Gespräche in Kairo

Hundert Tage nachdem die Zukunft begann

Von Yves Wegelin, Kairo *

Über drei Monate ist es her, seit Millionen von Menschen auf dem Kairoer Tahrirplatz ihren Autokraten Hosni Mubarak aus seinem Amt verjagten. Doch wo steht Ägypten heute? Ist das Land auf dem Weg zur Demokratie? Die WOZ hat sich auf Spurensuche begeben.

Der Junge stand auf einmal vor mir: nach hinten geföhnte Haare, ein Palästinensertuch um den Hals, höchstens sechzehn. Er grüsst die jungen Aktivisten neben mir, schnappt sich einen Stuhl, schiebt ihn neben den meinen und setzt sich: «Warst du vor der Revolution schon mal hier in Kairo? Ja? Findest du, es hat sich auf den ersten Blick was verändert?» – «Nicht wirklich.» – «Ich auch nicht», sagt der Junge und setzt eine ernste Mine auf.

Es ist Mitternacht, zwei Stunden vor der Ausgangssperre. Um uns sitzen junge Ägypterinnen und Ägypter auf gelben Plastikstühlen um kleine Tischchen, plaudern, trinken Tee, rauchen Wasserpfeife und drücken auf ihren Mobiltelefonen herum – ein kleines Strassencafé, drei Blöcke hinter dem Midan Tahrir, dem Platz der Befreiung. Dort, wo am 11. Februar über eine Million Menschen zusammenströmten und nach dreissig Jahren ihren autokratischen Präsidenten Hosni Mubarak zum Teufel jagten.

In den Tagen nach der Revolution, sagt Ahmed, der Junge mit der Föhnfrisur, hätten hier im Café alle über Politik geredet, über die Zukunft ihres Landes. Jetzt nicht mehr. «Die meisten Ägypter sind arm und müssen täglich ums Überleben kämpfen; die haben keine Zeit, sich um den weiteren Verlauf der Revolution zu kümmern.» Und die reiche Elite interessiere sich vor allem fürs Geld. Die Revolution, sagt Ahmed, das war die Revolution der Mittelklasse.

Doch trotz allem sei er zuversichtlich, sagt er. Die Tage auf dem Tahrirplatz hätten viele junge Leute politisiert, die entschlossen seien, die Ideale der Revolution weiterzutragen.

Ich folge Ahmed durch eine schmale Gasse in das nächste Café. Eingeklemmt zwischen Hausfassade und einer Betonmauer sitzen hier rund zwanzig junge Leute an aneinandergereihten Bistrotischen. «Alles Aktivisten», sagt Ahmed; wir setzen uns hinzu. Hier wird über die neusten politischen Entwicklungen geredet, über die kürzlich ausgebrochene Gewalt zwischen Christen und fanatischen Salafisten in einem Kairoer Armenviertel, über die Schüsse, die zuvor weiter unten in der Innenstadt gefallen sein sollen, über einen ägyptischen Solidaritätskonvoi nach Palästina. Und man liest die frisch gedruckte Ausgabe von «al-Masry al-Yaum», eine der kritischen Stimmen im Land.

Neben mir sitzt Heba, eine junge Frau mit violettem Kopftuch und blau geschminkten Augen. Lachend erzählt sie ihren Freunden von ihrem neuen Tattoo. «Willst du die Bilder der Revolution sehen?», fragt sie mich dann und zückt einen kleinen Laptop hervor. «Ein improvisiertes Lazarett», kommentiert Heba das erste Bild, «Armeepanzer», «das Abendessen unter Freunden im Zelt», «Kerzen für einen Freund, der erschossen wurde.»

Die Revolution wird Jahre dauern

Es war der 11. Februar gegen Abend, als Omar Suleiman nach zwei Wochen landesweiter Proteste vor die Kamera trat: Staatspräsident Hosni Mubarak, so verkündete dessen Vizepräsident in einer dreissigsekündigen Erklärung, habe entschieden, von seinem Amt zurückzutreten und die Geschäfte dem Hohen Rat der Streitkräfte zu übergeben. Auf dem Tahrirplatz brach die Masse in Jubel aus.

