Der Unmut breitet sich aus

Ägyptens Bevölkerung fordert eine Fortsetzung des Reformprozesses

Von Juliane Schumacher, Kairo *

Fünf Monate nach dem Sturz von Ägyptens Präsident Husni Mubarak haben am Freitag (8. Juli) tausende Menschen in Kairo für weitere Reformen demonstriert. »Unsere Revolution geht weiter«, hieß es auf Transparenten.

Der größte Feind ist zunächst die Sonne. Von Polizei oder Militär ist nichts zu sehen, als die Menschen am Freitag erneut den Tahrir-Platz in Kairo, die umliegenden Straßen und die Nilbrücken füllen, Zehntausende sich zugleich zum Mittagsgebet auf den Boden knien und den Platz in ein Meer von Rücken, Sonnenschirmen und bunten Tüchern verwandeln. Die Revolution hat im Winter stattgefunden, und jetzt, da Dutzende Gruppen und Parteien zu einem erneuten »Marsch der Millionen« aufgerufen haben, ist es Juli, auf dem Tahrir-Platz herrschen um die 40 Grad. Die Krankenwagen schieben sich mit Blaulicht durch die Menge. »Ist nur die Hitze«, sagt ein Aktivist. »Jetzt noch.«

Die Großdemonstration ist friedlich, bunt, Familien mit Kinder schieben sich durch die Massen, die Aktivistinnen und Aktivisten drängen sich, nass von Schweiß, in den Schatten der weißen Zelte im Zentrum des Platzes und an seinem Rand. Doch viele tragen schon eine Gasmaske um den Hals: »Bis Mitternacht ist es sicher«, sagt die Aktivistin Rana und »wir bleiben« der Aktivist Ramy Ghannem. »Wir haben versucht, mit der Regierung zu reden, aber es ist nichts passiert. Also müssen wir zurück auf den Platz, um unsere Forderungen durchzusetzen.«

Bisher gab es keine Äußerungen von Seiten der Regierung oder des Militärs, wie mit den Demonstrationen umgegangen werden soll. Viele rechnen mit erneuten Angriffen der Polizei, wie in der Woche zuvor, als bei spontanen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Protestierenden auf dem Tahrir laut Ärzten über 1500 Menschen durch Gas, Gummigeschosse oder Kugeln verletzt wurden. Andere erwarten, dass sich die Polizei zurückhält: »Drei vier Tage wird nichts passieren. Und dann werden sie wieder bezahlte Schläger schicken oder Unruhe stiften, um die Leute vom Platz zu vertreiben.«

Die erste Großdemonstration seit Mai findet in einem angespannten Klima statt. Die Zusammenstöße in Kairo vergangene Woche waren nicht die einzigen: In Salloum nahe der libyschen Grenze griffen etwa 2000 Demonstranten eine Polizeistation an, nachdem die Küstenwache einen 37jährigen Mann als angeglichen Schmuggler umbrachte. Im Kairoer Stadtteil Manial kam es zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei, die einen 14jährigen Jungen erschoss. Und in Suez herrscht weiterhin Ausnahmezustand: Dort brachen heftige Proteste aus, als ein Gericht am Mittwoch zehn Polizisten freiließ, die während der Revolution zahlreiche Menschen in Suez erschossen hatten. Angehörige der Opfer blockierten die Autobahn nach Kairo, Protestierende griffen das Gericht und das Polizeihauptquartier an, brannten Autos ab, warfen Steine. Der Arbin-Platz in Suez ist von mehreren Tausend Menschen seit Tagen besetzt, auch dort finden an diesem Freitag große Demonstrationen statt.

Über die vergangen Wochen hat sich viel Wut auf Regierung und herrschenden Militärrat aufgestaut und das Gefühl breit gemacht, dass sich das neue Regime zunehmend wie das alte verhalte. Es wird weiter gefoltert und getötet, die Presse ist zensiert und reines Sprachrohr von Regierung und Militär. Und während Tausende von oft unschuldigen Zivilisten von Militärgerichten in wenigen Minuten verurteilt werden, vertagen die Gerichte die Prozesse gegen die Mitglieder der alten Regierung wieder und wieder oder lassen sie, wie drei Ex-Minister vergangene Woche, gar als »unschuldig« frei.

Waren die Vorwürfe zunächst vor allem von der Protestbewegung geäußert worden, hat der Unmut über die politische Situation auch in der breiten Bevölkerung wieder Fuß gefasst. Das zeigt sich auch darin, dass sich dem Aufruf zur Demonstration überraschend auch die Muslimbrüder und die Salafiten angeschlossen haben. Diese hatten zuvor heftig gegen die geplante Demo gewettert, vor allem, da diese eine Verschiebung der Wahlen fordert. Die Muslimbrüder allerdings würden von einem früheren Wahltermin profitieren.

* Aus: Neues Deutschland, 9. Juli 2011


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