Afghanistan: US-Präsident: Rede an die Nation, 25.06.2011 (Friedensratschlag)
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"Bis zum kommenden Sommer werden wir insgesamt 33.000 Soldaten nach Hause bringen"

US-Präsident Obama erläutert in einer Rede an die Nation das weitere Vorgehen in Afghanistan (Die ganze Rede im Wortlaut)


Im Folgenden dokumentieren wir die Rede von US-Präsident Barack Obama über das weitere Vorgehen in Afghanistan vom 22. Juni 2011. Die Übersetzung besorgte der Amerika Dienst.

Präsident Barack Obama

Guten Abend. Vor beinahe 10 Jahren haben wir den schlimmsten Angriff auf unser Land seit Pearl Harbor erlebt. Dieser Massenmord wurde von Osama bin Laden und seinem Al-Kaida-Netzwerk in Afghanistan geplant und stellte eine neue Bedrohung für unsere Sicherheit dar, eine, bei der die Ziele nicht länger Soldaten auf dem Schlachtfeld waren, sondern unschuldige Frauen, Männer und Kinder, die ihrem täglichen Leben nachgingen.

In den darauf folgenden Tagen war unser Land geeint, als wir gegen die Al Kaida und die Taliban in Afghanistan vorgingen. Dann hat sich unser Schwerpunkt verlagert. Ein zweiter Krieg wurde gegen den Irak begonnen, der uns viele Opfer abverlangte, um dort eine neue Regierung zu unterstützen. Als ich das Amt übernahm, ging der Krieg in Afghanistan bereits in sein siebentes Jahr. Die Führung der Al Kaida war jedoch nach Pakistan geflohen und plante neue Angriffe, während die Taliban sich neu formiert und eine Offensive gestartet hatten. Unsere militärischen Befehlshaber warnten, dass wir ohne eine neue Strategie und entschlossene Maßnahmen mit einem Erstarken der Al Kaida und der Taliban sowie ihrer Übernahme großer Teile Afghanistans rechnen müssten.

Aus diesem Grund habe ich in einer meiner schwersten Entscheidungen als Präsident weitere 30.000 amerikanische Soldaten nach Afghanistan geschickt. Als ich diese Truppenaufstockung in West Point ankündigte, haben wir uns klare Ziele gesetzt: Uns erneut auf die Al Kaida zu konzentrieren, die Stoßkraft der Taliban umzukehren und die afghanischen Sicherheitskräfte auszubilden, damit sie selbst ihr Land verteidigen können. Ich habe darüber hinaus deutlich gemacht, dass unser Engagement nicht zeitlich unbegrenzt sein würde und dass wir im Juli dieses Jahres damit beginnen würden, unsere Streitkräfte abzuziehen.

Heute Abend kann ich Ihnen mitteilen, dass wir dieses Versprechen einhalten. Dank unserer außergewöhnlichen Frauen und Männer in Uniform, unserer zivilen Angestellten und unserer vielen Koalitionspartner erreichen wir unsere Ziele. Folglich sind wir bis zum Jahresende in der Lage, 10.000 Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. Damit werden wir im nächsten Monat beginnen. Bis zum kommenden Sommer werden wir insgesamt 33.000 Soldaten nach Hause bringen und damit die Truppenaufstockung, die ich in West Point ankündigte, vollständig zurückführen. Nach dieser ersten Reduzierung werden weitere Soldaten nach Hause kommen, während die afghanischen Sicherheitskräfte die Führung übernehmen. Unser Einsatz wird sich von einem Kampfauftrag zu einem Unterstützungsauftrag wandeln. Bis 2014 wird dieser Übergangsprozess abgeschlossen sein und die Afghanen werden selbst für ihre Sicherheit verantwortlich sein.

Wir beginnen mit dem Abzug aus einer Position der Stärke. Die Al Kaida steht mehr unter Druck als jemals zuvor seit dem 11. September. Zusammen mit Pakistan haben wir mehr als die Hälfte der Al-Kaida-Führung unschädlich gemacht. Dank unserer professionellen Nachrichtendienstmitarbeiter und Spezialkräfte konnten wir Osama bin Laden töten, den einzigen Anführer, den die Al Kaida jemals hatte. Dies war ein Sieg für alle, die seit dem 11. September gedient haben. Ein Soldat fasste es sehr gut zusammen. Er sagte: "Die Botschaft lautet, wir vergessen nicht. Sie werden zur Rechenschaft gezogen, ganz gleich, wie lange es dauert."