Seither regiert in Ägypten die Armee. Jene Institution, die seit dem Sturz der britisch gestützten Monarchie 1952 durch den jungen Offizier und späteren Staatspräsidenten Gamal Abd al-Nasser das eigentliche Rückgrat des ägyptischen Staates bildet – kurz: Gefallen ist am 11. Februar nur der zivile Apparat des Regimes.

Seit Mubaraks Sturz sind rund hundert Tage vergangen. Tage, die deutliche Spure hinterlassen haben: Das Parlament wurde aufgelöst, grosse Teile des Geheimdienstapparats zerschlagen, Mubarak samt Familien- und Regimemitgliedern sowie verbandelten Oligarchen festgenommen, die Staatspartei NDP verboten. In Universitäten und Gewerkschaften wurden in Wahlen die Leitungsgremien ersetzt. Und erstmals entschieden die Ägypter­Innen in einer freien Abstimmung über eine Verfassungsreform. Und über einen Fahrplan für die Wahlen: Parlamentswahl ist im September, Präsidentschaftswahl zwei Monate später.

All diese Reformen wurden hart erkämpft: von unzähligen neuen Jugendorganisationen, Parteien, Frauenbewegungen, Gewerkschaften, Berufsverbänden, Menschenrechtsaktivistinnen, Bloggern. Sie haben in den letzten drei Monaten nicht aufgehört, von unten Druck auf die Armee aufzusetzen: mit immer neuen Protesten, Streiks, Untersuchungsberichten, Konferenzen, Blogeinträgen. Und immer wieder hat die Armee etwas nachgegeben.

Ramy Raoof, 24, der in Dubai aufgewachsen ist und in Ägypten studiert, ist einer von ihnen. Über Nacht wurde er im Februar zu einem der Gesichter der Revolution. CNN, al-Arabiya, al-Dschasira: Auf allen grossen Satellitensendern gab der Menschenrechtsaktivist und Blogger seine Kommentare ab.

Raoofs Büro liegt wenige Hundert Meter südlich vom Tahrirplatz, in Garden City am Ufer des Nils, wo in den dreissiger Jahren Kairos Elite residierte. Knatternd steigt der Lift, der in seinem Art-déco-Stil an Kairos glorreiche Zeiten erinnert, durch das heruntergekommene Treppenhaus in den vierten Stock. Oben wartet ein junger Mann mit Hemd, Architektenbrille und langen, nach hinten gebundenen Haaren. Wir nehmen in Raoofs kleinem Büro Platz, von wo aus er für verschiedene Menschen- und Frauenrechtsorganisationen arbeitet.

Und? Wo steht Ägypten hundert Tage nach Mubaraks Sturz? «Wir sind erst am Anfang der Revolution», sagt Raoof und lehnt sich zurück. Der Weg zur Demokratie werde Jahre dauern.

«Seit die Armee die Macht übernommen hat», sagt Raoof, «kontrolliert sie alles.» Und dies mit eiserner Faust. «Statt den seit Jahrzehnten andauernden Ausnahmezustand aufzuheben, hat sie kurz nach ihrer Machtübernahme ein Gesetz erlassen, das Demonstrationen und Streiks verbietet.» Ein solches Gesetz zu schaffen, sagt Raoof, sei selbst Mubarak nie in den Sinn gekommen.

