Tödliche Schüsse auf dem Kairoer Tahrir-Platz

Ägyptisches Militär ging gewaltsam gegen Demonstranten vor

Von Juliane Schumacher, Kairo *

Die arabischen Länder kommen nicht zur Ruhe. Trotz des gewaltsamen Vorgehens des ägyptischen Militärs gegen Demonstranten harrten auch am Sonntag (10. Apr.) weiter Hunderte auf dem stranten starben am Wochenende in KairoTahrir-Platz in Kairo aus. Bei neuer Gewalt gegen Demonstranten in der südsyrischen Stadt Daraa sollen nach Angaben von Menschenrechtlern über 20 Menschen getötet worden sein.

Erstmals seit dem Mubarak-Sturz ist in Kairo mindestens ein Demonstrant bei Zusammenstößen mit dem Militär ums Leben gekommen.

Am Freitagnachmittag (8. Apr.) schien er noch ein Ort des Friedens zu sein – der Tahrir-Platz im Zentrum Kairos, auf dem sich Hunderttausende, wenn nicht ein Million Menschen zur größten Demonstration seit den Tagen der Revolution versammelt hatten. An allen Ecken lief Musik, verkauften fliegende Händler Popcorn, Tee und Gebäck, und als der Ruf zum Gebet über die Lautsprecher schallte, senkten sich Abertausende Rücken zugleich auf den staubigen Boden. Die Sonne knallte vom Himmel, Männer hielten sich Zeitungen über den Kopf, Handys surrten, Kinder weinten. »Die Revolution ist zurück!« riefen die Menschen, und verlangten auf ihren Plakaten, in ihren Reden vieles, was sie schon vor zwei Monaten gefordert hatten: Mubarak und seine Riege sollen endlich vor Gericht gestellt, die Staatspolizei aufgelöst werden.

Doch kritisierte die Bewegung, die zu den Demonstrationen aufgerufen hatte, nun auch das Militär, in dem man nach der Revolution einen Verbündeten sah und das seit Muraraks Rücktritt herrscht: Nein zu Folter, Nein zu willkürlichen Verurteilungen, Nein zu Tantanwi, dem Präsidenten und engen Verbündeten von Mubarak.

Vor der Demonstration hatte es Verwirrung gegeben um ein Video eines angeblichen Offiziers, der auf Youtube seine Kameraden aufrief, sich den Demonstrationen anzuschließen. Die Armee dementierte, dass er ein Armeeangehöriger sei, und ließ verlauten, dass jeder Soldat, der in Uniform auf dem Platz erscheint, sofort vor ein Militärgericht gestellt werde. Etwa 40 Soldaten und Offiziere ließen sich davon jedoch nicht abhalten. Auf Händen wurden sie über den Platz getragen, hielten Reden von der Bühne, gaben Interviews in einem eigenen Zelt. Sehr jung sind sie alle, die Augen leuchteten, Schweißtropfen standen ihnen auf der Stirn. Die meisten von ihnen wussten wohl, welche Konsequenz ihr Handeln haben wird.

Bis zwei Uhr nachts befanden sich auf dem Platz vor allem junge Leute, viele Frauen, vereinzelt traf man auch auf Muslimbrüder. In kleinen Gruppen im gelben Licht der Laternen klaubten sie den Müll vom Boden, dort wo sie ihre Zelte aufstellen wollten. Denn sie hatten beschlossen zu bleiben, wie am 25. Januar, dem Beginn der Revolution. Auf einer Bühne aus Kisten und Teppichen spielte Ramy Essam auf seiner Gitarre, die Jugendlichen davor klatschten, johlten, tanzten sich die Anspannung aus dem Leib. Noch zehn Minuten bis zur Ausgangssperre. Dann ist das Verbleiben auf dem Platz verboten, und niemand wusste: Was wird das Militär tun?

Zunächst tat es nichts. Zwei Uhr vorbei. Johlen, ein Freudentanz. Entspannung. Überlegungen: Wo sollen die Zelte hin, wie können die Zufahrtswege gesichert werden? Doch die Ruhe währte kürzer, als viele hofften. Um drei Uhr morgens rückte das Militär auf einmal vor, 5000 Mann waren im Einsatz, ihnen gegenüber standen etwa 3000 unbewaffnete Demonstranten. Sie bildeten Ketten. »Friedlich, friedlich« riefen sie im Chor. Das Militär kesselte die größte Gruppe ein – und eröffnete das Feuer. Das Militär, das so hoch angesehen ist in der ägyptischen Bevölkerung, das sich während der Revolution weigerte, auf die eigene Bevölkerung zu schießen, jetzt schoss es. Die Gewehrsalven hallten von den Hauswänden wieder, waren in der ganzen Innenstadt zu hören. In Panik brach die Menge auseinander, floh in Richtung Nil, der einzigen Öffnung im Kordon der Polizei.

»Ich bin nur gerannt, gerannt«, berichtete Rana mit noch immer ungläubig weit geöffneten Augen später. »Ich bin um mein Leben gerannt. Bis ich dachte, meine Lunge platzt.« Zwei Stunden sei er nur in Panik geflohen, sagte auch Mohammed. Er weinte, vor Erleichterung, vor Anspannung, vor Trauer über das, was geschehen war. Sie sind direkt zu den Zelten der Soldaten, berichteten viele, sie haben sie herausgezerrt. Augenzeugen erzählten, dass die Soldaten drei der Abtrünnigen direkt erschossen, weitere totgeprügelt hätten. Die Armee sprach am nächsten Tag von einem bestätigten Toten.