Die Informationen, die wir mithilfe von Bin Ladens Aufenthaltsort ermitteln konnten, zeigen, dass die Al Kaida unter enormem Druck steht. Bin Laden äußerte seine Besorgnis, dass die Al Kaida nicht in der Lage gewesen war, erfolgreich hochrangige Terroristen zu ersetzen, die getötet worden waren, und dass sie darin versagt hatte, die Vereinigten Staaten als ein Land darzustellen, das sich im Krieg mit dem Islam befindet, um dadurch breitere Unterstützung zu erhalten. Die Al Kaida bleibt gefährlich und wir müssen wachsam vor Angriffen sein. Aber wir haben die Al Kaida auf den Weg der Niederlage geschickt und wir werden nicht nachlassen, bis wir das Ziel erreicht haben.

In Afghanistan haben wir den Taliban ernsthafte Verluste zugefügt und eine Reihe ihrer Hochburgen eingenommen. Neben unserer Truppenaufstockung haben auch unsere Verbündeten ihre Anstrengungen verstärkt, was zur Stabilisierung größerer Landesteile beigetragen hat. Die afghanischen Sicherheitskräfte sind um mehr als 100.000 Soldaten angewachsen und in einigen Provinzen und Gemeinden haben wir bereits mit der Übergabe der Verantwortung für die Sicherheit an die afghanische Bevölkerung begonnen. Im Angesicht der Gewalt und Einschüchterungen kämpfen und sterben Afghanen für ihr Land, bauen örtliche Polizeikräfte auf, eröffnen Märkte und Schulen, schaffen neue Chancen für Mädchen und Frauen und versuchen, nach Jahrzehnten des Krieges, ein neues ihres Landes Kapitel aufzuschlagen.

Natürlich bleiben große Herausforderungen bestehen. Dies ist der Anfang - und nicht das Ende - unserer Bemühungen, diesen Krieg zu beenden. Wir werden die schwierige Aufgabe meistern müssen, das bereits Erreichte zu erhalten, während wir unsere Streitkräfte abziehen und die Verantwortung für die Sicherheit an die afghanische Regierung übertragen. Im kommenden Mai werden wir in Chicago ein Gipfeltreffen mit unseren NATO-Verbündeten und -Partnern abhalten, um die nächste Phase dieses Übergangs einzuläuten.

Wir wissen, dass Frieden in einem Land, das so viel Krieg erlebt hat, ohne eine politische Einigung nicht möglich sein wird. Während wir also die afghanische Regierung und die Sicherheitskräfte unterstützen, werden sich die Vereinigten Staaten an Initiativen beteiligen, die eine Aussöhnung der afghanischen Bevölkerung, einschließlich der Taliban, zum Ziel haben. Unsere Position zu diesen Gesprächen ist eindeutig: Sie müssen von der afghanischen Regierung geführt werden und jene, die Teil eines friedlichen Afghanistans sein wollen, müssen sich von der Al Kaida lossagen, der Gewalt abschwören und sich an die afghanische Verfassung halten. Wir glauben, dass, auch aufgrund unserer militärischen Bemühungen, Fortschritt möglich ist.

Das Ziel, das wir anstreben, kann erreicht werden. Es ist sehr einfach: Es darf keinen Zufluchtsort geben, von dem aus die Al Kaida oder ihre Anhänger Angriffe gegen unser Land oder unsere Verbündeten durchführen können. Wir versuchen nicht, Afghanistan zu einem perfekten Land zu machen. Wir werden nicht zeitlich unbegrenzt in den Straßen auf Streife gehen oder in den Bergen patrouillieren. Dafür ist die afghanische Regierung verantwortlich, die ihre Fähigkeiten ausbauen muss, ihre Bürger zu schützen, und die eine Volkswirtschaft, die von Krieg gezeichnet war, in eine verwandeln muss, die zu dauerhaftem Frieden beiträgt. Was wir tun können und werden, ist der Aufbau einer Partnerschaft mit der afghanischen Bevölkerung, die uns weiterhin in die Lage versetzt, gegen Terroristen vorgehen zu können, sowie die Unterstützung für eine unabhängige afghanische Regierung gewährleistet.