Seit der Machtübernahme habe die Armee zudem zahlreiche Menschenrechtsverletzungen begangen. Eine ägyptische Menschenrechtsorganisation habe eben einen Bericht fertiggestellt, aus dem hervorgehe, dass das Militär seit Mubaraks Rücktritt 5000 Zivilpersonen vor Militärgerichten aburteilen liess (andere Organisationen sprechen gar von 7000 Fällen). «Die Verfahren dauern zwischen fünfzehn und vierzig Minuten, die Angeklagten erhalten bis zu drei Jahren Haft, einen Anwalt bekommen sie nicht.» Hinzu kämen Entführungen politischer Aktivisten, willkürliche Verhaftungen und Folter, an denen Offiziere beteiligt seien.

Einen Monat nach Mubaraks Sturz hatte die Armee auf dem Tahrirplatz rund 200 Aktivisten verhaftet. Ein paar von ihnen schleppte sie in das nebenan liegende Ägyptische Museum, wo sie unter anderem mit Kabeln und Stöcken gefoltert wurden.

«Doch über all das», sagt Raoof, «findest du in den ägyptischen Medien kein Wort.» Zwar seien seit Mubaraks Sturz viele Tabus in den Medien gefallen. «Doch eines gibt es heute noch: die Armee.» Und dennoch, sagt Raoof, liebe die Bevölkerung ihre Armee. «Das Volk und die Armee, Hand in Hand: Das hatten die Menschen auf dem Tahrirplatz immer wieder gerufen – und so denken sie heute noch.»

Trotz allem ist Raoof überzeugt, dass das Militär Ende Jahr die Macht an das Parlament und den neuen Präsidenten abtreten werde. «Es weiss, dass die Menschen keinen Polizei- oder Militärstaat akzeptieren werden.» Und, so wäre hier noch anzufügen: Die Armee wünscht sich möglichst bald eine zivile Regierung, die für sie gegenüber der Bevölkerung den Kopf hinhält.

Die ganze Macht wird die Armee aber kaum abgeben? «Natürlich nicht!», sagt Raoof. Dass sich das jahrzehntealte Rückgrat des ägyptischen Staates nicht über Nacht selbst entmachten wird, ist auch ihm klar. Die Revolution wird Jahre dauern.

Doch falls sich Ägypten in den kommenden Jahren zu einer Demokratie entwickelt: Was denkt Raoof, welche Rolle wird der Islam im künftigen ägyptischen Staat einnehmen? «Ich wünschte mir, dass sich die Religion aus allem zurückziehen würde.» Doch das sei eine Illusion. Das Land sei stark von der Religion geprägt. «Die Menschen wollen zwar genauso wenig einen Gottesstaat wie einen Militärstaat», sagt Raoof. «Doch sie wollen, dass die Religion eine gewisse Bedeutung behält.»

Die Muslimbrüderschaft, erinnert Raoof, sei mit Abstand die stärkste politische Kraft in Ägypten. «In den kommenden Parlamentswahlen werden sie die meisten Stimmen holen.»

Fürchtet er sich vor den Muslimbrüdern? Nein, sagt Raoof, als Menschenrechtsaktivist habe er sich stets für ihr Recht eingesetzt, an der Politik teilnehmen zu können; und er habe auch Freunde dort. Und das, obwohl er in keinem einzigen Punkt mit ihnen einig sei: weder, was ihre Vorbehalte gegenüber der Meinungsfreiheit angeht, noch ihre Ablehnung der Homosexualität und die Befürwortung der Todesstrafe.

Welcher Platz der Religion?

Die Muslimbrüderschaft wurde 1928 vom Lehrer Hassan al-Banna gegründet. Al-Bannas Ideologie war eine Mischung aus antikolonialistischem Nationalismus und einer Rückbesinnung auf den Islam. Über die Jahrzehnte avancierte die Organisation zur grössten Massenbewegung im Land: Sie betreibt Schulen, Moscheen, Spitäler, unterstützt die Armen mit Geld.

