bewacht worden. In dem Depot hätten sich rund 90.000 Schuss Munition verschiedener Kaliber befunden. Die Gruppe habe das Gelände im Bezirk Daychopan in der Provinz Sabul südwestlich der Hauptstadt Kabul mit Artillerie gesichert, sagte Lefforge. Nach einem Gespräch mit den Männern sei als Vorsichtsmaßnahme Verstärkung aus der Luft angefordert worden. Die Gruppe übergab den Truppen ihre Waffen und die Munition. Schüsse fielen nicht, es wurde auch niemand festgenommen.
    Der untergetauchte Anführer der afghanischen Taliban, Mullah Mohammed Omar, hat angeblich einen zehnköpfigen Rat für den Widerstand gegen die US-Truppen und deren Verbündete im Land ernannt. Omar habe die Gründung des Führungsrats auf einem Tonband aus seinem Versteck mitgeteilt, berichtete die pakistanische Zeitung "The News" am 24. Juni unter Berufung auf Taliban-Sprecher Mohammed Muhtar Mujahid. "Mullah Omar rief die Taliban auf, Opfer für die Vertreibung der amerikanischen und verbündeten Soldaten aus Afghanistan und den Kampf gegen das Marionetten-Regime von (Präsident) Hamid Karzai zu erbringen", zitierte das Blatt den Taliban-Sprecher. Dem Bericht zufolge gehören dem Widerstandsrat vor allem frühere Taliban-Führer aus dem Süden Afghanistans an.
  • Der afghanische Außenminister Abdullah Abdullah hat von Deutschland weiter Beistand gefordert. In dieser "sehr kritischen Zeit" dürfe die Bundesregierung nicht ihren Kurs gegenüber Afghanistan ändern, sagte Abdullah der Zeitung "Financial Times Deutschland" (Ausgabe vom 25.06.2003). Deutschland sei "bisher ein starker und entschlossener Unterstützer des Friedens- und Wiederaufbauprozesses in Afghanistan" gewesen. "Wir sehen keine zwingenden Gründe, dies jetzt zu ändern", sagte Abdullah.
    Der deutsche Generalleutnant Götz Gliemeroth wird ab August für sechs Monate das Kommando über die internationale Afghanistan-Schutztruppe ISAF übernehmen. Das teilte das Bundesverteidigungsministerium am 25. Juni in Berlin mit. Der Drei-Sterne-General, derzeit Befehlshaber des NATO-Kommandos Joint Command Centre in Heidelberg, ist der erste NATO-General, der das Kommando über die Gesamtoperation in Kabul übernimmt, nachdem das Bündnis ein verstärktes Engagement in der ISAF beschlossen hatte. Er wird Nachfolger des deutschen Generalleutnants Norbert van Heyst, der seit Februar Kommandeur der ISAF ist.
    Der afghanische Präsident Hamid Karsai ist am 25. Juni zu Staatsbesuchen in Polen und in der Schweiz abgereist. In beiden Staaten will er sich nach Angaben des Außenministeriums in Kabul um verstärkte Wiederaufbauhilfe für sein Land bemühen.
    Die afghanischen Behörden haben am 25. Juni zwei wegen Blasphemie-Vorwürfen festgenommene Journalisten wieder auf freien Fuß gesetzt. Präsident Hamid Karsai habe die Freilassung angeordnet, verlautete aus Regierungskreisen. Der Chefredakteur der Wochenzeitung "Aftab", Sajed Mahdawi, und sein iranischer Stellvertreter, Ali Risa Pajam, waren am Dienstag vergangener Woche festgenommen worden. Sie wurden beschuldigt, in einem Artikel den Islam beleidigt zu haben. Unklar war zunächst, ob sie sich trotz ihrer Freilassung wegen dieses Vorwurfs vor Gericht verantworten müssen. Der Oberste Gerichtshof hatte ein entsprechendes Verfahren angekündigt.
    Bei einem Einsatz von US-Spezialeinheiten im Südosten Afghanistans sind ein Soldat getötet und zwei weitere verletzt worden. Die Truppen seien bei einem Patrouillengang am 25. Juni nahe der Stadt Gardes in der Provinz Paktia angegriffen worden, sagte US-Offizier Douglas Lefforge am 27. Juni am Luftwaffenstützpunkt Bagram. Weitere Einzelheiten nannte er nicht.
  • Die in Kabul stationierten Bundeswehrsoldaten der Internationalen Schutztruppe (ISAF) werden den Weg zwischen ihrem Lager "Warehouse" und dem internationalen Flughafen künftig nur noch in Transportpanzern zurücklegen. Bundesverteidigungsminister Peter Strucksagte der in Potsdam erscheinenden "Märkischen Allgemeinen" (Ausgabe vom 28. Juni), dies hätten die verantwortlichen Kommandeure vor Ort entschieden. Sie hätten damit auf den Selbstmordanschlag reagiert, bei dem Anfang Juni vier Bundeswehrsoldaten bei einem Transfer im Bus ums Leben kamen. Auf den Transport mit Hubschraubern werde verzichtet, "da ja auch Hubschrauber relativ leicht vom Boden aus angegriffen werden können", sagte Struck dem Bericht zufolge.
    London will zum Schutz für eine britische Hilfsmannschaft im Norden Afghanistans 50 Soldaten entsenden. Diese Stationierung habe nichts mit der Internationalen Schutztruppe (ISAF) zu tun, betonte ein Sprecher des britischen Verteidigungsministeriums in London am 28. Juni. Es handle sich nicht um eine Verstärkung für die Schutztruppe. Vielmehr sollten die Soldaten die Sicherheit der überwiegend zivilen Mitarbeiter gewährleisten, die an einem Wiederaufbauprojekt außerhalb der Hauptstadt Kabul arbeiteten. Die Truppe soll demnach Anfang Juli in der nordafghanischen Stadt Masar-i-Scharif eintreffen.
  • Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf hat sich dafür ausgesprochen, die Sicherheitsstrategie in Afghanistan zu überdenken. Die Situation sei zwar einigermaßen stabil, aber trotzdem nicht auf dem erwünschten Niveau, sagte Musharraf am 30. Juni nach einem Gespräch mit Bundespräsident Johannes Rau zum Auftakt seines Deutschlandbesuchs in Berlin. Rau verwies darauf, dass deutsche Soldaten eine besondere Verantwortung in Afghanistan wahrnehmen und dass ihre Sicherheit "für uns ein besonderes Thema" sei.
    In der Nähe eines UN-Büros in der ostafghanischen Stadt Dschalalabad sind am 30. Juni drei Raketen eingeschlagen. Sicherheitskräfte erklärten, in einem Wohngebiet seien Fensterscheiben zu Bruch gegangen, Verletzte habe es aber nicht gegeben. Offenbar galt der Anschlag einem Büro des UN-Kinderhilfswerks Unicef.
    Bei einer Bombenexplosion in einer Moschee in der südafghanischen Stadt Kandahar sind am 30. Juni zehn Menschen zum Teil schwer verletzt worden. Die in einem Blumentopf versteckte Bombe sei während des Abendgebets detoniert, teilte ein Sprecher des Gouverneurs von Kandahar mit. Der Leiter der Moschee, Mullah Abdullah Fajas Achundada, gilt als Gefolgsmann der afghanischen Regierung. Er war bereits mehrfach das Ziel von Anschlägen.


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