Natürlich müssen sich unsere Bemühungen auch auf die Zufluchtsorte der Terroristen in Pakistan erstrecken. Kein Land wird mehr durch die Anwesenheit gewalttätiger Extremisten gefährdet - das ist auch der Grund, warum wir Pakistan weiterhin dazu drängen werden, sich stärker an der Sicherung einer friedlichen Zukunft dieser vom Krieg zerrütteten Region zu beteiligen. Wir werden mit der Regierung Pakistans zusammenarbeiten, um das Krebsgeschwür des gewalttätigen Extremismus zu beseitigen und wir werden darauf bestehen, dass das Land seine Verpflichtungen einhält. Es sollte kein Zweifel daran bestehen, dass die Vereinigten Staaten, so lange ich Präsident bin, niemals Zufluchtsorte derer akzeptieren werden, die uns töten wollen. Sie können uns nicht entwischen oder sich der Gerechtigkeit, die sie verdienen, entziehen.

Meine lieben amerikanischen Mitbürger, dieses Jahrzehnt war ein schwieriges für unser Land. Wir mussten erneut erfahren, wie viele Opfer ein Krieg abverlangt - Opfer, die beinahe 4.500 Amerikanern gebracht haben, die ihr Leben im Irak ließen, und mehr als 1.500 Amerikanern, die ihr Leben in Afghanistan ließen - Frauen und Männer, die die Freiheit, die sie verteidigt haben, nicht mehr selbst erleben können. Tausende weitere wurden verwundet. Einige haben im Kampf Gliedmaßen verloren, andere kämpfen noch immer gegen die Dämonen, die sie bis nach Hause verfolgten.

Dennoch ist es für uns heute Abend tröstlich, dass der Krieg dem Ende zugeht. Weniger unserer Töchter und Söhne sind der Gefahr ausgesetzt. Wir haben unseren Kampfeinsatz im Irak beendet und bereits 100.000 amerikanische Soldaten von dort abgezogen. Auch wenn in Afghanistan noch manch dunkle Tage vor uns liegen, kann man bereits in einiger Entfernung das Licht eines sicheren Friedens erkennen. Diese langen Kriege werden verantwortungsvoll beendet werden.

Während das geschieht, müssen wir die Lehren aus ihnen ziehen. Dieses Kriegsjahrzehnt hat bei vielen Menschen Fragen hinsichtlich der Art des amerikanischen Engagements auf der Welt aufgeworfen. Einige würden es gutheißen, wenn sich die Vereinigten Staaten aus ihrer Verantwortung als einem Anker der weltweiten Sicherheit zurückzögen und in eine Isolation gingen, die die wahren Bedrohungen ignoriert, denen wir gegenüberstehen. Andere würden gerne sehen, dass sich die Vereinigten Staaten überall engagieren und sich gegen jedes Übel stellten, das in andern Ländern zu finden ist.

Wir müssen einen Mittelweg einschlagen. Wie Generationen vor uns, müssen wir uns die einzigartige Rolle der Vereinigten Staaten in der Geschichte der Menschheit zu eigen machen. Aber dabei müssen wir so pragmatisch wie leidenschaftlich sein, so strategisch wie entschlossen. Wenn wir bedroht werden, müssen wir mit Stärke reagieren, aber wenn diese Stärke zielgerichtet eingesetzt werden kann, müssen wir keine großen Armeen ins Ausland entsenden. Wenn Unschuldige getötet werden und die weltweite Sicherheit bedroht wird, müssen wir uns nicht dazwischen entscheiden, zuzuschauen oder im Alleingang zu handeln. Stattdessen müssen wir zu internationalen Maßnahmen aufrufen, wie das im Falle Libyens geschehen ist, wo kein einziger unserer Soldaten auf dem Boden eingesetzt wird, wo wir aber unsere Verbündeten beim Schutz der libyschen Bevölkerung unterstützen und der Bevölkerung somit die Chance eröffnen, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen.

In allem was wir tun müssen wir uns daran erinnern, dass das, was die Vereinigten Staaten unterscheidet, nicht nur unsere Macht ist - es sind die Prinzipien, auf denen unsere Union gegründet wurde. Wir sind ein Land, das seine Feinde zur Rechenschaft zieht, während es die Rechtsstaatlichkeit einhält und die Rechte all seiner Bürger achtet. Wir schützen unsere eigene Freiheit und unseren eigenen Wohlstand, indem wir ihn auch anderen ermöglichen. Wir stehen nicht für ein Weltreich, sondern für Selbstbestimmung. Das ist der Grund, warum uns die demokratischen Bestrebungen, die sich überall in der arabischen Welt zeigen, wichtig sind. Wir werden diese Revolutionen mit der Treue zu unseren Idealen, mit der Kraft unseres Vorbildes und mit einem unerschütterlichen Glauben daran unterstützen, dass alle Menschen ein Leben in Freiheit und Würde verdienen.