Als die Bruderschaft Ende der vierziger Jahre gegen den Staat zur Gewalt griff, wurde sie verboten, Tausende ihrer Mitglieder verhaftet, gefoltert, hingerichtet. Auch nach dem Putsch der jungen revolutionären Offiziere 1952 ging die Repression unter Staatspräsident Nasser weiter. Anfang der siebziger Jahre sagte sich die Bruderschaft dann endgültig von der Gewalt los. Ein Jahrzehnt später trat die – nach wie vor verbotene, jedoch teilweise tolerierte – Bruderschaft erstmals bei Parlamentswahlen an, 2005 avancierte sie mit einem Fünftel der Parlamentssitze zur stärksten Opposition.

Mit dem Aufstieg der Muslimbrüderschaft erhielt auch der ägyptische Staat ab 1952 ein zunehmend religiöses Fundament. Während Nasser die Muslimbrüder unterdrückte, begann der flammende Nationalist gleichzeitig dem Staat die islamischen Institutionen einzuverleiben: 1961 kam die ehrwürdige Al-Azhar-Moschee unter die Fittiche des Staates. Und unter Nassers Nachfolger Anwar al-Sadat wurde 1980 die Scharia, das islamische Recht, zur «Hauptquelle» des ägyptischen Rechts erkoren. Der Staat übernahm die Kontrolle der religiösen Institutionen, um damit die Menschen zu kontrollieren.

Einen Monat ist es nun her, dass die alte, bärtige Führungsriege der Muslimbrüder die Gründung einer eigenen politischen Partei verkündete, der Partei des Friedens und der Gerechtigkeit. Zum Präsidenten wurde Mohamed Morsy erkoren. Ein Hardliner der alten Garde. Um in säkularen Kreisen und unter den zehn Prozent ChristInnen keine Ängste zu schüren, erklärte die Führung, sie werde keinen Präsidentschaftskandidaten ins Rennen schicken und: Sie strebe maximal die Hälfte der Parlamentssitze an. Prognosen geben ihr locker dreissig Prozent.

Die Muslimbrüderschaft hat sich längst zur Demokratie bekannt. Und grundsätzlich befürwortet sie auch einen modernen Staat, dem die Menschen nicht aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit angehören, sondern aufgrund ihrer Staatsbürgerschaft. Gleichzeitig fordert die Bruderschaft jedoch, die Scharia als Hauptquelle des ägyptischen Rechts zu bewahren, wenn nicht gar zu dessen einziger Quelle zu erheben. 2007 sprach sie in einem Parteiprogrammentwurf zudem von einem Gelehrtenrat, der die Gesetze zu überwachen hätte.

Aus dem Papier geht hervor, zu welch inkonsistenten Schlüssen die Bruderschaft damit gelangt: Als vollwertige Staatsbürger dürften Christen und Frauen für sämtliche politische Ämter kandidieren – mit Ausnahme jenes des Staatspräsidenten.

In den vergangenen Jahren ist allerdings eine junge, liberalere Generation von Muslimbrüdern herangewachsen, die die alte Führungsgarde herauszufordern beginnt. Erst kürzlich forderten an einer Konferenz Hunderte junger Muslimbrüder und -schwestern eine stärkere Vertretung von Jungen, Christen und Frauen in den Führungspositionen der Organisation. Und vor zwei Wochen hat eine Gruppe junger Mitglieder entgegen der Parteilinie einen Kandidaten für die Staatspräsidentschaftswahl lanciert: Abd al-Moneim Abu al-Futuh, einen sechzigjähriger Arzt aus dem liberalen Flügel der Bruderschaft.

Ahmed Ossama, 34, Ingenieur und Besitzer eines kleinen Importunternehmens, ist einer der jungen Muslimbrüder, die al-Futuhs Wahlkampf leiten. Für ein Treffen, sagt Ossama, habe er kurzfristig keine Zeit. Doch er ist zu einem längeren Telefongespräch bereit.