Die ganze Nacht noch waren überall in der Altstadt Schüsse zu hören. Die Soldaten schossen auf Passanten, auf Häuser, aus denen gefilmt wird. Erst gegen Samstagmorgen kehrte Ruhe ein. Der Tahrir-Platz lag da wie ein Schlachtfeld, zwei ausgebrannte Laster an den Seiten, das Gras niedergetrampelt, voller Patronenhülsen.

Und dennoch: Am Abend waren sie alle wieder da. »Wenn wir jetzt gehen, haben wir verloren«, sagte ein Aktivist. »Das ist der zweite Teil der Revolution. Die erste haben wir gegen ein Marionettenkabinett geführt. Jetzt geht es gegen den wirklichen Herrscher, die Armee.« Auch in dieser Nacht blieben sie, 5000 etwa, auf dem Platz. Die Armee griff nicht ein.

* Aus: Neues Deutschland, 11. April 2011


Brennpunkt Tahrir-Platz

Ägypten: Demonstranten fordern Chef des regierenden Militärrats zum Rücktritt auf und Anklage gegen Mubarak. Armee verliert an Glaubwürdigkeit

Von Karin Leukefeld **


Trotz des gewaltsamen Vorgehens von ägyptischen Sicherheitskräften gegen Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo setzten am Sonntag Hunderte Menschen ihren Protest fort. Spezialkräfte der Polizei hatten zuvor versucht, den Platz zu räumen. Dabei wurden offiziellen Angaben zufolge drei Menschen getötet und mehr als 70 verletzt. Ein AFP-Reporter berichtete, daß sich die Menschen in der Nacht hinter Stacheldraht und einem ausgebrannten Armeelastwagen verschanzt hätten, um sich vor weiteren Übergriffen des Militärs zu schützen.

In Sprechchören forderten sie den Rücktritt von General Hussein Tantawi, dem Vorsitzenden des regierenden Militärrats. Dieser hatte am 11. Februar die Macht übernommen. Seitdem wurde zwar eine Reihe von Forderungen der Revolution vom 25. Januar umgesetzt, andere jedoch blieben auf der Strecke. Ignoriert wurde unter anderem, daß ein ziviler Präsidialrat den politischen Transformationsprozeß leiten und sich das Militär in die Kasernen zurückziehen soll. Die Demonstranten kündigten an, solange auf dem Platz zu bleiben, bis Tantawi zurückgetreten sei.

Mohamed Hussein Tantawi ist 75 Jahre alt und langjähriger enger Vertrauter des abgetretenen Präsidenten Hosni Mubarak, mit dem er auch politische Sichtweisen teilte. Heute gilt er als der starke Mann in Ägypten und als »resistent gegen Veränderungen«, so die Einschätzung der US-Botschaft in Kairo.

Zehntausende waren am Freitag (8. Apr.) dem Aufruf zum Tahrir-Platz gefolgt, dem die Organisatoren das Motto »Freitag der Warnung« gegeben hatten. Zentrale Forderung war eine Anklage gegen Hosni Mubarak und seine Familie, ihnen wird unter anderem Korruption und Unterschlagung öffentlicher Gelder vorgeworfen. Etwa 20 Offiziere in Uniform hatten sich den Protesten angeschlossen und wurden von den Demonstranten auf Schultern getragen. Damit hatten sie eine Anordnung mißachtet, wonach sich das Militär nicht an den Kundgebungen beteiligen darf.

Die Armee war von vielen Demonstranten für ihre Neutralität während der dreiwöchigen Massenproteste gefeiert worden, jetzt verliert sie zunehmend an Sympathie und Glaubwürdigkeit. Menschenrechtsanwälte berichten von Tausenden Festnahmen und Verfahren vor Militärgerichten. Festgenommene seien gefoltert worden, junge Frauen, die verhaftet wurden, müßten sich »Jungfräulichkeitstests« unterziehen. »Armee und Volk gehen nicht Hand in Hand«, zitiert die New York Times den mittlerweile inhaftierten Blogger Michael Nabil. Die Revolution habe es zwar geschafft, den Diktator zu stürzen, aber die Diktatur gehe weiter.

Am Sonntag (10. Apr.) berichtete die ägyptische Tageszeitung Al Masri Al Youm, einer der Führer der Jugendbewegung der Revolution vom 25. Januar sei entführt worden. Es handele sich um Tarek Zeidan vom Koordinationskomitee. Die Bewegung hatte aus Protest gegen das gewaltsame Eingreifen auf dem Tahrir-Platz jeglichen Kontakt mit dem Militär abgebrochen. Innerhalb einer Woche müßten der Vorfall untersucht und die Verantwortlichen bestraft werden, so die Forderung. Sollte diese Frist nicht eingehalten werden, kündigte die Jugendbewegung einen unbefristeten Protest an. Der würde am Freitag beginnen.

** Aus: junge Welt, 11. April 2011


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