Die Straße treibt sie voran

Für den Oppositionspolitiker Madgi Gohary beginnt die entscheidende Phase der Revolution erst jetzt, wenn der Wandel die Institutionen des alten Regimes erfasst

Von Marina Achenbach *

Am 25. Januar, dem ersten Tag der Demonstrationen auf dem Tahrirplatz, flog Magdi Gohary nach Kairo und blieb bis zum Sturz von Mubarak. Er erlebte ungeheuerliche 18 Tage mit allen Ungewissheiten, Ängsten, Euphorien und wurde Zeuge des erstaunlichen Lernprozesses der Massen. Wie sieht er jetzt die Dimensionen des Wandels, nach seiner Rückkehr aus Kairo? Er ist der beste Beobachter, kannte dort schon immer viele Oppositionelle, nahm bei fast allen Besuchen an Protestaktionen teil, oft nur mit ein paar Dutzend Leuten. Jedesmal waren sie von fünfmal so vielen Polizisten umstellt, die häufig prügelten, sie meist aber nur vom Volk abschotteten. Von den Passanten spürten sie Sympathie, mehr aber nicht. Angst und kein Vertrauen in einen Erfolg hielten die meisten zurück. Bei Streiks zeigte sich das Maß an Erbitterung. In dem großen Textilwerk von Mahalla al-Kubra gab es vor zwei Jahren bei einem Arbeitskampf auch Tote. Da wurden erstmals Bilder von Mubarak verbrannt. Damals sagte Magdi zu einem deutschen Auslandskorrespondenten: Die Zeit des Regimes ist um, die Frage ist nur, wann genau. Der widersprach: Nein, das hält sich. Sie haben sogar gewettet.

Der Umschlag von der Unzufriedenheit in die Revolution habe auch etwas mit extrem steigenden Lebensmittelpreisen zu tun, glaubt Magdi. Der Bevölkerung wurde bewusst, dass Ägypten im arabischen Raum keinen Einfluss mehr ausübt – dass Arabien insgesamt sein Gewicht verlor. Dies sei am Überfall Israels auf den Libanon 2006 zu sehen gewesen, auch beim Gaza-Krieg 2009 oder bei den Friedensverhandlungen mit ihren Versprechen, die nie eingehalten wurden. Im Herbst gab Obama zu, nichts gegen Israels Siedlungen tun zu können, und zog sich aus dem Geschehen zurück. Auf einmal standen die arabischen Führer allein da. Die Menschen sahen einen leeren Tisch. Und gerade da haben die Tunesier das Tor aufgemacht.

Immer tiefer und tiefer

Die qualifizierten jungen Leute ohne Perspektive, die den Aufstand vorantrieben, seien ein revolutionäres Potential, das man in klassischen Revolutionen nicht kannte, sagt Magdi. Das Wunderbare war: Die Tunesier zeigten, dass sich ein hochgerüstetes Regime schneller zu Fall bringen ließ als je vermutet. Sie erreichten, dass die Angst verschwand. Durch die Kraft ihres Beispiels. „Ich habe ja auf dem Tahrirplatz mehrere Male geredet und gebeten: Vergesst die Tunesier nicht. Sie haben das Tor aufgestoßen, durch das jetzt auch der ägyptische Elefant, der aufgewacht ist, gehen will!“

Der Mangel an Brot und der Verlust von Würde kamen zusammen. Was er jetzt in Kairo erlebte – dafür würde das Wort überwältigend nicht reichen. Er empfand es als Abrundung seines politischen Lebens: die Rückkehr zu einem glücklichen Zustand, den er kannte. Magdi hatte vor 54 Jahren Ägypten unter ähnlichen Bedingungen verlassen. Es war nach dem 1956er Krieg, als Großbritannien, Israel und Frankreich Ägypten wegen des verstaatlichten Suezkanals durch Nassers Regierung überfallen hatten. „Ich bin aus einem Land aufgebrochen, das militärisch geschlagen war, aber politisch gesiegt hatte und die höchste Stufe der subjektiven Würde empfand: Wir hatten es geschafft – sie hatten uns ihren Willen nicht aufgezwungen, der Kanal blieb ägyptisch. Nun erlebte ich erneut, wie die Würde, die verloren gegangen war, wieder erlangt wurde.“

Mubarak tat anfangs alles, um an der Macht zu bleiben. Auch er wäre über Leichen gegangen wie Gaddafi. Magdi erlebte, wie 17 Panzer auf den Tahrir-Platz rollten und zwei F 16 im Tiefflug über den Demonstranten kreisten, immer tiefer und tiefer. So etwas sei reinster Terror. Sie flogen auch über dem Ägyptischen Museum, wo es Stücke gibt, die bei solcher Vibration zerfallen. Es war Mubaraks Versuch, dem „Spuk“ ein Ende zu setzen. Doch die Spitze des Militärs habe nicht mitgemacht.