Ägypten sei ein konservatives und religiöses Land. «Deshalb ist klar, dass der Islam eine wichtige Rolle im ägyptischen Staat spielen wird», sagt Ossama, ohne konkreter werden zu wollen. Und was hält er von der Idee, Gesetze von einem Gelehrtenrat prüfen zu lassen? «Das lehnen wir ab», sagt Ossama, womit er den Generationenkonflikt andeutet. «Der Islam», sagt Ossama, «gibt keine Regeln vor, wie ein Staat zu führen ist.» Gesetze zu machen, sei Sache des Parlaments. «Der Islam liefert nur die Moral, aufgrund derer wir unsere Politik formulieren.»

Und was ist mit dem Verbot für Christen und Frauen, für das Präsidentenamt zu kandidieren? «Auch das lehnen wir ab.» Es dürfe keine halben Staatsbürger geben.

Doch will Ossama die Spannungen zwischen den Generationen in der Bruderschaft nicht überbewerten. «In den grundsätzlichen Ideen sind wir uns einig.» D ennoch sei die Muslimbrüderschaft derzeit daran, auseinanderzubrechen. Die autoritäre Art, in der die alte Führung die Spitze ihrer neuen Partei bestimmt habe, habe die junge Garde verärgert. Eine Gruppe von jungen Brüdern sei nun deshalb daran, ihre eigene Partei auf die Beine zu stellen.

Die Unterstützung für den Präsidentschaftskandidaten al-Futuh sieht Ossama als Pflicht. «Mohamed al-Baradei, Amr Moussa: Das sind alles liberale Kandidaten. Sie repräsentieren nicht die Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung». Dagegen sei al-Futuh ein konservativer, religiöser Mann – der gleichzeitig offen gegenüber anderen Meinungen sei.

Ossama will einen konservativen Präsidenten; doch welche wirtschaftlichen Ideen soll er vertreten? «Schau», sagt Ossama, «ich bin Geschäftsmann, die freie Marktwirtschaft passt mir ganz gut. Doch die Bruderschaft hat nie ein einheitliches Wirtschaftsprogramm besessen.» Es gebe Leute, die für zusätzliche Marktschranken und soziale Einrichtungen plädierten. Andere gingen noch weiter.

Die breite Masse der Unterprivilegierten

Unterwegs zu Philip Rizk, 29, linker Politaktivist, Dokumentarist der ägyptischen Arbeiterbewegung und Mitorganisator des 1. Mai. Auf der Talaat Harb, der grossen Einkaufsmeile in Kairos Innenstadt, ist an diesem Morgen von Revolution nichts mehr zu spüren. Strassenhändler haben vor den Kleiderboutiquen ihre Tische aufgestellt; darauf liegen Schmuck, Unterwäsche, Bücher. Vorne am Tahrirplatz bahnt sich eine Blechlawine ihren Weg um den Kreisel. Abgas und Staub liegen in der trockenen Luft.

Rizk und ich treffen uns in einem kleinen Café in einer Ecke des Platzes. Rund um uns Männer, die Wasserpfeife rauchen, plaudern und Zeitung lesen. Und? Was hält Rizk von der Revolution? Etwas störe ihn, sagt Rizk: «Für viele junge Aktivisten, die seit der Revolution etwas zu sagen haben, spielen die Arbeiter keine Rolle.» Auch deren Forderungen nicht. «Warum? Weil die meisten der Aktivisten aus der höheren Mittelschicht stammen.» Dasselbe gelte für die Journalisten: «Während der Revolution haben viele geschrieben, die Arbeiter würden die Revolution für ihre persönlichen Interessen nutzen.»

Doch ohne die Arbeiterschaft, sagt Rizk, wäre die Revolution niemals zustande gekommen. Bereits 2006 sei es in Mahalla al-Kubra, einer nördlich von Kairo gelegenen Industriestadt, zu einem grossen Streik gekommen. «2007 gingen es weiter; und 2008, mitten in der Finanzkrise, die sich in einer massiven Erhöhung der Brotpreise niederschlug, haben die Textilarbeiter erstmals die Einführung eines landesweiten Mindestlohns gefordert.» Und solche Streiks, sagt Rizk, habe es in den letzten Jahren unzählige gegeben.

