Der Traum vom neuen Ägypten

Die Reformbewegung will, dass ihr Land nicht länger "Auftragnehmer" der USA ist

Von Karin Leukefeld, Damaskus *

Am Freitag (18. Feb.) feierten abermals Hunderttausende Ägypter auf dem Tahrir-Platz in Kairo den Rücktritt des verhassten Präsidenten Husni Mubarak vor einer Woche. Eine Reminiszenz an die Tage des Aufstands.

Es war der sechste Tag des Aufbegehrens: Das Regime hatte Kampfflugzeuge über den Tahrir-Platz geschickt. Wieder und wieder drehten die Jets im Tiefflug ihre Runden über dem Zentrum Kairos. Ungläubig, sprachlos blickten die Leute in den Himmel, wo die Maschinen dröhnten.

»Eine Minute später antwortete die Menge mit einer kurzen Parole«, erinnert sich Ghada Shabander von der Unabhängigen Ägyptischen Menschenrechtsorganisation. »Sie schrien nicht Mubarak nieder, nicht den terroristischen Herrscher, der F16-Kampfjets schickt, um das eigene Volk einzuschüchtern. Sie riefen: ›Husni hat verloren, Husni hat verloren!‹« Selbst in dramatischen Momenten hätten die Demonstranten immer wieder ihren Humor und ihre Entschlossenheit gezeigt, sich nicht provozieren zu lassen. Kreativ und ausdauernd wollten sie das verknöcherte Regime stürzen.

»Historisch haben die Ägypter immer gezeigt, dass sie aufgeschlossen für Modernisierung und Wandel sind«, sagt Shabander. »Sie haben Mitgefühl, Respekt vor den Alten, sind friedlich und sehr geduldig.« Glaube, Werte und Normen seien »tief in die Gesellschaft eingefurcht«, weiß die Menschenrechtsaktivistin.

Die jungen Ägypter gingen voran. Erst zögernd und zweifelnd, erinnert sich May, eine der Aktivistinnen, die am 25. Januar, dem Tag gegen Polizeigewalt und Willkür« nicht mehr als 150 Leute erwartet hatte. Nach den Angriffen der Polizei und dem Abschalten von Internet und Telefon seien sie »voller Angst« gewesen, doch Tausende Demonstranten schlossen sich an, nicht nur in Kairo, sondern im ganzen Land. Schließlich seien sie wütend geworden und entschlossen, sich nicht mehr einschüchtern zu lassen. Sherif Mikawi, einer der Organisatoren auf dem Tahrir-Platz, der am Anfang zwei Tage im Gefängnis verbracht hatte, drückt es so aus: »Wir haben alle Regeln gebrochen.«

Den Jungen folgten die Alten, die schon oft vergeblich auf dem Tahrir-Platz protestiert hatten. Männer und Frauen verbrachten Tage und Nächte auf dem Platz, was im Gedanken an die Belästigungen, denen Frauen sonst in Ägypten ausgesetzt sind, viele davon überzeugte, dass diese Bewegung den richtigen Weg geht. »Das zeigt, wie sehr diese Menschen sich gegenseitig vertrauen, wie sie aufeinander achten, sich respektieren, sich helfen«, sagt ein älterer Mann. Vertrauen und Respekt habe das Regime zuvor systematisch zerstört. »Die Einzelnen waren gleichgültig gegenüber anderen, jeder war sich selbst der Nächste.«

Die Ägypter hätten nicht nur ihre Freiheit sondern auch ihre 7000-jährige Geschichte zurückerobert, glaubt Ayman Mahmoud, ein 28-jähriger Ingenieur. »Wir werden Ägypten mit unserer Kultur, der ›Wiki-Kultur‹, weiterentwickeln.« Das funktioniere wie bei Wikipedia, erklärt Ayman. »Jemand macht einen Vorschlag, der wird ergänzt und verwirklicht, und nötigenfalls wieder verändert. Wie hier auf dem Tahrir-Platz.«

Nicht die Habenichtse aus den Slums haben das Regime Mubarak gestürzt, es waren die Kinder derjenigen, die sich jahrzehntelang als Gastarbeiter im Ausland verdingten. Die Revolutionäre vom 25. Januar haben studiert und Fremdsprachen gelernt, sind Ärzte und Physiotherapeuten, Ingenieure, Architekten und Lehrer. Statt Vetternwirtschaft und Korruption wollen sie Transparenz und Chancengleichheit. Statt Angst und Abhängigkeit wollen sie Freiheit. Diejenigen sollen Arbeit und Wohnungen bekommen, die sich eignen, und nicht die, die Schmiergeld zahlen und das richtige Parteibuch erworben haben.

Das Ende der Angst war der Strohhalm, der dem Kamel den Rücken gebrochen hat, wie ein arabisches Sprichwort sagt. Und mit Mubarak kamen auch dessen Helfer und Auftraggeber in den USA, Israel und Europa zu Fall. Dabei ging es den Revolutionären nicht um die Politik der USA, Israels oder Europas, ihnen ging es um Ägypten. Glaube, Werte und Normen, Selbstachtung, Mitgefühl und Humor waren auf der Straße gegen Lüge, Gier und Korruption, gegen Hochmut, Gleichgültigkeit und Gewalt angetreten. »Das ist es, was ihr Ägypten beschert habt«, stand auf einem riesigen Transparent, das vor der Muqamma, dem bürokratischen Machtzentrum des alten Regimes, aufgespannt war. »Unwissenheit, Armut, Krebs, Plünderung, Korruption, Fälschung, Unterdrückung. Was ist daran neu? Es reicht!« Erstmals in seinem Leben fühle er sich als »mündiger Bürger«, nicht als Untertan, sagt ein Mann. Alle stünden nun aufrecht da: »Das ist die Antwort auf jahrzehntelange Unterdrückung. Nun sind wir explodiert, niemand kann das mehr rückgängig machen.«

Das neue Ägypten strömte am Freitag wieder auf den Tahrir-Platz, um das Militär und seine ausländischen »Berater« daran zu erinnern, dass das Volk sich nicht um seine Revolution betrügen lässt. »Wir beobachten, was die Amerikaner machen, und erwarten, dass die Bedingungen sie dazu zwingen, die neue Realität in Ägypten anzuerkennen«, schreibt Ayman Mahmoud per E-Mail aus Kairo. »Wenn die USA wollen, können wir Partner werden, aber Auftragnehmer wird Ägypten nicht länger sein.«

* Aus: Neues Deutschland, 19. Februar 2011


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