Ob nicht doch Misstrauen auch gegen die Armee angebracht sei, frage ich. Diese Skepsis ist schließlich in allen Gesprächen über Ägypten anwesend. Magdi meint, man solle die Besonderheit der Streitkräfte sehen, die als nationale Armee vor rund 200 Jahren gegründet und niemals – das betonte er – niemals zur inneren Unterdrückung eingesetzt wurden. „Ein gutes Image verpflichtet. In den ersten Tagen organisierte die Polizei bekanntlich den großen Terror. Das war schrecklich. Dann rückte sie mit ihren 1,2 Millionen Mann ab und öffnete zugleich für 18.000 Häftlinge die Gefängnisse, viele Kriminelle darunter, eine Schreckensvorstellung für jedes Bürgertum, wo auch immer. Meine Familie rief ständig bei mir an: Macht Schluss, gebt Ruhe, geht nach Hause!“

Die Volksbewegung habe die Armee aber auch vor sich her getrieben. Sie könne im Moment gar nicht anders handeln. Immerhin habe sie einen Zeitplan: in sechs Monaten will sie die Macht übergeben. Würden die Leute alle nach Hause gehen, könnten die Militärs auf Ideen kommen, die er nicht kenne. „Man soll aber die Menschen nicht unterschätzen. Es gibt keine Fabrik in Ägypten, wo jetzt nicht Meetings stattfinden. Kein Amt, wo die Angestellten nicht den Chef rausschmeißen. Es gibt eine Umwälzung im ganzen Land. Die Leute meutern und rebellieren, wobei ihre Wünsche im Moment bei erliegender Produktion und fehlendem Tourismus gar nicht erfüllbar sind. Die Köpfe kann man ändern. Der Direktor ist korrupt, weg mit ihm! Die Mitarbeiter bestimmen, wer sauber ist. Solche Prozesse laufen jetzt täglich. Die Zukunft der verhassten Polizei ist eine Frage. Was macht man mit Zehntausenden Offizieren der Sicherheitskräfte? Wie diesen Unterdrückungsapparat umbauen?“

Tausende Kriminelle

Aber die „Straße“ schaffe Fakten. Die Straße im positiven Sinn, nicht im deutschen, wo Straße immer Pöbel bedeute. Die Straße treibe alle vor sich her – in eine schwierige Übergangsphase. Die Protestbewegung fordere sogar, dass die Armee diese Phase garantiert. Da sei keine andere Institution, keine Kraft, die dazu in der Lage wäre. „Diese Armee ist nicht korrupt, ihre Führung ist sicher nicht an einem tiefen Umbruch interessiert, man muss sie kontrollieren, aber ohne sie gäbe es Mord und Totschlag.“

Ich frage nach dem Vorwurf, der gegen die Armee erhoben wird, sie halte Gefangene fest. Magdi erklärt, die kämen nicht aus der Protestszene, sondern seien Gefangene des alten Regimes. Auch Plünderer der vergangenen Wochen. Es sei überhaupt schwierig, Tausende frei gelassene Kriminellen wieder festzusetzen. Das sehe die Armee nicht als ihre Aufgabe. Das Besondere der ägyptischen Revolution: Es habe keine Einmischung von außen gegeben wie im Iran, wo immer gleich US-Sender Aufrufe in Farsi ausstrahlen. Der Westen steht mit offenem Mund da und vor einem unbekannten Phänomen: Man wird mit demokratischen Systemen in arabischen Ländern zusammenarbeiten müssen. Der Schriftsteller Navid Kermani sprach jetzt von der Zärtlichkeit der Massen. Magdi sagt, die Masse sei phantastisch, wenn sie entdeckt, dass sie die Kraft zum Wandel hat.

* Aus: der Freitag (Wochenzeitung), online-Ausgabe vom 15. März 2011; www.freitag.de


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