Die Arbeiter seien auch bei der Revolution von Anfang an dabei gewesen. «Am 8. Februar ging es in Mahalla al-Kubra mit dem Streik richtig los – drei Tage später war Mubarak weg.» Die Arbeiter hätten Mubaraks Rücktritt zwar nicht alleine erzwungen, sagt Rizk, doch sie hätten einen entscheidenden Beitrag geleistet.

Und es gehe weiter, sagt Rizk. Trotz des Protestverbots würden täglich irgendwo Arbeiter und Angestellte auf die Strasse gehen. «Für Mindestlöhne, bessere Arbeitsbedingungen, gegen die Korruption.»

Natürlich würden nicht alle jungen Aktivisten und Politiker die Rolle der Arbeiter verkennen, sagt Rizk. Neben den Liberalen gebe es auch Linke, die derzeit mit eigenen Parteien in den Startlöchern stünden: die Populäre Demokratische Allianz, Sozialisten, Kommunisten, die frisch gegründete Demokratische Arbeiterpartei. «An der letzten 1.-Mai-Kundgebung haben Leute aus unzähligen Parteien teilgenommen.» Allerdings, sagt Rizk, habe es in den letzten Jahren keine Partei wirklich verstanden, sich um die Arbeiter, Unterprivilegierten und Armen zu kümmern. Und die Muslimbrüder? «Besser als alle anderen.» Auch sie hätten an der Maikundgebung ihre Schilder hochgehalten.

«Die Parteien», glaubt Rizk, «erkennen langsam, dass sie die Arbeiter und Unterprivilegierten brauchen, um die Wahlen zu gewinnen.»

Dieses Wählerpotenzial ist tatsächlich gross: Unter dem Druck des Internationalen Währungsfonds hat das ägyptische Regime seit Anfang der neunziger Jahre dem Land ein hartes Liberalisierungsprogramm auferzwungen. Die breite Masse hat weitergelitten: Fast die Hälfte der ÄgypterInnen lebt mit weniger als zwei US-Dollars am Tag. Die schmale Mittelschicht ist weitergeschrumpft. Und die kleine Geldelite ist immer reicher geworden.

Die Angst vor der Revolution

An einem Nachmittag auf Zamalek, einer lang gezogenen Insel auf dem Nil, westlich von Kairos Innenstadt. Auf den Terrassen der gestylten Cafés am Westufer sitzen die Kids der oberen Mittelschicht und der reichen Elite. Die jungen Frauen geschminkt, mit offenen Haaren und Jeans. Die Männer in Hemden und teuren Sonnenbrillen. Etwas nördlich auf der anderen Seite des Nils beginnt Imbaba, ein Armenviertel mit ländlicher Bevölkerung. Vor drei Wochen ging dort eine koptische Kirche in Flammen auf. Ein Mob aus puritanischen Salafisten hatte die Kirche attackiert.

In einem der Cafés treffe ich Mariam Kirollos, 21, Politikstudentin an der American University, wohnhaft in einem Kairoer Aussenquartier neben der Villa enger Verwandter der Mubaraks, wie sie erzählt. Die junge Frau mit dem griechisch-koptischen Namen, den offenen Haaren und dem roten Sweatshirt bestellt einen Teller Spaghetti bolognese, bevor sie mit Enthusiasmus von der «Revolution» zu erzählen beginnt: von den Botschaften, die auf Facebook kursierten und wie sie gegen den Willen ihrer Eltern zum Tahrirplatz fuhr.

