Stillstand in Ägypten

Politische Unsicherheit verschärft wirtschaftliche Probleme / Touristen wie Investoren haben verschreckt auf die Unruhen in Ägypten reagiert

Von Daphné Benoit (AFP), Kairo *

Die politische Instabilität in Ägypten könnte das bevölkerungsreichste Land des Mittleren Ostens teuer zu stehen kommen. »Die Krise kostet die ägyptische Wirtschaft mindestens 227 Millionen Euro täglich«, heißt es in einem Bericht der französischen Großbank Crédit Agricole. Ihre Wachstumsprognose für 2011 hat die Bank bereits von 5,3 auf 3,7 Prozent abgesenkt.

Schon vor den Protesten kämpfte Ägypten mit hohen Arbeitslosen- und Inflationsraten sowie breiter Armut. Die Regierung hatte in den vergangenen Jahren groß angelegte Wirtschaftsreformen angeschoben. Die soziale Ungleichheit konnte dies nicht mildern. Im Land am Nil leben rund 40 Prozent der 80 Millionen Einwohner an der Armutsgrenze von höchstens zwei Dollar pro Tag. Die anhaltenden Proteste gegen Präsident Husni Mubarak könnten die Wirtschaft weiter schwächen. Im Januar gingen die Ausfuhren um sechs Prozent zurück, nachdem Banken und Unternehmen für zehn Tage ihre Arbeit eingestellt hatten.

Aus Angst vor Chaos und Gewalt traten mitten in der Hochsaison zehntausende Urlauber die Heimreise an. Zuvor waren Ausländer in Kairo und Alexandria angegriffen worden. Ägypten erwirtschaftet sechs Prozent seines Bruttoinlandsproduktes im Tourismus. Ein Besucherrekord von fast 15 Millionen Touristen bescherte dem Land der Pharaonen 2010 Einnahmen von rund 9,5 Milliarden Euro. Der Welttourismusrat WTTC befürchtet auch einen Rückgang im Sommer, da »die Kunden, die jetzt planen und buchen, von der Berichterstattung abgeschreckt werden«.

Auch viele Konzerne haben ihre Aktivitäten auf Eis gelegt: So lässt die französische Baugesellschaft Bouygues die Arbeiten an der Kairoer Metro seit mehreren Tagen ruhen. Der Autohersteller BMW nahm seine Produktion am Sonntag zwar wieder auf, bei Konkurrent Daimler herrscht dagegen weiter Stillstand. Volkswagen hat seine Exporte nach Ägypten ausgesetzt. Mehrere Konzerne, darunter der Energieriese RWE, France Télécom und der russische Mineralölkonzern Lukoil, haben ihr Personal ganz oder zum Teil evakuiert. »Es wird nicht einfach, das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen«, sagt Wirtschaftsprofessor Raschad Abdu von der Universität in Kairo. »Konzerne, die bisher nicht in Ägypten präsent sind, werden sich zwei Mal überlegen, ob sie investieren.«

Eine Schließung des Suezkanals würde sich auf die Weltwirtschaft auswirken. Letzte Woche ließen solche Befürchtungen den Ölpreis über die Marke von 100 Dollar steigen. Karine Berger vom Kreditversicherer Euler Hermes hält eine Blockade aber für unwahrscheinlich. Der Suezkanal sei ein Trumpf des Landes, eine Schließung käme für die Regierung einem »Selbstmord« gleich: Mit seinen Passagegebühren ist er eine der wichtigsten Einnahmequellen Kairos.

Monetäre Instabilität

Die politische Lage in Ägypten hat zu monetärer Instabilität geführt. Die Aktienkurse rutschten zu Beginn der Unruhen in den Keller – an nur zwei Handelstagen betrug der Verlust umgerechnet 8,8 Milliarden Euro –, das ägyptische Pfund fiel auf ein Sechs-Jahres-Tief gegenüber dem Dollar. Viele Ägypter hoben ihre Ersparnisse ab, um sie ins Ausland zu transferieren. Wegen des massiven Kapitalabzugs wurden die Banken und die Kairoer Börse vorübergehend geschlossen. Am Sonntag soll die Aktienbörse wieder öffnen.

Mit Devisen wird bereits wieder gehandelt. Um den Pfund-Verfall zu stoppen, intervenierte die Zentralbank im Umfang von 1,6 Milliarden Dollar. Die Währung hat sich daraufhin gefangen – für einen Dollar werden derzeit rund 5,9 Pfund verlangt.

Vergangene Woche gelang auch eine Platzierung von Staatsanleihen – zu sehr hohen Zinsen. Dabei sind die Zinsen bei kurz laufenden Anleihen deutlich höher als bei langlaufenden. Investoren erwarten demnach auf längere Sicht eine stabile Lage in Ägypten. ND



* Aus: Neues Deutschland, 10. Februar 2011


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