Der Strohhalm und das Kamel

Konflikt mit den Kopten oder wie "Teile und herrsche" in Ägypten funktioniert

Von Karin Leukefeld, Kairo *

Ein Toter, Dutzende Verletzte und 156 Festnahmen: Der Streit um den Bau eines sozialen kirchlichen Zentrums in Giza (Kairo) hat junge Kopten in der ägyptischen Hauptstadt empört. »Mit unserem Blut kämpfen wir für unsere Kirche«, war ein Slogan, der bei den Protesten zu hören war und schließlich in wilden Schlägereien mit der Staatsmacht und Gegendemonstranten wahrgemacht wurde. Der Zorn der jungen Kopten hat viele Gründe, der Streit um den kirchlichen Neubau; der offiziell nicht genehmigt war, könnte nur ein »Strohhalm« gewesen sein, »der dem Kamel das Rückgrat brach«, wie es ein arabisches Sprichwort sagt.

Die Kopten genannten ägyptischen Christen machen etwa zehn Prozent der Bevölkerung aus, genaue Angaben gibt es nicht. Sie unterteilen sich in Orthodoxe, Katholiken und Protestanten° in der Hauptstadt Kairo zeugt eine Fülle von Kirchen von ihrer jahrhundertelangen Tradition. Sie gehören zu den Ärmsten der Armen, zum Beispiel in der Müllstadt am Fuße des Al-Moqattam-Berges im Osten Kairos. Sie leben aber auch in dem luxuriösen Heliopolis als Nachbarn von Präsident Hosni Mubarak und sind in der gut situierten Mittelschicht auf der Nilinsel Zamalik zu finden. Der Finanzminister Youssef Boutros-Ghali, Sohn des früheren UN-Generalsekretärs Boutros Boutros-Ghali ist Christ, sechs Kopten wurden von Präsident Mubarak 2005 ins Parlament gehievt.

Ein festes Quorum für Parlamentssitze lehnen koptische Politiker ab, weil es ein inneres Zerwürfnis zwischen Muslimen und Christen manifestiere, das es so nicht gebe. Statt dessen solle jede Partei Kopten auf ihren Listen aufstellen. Während 1942 noch zehn Prozent der Abgeordneten Kopten waren, sind es heute nach offiziellen Angaben 1,5 Prozent. Die Ägyptische Union für Menschenrechte (EUHRO) spricht hingegen von nur 0,5 Prozent politischer Vertretung der Kopten und von »Diskriminierung«. Gleichzeitig wird immer wieder Kritik laut, daß die Kopten sich nicht genügend politisch engagieren würden. Das liege auch daran, daß die Kirche in Ägypten den Kopten nahelegt, sich sozial und kirchlich zu engagieren, anstatt einer politischen Partei beizutreten. Wichtig seien gleiche Bürgerrechte für alle, sagt Kandidat Albert Ishak von der herrschenden Nationalen Demokratischen Partei (NDP), »Ungleichbehandlung« dürfe es nicht geben.

Das eher tolerante religiöse Klima des alten Ägypten hat sich erheblich verändert, seit in den letzten Jahrzehnten viele Ägypter aus wirtschaftlicher Not in die Golfstaaten und Saudi-Arabien zogen, um dort zu arbeiten. Diese Wanderarbeiter seien mit erheblich strengeren religiösen Vorstellungen zurückgekommen, als sie sie früher vertreten hätten. Dadurch habe die Muslim-Bruderschaft an Zulauf gewonnen, sagt Youssef Sidon, Chefredakteur der koptischen Wochenzeitung Watani. Die Organisation war ursprünglich aus Protest gegen den britischen Kolonialismus in Ägypten gegründet worden und wurde später von den USA mit Hilfe ihres Verbündeten Saudi-Arabien im Kampf gegen den Pan-Arabismus von Gamal Abdel Nasser benutzt. Das Ergebnis sei heute in Ägypten deutlich zu sehen, sagt der Universitätsprofessor und Arzt Mohamed Abulghar: »Früher trug keine der Studentinnen ein Kopftuch, heute sind diejenigen ohne Kopftuch meist Koptinnen und in der Minderheit.«

* Aus: junge Welt, 27. November 2010


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