Doch mittlerweile, sagt Mariam Kirollos nach einer Weile, frage sie sich, ob ein wohlwollender Diktator nicht doch besser wäre als die Demokratie. «Ich weiss, das tönt jetzt schrecklich, warum hätten wir dann alle so lang für all das gekämpft?!» Und natürlich wolle sie nur so lange einen Diktator, bis die Ägypter fähig seien zur Demokratie. Das sei heute nicht der Fall. Derzeit laufe alles aus dem Ruder. All die Streiks etwa, die es gebe: «Die Leute haben geglaubt, dass mit Mubaraks Sturz, die Löhne steigen würden – all diese Ignoranz!» Zwar sei es gut, seine Meinung zu sagen, aber jetzt sollten die Leute wieder an ihre Arbeit zurück.

«Es wird lange dauern, bis wir den Leuten beigebracht haben werden, was Demokratie ist», sagt Kirollos. Alles beginne mit der Bildung und der Bekämpfung der breiten Armut. Armut sei die Ursache allen Übels. «Gib den Leuten ein Stück Brot, sag ihnen, der Prophet habe es so befohlen, und sie werden dir folgen!»

Fürchtet sich Mariam Kirollos etwa vor den Muslimbrüdern? Nein, fürchten tue sie sich nicht. «Niemand», sagt Kirollos, «niemand wird mich jemals dazu zwingen können, ein Kopftuch zu tragen!» Doch selbst wenn die Muslimbrüder allein entscheiden könnten: Glaubt sie wirklich, sie würden so etwas fordern? «Ja», sagt Kirollos, gerade erst letzte Woche habe ein hoher Führer aus der Muslimbruderschaft an ihrer Universität gesprochen: «Die wollen zum Beispiel den Alkohol verbieten.»

Und jetzt, sagt Kirollos, seien auf einmal auch noch diese Salafisten aufgetaucht: Männer in langen weissen Gewändern und langen Bärten. «Vor der Revolution hatten wir von denen nie etwas gehört!» Kürzlich hätten sie im Internet gedroht, Frauen, die kein Kopftuch trügen, zu erschiessen.

Sicher, sagt Kirollos, das sei zwar nur eine kleine Gruppe von Fanatikern. Doch vor denen habe sie Angst. Nicht als Koptin, sondern als Ägypterin.

Die Präsidentschaftskandidaten

Im kommenden November sollen die ÄgypterInnen zur Urne gebeten werden. Bereits haben zahlreiche Politiker ihre Kandidatur bekannt gegeben. Die prominentesten sind:
  • Amr Mussa: Der 74-Jährige war ägyptischer Aussenminister, bevor er 2001 zum Generalsekretär der Arabischen Liga berufen wurde. Der populäre Aussenminister, so wird vermutet, wurde für Staatspräsident Hosni Mubarak langsam zu einer Gefahr. Mussa tut sich immer wieder als Israelkritiker und Verteidiger der palästinensischen Sache hervor. Gleichzeitig gilt der moderate Nationalist als liberal und pragmatisch.
  • Mohammed el-Baradei: Der 69-Jährige war zwischen 1997 und 2009 Generalsekretär der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien. In der Zeit des Irakkriegs 2003 hatte der IAEA-Chef, zu Recht, die Behauptung der USA bestritten, der Irak besitze Massenvernichtungswaffen. Anders als Mussa hat el-Baradei den Vorteil, nicht mit dem alten Regime verbandelt zu sein. Gleichzeitig geniesst der liberale Jurist in den unteren Bevölkerungsschichten weit weniger Sympathien.
  • Abd al-Moneim Abu al-Futuh: Der 60-jährige Arzt zählt zu den Schwergewichten innerhalb der Muslimbruderschaft, tritt jedoch als unabhängiger Kandidat an. Al-Futuh ist der konservativste unter den drei Kandidaten, zählt jedoch gleichzeitig zum liberalen Flügel der Bruderschaft. Der Arzt hat auch in säkularen und liberalen Kreisen AnhängerInnen. Derzeit zählt er mit Mussa zu den aussichtsreichsten Kandidaten.


* Aus: Schweizer Wochenzeitung WOZ, 26. Mai 2011


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