Wir sind aber vor allem ein Land, dessen Stärke im Ausland auf den Chancen für unsere Bürger in unserem Land fußt. Im vergangenen Jahrzehnt haben wir in Zeiten steigender Verschuldung und wirtschaftlicher Schwierigkeiten eine Billion Dollar für Kriege ausgegeben. Jetzt müssen wir in die größte Ressource der Vereinigten Staaten investieren - in unsere Bevölkerung. Wir müssen die Innovationen freisetzen, die neue Arbeitsplätze und Industriezweige schaffen, während wir nicht über unsere Verhältnisse leben. Wir müssen unsere Infrastruktur wieder aufbauen und neue, saubere Energiequellen finden. Vor allem müssen wir uns nach einem Jahrzehnt der leidenschaftlichen Debatte wieder dem gemeinsamen Ziel verschreiben, das wir zu Beginn dieser Kriegsphase hatten. Unser Land zieht Kraft aus seiner Vielfalt und wenn unsere Union stark ist, ist kein Hügel zu steil und kein Horizont außerhalb unserer Reichweite.

Amerika! Es ist Zeit, dass wir uns auf den Aufbau unserer Nation konzentrieren.

Bei diesen Bemühungen werden wir von unseren amerikanischen Mitbürgern inspiriert, die so viel für uns alle geopfert haben. An unsere Soldaten, Veteranen und ihre Familien gerichtet möchte ich im Namen aller Amerikaner sagen, dass wir unserer heiligen Pflicht Ihnen gegenüber nachkommen werden und Ihnen die Pflege, Zuwendungen und Chancen geben werden, die Sie verdienen.

Ich habe einige dieser patriotischen Amerikaner im Fort Campbell getroffen. Vor einiger Zeit sprach ich mit der 101st Airborne, die in Afghanistan kämpfte, um das Blatt zu wenden, und mit dem Team, das Osama bin Laden ausschaltete. Vor einem Modell des Gebäudes, in dem sich Osama bin Laden befand, würdigte der Navy SEAL, der diese Aktion anführte, jene, die dabei ihr Leben verloren - Waffenbrüder und -schwestern, deren Namen nun auf Militärbasen stehen, in denen unsere Soldaten im Ausland Wache stehen, und auf Grabsteinen an ruhigen Orten unseres Landes, wo ihr Andenken niemals in Vergessenheit geraten wird. Dieser Offizier - wie so viele andere, die ich auf Militärbasen in Bagdad und Bagram, im Walter-Reed-Militär- und im Bethesda-Marinekrankenhaus, traf - sprach mit Demut darüber, wie seine Einheit zusammenarbeitete, wie jeder vom anderen abhängig war und dem anderen vertraute, wie eine Familie in Zeiten der Not.

Das ist eine Lektion, an die wir uns erinnern sollten - dass wir alle Teil einer amerikanischen Familie sind. Auch wenn wir unterschiedliche Meinungen haben und Uneinigkeit kennen, sind wir dennoch miteinander durch das Glaubensbekenntnis in unseren Gründungsdokumenten und die Überzeugung verbunden, dass die Vereinigten Staaten von Amerika ein Land sind, das alles erreichen kann, was es sich zum Ziel setzt. Lassen Sie uns die vor uns liegende Aufgabe zu Ende bringen. Lassen Sie uns diese Kriege auf verantwortungsvolle Weise beenden und den amerikanischen Traum wiederbeleben, der den Kern unserer Geschichte ausmacht. Mit Zuversicht in unsere Sache, mit dem Glauben an unsere Mitbürger und mit der Hoffnung in unseren Herzen, lassen Sie uns an die Arbeit gehen und die Versprechungen Amerikas fortführen - für diese Generation und die kommende.

Möge Gott unsere Truppen segnen. Und möge Gott die Vereinigten Staaten von Amerika segnen.

Originaltext: Remarks by the President on the Way Forward in Afghanistan; Siehe: www.whitehouse.gov
Herausgeber der deutschen Übersetzung:
US-Botschaft Berlin, Abteilung für öffentliche Angelegenheiten



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